Einzelbild herunterladen
 

M 218.

Montag, den 24. September

1883.

Jfulhdrr

Die rSuIb«r Leitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,6teriie und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserat«: Die vierspaltige Zelle oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Fulda, 24. September.

Zur Dispensfrage bringt die ,Nordd. Allg. Ztg.' folgende Nachricht:

„Nach einem römischen Spezial-Telegramm der ,Schles. Ztg? wird der Bischof von Kulm, Herr von der Marwitz, als Senior der preußischen Bi­schöfe für sämmtliche Diözesen um die Gewährung der Dispense nachsuchen."

Die .Germania' stellt die Richtigkeit dieser Nach­richt in Zweifel. Wir werden abwarten muffen, ob auch in diesem Falle die nichtkatholischen Blätter über katholische Kirchenangelegenheiten wieder besser informirt waren als die katholischen, wie das leider schon so oft der Fall ge­wesen ist.

* (Zur Handwerkerfrage.) Während in den Versammlungen des Düsseldorfer Katholiken­tages zwischen den Delegirten der Handwerker und den katholischen Vertretern im vollsten Maße Friede, Freundschaft und Einigkeit herrschte^ sucht jetzt der Generalsekretär des Westdeutschen und des Allge­meinen Deutschen Handwerkerbundes, Herr Hein­rich Faßhauer, der unseres Wissens nicht in Düsseldorf war, in einer in der ,Köln. Ztg.' ver­öffentlichten Erklärung, seinen Standesgenossen einzureden, daß ihre Delegirten in Düffeldorf „unqualificirbar behandelt" worden seien! Zu einer Wiedergabe des Schriftstückes mangelt uns der Raum. Wir bemerken nur, daß die Darstellung der Vorgänge in Düsseldorf, die Schätzung des Werthes der Resolution, die Angaben über die Stimmung der Delegirten, deren Antrag unver­ändert einstimmig angenommen wurde — Alles so aktenwidrig und tendenziös entstellt ist, daß man aus der Erklärung nur den Wunsch des übrigens protestantischen Herrn Faßhauerer­kennen kann, seine Standesgenossen vom Centrum zu trennen. Aber wohin will er sie führen? In die Arme der ,Köln. Ztg.' und des Liberalis­mus, der jeden Gedanken an eine obligatorische Innung laut oder leise als mittelalterliche Zünft- jerei verlacht? — In Düsseldorf wurde konstatirt,

daß die Wortführer des Centrums und die Ver­treter des Handwerks völlig einig sind in dem Ziele, in der Herstellung einer Innung, welche dem Ideale der Standesgenossen möglichst sich nähert. Diskutirt wurde nur die Frage, wel­cher Weg zu dem Ziele zu wählen sei, ob der Weg einer unvermittelten Dekretirung des Zwanges zum Eintritt oder der Weg der organischen Fortbildung der freien Innungen, deren Privilegien so zu erweitern sind, daß die zur Erfüllung ihres Zweckes nothwendige all­gemeine Betheiligung schon vor Einführung des gesetzlichen Zwanges erreicht wird. Wenn der Abgeordnete Dr. Windthorstsich, bei ununwun­dener Anerkennung des Zieles, für den letzteren Weg aussprach, so bestimmte ihn dazu u. A. auch die Erwägung, daß die Handwerker selbst über das Wesen, die Bedingungen, die Kompe­tenzen der sogenannten „obligatorischen Innungen" unter sich noch nicht soweitklar und einig geworden seien, daß die Gesetzgebung schon jetzt die nöthige Unterlage für die zu formutirenben Paragraphen vorfinde. Aufgabe des Handwerker­standes und seiner verständigen Führer ist es, dieses Fundament der Gesetzgebung zur Stelle zu schaffen. Daß die Centrumspreffe dem Gedanken der obli­gatorischen Innung nicht feindlich gegenübersteht und den Wünschen des Handwerkerstandes nach Kräften Rechnung trägt, kann man täglich aus den Spalten vieler Blätter ersehen. Die von uns ge­brachten, noch nicht abgeschloffenen Artikel über die Jnnuugsfrage, Welche durch die.Rheinisch-hesfische Korrespondenz' in eine sehr beträchtliche Zahl von katholischen Zeitungen übergegangen sind, kommen doch wahrlich den Bestrebungen der Handwerker so weit als möglich entgegen. Und in ähnlichem Sinne spricht sich schon seit Langem die große Mehrheit der katholischen Blätter aus.

