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M 228. Freitag, den 5 Oktober 1883.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

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Deutsches Reich.

Fulda, 5. Oktober.

• Die halbamtliche .Provinzial - Korrespondenz' macht, — es ist schwer zu sagen, zum wievielten Male, — den Versuch, das Centrum dem katho­lischen Volke gegenüber in's Unrecht zu setzen. In einem längeren Artikel schildert sie die Vor­theile des nun in Wirksamkeit tretenden Julige- sches, und stellt es so dar, als ob nur die Re­gierung für die seelsorgerische Roth der Katholiken ein Herz habe. Mit Rücksicht auf die Raumver- hältnisie unserer Zeitung sehen wir von einer Wiedergabe des Artikels ab, insbesondere da der­selbe kaum etwas Stichhaltiges und Neues vor­bringt, sondern nur die alten Verdächtigungen der katholischen Friedensliebe. Die .Germania' wendet sich in einer längeren Entgegnung gegen das offiziöse Machwerk, dessen Angriffe sich haupt­sächlich und in erster Linie gegen die ,Germ.' richten. In der Entgegnung der,Germ.' heißt es u. A.:

„Die Regierung — so rühmt nun das halbamtliche Blatt — ist „unbeirrt durch alle ihr bereiteten Hemmnisse der Beseitigung des seelsorgerischen Nolhstandes ihrer katholi­schen Unterthanen nachgegangen". Wir haben jeden ent­gegenkommenden Schritt der Regierung mit Freuden be­grüßt. Aber wenn die.Provinzial-Korrcspondenz' so stark auf die Trommel schlägt, dann fragen wir doch: Wer hat denn den geistlichen Rothstand verschuldet? Doch Niemand anders als der Staat, welchen Herr Dr. Falk repräscntirte, indem man Gesetze machte, welche nicht allein die Verwaltung geistlicher Aemter, sondern selbst die Nothfeelsorge am Sterbebette von Bedingungen abhängig machte, welche niemals ein Staat gestellt und die Kirche bewilligt hat, von welchen alle Welt schon bei der Festsetzung wußte, daß die Kirche sie nicht accep- tiren könne und werde und daß sie einen höchst traurigen Rothstand herbciführen mußten. Wer die katholische Seel­sorge zerstört hat, der hat die heiligste Pflicht, ihre Wiederherstellung zu ermöglichen, und wenn er wirklich das gethan, so dürfte er sich dessen wahrlich nicht so hoch rühmen: denn ein großer Theil des Unheils, den die un­seligen Gesetze angerichtet, kann leider nie wieder gut ge­macht werden.

Aber ist denn der Staat „unbeirrt" der Bes-itigung des kirchlichen Rothstandes nachgegangen? Wahrlich nein! Seit 1879 ist eine antiliberale Mehrheit in den Parla- menten, mit welcher die Regierung eine gründliche Revision der Maigesetze hätte durchführen lönnen, so daß schon längst

die Besetzung aller geistlichen Stellen möglich gewesen, wenn die Regierung nur gewollt hätte. Statt dessen hat man erst in diesem Sommer 1883 eine Modifikation zu Wege gebracht, welche die Verwendung der vorhande­nen geistlichen Kräfte für die H ilfsseelsorge ermöglicht, ohne daß die Pfarrämter besetzt werden können! Die ,Prov.-Korr.' thut, als ob nun der geistliche Rothstand gehoben sei. Aber was sind 700 Geistliche für 20Ö0 er­ledigte Stellen? Woher soll der dringend nothwendige Nachwuchs kommen, wenn die beiden von Seiten der Kurie gestellten Bedingungen unerfüllt bleiben? Und wie soll der spärliche Nachwuchs auch nur in der Hilfsseelsorge Verwendung finden, wenn die Vorbildungsfrage nicht für die Zukunft gelöst wird? Bei der Berathung des letzten Gesetzes haben uns die Offiziösen selbst auseinandergesetzt, wie wichtig und unabweislich nothwendig di« reguläre Verwaltung des Pfarramtes für die Seelsorge sei; wo bleibt denn die Befriedigung dieses dringenden Bedürf­nisses? Und wie steht es um die Seelsorge in den vier Diözesen, denen der Staat zwar zugestanden hat, daß ihnen Unrecht geschehen, denen er aber die Wiedergutmach­ung desselben noch verweigert?"

