JVs. 234 Freitag, den 12. Oktober 1883.
Fuldm Inlung.
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Der Erbe. 46
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
„Daß ich ein Narr wäre, elender Schurke!" antwortete der Graf, „das Wort eines Edelmannes wird Dir wohl genügen."
Der Lüttche erwiderte nichts mehr und faltete die Papiere zusammen; als er auch den Brief der Gräfin nehmen wollte, rief der Graf: „Halt, den habt Ihr nicht nothwendig, ich habe die Antwort bereits entworfen."
„Doch Ew. Gnaden," erwiderte Lüttche bestimmt; „ich würde die Arbeit sonst nicht zur Zufriedenheit ausführen können."
„Bis übermorgen also."
Er hielt pünkilich Wort; der Graf war mit der Arbeit nicht allein zufrieden, sondern staunte über die täuschende Aehnlichkeit der Handschrift. Nachdem der Künstler seinen Lohn eingestrichen hatte, sprach er: „Dürfte ich mir erlauben, Ew. Gnaden einen Rath zu ertheilen?"
„Der wäre?"
„Das Schreiben der Gräfin zu vernichten; man kann nicht reiften, was sich ereignen kann. Besser ftt besser."
„Nach kurzem Bedenken zerriß der Graf das Schreiben und warf die Stücke in den Kamin. Als die Flamme das letzte Stückchen verzehrte, athmete der Lüttche, der sein Auge hämisch auf den ihm abgewandten Grafen ruhen ließ, erleichtert auf.
Ein fernerer Brief, der nach längerer Zeit ein
traf, hatte das gleiche Schicksal; seit dieser Zeit ereignete sich Nichts mehr, was die Talente des Herrn Lüttche in Anspruch nahm.
Durch die Rente des Grafen, der für andere Dienstleistungen auch nicht knickerte, war der erste Grundstein für das Fortkommen des Herrn Lüttche gelegt. Sein Fleiß und seine Schlauheit vermehrten rasch sein Vermögen, besonders da er in der Wahl der Mittel nicht enge war. — Der Graf hatte erwartet, von seinem Vetter als Nachfolger eingesetzt zu werden; er sah sich sehr enttäuscht, als er vernahm, daß das Testament seiner Tante das Majorat zuspreche, tröstete sich indessen mit der Aussicht auf späteren Besitz. Je mehr sich ihm die Gewißheit befestigte, Majoratsherr zu werden, um so nachlässiger wurde er in der Auszahlung des bedungenen Sündenlohnes.
Obgleich Herr Lüttche bereits zum wohlhabenden Manne geworden war, liebte er das Geld doch zu sehr, um hierauf zu verzichten. Der Graf, welcher sich immer sicherer fühlte, ließ sich durch das Drängen seines Genossen nicht einschüchtern und verabfolgte höchst selten kleinere Summen. Hierdurch war in den letzten Jahren ein gespanntes Verhält- niß zwischen Beiden eingetreten, welches schließlich zu der Katastrophe am Berndstage führte.
Der von dem Schulte so oft genährte Verdacht fand also seine Bestätigung. Als der Unglückliche seinen Bericht geendigt hatte und die Hände ineinandergeschlungen, sein Auge stehend auf ihn rich-
Deutsches Reich.
Fulda, 12. Oktober.
* (Der Abschluß der Arbeiten für den preußischen Etat) dürfte in Kurzem zu erwarten sein. Die überwiegende Mehrzahl der Voranschläge für das Etatsjahr 1884/85 ist vorbehaltlich einzelner wichtiger Punkte fertiggestellt; darüber scheinen die Verhandlungen zwischen den einzelnen Ressortministern unb dem Finanzminister noch keineswegs abgeschlossen zn sein. Der Letztere soll ire seinem Entgegenkommen mannigfach behindert sein, da er Schwierigkeiten in den Ausfällen einzelner Einnahmen findet. Insbesondere sollen die Einnahmen aus den Gerichtskosten abermals einen Ausfall von mehreren Millionen aufweisen und müssen demgemäß auch niedriger im Etat angesetzt werden.