* (König Milan von Serbien)wird früher, als er beabsichtigt hatte, Deutschland verlassen und nach Belgrad zurückkehren. Die durch den Ausfall der Wahlen hervorgerufene prefäre Lage macht seine Rückkehr nothwendig.

* (Ischia, — Java — und Schlesien.)

Für Ischia sind in Deutschland ungefähr 600,000 Lire gesammelt worden, und die ,Nordd. Allg. Ztg.' veröffentlicht jetzt einen Aufruf der niederländischen Gesandtschaft für die durch die Katastrophe auf Java Geschädigten. Es ist nur lobend anzuer­kennen, daß man vom Unglück Betroffenen zu Hülfe eilt, mögen sie nun auf einer Insel im Mittelmeer ober Indischen Ozean wohnen, wenn man zunächst ben Unglücklichen in ber Heimath zu Hülfe eilte. Bezüglich ber Beihülfen für bie durch Hochwasser in Schlesien Geschädigten theilt ber Lanbrath des Kreises Landeshut, Graf zu Stolberg, den Gemeinde-Vorständen des genannten Kreises mit, daß von Seiten ber Provinzial-Ver- waltung für bie ganze Provinz nur 300,000 Mk. zur Verfügung gestellt worben feien, „um ben durch Hochwasser Geschädigten nach Maßgabe des Bedürfniffes theils durch ohne Verpflichtung zur Zurückzahlung zu gewährende Unterstützungen, theils durch zinsfreie ober sehr mäßig zu verzinsende Darlehen, deren Rückzahlungs-Modalitäten so wenig drückend wie möglich regulirt werden sollen, zu Hülfe kommen". Dabei wird aber ausdrücklich bemerkt, daß bloße Fruchtbefchüdigungen, bie nur auf ben biesjährigen Ertrag ber Grundstücke Ein­fluß ausüben, nicht berücksichtigt werden können. Wer also seine ganze diesjährige Ernte verloren hat, kann „nicht berücksichtigt werden" und wird auf das Leben „von der Lust" angewiesen. 300,000 Mark für die ganze Provinz! Wohin soll das reichen? Hat ja ber Kreis Ratibor allein viel­leicht so viel eingebüßt. Der nachweisbare Ge- sammtschaden beläuft sich auf 2 Millionen Mark. Wir wollen bie Empfindungen, welche bie Parallele "Ischia - - Java — Schlesien" Hervorrufen muß, nicht weiter ausmalen.

l • (Die Mitglieber ber Handelskam­mer in Saarbrücken) haben, wie der ,Köln. Ztg.' gemeldet wird, ihr Mandat niedergelegt wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Handels­minister Fürsten Bismarck.

* (Der Entwurf des neuen Aktienge­setzes) soll, wie das zuweilen offiziös bediente .Deutsche Tageblatt' erfährt, fertig gestellt sein.

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

„Entschuldigen Sie, Frau Gräfin", sprach der Schulte, mit inniger Befriedigung die Theilnahme wahrnehmend, welche die hohe Dame dem fremden Knaben widmete, „ich bedaure sehr die Ungelegen­heit, die Ihnen durch einen der Meinen bereitet wird. Ich werde den Arzt selbst holen, der alte Herr pflegt sonst eben nicht zu große Eile zu entwickeln."

„Wie Sie wollen, Herr Optenholt, ich bitte aber kein Aufsehen von der kleinen Mühe zu machen. Unser Kutscher trägt die Schuld, daß Ihr Mündel gestern Abend nicht zu Ihnen gekommen ist. Selbst diesem will ich bie Irrfahrt nicht hoch anrechnen, da bas Schneegestöber gar zu schrecklich war. Der arme Knabe würbe vielleicht ben Weg vom schiefen Sreu; zu Ihrem Hofe noch verfehlt haben. Sie sehen, ber liebe Gott fügt Alles zam Besten."

