M 236. Montag, den 15. Oktober 1883.
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Deutsches Reich.
Fulda, 15. Oktober.
* (Zwei weitere Eisenbahnen sollen noch verstaatlicht werden.) Wieder.Staats- Anz.' mittheilt, hat die Staatsregierung noch folgenden Privateisenbahngesellschaften Anerbietungen für die Abtretung ihrer Unternehmungen gemacht:
1) Die Oels-Gnesener Eisenbahn, welche am 1. des zweiten auf die Perfektion des zwischen dem Staat und der Gesellschaft abzuschließenden Vertrages folgenden Monats vom Staate übernommen werden soll, wird zunächst sür Rechnung der Gesellschaft verwaltet werden. Den Aktionären sollen spätestens sechs Monate nach Uebernahme der Verwaltung seitens des Staates gegen Ablieferung ihrer Aktien nebst Dividendenscheinen für das Jahr 1884 und sür die folgenden Jahre Staatsschuldverschreibungen der 4prozentigen konsolidirten Anleihe mit Zinsscheinen für die Zeit vom 1. Januar 1884 gewährt werden, und zwar:
a. für je zwei Stammaktien ä 300 Mrk Staatsschuldverschreibungen zum Rennwerthe von 150 Mrk.
b. sür je eine Prioritäts-Stammaktie A 600 Mrk. Staatsschuldverschreibungen zum Rennwerthe von 450 Mrk.
Nach Ablauf der für den Umtausch der Aktien festzusetzenden Frist, erhält der Staat das Recht, das Eigen- lhum an dem Gesellschaftsvermögen gegen Ueberweisung eines Kaufpreises von 1,000,000 Mrk., sowie gegen Ueber- nahme sämmtlicher Schulden zu erwerben und die Liquidation der Gesellschaft herbeizuführen.
2) Den Aktionären der Tilsit-I nsterburger Eisen- bahngesellschast ist der Umtausch ihrer Aktien gegen Staatsschuldverschreibungen der 4prozentigen consolidirten Anleihe nebst Zinsscheinen für die Zeit vom 1.Jan.1884 müder Maßgabe angebotcn, daß für je zwei Stammtienak A 300 M. Staatsschuldverschreibungen zum Rennwerthe von 150 M., für je eine Stammprioritätsaktie ä 600 Mk. Staatsschuldverschreibungen zum Rennwerthe von 600 M. gewährt werden. Das Eigenthum des Tilsit-Jnsterburgev Eisenbahnunternehmens geht sofort auf den Staat über. Das Angebot des Umtausches und die Auflösung der Gesellschaft erfolgen am 1. des zweiten auf die Perfektion des zwischen dem Staate und der Gesellschaft abzuschließenden Vertrages folgenden Monats, während die Ueberweisung des Kaufpreises von 3,889,000 M. ein Jahr später erfolgt.
Die diesen Anerbietungen beigefügten Vertragsentwürfe sind, abgesehen von den vorstehend angedeuteten Besonderheiten, mit den früheren im Wesentlichen übereinstimmend gefaßt.
Eine Erhöhung dieser Offerten, deren Annahme seitens der Generalversammlung der Aktionäre bis zum Ablauf dieses Jahres zu erfolgen hat, wird als ausgeschloffen bezeichnet.
Der Erbe. 48
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
XII.
Und herrlich in der Jugend Prangen, Wie ein Gebild aus Himmelshöhen, Mit züchtigen, verschämten Wangen, Sieht er die Jungsrau vor sich stehen. Fr. v. Schiller.
Frohe Kinderstimmen, heitere Liedchen erschallen auf dem enggewundenen Waldpfade; immer näher kommen sie der Höhe. Der kleine baumfceie Platz auf derselben scheint das Ziel der Wanderung zu sein, denn sobald die Schaar der Kleinen auf demselben angelangt war, sprangen sie munter umher oder ließen sich behaglich auf dem duftenden Moose nieder. Mit den letzten der Kinder trat aus dem Dunkel des Weges eine junge Dame hervor, welcher ein alter Diener in einfacher Livere, mit einem großen Korbe am Arme folgte.
„Nun wird mein guter Joseph aber ermüdet sein," sprach die junge Dame freundlich; „komme und ruhe Dich etwas aus, bevor Du zurückkehrest."