* (lieber den verhafteten Korrespon­denten Schumann) schreibt die kath. ,AugSb. Postztg.':

„Herr v. Valgreen" war auch Korrespondent für unser Blatt. Wir begegneten seinerzeit im katholischen,Wests. Merkur' römischen Korrespondenzen, die vorzüglich geschrie­ben waren und den Eindruck machten, daß der Verfasser über ausgezeichnete Informationen verfüge. Nach An­frage bei der Redaktion des .Wests. Merk.' erhielten wir die Adresse des fraglichen Korrespondenten und engagirten denselben Seine Berichte waren stets tadellos und ent­schieden den kirchlichen Standpunkt vertretend. Wie sich nun herausstellt, ist Herr v. Walgreen ein höchst gerie­bener Literat, der verstanden hat, in Rom selbst sehr hohe Herren über seine Person zu täuschen. Der oven angedeutete Verkehr mit Herrn v. Schlözer und mit Kar- dinälen erklärt die gute Qualität seiner Informationen, wie denn in der Thar manche seiner von anderer Seite zuerst angezweifelten Meldungen in der ,Schief. Ztg.' und ,Kreuzztg.' sich wiederholt als richtig erwiesen haben".

Es ist sehr zu bedauern, daß auch die genannten beiden katholischen Blätter sich durch den Schwindler haben täuschen lassen; eine Anfrage bei den katholischen Kollegen in Rom würde das Mißgeschick verhütet haben. Was den von der ,Augsb. Postztg.' gewiffermaßen als Entlastungs­grund betonten Verkehr Schumanns mit Kardinälen an­betrifft, so hat unser römischer Korrespondent bereits be­merkt, daß die kirchlichen Würdenträger sich nur kurze Zeit durch die staatlichen Empfehlungsschreiben des Schwind­lers täuschen ließen. Zur Erklärung der Richttgkeit ein­zelner Mittheilungen des Korrespondenten genügen schon seine Beziehungen zu den „staatlichen Würdenträgern.

* (Der sächsische Landtag) ist durch soeben veröffentlichte Bekanntmachung auf den 12. No­vember einberufen worden.

Berlin, 4. Oktober.

• (Die Vorgänge bei dem Empfange des Königs von Spanien in Paris) haben hier mehr SRitleib und Verachtung als Zorn her­vorgerufen. Es soll nicht an Stimmen auch in leitenden Kreisen gefehlt haben, welche eine Be­schwerde der diesseüigen Regierung bei der fran­zösischen über die gegen Deutschland fast mehr als gegen den König von Spanien gerichteten Kund­gebungen angerathen hatten. Wie bereits bekannt, ist die Regierung nicht darauf eingegangen, son­dern wird es darauf ankommen laffen, ob sich die Dinge, wie es ja den Anschein hat, im Sande verlaufen ober nicht.

* (Der Bunbesrath) ist auf heute Freitag den 5. Oktober zu einer Plenarsitzung berufen. Auf der Tagesorbnung steht zunächst eine Mit­theilung über bie Ernennung eines stellvertretenden Bevollmächtigten zum Bunbesrath. Es folgen bann drei Vorlagen: ber Entwurf eines Gesetzes über die Kommandit-Gesellschaft auf Aktien und Aktiengesellschaften, der Entwurf eines revidirten statistischen Waarenverzeichnisses und die Entwürfe eines internationalen Uebereinkommens über den Eisenbahn-Frachtverkehr und eines Reglements über die Errichtung eines Centralamtes. Den Beschluß bilden Anträge, betreffend bie Wahl von Mit­gliedern mehrerer Disziplinarkammern, und Die Feststellung des Ruhegehaltes rc. von Reichsbeamten.

* (Im landwirthschaftlichen Ministe­rium) werden für die bevorstehende Session vor­bereitet: Landgüterordnungen für Schlesien und Schleswig-Holstein, die jedoch zuvörberst von ben Provinzial Lunbtagen erst burchberathen werben mußten, ferner ein Konsolibationsgesetz für bie Rheinprovinz. Zweck desselben ist ein Zusammen­legen bes Grundbesitzes.

Frankreich.

* Paris, 4. Okt. (Die Ministerkrisis) ist auf Wunsch GröoyS vertagt. Vormittags

40 Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

„Hi, hi," kicherte Lüttche; „bas war eine lieber» raschung; guten Tag, junger Herr!"

„Sie haben mich wirklich überrascht, Herr Lüttche; ich hatte Ihr Kommen nicht bemerkt."

