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1883.

Donnerstag, den 4. October

Fuldaer

I Zeitung

Di« Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Die Lösung der Handwerkerfrage durch die obligatorischen Innungen.

IV (Schluß).

Welches sind nun die von den Jnnungsfreunden zunächst zu verfolgenden Ziele? Man wird wohl darüber einig sein, daß in erster Linie die Wie­derherstellung des bereits erwähnten, im Jahre 1881 leider abgelehnten § 100 e der Kom- nttssionsbeschlüsse zur Gewerbenovelle anzustreben sein wird, welcher Paragraph den nicht Innungs- Geistern das Halten von Lehrlingen verbieten sollte. Die Bedeutung dieser Bestiinmung ist weittragen, der, als Manche annehmen wollen. Mit Recht sagte der Abgeordnete Dr. Windthorst aus der Düsseldorfer Katholiken-Versammlung: „Wäre sei­ner Zeit der § 100 e nicht an der Lauheit der Regierung und dem Widerstande der Liberalen ge­scheitert, so würden wir der obligatorischen In- nung schon sehr nahe gekommen sein."

Charakteristisch für die Tragweite des § 100 e ist auch eine neuerdings von der.Nationalliberalen Korrespondenz' gemachte Aeußerung. Das Haupt- organ der nationalliberalen Partei meint nämlich: „Die nächste Frucht der Düsseldorfer Katholiken- Versammlung wird die Wiedereinbringung des vielbesprochenen § lOOe zur Gewerbeordnung sein. Dieser Antrag bezweckt bekanntlich, durch das Ver­bot des Lehrlingshaltens für Nichtinnungsmeister dm Jnnungszwang auf einem Umweg und durch eine Hinterthür einzuführen, indem durch dieses Verbot tatsächlich eine fast unwiderstehliche Nöthigung zum Eintritt in die Innung ausgeübt werden würde. Der verkappte Jnnungszwang ist ein alter Lieb­lingsgedanke der gewerbepolitischen Reaktion und wird von Konservativen und Ultramontanen als ein hervorragendes Mittel betrachtet, den Leiden des Handwerkerstandes abzuhelfen."

Daß der „verkappte Jnnungszwang" eine wichtige Etappe auf dem Wege zum wirklichen Jnnungszwang, zur „obligatorischen In­nung" darstellt, wird uns jeder zugeben. Das nationalliderale Blatt übertreibt aUerringe in hämischer Weise die Wirksanckeit des event. § 100 e,

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

X

Bald werd' ich Dich verlassen. Fremd in der Fremde geh'n, Auf buntbewegten Gaffen Des Lebens Schauspiel seh'».

I. F. v. Eichendorf.

Gar einsam und stille ist es auf der weiten Haide. Vom wolkenlosen Himmel sendet das belebende Tages­gestirn seine erwärmenden Strahlen auf die braune Fläche. Ein laues Lüstchen ourchzieht die kleinen Tannenwälder und spielt mit den gelben Blüthen der Ginsterstauden, die ihre langen Spitzen dem belebenden Lichte entgegerftreden. Leise kosend durchsäuselt der Wind das zarte Grün der Birken und schaukelt die biegsamen Aeste über dem Rande der Schlucht, welche die Brombeere mit ihrem braun« grünen Blätterschmuck überwuchert.

Kein lebendes Wesen scheint die weite Strecke zu bewohnen und kein Laut stört die feierliche Stille; nur der Gesang der Haidelerche tönt in den Lüften und von dem fernen Moor erschallt das eintönige Geschrei des Kibitz.

Unsichtbar und geräuschlos ist das Leben auf der weilen Fläche. Tausende von Insekten Hüpfen und huschen durch das Haidekraut; in dem brauen Moose ^rpt die Grille und wölbt die fleißige Ameise ihr Haus. Der schnellsegelnde Falter flattert von Blume

aber dennoch ist gewiß, daß diese Bestimmung an solchen Orten, wo starke, wohlgeordnete und ver­diente Innungen existiren werden, alle Hand­werker zum Eintritt in die Innungen nöthigen wird. Abgesehen von diesem, die Stärkung der Macht und des Ansehens der Innung hervor­hebenden Gesichtspunkt, ist der § lOOe auch für die Lösung der Lehrlingsfrage an und für sich von prinzipieller Wichtigkeit.

