Beiblatt zu Nr. 235 der ,Mldaer Zeitung'.
Sonnabend, den 13. Oktober 1883.
# Der vierte Kongreß deutscher Armenpfleger.
Die Verhandlungen des vierten Kongresses deutscher Armenpfleger, der am 5. und 6 Oktober in Dresden versammelt war, haben von Neuem den Beweis geliefert, wie nothwendig und nützlich es ist, hinsichtlich der Armenpflege und Wohlthätigkeit Erfahrungen auszutauschen und ge meinsame Grundsätze und Hilfsmaßregeln zu besprechen. Wie der Oberbürgermeister Dr. Stübel von Dresden in seiner warmen Begrüßungsrede hervorhob, handelt es sich hier um eines der allerschwierigsten und dornenvollsten Gebiete der Verwaltung, das in gewisser Beziehung eine Sisyphusarbeit ist. Der deutsche Verein für Wohlthätigkeit und Armenpflege ist nur ein äußeres Zeichen des neuen Geistes werkthätiger Hilfeleistung, der in unser deutsches Vaterland eingezogen ist und dahin geht, die Arbeit an den Bedürftigen, welche früher in die Hände Weniger gelegt war, jetzt auf viele Kräfte aus allen Berufsund Arbeitskreisen zu vertheilen.
Der Kongreß bot, wie seine Vorgänger, eine Fülle des werthvollsten Materials in Bezug auf die Hebung der sozialen Verhältnisse unseres deutschen Vaterlandes. Die Verhandlungen betrafen fast nur brennende Tagesfragen, wie die Zweckmäßigkeit der Kolonien zur Beschäftigung arbeitsloser Leute, die Anstalten zur Beschäftigung arbeitsloser, aber arbeitsfähiger Armen, die Trunksucht als Ur sache der Verarmung, die Fürsorge für Epileptische ec. Außer den werthvollen Berichten der Referenten waren dem Kongresse noch eine Reihe von Arbeiten seitens des Königlich Sächsischen Statistischen Bureaus vorgelegt, als „Das Armenwesen der Städte Dresden und Leipzig, nach der Arinenstatistik vom Jahre 1880", welche Arbeit viele überraschende Resultate bezüglich der Verwaltung des Armenwesens der beiden größten Städte Sachsens zu Tage gefördert hat, ferner „Die Statistik der Bettler und Vagabunden im Königreiche Sachsen vom 1. April 1879 bis 31. März 1883", in welcher Statistik eine Abnahme der bestraften Bettler und Vagabunden konstatirt wird, weiter „Zur Statistik der sächsischen Bezirksarinenanstalten", welche Arbeit die wichtigen Bezirksanstalten des Königreichs Sachsen eingehend schildert und schließlich eine Arbeit über den chronischen Alkoholrsmus nach der Statistik der sächsischen Krankenanstalten.
Aus den Verhandlungen, an denen auch die sächsische Staatsregierung ihr lebhaftes Interesse zu erkennen gab, ging hervor, daß der deutsche Verein für Armenpflege und Wohlthätigkeit sowohl an Mitgliedern, als an Mitteln ein erfreuliches Wachsthum zu verzeichnen Hal. Die Zahl der Mitglieder hat sich auf 253, deren Jahresbeiträge auf 2888 Mark erhöht. Die Mitglieder setzten sich zusammen aus 127 Stadtgemeinden, 15 Provinzial- und Landarmenverbänden, Oberamts- und Amtskorporationen, 16 Vereinen und 95 Privatpersonen.
Die Arbeit, mit der der deutsche Verein für Armenpflege selbstschöpferisch vorgegangen ist, die Schaffung einer deutschen Jndividualarmenstatistik schreitet rüstig vorwärts. Auf dem vorigen Armenpfleger-Kongreß zu Berlin beschloß man bekanntlich, die dem Verein angehörigen Gemeinden und Verbände zur Vornahme einer Armenstatistik für das Jahr 1883 aufzufordern. Die damals gehegten Befürchtungen, daß sich der Kosten und der vermehrten Arbeit wegen nur wenige Geineinden an dieser Statistik betheiligen würden, haben sich nicht als begründet erwiesen. Bereits 95 Gemeinden (von 127 dem Verein angehörigen) mit einer Einwohnerzahl von 4,722,842 Köpfen und 7 Landarmenverbände haben sich für Vornahme der Armenstatistik entschieden.
Die Versammlungen des Vereins, die sog. Armen- pfleger-Kongreffe, und der in denselben herrschende kolle- gialisch anregende Verkehr Gleichstrebender bieten nicht nur jedem einzelnen Mitgliede viele neue fruchtbringende Anregungen und wichtige Erfahrungen, sondern sie haben noch die weiteren Vortheile, daß sie scharfe parteiliche, religiöse und andere Gegensätze durch das gemeinsame Arbeiten und Streben nach Linderung des sozialen Elends und Abstellung großer nationaler Mißstände ausgleichen helfen und daß sie die Armenfrage der Theilnahme und dem Verständniß immer weiterer Kreise näher bringen.
