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M 215. Donnerstag, den 20. September 1883

Fuldaer SB Jeitung.

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Deutsches Reich.

Fulda, 20. September.

Heber die Abreise Schlözers nach Rom bringt die .Nordd. Allg. Ztg.' unter der direkt auf die Information des Fürsten Bismarck hinweisenden Spitzmarke „Aus Gastein" folgende Notiz: „Nach einer Reproduktion der Wiener .Neuen Freien Presse' ist die .National-Zeitung' beunruhigt über die Eile, mit welcher Herr v. Schlözer nach Rom zrlrückgekehrt fei, und nimmt an, daß der königliche Gesandte selbst auf eine so schnelle Rückreise nicht vorbereitet gewesen sei. Die .Rational-Zeitung' ist schlecht unterrichtet; die Reise hat ohne jeden Anflug von Eile statt­gefunden, einfach aus dem Grunde, weil der Urlaub, den Herr v. Schlözer genommen, ab­gelaufen war. Derselbe hatte hiervon den Reichskanzler benachrichtigt und damit die Anfrage verbunden, ob derselbe ihn bei Gelegenheit seiner Rückreise zu sprechen wünsche, in welchem Falle er seinen Weg über Gastein nehmen werde. Die Anfrage wurde, wie es in solchen Fällen üblich ist und schon die dienstliche Höflichkeit es mit sich bringt, bejaht und in Folge dieses kleinen Um­wegs die Rückkehr des Herrn v. Schlözer nach Rom nicht beschleunigt, sondern um 24 Stunden verzögert."

Ob nicht doch „zufällig" etwas Wichtiges verhan­delt worden ist, darüber schweigt die Quelle Pindters. Daß die kurze Notiz die „Beunru higung" der iulturkämpferischen ,Rat.-Zeitung' über die Reise Schlözer's mit einem gewissen Hohne behandelt, kann nicht Wunder nehmen. Es ist auch gar zu lächerlich, wie die Herren Kulturkämpfer gleich in nervöse Zuckungen verfallen, sobald nur der leiseste Schimmer einer weiteren Verständigung zwischen Rom und Berlin zu dämmern scheint. Verschie­dene Blätter glauben übrigens auch jetzt noch trotz oder vielleicht gerade wegen der bekannten heftigen Dementis der .Nordd. Allgem. Ztg.' daß Kardinal Howard in Kissingen mit Bismarck Vater oder Sohn auch über andere wichtigere Dinge, als über das Wetter verhandelt hat. Die,Nord-

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

Es war am Morgen des Tages, als dem Schulte gemeldet wurde, i>aß ein Bursche vom Schlosse ihn sprechen wünsche. Er schaute verwundert auf, da er sich nicht erklären konnte, was die Gräfin veranlassen könnte, zu ihm zu schicken. Als der Äte ihm nun mittheilte, daß der alte Franz es -ü, der ihn beauftragt habe, klärte sich das ernste Msicht etwas auf. — Staunend hörte er den Be­richt über die Ereignisse des vergangenen Abends, wie der Kutscher den rechten Weg verfehlt habe und der Knabe mit zum Schlosse gekommen sei. Der- 'elbe sei aber, wahrscheinlich in Folge der ausge- Ilandenen Kälte, an diesem Morgen so krank, daß er_böS Sager nidjt verlassen könne. Der alte Franz wisse nun sich nicht zu rathen, schloß der Bote; er habe der Gräfin von dem Unfälle Mittheilung gemacht, ihn aber beauftragt, dem Herrn Opten- yolt hierüber Nachricht und den Brief zu überbrin­gen, den der kranke Knabe für ihn bei sich geführt habe.

«eußerlich ruhig hörte der Schulte den Boten on und durchflog das Schreiben.

„Sagt dem Franz meinen Dank, Johann, und atz ich recht bald Euch folgen werde. Meine Frau

^"4 ein Frühstück vorsetzen."