Die tüchtigen nnb einsichtsvollen Handwerker sind sich wohl bewußt, welche Bedeutung der Aus­bildung der Lehrlinge für die Zukunft des Ge­werbes und Handwerks beizumessen ist. Zu lange schon haben die Lehrlinge nur zu einem kleinen Bruchtheile von tüchtigen Meistern in ihrem Fach genügende Belehrung und Anleitung erhalten, vielfach werden sie zu unbedeutenden Hand­langer-Diensten, ja sogar zu Hausarbeiten im aus­gedehntesten Maße mißbraucht, ohne daß auf ihre allseitige Fachausbildung Bedacht genommen wird. Daher kommt denn auch die bedauernswerthe Er­scheinung, daß so viele junge Leute als Stümper in der Welt herumirren und nirgendwo in einer tüchtigen Werkstätte Arbeit finden können, daß dieselben schaarenweise von dem Handwerkstisch in die Fabrik wandern und dort mechanische Arbeit verrichten, weil sie zu eigenem selbstständigem Schaffen nicht angelernt worden sind. Um diesen Uebelständen zu steuern und einerseits die Meister zu tüchtiger, dem Fach entsprechender Ausbildung ihrer Lehrlinge, andererseits diese zu fleißigem, willigem und erfolgreichem Streben und Schaffen anzuhalten, muß den zu einer gewissen Autoritä emporgekommenen, den „bewährten" In­nungen die Ueberwachung des Lehrlingswesens sowohl innerhalb als auch außerhalb der Innung übertragen, sie müssen befugt sein, bindende Vor­schriften über die Ausbildung der Lehrlinge, über die Prüfung derselben und die Bedingungen zur Ausstellung eines Lehrbriefes zu erlassen, lieber« Haupt muß das Streben dahin gerichtet sein, der herrschenden Ungebundenheit unter dem lernenden und noch unselbstständigen Theil des Handwerker­standes möglichst zu steuern, durch Einführung von

zu Blume und die emsige Biene sammelt von den würzigen Blüthen den duftenden Honig. Weite Kreise zieht der Bussard durch die Lüfte und das muntere Volk der Hühner huscht unter den schützen­den Ginster.

Alles ist stille; kaum vernimmt man auf dem weichen Boden den ruhigen Schritt des jungen Mannes, der ans einer kleinen Tannenschonung heraustritt und sich der Schlucht zuwendet. Als er den Rand derselben erreicht hatte, streckte er sich in dem Schatten einiger Birken auf das duftende Moos nieder. Träumerisch schaute das offene blaue Auge in die Ferne; als er seinen Strohhut abnahm und neben sich in das Moos warf, fiel eine Fülle dunkelblonder Locken auf Stirn und Schläfe nieder.

Das Haupt auf die Hand gestützt, verharrte er lange unbeweglich in derselben Lage und schaute unverwandt auf ein Ameisenvolk hin, welches nicht weit von ihm entfernt, an feinem Bane emsig arbeitete.

Man sah feinen wechselnden Gesichtszügen an, daß er sich mit dem Gegenstände, auf dem fein Auge ruhte, nur mechanisch beschäftigte; denn manch­mal flog ein sonniger Zug über das frische jugend­liche Antlitz und bald breitete tiefer Ernst feine Schalten über dasselbe. Wer in die Seele des jungen Mannes hätte blicken können, würde gefun­den haben, daß er an einem wichtigen Wendepunkt seims Lebens stand und daß vor feinem Geiste noch einmal die Erlebnisse der vergangenen Jahre vor- überzogen. Er gedachte der sonnigen Tage seiner