• (Zum Kapitel der uns angedichteten „Anbetung" der hl.Maria.) Bekanntlich halber .Reichsbote' neulich roieber einmal von „Anbetung" ber heil. Maria gesprochen unb versichert, in ber bekannten päpstlichen Encykliea „werbe bas ganze katholische Volk aufgeforbert, Rosenkranz-Gebete an bie Jungfrau Maria zu verrichten; von Gebeten an Gott unb Christus ist nicht bie Rebe." Zur Beruhigung ber geistreichen Herren vom.Reichsboten' theilen wir bie Oration des Rosenkranz-Festes in Mifsale unb Brevier mit, also bie streng offizielle Erklärung über bie Bedeutung unb den Sinn bieses Festes: ,.O Gott, besten eingeborener Sohn uns burch sein Leben, seinen Tob unb seine Auferstehung ben Lohn ber ewigen Seligkeit bereitet hat, verleihe uns, flehen wir, baß wir, biefe Geheimnisse durch ben Rosenkranz ber seligsten Jungfrau verehrenb, nachahmen, was sie enthalten, unb erlangen, was sie verheißen. Durch denselben Jesus Christus unfern Herrn, der mit Dir und dem heil. Geiste gleicher Gott lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen." — Die ,Wupperthaler Volksblätter' thun dem .Reichsboten' die Ehre an. ihn durch Luther selbst über den Unterschied von „Anflehen" unb „Anbeten" belehren zu lassen. Es hanbelt
sich um Stellen aus solchen Schriften bes „Reformators", bie er nach 1517, also nach seinem ersten Auftreten gegen bie katholische Kirche, versaßt hat. In einem Traktat „Ueber bas erste Gebot" (Latein. Druck. Wittenberg. I. Theil, 12. Blatt, Seite 1) sagt Luther: „Die unglückseligen Ketzer, bie Pik- kardi, um uns Deutschen zu zeigen, baß wir ben Heiligen Gottes göttliche Ehre geben unb sie zu Götzen machen, klauben einen ganzen Hausen Sprüche zusammen aus ber Schrift, welche verbieten, Nie- manb anzubeten, als allein ben einigen Gott. . . . Also lehren uns enblich biefe Bauern, baß Gott allein fei anzubeten, unb rühmen sich's gleichsam, baß wir solches jemals geleugnet hätten, wo sie doch nicht leugnen können, baß man königliche Diener oft ehret unb schier anbetet, bamit man leichter bei bem König vorkomme. Wegen biefer ungehobelten Bauernart sag' ich, baß man auf alle Weg zu ber Heiligen Fürbitt laufen soll, wie im Job gesagt wirb: „Wende dich zu einem ber Heiligen". Ober wie Salomon seinen Vater vorschiebt: „Gebenke, Herr, bes Davib unb aller seiner Sanstmuth". Desgleichen hat Jakob, ber Patriarch, von Ephraim unb Ma- naste gesagt: „Mein Name werbe angerufen über biefe Knaben unb bie Namen meiner Väter Abraham unb Isaak". Ueber bie Anrufung ber hl. Jungfrau spricht Luther (Deutsche Werke, VI. Theil, 27. Blatt, Seite 6, „Ueber bas Magnifikat") sich, wie folgt, aus: „Maria will nicht eine Abgöttin sein: sie thut nichts, Gott thut alle Dinge; anrufen soll man sie, baß Gott burch ihren Willen gebe unb thue, was wir bitten, wie auch alle anberen Heiligen anzurufen sinb, baß bas Werk ja ganz allein Gottes bleibe". In ber „Kirchenpostill" über bas Evangelium am Tage ber Geburt Mariens versichert Luther: „Gern will ich Maria haben, baß sie für mich bitte". Wie man sieht, ganz bie katholische Anschauung.