„Wer wollte bie Wahrheit Ihrer Worte nicht anerkennen, verehrte Frau Gräfin? ich hoffe ben Doktor halb zur Stelle zu haben."

„Der Kranke gehört wohl zu Ihrer Familie?"

Das ist nun wohl nicht ber Fall, Frau Gräfin. Enge Fceunbschaftsbanbe machen ben Kranken mir so thener, als ob es mein eigenes Kind wäre."

„Davon war ich überzeugt, als Sie eintraten; so lange er unter meinem Dache weilt, werde ich ^ihre Stelle vertreten."

War der Schulte bei feinem ersten Eintritt in bie Krankenstube durch bie liebevolle Theilnahme ber alten Gräfin auf das angenehmste überrascht worden, so begann die Abneigung, die er bis da­hin gegen die Schloßbewohner überhaupt gehegt hatte, ernstlich zu wanken, als er mit dem Arzte zurückkehrte.

An Stelle der Großtante saß Hedwig am Lager des Kranken und reichte ihm etwas zu trinken. Beim Eintritt der beiden Fremden richtete Felix sein Enge auf dieselben. Einen Augenblick haftete es auf dem Schulte und eine jähe Röche flammte über das bleiche Gesicht.

„Onkel Optenholt," rief er in Thränen aus- brechend und streckte ihm feine Arme entgegen.

„Mein lieber Felix," sprach tiefbewegt der Land- mann und drückte das arme Kind an fein Herz.

Auf den kleinen Doktor schien bie Szene bes Wiedersehens keine Einwirkung auszuüben. Mecha­nisch klopfte er auf ben Deckel feiner silbernen Ta­baksdose und nahm graziös eine Prise.

Die muntere Hedwig, welche sich beim Eintritt bei Fremben zurückzog, mußte sich gestehen, baß ber berbe Hofbesitzer ihr doch viel beffer gefalle, als der kleine spitznasige Doktor.

Befriedigt verließ der Schulte mit seinem Ge­fährten das Schloß, da Letzterer ihm die Versiche­rung gegeben hatte, daß der Kranke bei der sorg­samen Pflege, die ihm zu Theil werde, in wenigen Tagen soweit hergestellt sein würde, daß er ihn

nach dem Hofe überführen könne. Es scheine ihm, bemerke er, daß der Bursche wohl schlechte Pflege genossen haben müsse, da andernfalls die Erkältung wohl nicht f o hefttge Folgen herbeigeführt haben würde.

Der Schulte fand für gut, auf diese Bemerkung nichts zu erwidern und machte ihm den Vorschlag, ihn zum Hofe zu begleiten.

Die Einladung wurde von dem Heilkünstler nach einigem Widerstreben angenommen, da er aus Er­fahrung wußte, daß die Küche und der Keller feines Begleiters gut bestellt fei und dieser heute gewiß ein Glas seines Besten vorsetzen würde.

Obgleich die Genesung des Knaben nicht so rasche Fortschritte machte, als der Schulte nach den Aenße- rungen des Arztes gehofft hatte, so machte er doch bei jedem Besuche die erfreuliche Wahrnehmung, daß der Zustand des Kranken beffer wurde. Er konnte nicht verkennen, daß die wirklich sorgsame Pflege, welche bie Gräfin bem Kranken zuwenden ließ, von ebenso großem Einfluß sei, als bie vom Arzte verordneten Arzneien. Besonders wohlthuend für ihn war bie Gewißheit, daß bie Gräfin nicht bloß Befehl gegeben hatte, Alles zur Pflege Noth­wendige zu veranlassen, sondern sich selbst auch fortwährend an derselben persönlich beteiligte. — Er begann bereits sich Vorwürfe zu machen, daß er bis dahin eine nachtheilige Meinung über die Dame gehegt batte, und erwog ernstlich, auf welche Weise er wohl seine Dankbarkeit beweisen könnte.

Der Kranke hatte bereits feit mehreren Tagen