Prüfungen und Zeugnissen, durch Verpflichtung zur Gnhaltnng einer bestimmten Lehrzeit re. wieder eine gewisse äußere und auch innere Stabilität innerhalb der einzelnen Gewerkschaften herzustellen. Da aber diese Maßregeln nicht etwa durch Staatsgesetz ge« troffen werden können, weil es dem Staate an dem erforderlichen Aufsichtspersonal mangelt und er überhaupt in derartige innere Standes-Angelegen« heften nicht reglementirenb eingreifen soll, bleibt für die doch allerseits als nöthig erkannte Re­generation des Lehrlingswesens nichts übrig, als eine direkte Einwirkung der Innungen durch ge­eignete Beaufsichtigung der Werkstätten und durch den Erlaß bindender Vorschriften über die Art und Weise der Ausbildung. Weil man aber billiger Weise eine Beaufsichtigung der Thätigkeit und des Lehrlingswesens der Nichtinnungsmitglie­der durch die betreffenden Ausschüsse der Innung nicht einführen kann, darf man auch vor der Kon­sequenz nicht zurückscheuen, den Nicht-Jnnungsmit- gliebern gänzlich bas Halten von Lehrlingen zu untersagen.

Eine gründliche neue Regelung des Lehrlings­wesens wird die allmählige Neugestaltung des sehr im Argen liegenden Verhältnisses der Meister zu ihren Gehülfen, — Gesellen und Lehrlingen — von selbst zur Folge haben. Wenn durch die gründ­lichere Heranbildung und sorgfältigere Ueberwach­ung der Lehrlinge bei Ausübung des Handwerks eine nähere und innigere Beziehung derselben zum Meister allmählig sich entwickelt hat, wenn auch die Lehrlinge tüchtiger und zuverlässiger werben, so wirb ber Meister wieder leichter als bisher zur Aufnahme ber Lehrlinge nnb Gesellen in sein Haus­wesen unb seinen Familienkreis zu bestimmen sein. Zu einer echten unb rechten Jnnungsverfassung gehört auch biefe mehr familiäre Behandlung des Gehülfenpersonals; dasselbe darf jedoch nie zu Dienstbotenrang herabsinken. Das Gesetz kann hier nichts ausrichten. Jeder staatliche Zwang wäre nach Lage der Dinge eine Unbilligkeit. Die Ord­nung dieser inneren Angelegenheiten muß noth- wendig der Innung und der Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse vorbehalten bleiben.

frühesten Kindheit, behütet und gepflegt von lieben­der Elternhand, des frühen Todes des geliebten Vaters, des Jammers und der langen Krankheit der guten Mutter, der Roth und Entbehrungen, von welchen sie heimgesucht worden; des edlen Man­nes, welcher der Retter der Seinen und ihm ein Vater geworden war.

Fünf Jahre hatte er unter seinem gastlichen Dache gelebt, geliebt von den braven Leuten, wie ihr eigenes Kind. Mit uneigennütziger Aufopferung hatte er ihm die Mittel verschafft, seine Studien zu machen. Das Examen hatte er bestanden und der kommende Tag sollte ihn der Hochschule zuführen.

Eben kehrte er von dem Schlosse zurück, wo er Abschied von seinem würdigen Lehrer, von ber edlen Dame genommen, die ihn immer mit so vieler Liebe und Freundlichkeit behandelt hatte. Noch klangen in seinem Herzen die freundlichen Worte wieder, die sie an ihn gerichtet, als sie ihm zum Abschiede die Hand reichte. Er glaubte eine Thräne in ihrem Auge schimmern zu sehen, als dasselbe beim Ab« schiede lange auf ihm ruhte und sich bann auf bas Portrait richtete, welches über ihrem Schreibtische hing.

Mit bent festen Entschlüsse war er geschieden, die Lehren und Ermahnungen seines verehrten Leh­rers zur Richtschnur seines Lebens zu machen.

Endlich erhob er sich und trat an eine der schlan­ken Birken heran, zog sein Taschenmesser hervor unb begann emsig zu schneiden. Die Anfangsbnch