„Das glaube ich; Sie waren so vertieft in Ihrer Arbeit, daß ich mir den Spaß nicht versagen konnte, zuzusehen, welche Buchstaben Sie in den Stamm schnitten."

Obgleich Felix eine nicht zu überwindende Ab­neigung gegen den Mann hegte, so unterließ er doch, da der Schulte in der letzten Zeit freundlichen Umgang mit demselben pflegte, das unbescheidene Betragen zu rügen und erwiderte leichthin: „Mei­nen Namen in einen Baum der Gegend einzu­schneiden, welche mir Heimath geworden, und die ich nun verlassen werde, darf wohl nicht be­fremden."

„Durchaus nicht", fuhr der Zudringliche lächelnd fort; dachte mir, ob der junge Herr vielleicht andere, dem Herzen theure, eingegraben hätte." „Nichts für ungut, Herr Ulrich", fuhr er kleinlaut fort, als er das ernste Auge des jungen Mannes sah, »Sie werden mir über ben Spaß nicht grollen."

„Es lohnt sich nicht der Mühe, darüber zu reden," erwiderte Felix artig. „Doch nun wird M Zeit, daß ich meine Schritte nach Hause lenke." ®r nahm seinen Hut auf, ließ sein Auge, in wel­

chem ein feuchter Schimmer aufstieg, noch einmal über die weite Ebene schweifen und reichte dem Herrn die Hand zum Abschied hin.

„Wollen der junge Herr mir erlauben, ihn zu begleiten ?" frug der Andere; „ich beabsichtigte eben, Herrn Optenholt noch zu besuchen."

„Ihre Begleitung ist mir angenehm," erwiderte Felix und schritt mit seinem Begleiter ben Abhang hinab.

„Also gehen ber junge Herr jetzt zur Univer­sität," begann der redselige Lüttche bie Unterhal­tung; „eine schöne Zeit, herrliche Jahre für bie Herren Studiosen. Welche Universität werden Sie besuchen?"

„Ich gehe vorab nach Bonn; obgleich mein guter Onkel es mir frei gestellt hat. eine beliebige Hoch­schule zu besuchen, so bin ich doch überzeugt, daß er am liebsten sieht, wenn ich dorthin gehe; dazu stimmt es mit meinen Wünschen überein."

„Ich konnte mir das denken! Ein prächtiger Herr, Ihr Herr Onkel. Es sieht zwar nid t gut aus, Herr Ulrich, Jemanden in seiner ober ber Seinen Anwesenheit zu lohen; aber ich kann Ibn n versichern, daß ich in ber ganzen Gegenb fernen achtungs- und ehrenwertheien Herrn kenne, a s ben Herrn Optenholt."

„Ihr Urtheil über meinen tbeuern Onlel erfreut mich sehr, unb spreche ich es gerne aus, daß ich Niemanben auf der W.lt, nächst meiner Mutter,

größere Verehrung zolle, als meinen lheuren Pflege- | eitern hier."

• „Wie lange waren Sie auf Optenholt? '

„Reichlich 5 Jahre."

„Unb wenn nun wieder 5 Jahre verflossen fein werben, ist ber junge Herr vielleicht Doktor, Pro­fessor ober —"

„Ober steht vielleicht wieder an der Birke dort," unterbrach Felix ihn lachend, „und sieht, ob feine Schnitzerei noch zu erkennen ist."

Der Jüngling ahnte nicht, daß dieses Scherz­wort Wahrheit werben unb bann sein Auge von dieser Stelle zum letzten Male über bie geliebte Harde streifen würde.

Herr Lüttche brach heute früher vom Hofe aus, als es seine Absicht war, da er bald erkannte, daß - die Hofbewohner gerne den letzten Nachmittag un­gestört mit ihrem scheidenden Lieblinge zubrachten.

Der Abschied ihres lieben Felix ging ber guten Fran Optenholt etenso nahe, al« vor Jahren ihr Franz Solbat werben mußte; selbst ihr Gatte war em ft gestimmt. Niemanden aber fiel bas Scheiben schwerer, als ihm selbst. Der gereifte Jüngling erkannte jetzt so recht, weich' großen Dank er ben edlen Menschen schulde, welche, ohne Blutsverwandte zu sein, ihn, den armen Waisen, an ihren Herd aufgenommen, ihn gehegt und gepflegt hatten wie ihr eigenes Kind und ihm jetzt alle Mittel zur Beifügung stellten, seine ferneren Studien zu machen. Als ihn die Armen derjenigen zum Abschied um»