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Mittwoch, den 10. Oktober

1883.

Sie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnemer^spreis ohne^r-ngerlohn> und Bestellgeld: 1 Mk. 50,Pfg., mit der belletristischen Wochenbeilage Mcrne und Blumen' in Fulda 1 M. -0 Pfg., auswärts 1 M. io Pfg.

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* Tongking.*)

lieber den Verlauf der Streitigkeiten Frank­reichs mit Annam und Tongking und der Unterhandlungen mit China bringen die Zeitungen fast tagtäglich orientierende Mittheilungen. Man kann ihren Verlauf daher als hinlänglich bekannt voraussetzen. Weniger allgemein verbreitet ist die Kenntniß der historischen Beziehungen der drei in Streit verwickelten Staaten, wie auch der aus einem Kriege zwischen Frankreich und China von selbst sich ergebenden Konsequenzen. Seit der Niederlage von 1870/71 zeigt Frankreich eine fast fieberhafte Sucht, das in Europa verlorene Pre­stige durch außerordentliche Machterweiterungen auf außereuropäischen Gebieten zu ersetzen. In Tunis, am Senegal, am Kongo, in Madagaskar und Hinter-Jndien sucht französischer Einfluß mehr und mehr Terrain zu gewinnen, und die franzö­sische Presse wird nicht müde, die Regierung zu einem gleichen Vorgehen an der Südküste des stillen Oceans anzueifern. Mit Ausnahme Englands und des von der Expedition nach Tunis noch arg ver­stimmten Italiens stehen die europäischen Mächte diesen Eroberungsgelüsten der Republik mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber. So lange Frankreich einen Theil seiner kriegerischen Kräfte auswärts bedarf, hat Europa Ruhe.

Englands Interessen jedoch sind bei den asia­tischen wie bei den afrikanischen Herrschaftsgelüsten der Franzosen in hervorragendem Maße betheiligt. England ist weit mehr als Frankreich Kolonial­macht, und in den Koloniegebieten ist daher jede Machtverschiebung zu Gunsten eines anderen euro­päischen Staates sür England von größter Wichtig­keit. Ja, der britische Hochmuth betrachtet fast die ganze außereuropäische Erde als eine einzige angel­sächsische Domäne, in der Nichts geschehen darf, ohne die ausdrückliche Gutheißung der Londoner Regierung. Wenn auch diese toryistischen Ideen eine stark übertriebene Besorgniß wegen der Ent­wickelung der Tongkingfrage herausgebildet haben, so ist doch nicht zu läugnen, daß bei der weiten Verzweigung des englischen Handels die rauhe Berührung irgend eines Theiles und eine Hem­mung der gewohnten Zirkulation einen empfind­lichen Einfluß auf das gejammte wirthschaftliche Leben Englands haben muß.

Durch einen Krieg Frankreichs mit China — und ein solcher ist nach den neuesten Entwickelungen kaum mehr zu vermeiden — würden zweifelsohne die Handelsintereffen von ganz Europa und nicht am wenigsten auch von Deutschland in Mitleiden­schaft gezogen. Unser Handel und unsere Schiff­fahrt ist in den chinesischen Gewässern sehr stark engagirt, etwa 50 große deutsche Handelsfirmen mit 400 Angehörigen entwickeln in den für den europäischen Handelsverkehr geöffneten Häsen schon seit Jahren eine eben so rege wie segensreiche Thätigkeit. Die Ausfuhr von China beziffert sich für die in Betracht kommenden, den Europäern geöffneten Traklatshäfen auf ca. 404 Mill. Mark an Werth, die Einfuhr auf ca. 426 Mill. Mark durchschnittlich im Jahre. Schon diese Zahlen be­weisen. wie empfindlich ein plötzlicher Abbruch der Handelsbeziehungen zwischen China und den enro- päischen Staaten für den europäischen Handel fein würde. Bekanntlich ist es erst in neuester Zeit den fortgesetzten Anstrengungen gelungen, China dem europäischen Handel zu erschließen. Der Aus­bruch von Feindseligkeiten zwischen China und Frankreich würde aber die ganze Arbeit vergangener Jahre in Frage stellen.