„Wenn Sie erlauben, Fräulein Johanna, werde ich ein Bischen verweilen", erwiderte der Diener; „die alten Beine werden doch mit der Zeit vom Bergsteigen etwas niüde."
„Und doch wolltest Du nicht zugeben, daß ich Dir etwas Beistand leistete."
„Sie erzeigen mir ohnehin so viele Güte, liebes Fräulein," erwiderte der Alte, indem sein
* (Neue Sekundärbahnen.) Einer offiziösen Meldung der ,Berl. Pol. Nachr.' und der ,Nordd. Allg. Ztg.' zufolge soll dem Landtag alsbald nach seinem Zusammentritte ein Gesetzentwurf betr. die Vervollständigung des Sekundärbahnnetzes gehören. Es wäre zu wünschen, daß die Vorarbeiten für die projektirte Haun-Ulsterbahn einen so schnellen und günstigen Verlauf nähmen, daß auch diese Bahn in dem Gesetzentwurf Aufnahme finden könnte.
* (Eine für die Cellulose-Fabrikation sehr wichtigeEntscheidung) hat am Freitag das kaiserliche Patent-Amt gefällt: es hat das dem Professor Mitscherlich vor einigen Jahren er- theilte Patent auf Herstellung von Cellulose für nichtig erklärt. Das Patent trug dem Inhaber die größten Einnahmen ein. Herr Prof. Mitscherlich hat sich von jedem Fabrikanten, der sein Verfahren ausnutzen wollte, auf eine Reihe von Jahren, und zwar über die eigentliche Gültigkeit seines Patents hinaus, pro 100 Kilo der fabrizirten Cellulose LMarkAbgabe ausbedungen und sich dadurch eine Rente zugesichert, die schon jetzt circa */2 Million Mark jährlich beträgt. Der Fabrikbesitzer Behrend aus Varzin hat aber nachgewiesen, daß ihm vor 20 Jahren ein Amerikaner, Namens Tilghman, ganz dasselbe Verfahren entdeckte, und darauf in England ein Patent genommen hat. Prof. Mitscherlich besitzt freilich noch ein zweites Patent, welches die Gewinnung von Gerbstoff betrifft ; aber das am Freitag für nichtig erklärte ist bei weitem wichtiger. Die Entscheidung des Patent-Amtes ist für die gesammte deutsche Papierfabrikation von Wichtigkeit. Diese Entscheidung wird in den Kreisen der deutschen Papierfabrikanten die lebhafteste Befriedigung Hervorrufen. Die Beseitigung des Patents wird auch für die deutschen Waldbesitzer von großem Vortheil sein, da voraussichtlich durch die Ausdehnung der Fabrikation und des Exports die Nachfrage nach den geeigneten Hölzern wachsen und dadurch auch den Forstbesitzern eine vermehrte Einnahme zufließen wird. Herrn Prof. Mitscherlich steht freilich noch die Berufung an das Reichsgericht offen.
Auge mit Bewunderung auf den lieblichen, von dem Gange gerötheten Zügen seiner Begleiterin ruhte, und ließ sich auf einer Rasenbank nieder.
„Nein, nicht da, guter Joseph, Du möchtest Dich erkälten; hier ist Raum für uns Beide," sprach Johanna, und nahm auf einer kunstlosen Holzbank Platz. Nach einigem Zögern folgte der Alte der Einladung der jungen Dame. „Siehe, so ist es beffer, Joseph; wir müssen die Rasenbänke für die Kinder laffen, die sich so sehr auf diesen Spaziergang gefreut haben."
Die verschiedenen Gruppen der Kleinen gewährten ein liebliches Bild. Der oberflächlichste Blick ließ erkennen, daß alle Kinder armer Leute waren, da manche derselben baarfuß umherliefen; wie alt und abgetragen die Kleidung auch sein mochte, Alle waren rein und sauber und die frohen Gesichtchen strahlten von Gesundheit. Mit inniger Freude, die das liebliche Antlitz der Dame verklärte, blickte sie auf die frohe Schaar, die Kränze wanden, oder sich bei kindlichen Spielen umhertrieben.
„Wie ganz anders, Fräulein Johanna," sprach der Diener, „sieht es jetzt in unserem Dörfchen aus, seitdem unsere gute gnädige Frau und Sie sich der armen Kleinen angenommen haben; man kennt sie nicht mehr wieder."