Einen tiefen Eindruck auf alle in Dresden anwesenden deutschen Armenpfleger hat unstreitig von Bodelschwingh
durch seine Vorträge und sozialen Schöpfungen gemacht. Dasjenige, was er in der Nähe von Bielefeld für arbeitsuchende Handwerksburschen und für Epileptische geschaffen hat, muß in den weitesten Kreisen Bewunderung und Anerkennung finden. Wenn auch manche von seinen Aeuße- rungen und Rathschlägen eine berechtigte Kritik erfuhren und einzelne Urtheile von ihm selbst berichtigt wurden, so hat doch sein Auftreten und seine ganze Persönlichkeit dem diesjährigen Armenpfleger-Kongreß ein ganz besonderes Interesse verliehen und die von ihm vertretenen Bestrebungen mächtig gefördert.
Mögen die Arbeiten des deuschen Vereins für Armenpflege auch ferner ljin von Erfolg begleitet fein!
Die Erdrevolution auf den Sunda- Jnseln.
lieber die furchtbare Katastrophe, von welcher die Sunda-Jnseln am 27. August d. I. heimgesucht wurden, liegen nunmehr nähere Nachrichten vor, welche Anspruch auf größere Richtigkeit machen, wie die früher veröffentlichten. So berichtet der Agent Lloyd's in Batavia unter'm 1. Sept, das Folgende.
Die abgelaufene Woche war Zeuge einer der verderblichsten und heftigsten vulkanischen Ausbrüche, von denen die Malayische Inselwelt jemals heimgesucht wurde. Kra- katoa war abermals der Punkt, von welchem die Verwüstung ausging. Am 26. August (Sonntag) um 4 Uhr Nachmittags wurden anscheinend von Südwesten kommende Detonationen hörbar. Sie nahmen gegen Abend an Heftigkeit zu, und am Montag Morgen waren sie geradezu betäubend. Als der Tag anbrach, war die Luft gegen Westen hin eine schwefelfarbig feuerige, und eine dünne Schicht weißer Asche bedeckte die Erde. Um 9 Uhr hörten die Detonationen auf; eine Stunde später aber verfinsterten schwarze Wolken den Himmel und die Sonne. Ein dichter Regen von Asche, Schwefel und Staub begann zu fallen, und um 11 Uhr herrschte eine derartige Finsterniß, daß der ganze Verkehr in der Stadt eingestellt werden mußte. Um 12 Uhr kam eine 17 Fuß hohe Fluthwelle herangebraust, welche viele kleinere Schiffe an das Ufer warf, im Ganzen jedoch wenig Schaden anrichtete. Die bei der jetzigen Jahreszeit beinahe trocken liegenden Flüffe überströmten plötzlich, von der Fluthwelle gefüllt, ihre Ufer, und viele kleine Fahrzeuge kamen zu Schaden Das Wasser verlief eben so schnell als es gekommen war; um 1 Uhr hörte der Aschenregen auf, und der Himmel wurde wieder klar. Um 2 Uhr wälzte sich eine zweite, weit höhere Fluthwelleheran,welche mehrere Eingeboreneundzwei Europäer verschlang. Jn Tandjong Peisk entging die Prinzeß Wilhelmina um ein Haar breit der Strandung; viele kleinere Schiffe wurden weit in's Land hineingetragen. In Batavia geschah jedoch nichs weiter; die Eruption richtete indeß an der ganzen Südwestküste von Java entlang und an der Südküste von Sumatra, soweit bisher bekannt wurde, furchtbare Verwüstungen an, deren Umfang sich bisher nicht vollständig übersehen läßt. Das Folgende ist inzwischen bekannt geworden. Die Insel Krakatoa, deren höchster Berg eine Seehöhe von 2600 Fuß hatte, ist gänzlich verschwunden. Die Insel Dwars in de Weg ist in fünf Theile gespalten, und sechszehn neue vulkanische Inseln haben sich zwischen Krakatao und Gibesie aus der See erhoben. Der Meeresboden in der Sundastraße hat sehr große Veränderungen erlitten, deren Feststellung lange Zeit erfordern und die Schiffahrt gefährlich machen wird. Die Leuchtthürme von Anjer und an der südwestlichen Küste von Java wurden insgesammt zerstört. Eine furchtbare Fluthwelle, die sich 100 Fuß erhob, wirkte dort und an der Küste von Sumatra schrecklich zerstörend. In Merak flüchteten sich die Einwohner, als sie die Welle kommen sahen, auf einen nahen Hügel, wurden aber trotzdem fortgeschwemmt, und verloren bis auf einen Europäer und zwei Eingeborene sämmtlich das Leben. Mauk und Kramat verfielen der Zerstörung, und 300 Personen ertranken. In Tjiringen blieb ein ein einziges Haus stehen; die Europäer und die Eingeborenen kamen um. Anjer scheint ganz verloren zu sein. Ein Unteragent in Serang telegraphirte: „Alles verschwunden; sehr viele Leben ver
loren." Das Trocken-Dock auf der Amsterdam-Insel wurde fortgerissen und auf der Middelburg-Insel an das Land geschwemmt. Den letzten Nachrichten aus Serang nach sind in der Ebene von Zirengen 10,000 Menschen um's Leben gekommen. Die Stelle, wo früher Selok Betong lag, ist für Schiffe unnahbar, da die See dort mit Bimsstein und Schlamm ungefüllt ist. An einigen Stellen der Sundaftraße schwimmt eine acht Fuß dicke Bimssteinschicht im Wasser.
literarisches.