♦ (Aus Hilbesheim) schreibt man ber .Germania': „Am 27. v. M. hat sich ber hochw. Herr Bischof Wilhelm an ben Herrn Bischof von Augsburg, in bessert Diözese bie nach Erlaß
ber Maigesetze orbinirten Priester des Hildesheimer Bisthums, einige dreißig an der Zahl, sich aufhalten, gewandt, damit derselbe alle diese innerhalb der Augsburger Diözese befindlichen Hildesheimischen Priester auffordert, daß dieselben ihre Abgangszeugniste vom Gymnasium und bie Zeugnisse über ihre theologischen Studien einsenden. Die in ben ersten brei Jahren nach 1873 bort geweihten unb angestellten Hilbesheimer Priester sinb übrigens bereits in ber Augsburger Diözese als Pfarrer bepfrünbet unb kanonisch instituirt, unb es ist, wie bie .Hilbesh. Ztg.' mit Recht bemerkt, jedenfalls interessant, baß biefe Geistlichen, obwohl Pfarrer in Bayern, erst noch „Dispens" bebürfen, um in Preußen roieber Kapläne „fliegende Geistliche" werden zu können. Nun bestürmen die verwaisten Gemeinden der Hildesheimer Diözese den Bischof Wilhelm mit Petitionen um baldige Zusendung von Priestern. Dem gegenüber hebt das ebengenannte Hildesheimer katholische Organ hervor, daß, bis aus allen Diözesen die Gesuche und Zeugnisse in den Händen des Herrn Bischofs von Kulm, der um die Dispens nachzusuchen hat, sich befinden und nach Berlin abgehen, es sicher Milte November werden wird. Ob dann der Kultusminister die Vorbescheidung beschleunigt ober verzögert, laßt sich nicht bestimmen. Angenommen bas Erste, so würben gegen Weihnachten dispen- firte Geistliche anstellbar sein unb wirklich angestellt werben können, (b. h. in ben Diözesen, bereu Bischöfe ber Staat nicht vertrieben hat.) Der offenbar von gut informirter Seite kommende Artikel des Hildesheimer Blattes schließt mit den Worten an die Adresse der in dem Augsburger Bisthum weilenden Hildesheimischen Priester: „Auf Wiedersehen um Weihnachten in Hildesheim!""
* Würzburg, 9. Oft. (Pfarrgehälter.) Der von der bayerischen Negierung den Kammern vorgelegte Gesetzentwurf wegen der Aufbesserung der Beamtengehälter berücksichtigt alle pragmatischen Beamten und die katholischen Pfarrer gehen leer aus. Und doch sind gerade diese in Bayern einer Aufbesserung sehr bedürftig. Das Durchschnittseinkommen eines Pfarrers in unserer Diö-
tete, verdrängte das Mitleid die Abneigung, die er bis jetzt gegen denselben gehegt hatte.
„Sie haben schweres Unrecht begangen, Herr Lüttche," sprach der Schulte mit tiefem Ernste, „Sie haben Blutschuld auf sich geladen, das Lebert zweier Menschen verkürzt, deren Sprössling durch Ihre Schuld und Mithülfe vielleicht elend zu Grunde gegangen ist, und alles das nur um schnöden Geldgewinn."
„0, ich erkenne jetzt meine fluchwürdigen Verbrechen," stöhnte der Verwundete. „Ich habe an der Pforte des Todes gestanden, von der ich nur durch Ihre Hülfe gerettet wurde, denn ich bin überzeugt, dass der Elende es nicht bei dem einen Dolchstoße gelassen hätte, wenn Sie es nicht verhinderten."
„Daran zweifle ich auch nicht, und mögen Sie in meiner Hülfe die barmherzige Hand des Allmächtigen erkennen, der Sie nicht mitten in Ihrer Verbrecherlaufbahn vor seinen Richterstuhl fordern wollte. Für diese Gnadenbezeugung sind Sie doppelt verpflichtet, Alles, so viel Sie können, wieder gut zu machen."
„Wie werde ich das vermögen," jammerte er; „ich will ja gerne Alles thun."
„Das Grab gibt seine Beute nicht zurück, das Geschlecht ist erloschen; es sei denn, daß die Tochter oder vielleicht Nachkommen derselben noch lebten. Ihr Mitschuldiger hat sich durch Verbrechen den Weg zum Majorat geebnet; die edle Gräfin Ooerham ahnt nicht, welches Scheusal mit ihr