Dienstag, den 2. October
1883
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„Nieder mit dem Ulan!"
Die Bedeutung der Demonstration gegen den Gast des französischen Volkes kennzeichnet sehr treffend der bekannte Paul de Casiagnac, welcher einen Artikel im ,Pays' mit den Worten beginnt: „Gestern wurde Deutschland in der Person des Königs Alfons beleidigt. Der König Alfons ist nur der Vorwand, der Kaiser Wilhelm ist das Ziel." Diese Auffassung ist unzweifelhaft richtig, und sie wird sich auch deinnächst in dem Gange der Er- eigniffe klar wiederspiegeln. Der „kalte Wasserstrahl" von Berlin wird nicht ausbleiben, wenn er nicht bereits erfolgt ist zu der Zeit, wo diese Zeilen geschrieben werden. Daß am Sonnabend nicht bloß „einzelne Personen mit Schreien und Zischen sich bemerkbar gemacht haben", wie die .Agence Havas' und nach ihr eine Reihe leichtgläubiger Blätter meldeten, stand schon gleich am Sonntag fest. Die weitläufigen Schilderungen, welche auf telegraphischem Wege nach Deutschland gelangten, ließen keinen Zweifel über den Umfang des brutalen Rohheitsausbruchcs, den die „gebildete Nation" der Welt zum Besten gab. Daran können auch die fortgesetzten Versuche des ,W. T.-B.', die Bedeutung der Manifestation herabzudrücken, nichts ändern.
Die große Mehrzahl der Pariser Blätter nimmt auch keinen Anstand, die Thatsachen in ihrem vollen Umfange einzugestehen. Aber nur die anti- republikanischen Blätter sprechen sich mit dem Gefühl tiefster Entrüstung über diesen Bruch des Gastrechts aus. Der ,Gaulois' sagt: „Es ist ein Verbrechen gegen Frankreich, die französische Polizei läßt das Völkerrecht verletzen!" .Clairon' gibt zu, daß „ein Akt jener verbrecht rischen und brutalen , Verwilderung geschehen sei, durch welche Paris mitunter die civilisirte Welt entsetze; Paris habe ganz Spanien in die Arme seines Königs getrieben und den König von Spanien in die Arme Deutschlands." Der .Clairon'hat mit dem letzten Satz nicht so Unrecht, denn wenn der König von Spanien jemals einen Grund hatte, Deutschlands Unterstützung zu su
chen, fo haben die Franzosen ihm jetzt einen solchen aufgezwungen. Die vom französischen Pöbel unter passiver Duldung der Behörden ausgestoßene Verwünschung: „Nieder mit dem Ulanen," „nieder mit dem Preußenfreund" hat eine Solidarität zwischen König Alfons und Kaiser Wilhelm geschaffen, welche vorher ohne Zweifel noch i nicht bestanden hatte. Deutschland und sein Kaiser ist in der Person des Königs von Spanien beleidigt, der König von Spanien ist von französischem Janhagel zum Repräsentanten deutscher Interessen proklamirt worden.
Man erkennt die französische Volksstimmung am besten aus den radikalen Blättern, der .Justice', der .Laterne', dem ,Jntransigeant' rc. Sie alle setzen in ihren Spalten die Gasfenbeschimpfung des spanischen Königs fort und schmähen ihn ein* mülhig als den „Ulanen Bismarcks", den „preußischen Oberst", die Mißgeburt eines Königs, in dem nicht der ©panier > sondern der Deutsche ausgepfiffen wurde." Diese Ausdrücke sind noch relativ milde, es würde für uns wie Selbstverhöhnung klingen, wenn wir alle Gemeinheiten der radikalen Preffe wiedergeben wollten.
Die gemäßigteren Republikaner suchen zwar in ihren Organen die Bedeutung der Kundgebung einigermaßen abzuschmächen, ergehen sich aber dennoch in den schärfsten Ausdrücken gegen den König. Die grenzenlose Wuth der Franzosen findet nur in dem Umstande ihre Erklärung, daß sie in . der Annahme des Kommandos eines in Straßburg also in einer occupirt en Stadt, garniso- nirenden Regiments eine ANerkeun uug und Bs- stätigung des Frankfurter Friedens erblicken.
Es drängt sich nun von selbst die Frage auf: Wie stellte sich das Gouvernement zu dieser pöbelhaften Verletzung des Gast- und Völkerrechts? Die französische Regierung wußte ganz genau, wie die Stimmung der Bevölkerung war, sie kannte die Gefahr, welcher der König entgegenging. Dennoch soll der Ministerpräsident Ferry auf die vorher- gegangene Vorstellung des spanischen Botschafters erwidert haben, „er verbürge dem Könige einen
würdigen Empfang." Und es geschah nichts, um die Massen zu zügeln. Selbst die Nachrichten von vorgckommenen Verhaftungen sollen sich nicht bestätigen. Man ließ das „Volk" ruhig gewähren, man gab den König der Lynchjustiz der Pariser preis und wollte dem Chauvinismus die patriotische Genugthuung nicht verkümmern, in dem „Ulanen* Könige" diejenigen zu beleidigen, welche ihn dazu gemacht. Die Regierung und die Polizei hätte den König vor diesen Insulten schützen können, aus purem Egoismus oder gar aus weit schlimmeren Motiven haben sie ihre Pflicht vernachlässigt, Grevy hat sich sogar gescheut, an der Seite seines Gastes vor die Oeffentlichkeit zu treten, ein Verfahren, welches das alte Frankreich als einen Schandflecken seiner Ehre und Höflichkeit betrachtet haben würde. Die nachträgliche Entschuldigung Grevy's und der Minister kann wahrlich das Unrecht nicht gut machen, sie stellt die Erbärmlichkeit der von Demagogen beeinflußten und in Angst gesetzten Regierung nur in ein noch helleres Licht.
König Alfons hat übrigens ganz korrekt gehandelt, indem er zwar die feierliche und förmliche Entschuldigung Grsvy's entgegennahm und auch der Einladung zum Diner folgte, bann aber ab» reifte, um die französische Regierung vor weiterem Schimpf zu bewahren, da sie ja erklärte, gegenüber solcheü Insulten ohnmächtig zu sein.
In Paris fürchtete man bereits am Abend des Tages, wo der König von Spanien mehrmals nacheinander vom Pöbel insultirt wurde, ein ernstes Nachspiel dieser chauvinistischen Rohheit. Wie sich die spanische und namentlich auch die deutsche Regierung dazu stellen werden, muß sich ja bald zeigen. Daß der Chauvinismus in Frankreich zu einer großen Macht gelangt ist, läßt sich jetzt nicht mehr aus der Welt läugnen, und wenn wir die Zeichen recht verstehen, wird dieses Syrn« tom der Volksstimmung über kurz oder lang zu einem neuen gewaltsammen Zusammenstoß der feindlichen Kräfte führen. Spanien war schon oft der Zankapfel in Frankreichs Hand. Ludwig XIV sowohl wie Napoleon I, Louis Philippe und Napoleon III haben Spanien nur als An-
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Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
Die Unterredung wurde etwas leiser geführt und nur einzelne Worte blieben ihm verständlich; er näherte sich daher vorsichtig der Wand, die ihn von den Sprechenden trennte und hörte das Klingen von Geldstücken, wobei der Graf sprach: „Mehr kann ich Dir nicht geben." Wiederum wurde die Unterredung leiser und eine geraume Weile konnte er nichts mehr verstehen, bis die Stimme des Grafen heftiger und lauter wurde. „Genug davon," hörte er ihn wieder verständlich sagen; „auf andere Bedingungen gehe ich nicht ein."