Man kann es der chinesischen Regierung nicht verübeln, wenn sie sich in die Streitigkeiten Frank-

* ) Nachd. »erb.

reichs mit Tongking einmischt denn der Krieg gegen Tongking ist eine thatsächliche Verletzung der chi­nesischen Hoheitsrechte über Tongking. Wenn auch das Land gegen Mitte des 15. Jahrhunderts seine Unabhängigkeit von der schon 200 Jahre vor Christus bestehenden chinesischen Herrschast erkämpfen konnte, so wurde doch in Tongking immerfort eine nominelle Oberhoheit China's anerkannt. Erst im Jahre 1871 erhielt dieselbe durch die Entsendung des seit Jahrhunderten in Vergeffenheit geratenen aus 3 Stephanien und anderen Gaben bestehenden Tributs nach Peking einen erneuten förmlichen Ausdruck. Diese Wiederanlehnung an die niemals formell aufgegebene chinesische Oberhoheit hatte allerdings einen sehr egoistischen Hintergrund. Der Kaiser von Annam suchte eine Stütze gegen die immer frecher vordringenden Franzosen, welche im vorigen Jahrhunderte zum Lohne für die erfolg­reiche Unterstützung der Annam'schen Herrschaft einen kleinen Ländertheil erhalten hatten und diesen bei verschiedenen Veranlassungen allmählich zu der heuti­gen Kolonie Cochinchina zu vergrößern verstanden.

Schon lange waren die Franzosen darauf be­dacht , allmählig auch in dem nördlichen Theile Annam's festen Fuß zu faffeu. Die Kolonie Cochinchina sollte ihnen ein Mittel sein, eine er­sprießliche Handelsverbindung nach den südlichen Provinzen China's herzustellen. Nachdem die denk­würdige Expedition Garnier's von 1867 erwiesen hatte, daß der von den Hochgebirgen des chinesi­schen Jünnans herabströmende Mekhong als Han­delsstraße von China nach Annam unbrauchbar sei, wurde durch verschiedene kühne Versuche in dem Zeitraum von 1870 bis März 1873 zur Evidenz festgestellt, daß der in Tongking mündende Hong-Kiang, der sogn. Rothe Fluß, von seiner Mündung bis zur Hauptstadt von Jünnan schiff­bar war. Allein trotz fortgesetzter Anstrengungen gelang es den Franzosen zunächst nicht, die ent­deckte Handelsstraße dem Verkehr zu erschließen. Die Franzosen drangen zwar zeitweilig in Tong­king weit vor, eroberten sogar die Hauptstadt Hanoi, wurden aber nur zu bald wieder aus ihren Positionen verdrängt. Erst im Jahre 1874 gelang es, durch einen förmlichen Vertrag Tongking und den Rothen Fluß gegen einen mäßigen Zollsatz dem Handelsverkehr aller Nationen zu öffnen.

Seit diesem Friedensschlüsse war der Hafen Haiphong, welcher durch einen Kanal mit dem Rothen Flusse in Verbindung steht, der Sammel­punkt des europäischen Handelsverkehrs mit Tong­king und den südlichen Provinzen Chinas.

Jedoch ist es dem Kaiser von Annam mit diesem Vertrage augenscheinlich nie Ernst gewesen; die fortgesetzten gröblichen Verletzungen des Vertrags­rechtes boten den Franzosen endlich eine erwünschte Gelegenheit, die Hand nach der Herrschaft über ganz Tongking auszustrecken. Wie bekannt, haben die Franzosen bereits die Citadellen bei der Haupt­stadt Hanoi und bei dem die Straße von Hanoi nach Huö beherrschenden Nigne-Bigne erobert und dringen mit Erfolg immer weiter vor. Das Land hat noch verschiedene andere Festungen, die alle kunstvoll und stark angelegt, aber schlecht armirt sind, so daß sie das Vordringen der Franzosen nicht hindern können.