„Wo ist die Wahrheit!" Unter diesem Titel erschien soeben bei I. G. Manz in Regensburg die 2. Auflage eines höchst zeitgemäßen Werkes, welches eine vor- urtheilsfreie Prüfung des Glaubens der Reformatoren gegenüber der katholischen Kirchenlehre, gestützt auf ein reiches, den Schriften und Reden der Reformatoren wörtlich entnommenes Beweismaterial, mit ruhiger Würde und überzeugender Klarheit unternimmt. Der hochbetagte (82jährige) Verfasser Friedrich Hanf, früher Notar zu Bensberg, hat es verstanden, die inhaltreiche und folgenschwere Frage: „Wo ist die Wahrheit," d. h. hat die katholische oder die protestantische Kirche die wahr? Religion? in einer Weise zu beantworten, daß namentlich für die Protestanten, welche mit sittlichem Ernste und getragen von dem Wunsche, die Wahrheit zu finden, an die Lektüre des verdienstvollen Werkes Herangehen, jeder Zweifel gehoben wird.
Das bevorstehende 400jährige Luther-Jubiläum, welches bereits verschiedenen protestantischen Professoren und Theologen willkommene Gelegenheit bot, in der gehässigsten Weise gegen die katholische Kirche und das Papstthum aufzutreten, hat das Erscheinen des Hansischen Buches in 2. Auflage zu einer Pflicht und zwingenden Nothwendigkeit gemacht. Auf ernsten historischen Studien ist das Werk aufgebaut und jede Behauptung, jede Widerlegung ist mit Quellen belegt; wir haben in diesem Werke, das nicht verfehlen wird, gerade jetzt das weiteste Aufsehen zu erregen, die Frucht Jahre langer, mühevoller Sammlungen, dir gereifte Frucht eines langen Lebens vor uns. Wohlthuend sticht die edle, klare, volksthümliche Sprache von dem verletzenden Tone ab, den protestantische Professoren in Broschüren und Zeitungen angeschlagen haben; so, wie der Verfaffer, spricht nur die Wahrheit, die Ruhe und Gewißheit der gerechten Sache. Fern von aller Leidenschaftlichkeit wird der Protestantismus mit seinen eigenen Worten geschildert und gerichtet; die sogenannten Reformatoren zeichnen sich selbst, und mit zwingender Logik drängt sich uns von selbst die Ueberzeugung auf, wo die Wahrheit ist.
Die Protestanten mögen das Wiegenfest Luthers feiern, wir wollen sie nicht daran hindern; aber sie würden vielleicht mit weniger Begeisterung und Intoleranz den Tag begehen, wenn sie Luther und seine Lehre kännten! Jenen und diese in ungeschminkter Nacktheit, aber auch in unwiderlegbarer Richtigkeit hinzustellen, ist der Zweck des genannten Werkes, das wir deshalb vor allen Dingen den Protestanten empfehlen. Aus dem reichhaltigen Inhalte des 500 Seiten großen Werkes heben wir Folgendes kurz hervor: die katholische und die protestantische Lehre von der Kirche; vom wahren Glauben und seinen Quellen; von der Erbsünde und der Rechtfertigung; von den guten Werken und den heiligen Sakramenten; von der Hölle, dem Fegefeuer, der Verehrung der Mutter Gottes, der Heiligen, der Bilder und Reliquien, — Alles dies im hellen, klaren Lichte der katholischen und protestantischen Lehre. Mit dem Prüfstein der ruhigen Abwägung mag der Leser entscheiden, ob hier ober dort die Wahrheit zu finden ist. Den Schluß des Werkes bilden Aussprüche Luthers, der Widerruf seiner Lehre und sein Ende.
Wir schließen mit dem ausgesprochenen Wunsche des hochgeehrten Verfassers: „Möchten recht viele unserer getrennten Brüder dieses Buch lesen, aber nicht mit jenem Geiste eines Kontroversisten, bei dem die triftigsten Gründe nichts vermögen und immer abgleiten, sondern lesen mit Unbefangenheit und Vertrauen wie Einer, der sich glücklich fühlt, daß man ihm seinen Jrrthum zeigt und der nun aus eigenem Antriebe darauf ausgeht, der Wahrheit auf dem Wege zu begegnen. — Die Ausstattung des Werkes ist elegant, der Preis (3 Mark) ein äuß rst niedriger. K.
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Verantwortlicher Redakteur Dr. jur. Armin Kausen. — Druck und Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei.