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1883.

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Die Sozialreform.

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie pomphaft und vielversprechend die sozialpolitische kaiserliche Botschaft in die Erscheinung trat, wie sie von den Regierungsorganen als die Einleitung einer segens­reichen Umgestaltung der gesammten sozialen Lage der arbeitenden Klaffen gepriesen wurde, wie end­lich alle die, welche gegen das geträumte staats- fozialistische Ideal auch nur die leisesten Bedenken äußerten, frischweg als Volksfeinde verschrieen wurden, — so muß man billig staunen, mit welcher Kälte und Zurückhaltung die inspirirten Blätter den ganzen Sommer hindurch den großen Gedanken der Sozialreform und seine einzelnen Bestandtheile behandelt haben.

Zur Erklärung dieser eigenthümlichen Lauheit derjenigen Organe, welche früher von stets neuen staatssozialistischen Plänen überfloffen, lassen sich mancherlei Momente anführen. Das erste und nächstliegende wird auch in einem gegen das Centrum gerichteten gestrigen Artikel der ,Nordd. Allg. Ztg.', von dessen unwahren Unterstellungen wir hier ganz absehen, hervorgehoben: die Abwesenheit und Zurückgezogenheit oder, um mit der .Nordd/ zu reden, „die schweren Krank­heiten" des Fürsten Bismarck. Nehmen wir zunächst an, diese Behauptung des betreffenden „Mitarbeiters" des Herrn Pindter sei wahr, so haben wir es hier mit einem Grundübel unserer gesammten Politik, >m Deutschen Reiche wie in Preußen, zu thun. Alle neuauftauchenden Pläne, alle wichtigen Vorlagen sind sozusagen vom Reichs­kanzler allein instruirt und nach seinem Kopf zu­gestutzt. Die eigenthümliche Stellung des höchsten Reichsbeamten macht ihn zum ersten und leitenden Minister in allen Refforts der Reichsverwaltung, nichts geschieht, was mcht der Reichskanzler selbst angeordnet oder wenigstens angeregt hat, und wenn sein Interesse an einer Sache aus irgend welchem Grunde abnimmt, oder anderen momentan dringen­deren Fragen Platz macht, so muß das Volkswohl sich ruhig gedulden, bis sein mächtiger Lenker wieder die nöthige Muße hat. Wir Deutsche haben uns in diesen

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

VIII.

Wer übertrifft den, der sich mild erzeigt?

Der seltene Freund, der es zugleich verschweigt. F. v. Hagedorn.

Ein eigenes Gefühl befiel den redlichen Bauer, als er nach langen Zähren zum ersten Male wie­der das Schloß betrat und der Diener ihn in das Zimmer führte, in welchem er in früheren Zeiten manchmal von dem Großvater des Knaben em­pfangen worden war, der heute als Fremdling die Wohlthaten der jetzigen Besitzer genoß. Das Möble- ment war noch dasselbe, wie er es damals gesehen, nur stand an einem Pfeiler der Sekretär, der sich früher in dem Arbeitszimmer des verstorbenen Grafen befand. Ueberrascht sah der Schulte auf das über demselben hängende Porträt des Verstorbenen, wel­ches ihn sprechend ähnlich in der Kraft seiner Jahre darstellte. Unwillkürlich trat er einen Schritt näher und blickte auf die wohlbekannten Gesichtszüge. Das klare Auge des Bildes schien sich vorwurfs­voll auf ihn zu richten; er mußte seinen Blick da­von abwenden, und doch zog es ihn unwiderstehlich an. — War das Täuschung? — Der vorwurfs­volle Blick wurde immer drohender, der Mund schien sich öffnen zu wollen, eine Anklage gegen ihn hervorzustoßen. Entsetzen faßte den starken Mann, fl luchte dem zürnenden Blick auszuweichen, und

Zustand seit 1871 schon so sehr hineingelebt, daß wir die ganze Tragweite dieses wichtigsten aller Monopole nicht immer klar vor Augen haben. Der Mann, welcher im Stande ist, in so hohem Grade alle Gebiete der inneren und äußeren Politik zu leiten und zu beherrschen, verdient gewiß schon darum auch bei seinen Gegnern Bewunderung. Aber, i wie Die tägliche Erfahrung lehrt, ist die ganze Last zu schwer für eines Mannes Schultern. Auch ist Fürst Bismarck nicht unsterblich, und was zu­nächst entstehen wird, wenn plötzlich seine Hand die fast nur von ihm gesponnenen Fäden der innneren und äußeren Politik fahren lassen müßte, wollen wir nicht auszumalen versuchen. Wenn die ,Nordd/ wahr spräche, indem sie den langen Stillstand in der Entwickelung der sozialen Re- formideen auf die „schlimmen Krankheiten" Bis- marck's schiebt, so läge ja darin schon ein voll­gültiger Beweis für das Letztgesagte.

Wir bestreiten gewiß nicht, daß Fürst Bismarck zeitweilig von seinem nervösen Leiden arg geplagt worden ist, erinnern jedoch daran, daß die ,Nordd/ über den Zeitpunkt den schlimmsten Erkrankungen oft genug hinters Licht geführt worden ist. Es war doch ein seltsames Zusammentreffen, daß meist grade dann, wenn nach Pindter der Reichskanzler sich von allen Geschäften fern hielt, die Welt am kommenden Morgen von irgend einem neuen reichskanzlerischen Plane überrascht wurde. So war es gleich vor der plötzlichen Einberufung des Reichstages, so war es vcr den verschiedenen Reisen und den eminent wichtigen Besprechungen mit auswärtigen Ministern. Heute wird es erst recht klar, daß der Reichskanzler während seiner Sommerfrische wahrlich nichts weniger als die Hände in den Schooß gelegt hat. Wir stehen vor einem neuen großartigen Erfolg seiner aus­wärtigen Politik, ein Erfolg, dessen einzelne Ent­wickelungen sich zwar hinter den Kouliffen abspie­len, der aber in seiner Bedeutung für den europä­ischen Frieden mehr und mehr auch äußerlich sicht­bar wird. Je mehr wir aber die unbestrittene Bedeutung Bismarck's in der Leitung der europä­ischen Diplomatie anerkennen, umsomehr muffen wir

unwillkürlich entflohen ihm die Worte: „Klage mich nicht an, ich bin unschuldig, armer Herr."

„Ja, er war ein armer Herr," sprach die Gräfin gerührt, die, ohne daß der Landmann es gemerkt, in das Zimmer getreten und die letzten Worte ver­nommen hatte.

„Sie ahnen nicht, wie wohl meinem Herzen die Theilnahme thut; ich habe das Glück gehabt, seine letzten Tage zu sehen, und habe so recht erkannt, wie sehr er verdiente, glücklich zu fein. — Bitte, nehmen Sie Platz."

Es war ein Glück für den verwirrten Optenholt, daß er einige Augenblicke Zeit gewann, sich zu fassen, als er erwiderte: „Es darf Sie nicht wun­dern, Frau Gräfin, daß ich bei dem Anblicke des Porträts so ergriffen wurde, da ich die Ehre hatte, recht oft mit dem Verstorbenen zu verkehren."

„Ich habe davon gehört und hoffe, die zufällige Hierherkunft Ihres Mündels wird Ihnen wiederum Keranlassung geben, daß mein Haus für die Zu­kunft Ihnen nicht mehr so fremd bleiben wird."

„Frau Gräfin sind zu gütig," erwiderte der Schulte verlegen.

„Ich habe den Knaben lieb gewonnen" fuhr die Gräfin gütig fort, „er scheint eine sorgfältige Erziehung genossen zu haben, und ich habe mit Bedauern von ihm gehört, daß er seinen Vater so früh verloren hat."

Der erfahrenen Dame entging die Verlegenheit | nicht, welche sich in den Zügen ihres Gastes aus- I

wünschen, daß er seine ganze Kraft für dieses sein eigenstes Feld aufspart, welches ohne Zweifel die ganze Kraft eines Mannes erheischt.

Die Frage, ob schwere Krankheiten oder nicht vielmehr wichtige anderweitige Arbeiten den Für­sten von der anfangs so lebhaften Verfolgung der sozialpolitischen Ideen zurückgehalten haben, glau­ben wir genügend beantwortet zu haben. Eine Abhülfe für diesen ungesunden Zustand in der Wahrnehmung der Reichsverwaltungsobliegenheiten ist zwar alsobald nicht zu erwarten, dennoch muß fort und fort darauf hingewiefen werden.

In zweiter Linie kommt für die empfindliche Er- fchlaffung des ursprünglich so äußerst feurigen In­teresses für die Ideen der Sozialreform ein Um­stand in Betracht, welcher nicht minder zu den Eigenthümlichkeiten unserer Reichsregierung gehört. Große weittragende Pläne finden allzu oft ihren Widerhacken in Aeußerlichkeiten und Nebenumstän- den, welche mit dem großen Prinzip gar nichts gemein haben, an denen man aber die größten und wichtigsten Reformpläne unbedenklich scheitern läßt. So waren es bisher nun bureaukratische, fiskalische und staatskommunistische Nebengedanken, welche das Zustandekommen des Unfallversicherungs- Gesetzes verschleppten. Nicht die Arbeiterversiche­rung an sich, sondern die Reichsanstalt, der Reichs­zuschuß, die Gefahrenklassen rc. schienen dieHauptsache, und das hartnäckige Festhalten an diesen Nebenbedin- gungen machte den ehrlichen Sozialreform-Parteien, zu denen in erster Linie das Zentrum gehört, ihre Zusage unmöglich. Die kaiserliche Botschaft nahm berufsgenofsenschastliche Korporationen als Orga­nisations-Grundlage der Unfallversicherung an, Kon­servative und Centrum waren für diese Form und auch für das ganze Gesetz ziemlich sicher gewonnen. Was geschah? Der Regierung nahestehende Blät­ter kokettirten mit den Nationalliberalen und glaub­ten, diese Herren würden nach alter Gewohnheit für ein Linsengericht ihre bisherige Ueberzengung verkaufen und der Regierung zu einer abermaligen kleinen Schwenkung behülflich fein, wobei dann für den Kapitalismus die ersehnten Prozente bei der Un- fallversicherung gesichert würden. Die Lockpfeife klang

sprach, als sie die Vergangenheit des Knaben be­rührte und sie erkannte sofort, daß es dem Schulte unangenehm fein würde, sich darüber zu äußern. Das Jntereffe aber, welches sie an dem geweckten und bescheidenen Knaben nahm, veranlaßte sie, die­selbe nicht zu beachten, und sie fuhr unbefangen fort: „Ich will mich nicht m Ihr Vertrauen ein­drängen, Herr Optenholt, ich glaube indessen, daß die zarte Gesundheit des Knaben es nicht rathsam erscheinen läßt, ihn zu einem Landmanne heranzu­bilden. Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, wenn er wieder vollständig zu Kräften gelangt fein wird, mit unserem verehrten Herrn Pastor darüber zu reden, meiner Bereitwilligkeit dürfen Sie stets versichert sein.

Der überraschte Schulte vermochte kaum ein Wort des Dankes zu erwidern und versuchte keine Einwendung mehr, als die Gräfin ihm mittheilte, daß sie bereits Befehl gegeben habe, einen leichten gedeckten Wagen anzuspannen, der ihn mit seinem Pflegebefohlenen zum Hofe bringen werde.

Ein eigenes Gefühl war den Schulte überkom­men, als er sich von der Gräfin verabschiedet hatte; er wußte sich keine Rechenschaft darüber zu geben, was in seinem Innern vorging. Die Erscheinung des Grafen Rinteln, welcher ihm im Vestibüle be­gegnete , weckte ihn unangenehm aus seinen Ge­danken.

Bis dahin war er noch nicht mit demselben zu­sammen getroffen und er fühlte sich daher, unge-