„Was soll mir Ihre Schuldverschreibung nutzen, wenn ich darauf warten soll, bis Ihre Tante gestorben ist," erwiderte der Andere ärgerlich. „Die lebt vielleicht länger als ich; ich will einen bessern Vorschlag machen. Sie geben mir die Hälfte in Baar; für die andere will ich mich mit einer schriftlichen Schenkung für treue Dienste begnügen."
„Gut, Hallunke; aber ich sage Dir, versuche nicht mehr, mich zu betrügen."
„Darüber können Ew. Gnaden beruhigt fein; meine Hand ist mit der Zeit etwas steif geworden. Es würde mir nun sehr lieb fein, wenn das Geschäft bald abgeschlossen würde."
„Nicht eher, als am Abend nach Martini; ich werde punkt 8 Uhr an der Waldhütte fein."
„Aber wozu in so später Stunde; ich würde
mich ängstigen, um diese Zeit den finstern Wald zu betreten."
„Aber nicht um einen feisten Hirsch wegzuschießen."
Der Andere schien die Einrede nicht zu beachten und fuhr fort:
„Warum sollte der Herr Graf sich so weit bemühen; ich könnte ja unter irgend einem Vorwande aufs Schloß kommen."
„Es bleibt dabei," erwiderte der Graf. - Verhallende Schritte ließen den Lauscher vermuthen, daß die Beiden sich entfernten, als er wieder das Klimpern von Geldstücken und die Stimme des Lüttche hörte, welcher sprach: „Der gräfliche Lump, nur sechs Karolinen! Warte nur Gräschen; den Schurken zahle ich Dir heim. Er gedenkt wohl mich noch zu betrügen; siehe Dich aber vor, der Lüttche ist Dir gewachsen."
Sprachlos vor Erstaunen stand der redliche Landmann wie angewurzelt auf der Stelle, Freude und Entsetzen stritten in feinem Herzen. Nach langen Jahren enthüllte ein glücklicher Zufall ihm auf einmal das Dunkel, welches zu lichten fein eifrigstes Bestreben gewesen war.
Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß der Graf einer fo berechneten Schurkerei fähig gewesen wäre. So oft der Verdacht in ihm aufgetaucht Ibar, hatte fein ehrliches Herz ihn wieder zurück- geroiefen.
„Schurken, elende Schurken!" sprach er vor sich hin, als die andauernde Ruhe ihm die Gewißheit
gab, daß der Andere sich auch entfernt hatte; „eure Pläne werde ich mit Gottes Hülfe zu Nichte machen."
c leräuschlos verließ er fein Versteck, dann durch eine Seitenthüre den Hof und bog in eine Seitengasse ein.
Er mußte hinaus, sich fassen, allein sein. Nach Verlauf einer Viertelstunde trat er wieder ruhig in den goldnen Drachen.
„Ei, ei, siehe da; ich habe Euch schon vermißt," wurde er von dem geschäftigen Wirth angeredet, welcher sich eben in der Hausflur befand.
„Hatte noch ein kleines Geschäft zu besorgen und freue mich, daß Alles erledigt ist; jetzt wollen wir auch an Stärkung denken."
„Und womit kann ich dienen?"
„Eine gute Flasche und bann ein Stück Rehbraten ; aber benkt baran, baß er für Jemand bestimmt ist, deffen Zähne eben nicht mehr neu sind, der dabei aber refpectabeln Hunger hat."
„Ha, Ha, immer der Alte, lachte der Wirth vergnügt; „Ihr sollt mit mir zufrieden fein."
Als Herr Optenholt die Herrenstube betrat, sand er diese beinahe vollständig besetzt. Mancher freundliche Blick wandte sich ihm zu und mancher Händedruck wurde gewechselt. In der Hintern Ecke des Zimmers saß der Lüttche. Zwar behagte die Gesellschaft, in welcher derselbe sich befand, dem Schulte eben nicht sehr, doch begab er sich unter den obwaltenden Umständen und da eben in deren