„Du hast recht, Joseph; Frau von Bönagel ist die edelste Frau und die Wohlthäterin für Alle; doch findet sie selbst den süßesten Trost in ihrem Walten."
* (Zur Frage des Auswanderungsgesetzes) schreibt die .Nordd. Allg.-Ztg.': Vor längerer Zeit waren wir in der Lage dem Gerücht von einer unmittelbar bevorstehenden Einbringung des Auswanderungsgesetzes entgegen zu treten. Nunmehr ist ganz kürzlich von verschiedener Seite betont worden, daß die in Angriff genommenen Arbeiten bezüglich des erwähnten Gesetzes eingestellt seien, weil man der sich entgegenstellenden Schwierigkeiten nicht Herr zu werden vermochte. Diese Mittheilung ist unrichtig. Die Arbeiten an dem Entwurf zum Auswanderungsgesetz sind nicht eingestellt worden, sondern werden zwischen den betheiligten Stellen rüstig fortgesetzt.
* (Der Petroleumzoll und „die Lampe des armen Mannes.") Man wird sich noch an die Rolle erinnern, welche s. Z. auch die „Lampe des armen Mannes" in der fortschrittlichen Wahlagitation gespielt hat. Nun schreibt man der ,B. B. Ztg.' aus Lüneburg, Schuld daran, daß die Unternehmungen auf Gewinnung von Petroleum nicht mit größerer Energie, als geschehe, fortgesetzt worden, sei vor allen Dingen der niedrige Preis des Petroleums. Trotz der Prophezeiungen der Freihändler bei der Einführung des Zolles auf Petroleum, daß der Preis desselben um weit mehr als der Zoll ausmacht, im Kleinhandel steigen würde, ist das Petroleum seit 4 Jahren so unerhört billig, daß die Behauptung, die neuen Zölle zahle das Ausland, in Bezug auf das Petroleum zur Wahrheit geworden zu sein scheint.
Oesterreich - Ungarn.
* Pest, 13. Okt. (Abgeordnetenhaus.) Der Finanzminister legt das ungarische Staats- Budget pro 1884 vor. Dasselbe weist aus: 1) ordentliche Einnahmen fl. 295,519,102 (gegen 1883 mehr 14,269,477), 2) transitorische do fl. 13,345,078 (weniger 14,600,046) zusammen fl. 308,864,180 (weniger fl. 330,569). 1) Ordentl. Ausgaben fl. 298,200,338 (gegen 1883 mehr 8,355,677), 2) transitorische do. fl. 2,157,590 (weniger 4,571,356), 3) Investitionen fl. 23,981,607 (weniger 6,810,218), 4) Außerord. gemeinsame
„Sie spenden der gnädigen Frau das verdiente Lob; vergeßen aber all' das Gute, was Sie den armen Kindern erzeigen."
„Was thue ich denn?" erwiderte sie, den Alten verwundert mit ihren unschuldigen Augen betrachtend ; „nur das, welches mir so großes Vergnügen macht. Gibt es etwas Schöneres, als die armen Kleinen zu unterrichten, sie zu guten Menschen zu machen und ihnen Freude zu bereiten? Sieh' nur die freudestrahlenden Gesichter vor uns; gibt es etwas Schöneres auf der Welt?"
Eben näherten sich zwei Kinder; Johanna sah ihren Mienen an, daß sie eine Bitte auf dem Herzen hatten und sprach: „Nun, was habt ihr kleinen Schelmchen denn?"
„Wir möchten das Fräulein schön bitten, diesen Kranz anzunehmen," sprach das ältere schüchtern, indem es einen Kranz von Eichenblättern hinter dem Rücken hervorzog.
„Recht gerne, liebe Therese; gib her, ich will meinen Hut damit schmücken."
„So meinten wir nicht," erwiderte das Mädchen, „er würde Sie so schön kleiden."
„Ach so," sprach sie erröthend, neigte das von zwei aschblonden Flechten umrahmte Köpfchen, worauf die Kleinen den Kranz drückten.
„O, wie herrlich, wie schön," riefen die Kinder in die Hände klatschend. Der Jubel steckte die ganze Schaar an; alle sprangen auf und stimmten in den Jubelruf mit ein. Selbst der alte Joseph