Der Kaiser Tu-Duc besitzt aber sehr gefährliche Bundesgenossen in der „Schwarzen Bande", welche, nach der Farbe ihrer Fahne benannt ist und von Rebellen abstammt, die nach Beendigung des Taiping-Aufstandes aus ihrem Vaterlande ver­drängt wurden. Diese unheimliche Bande, welche an sich nur 800 Mann stark ist, aber bei den chinesischen Grenzbewohnern einen starken Rückhalt findet, hat ihren Mittelpunkt in der Haupstadt Lao-kar, wo sie einen willkürlichen Zoll von allen nach China gehenden und von dort kommenden

Waaren eir.treibt. Wenn die letzten Nachrichten sich bestätigen, so ist die Kraft dieser Bande be­reits gebrochen und wird sie den Franzosen nicht mehr lange trotzen können. Die von der „Schwar­zen Bande" geübte empörende Zollerpressung, welche neben dem auf dem Rothen Fluffe drei­mal dem Staate zu zahlenden Zoll den Handel niederdrückte, würde unter französischem Regiment nicht wieder aufkommen können, überhaupt würde der Handelsverkehr mit Tongking und Süd-China unter Frankreichs Szepter einen erfreulichen Auf­schwung nehmen. Aber China will von diesem Fortschritt nichts wissen, es besteht auf seinem oberherrlichen Recht über Tongking. Ein Krieg zwischen Frankreich und China wird daher un­vermeidlich sein, wenn nicht in letzter Stunde noch eine Vereinbarung zu Stande kommt. Frank­reich darf wohl des Sieges in einem solchen Kampfe gewiß fein, und die dem Handel in Tongking zeit­weilig drohende Stockung würde allerdings durch eine völlige Erschließung des Landes, durch die Eröffnung eines regelmäßigen Verkehrs auf dem Rothen Fluß nach China vortheilhaft ausgewogen werden. In den südlichen Provinzen China's findet sich viel Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Blei, welche zugleich mit Thee, Opium und anderen wichtigen Droguen exportirt werden. Auch Tongking hat großen Reichthum an Edelmetallen. Auch Bau- und Nutzholz, vorzüglicher Tabak, Ricinus, Baumwolle, Drachenblut und Harz ge­langen schon jetzt in großer Menge in den Handel. Nach Befestigung des europäischen Einflusses würden die Handelsumsätze enorm gesteigert werden. Ob aber das Aufblühen des Handels in Tongking die dem direkten Handel mit China erwachsenden, oben erörterten möglichen Nachtyeile aufwiegen wird, möchten wir sehr bezweifeln.

Deutsches Reich.

Fulda, 10. Oktober.

* (Zur Reichstagswahl in Marburg) schreibt die ,Nord. Allg. Ztg.': „Nachdem ans Berliner Blättern bekannt geworden ist, daß die Fortschrittspartei für die in unserem Reichstags­wahlkreise bevorstehende Nachwahl einen eigenen Kandidaten zu stellen gedenkt, hört man nun auch etwas von den Liberalen überhaupt. Bei den vorigen Wahlen war ihrerseits ein Sezesponist Professor Westerkamp aufgestellt worden, der­selbe blieb jedoch um etwa 2000 Stimmen in der Minderheit. Wahrscheinlich wird er wiederum als Kandidat nominirt werden, doch heißt es, daß er sich auf Andringen des Herrn Professor Enneccerus zu dem Versprechen verstanden habe, für den Fall feiner Wahl der nationalliberalen Fraktion beizu­treten. Man hofft auf diese Weise auch die Na- tionaUiberalen, die nach den jüngsten Vorgängen im 19. hannöverschen Reichstagswahlkreise uud im Landtagswahlkreise Elberfeld-Barmen wenig Neigung haben dürften. für einen Linksliberalen ins Feld zu ziehen, zu rückhaltlosem Eintreten für den libe­ralen Kandidaten bewegen und dadurch dessen Wahlchancen einigermaßen verbessern zu können. Die Konservativen halten an der Kandidatur des Herrn Justizraths Dr. Grimm fest, über dessen Person eine Verständigung mit den Katho- liten um so leichter zu erzielen war, als Dr. Grimm als Mitglied des Abgeordnetenhauses bei B e - rathung kirch en politischer Gesetze wieder­holt durch vermittelnde Amendements eine Kooperation des Centrum» und der Konservativen ermöglicht hatte".

* (Der außerordentliche türkische Bot­schafter Mnkthar Pascha) besuchte am Frei­tag Nachmittag den Reichskanzler in Friedrichsrnh.