Als der Bursche das Zimmer verlassen hatte, "urchlas er noch einmal das Schreiben. „Also so," brach er vor sich hin, „hält der Erbe von Wester­

deutsche' darf sich übrigens nicht beklagen, wenn man ihr nicht viel mehr glaubt, sie macht dem beschränkten Unterthanenverstande auch ost sonder­bare Zumuthungen. Uebrigeus soll es uns höchst gleichgültig sein, ob Howard mit Bismarck verhan­delt hat oder nicht, ob Schlözer plötzlich unvorbe­reitet oder sogar 24 Stunden zu spät abgereift ist, wenn nur bald die Verhandlungen mit Rom und die kirchlichen Friedensaussichten einen plötzlichen, wenn auch späten Fortgang nehmen.

* (Zur Lösung der Dispensfrage.) Die Kulturkämpfer müssen ein kurzes Gedächtuiß haben, wenn sie die Erlaubniß der Dispensgesuche als die „erste thatsächliche Konzession" des hl. Stuhles bezeichnen. War nicht schon, so fragt die,©ernt', die Erlaubniß zur Wahl von Bischöfen mit ge­bundenen Händen eine um so größere Konzession, als der hl. Stuhl dabei den Wünschen der Re­gierung in Betreff der Personenfrage nach Mög­lichkeit entgegenkam? Ganz aus eigener Initiative offerirte ferner Leo XIII. der Regierung schon vor Jahren die begrenzte Anzeigepflicht. Wenn Preußen noch nicht in den Besitz dieser Konzession gelangt ist, so rührt das lediglich von dem plötz­lichen Abbruche der Wiener Verhandlungen her, welcher Vorgang sich dieses Jahr nochmals, wahrlich nicht zum Vortheile des kirchlichen Friedens, wieder­holte. Sind offiziöse Blätter gut unterrichtet, so erkennt die Regierung auch das Entgegenkommen Roms in der Dispensfrage in höherem Maße an, als das seitens der kulturkämsferischen Presse geschieht. Die eilige Rückkehr Herrn v. Schlözer's wird mit der nach Berlin gelangten Meldung von der neuen Konzession des h. Stuhles in Verbindung gebracht. Herr v. Schlözer hatte bald nach sei­ner Rückkehr eine zweistündige Besprechung mit dem Kardinal-Staatssekretär und dürfte demnächst auch vom Papste empfangen werden. Auf welche Gegenstände die Besprechung Herr v. Schlözer's und des Kardinals Jakobini sich bezieht, darüber bestehen bisher nur Vermuthungen. Mit der blo­ßen Regelung der Dispensfrage kann das kirch­liche Nothgesetz noch nicht für alle Diözesen Preu­ßens und auch noch nicht für alle anstellungsfähigen

berg feinen Einzug in das Schloß feiner Väter; arm, elend und krank — ein Bettler, verlassen von Allen. — Ich habe ihn mir anders gedacht! Seltsames Spiel des Schicksal«; ist es ein Finger­zeig, den der Himmel gibt? — O die Weiber, die Weiber! Wie selten kommt etwas Vernünftiges zu Tage, wo sie allein das Regiment haben. Zuerst der Leichtsinn und dann die überspannten Ideen haben all' das Elend herbeigeführt. — Hätte ich doch nicht auf das Gerede der Frau Wisting geach­tet; ich fürchte, daß das Elend größer war, als ich ahnen konnte."

Mit dieser Vermuthung hatte der Schulte das Richtige getroffen.

Schwere Schicksale hatten die Familie Ulrich seit jener Zeit heimgesucht, wo er sich an dem Glücke der guten Menschen so erfreut hatte. Otto hatte sein kleines Vermögen, welches er aus der Hinter­lassenschaft seiner Mutter besaß, bei einem Kauf­mann seiner Heimath angelegt. Derselbe genoß all­gemeines Vertrauen und Manche hatten ihre kleinen Ersparnisse ihm anvertraut. Durch einen Jugend­freund erhielt Otto die Nachricht von dem seit einiger Zeit aufgetauchten Gerücht, daß die Ver­mögensverhältnisse des für so reich gehaltenen Man­nes zerrüttet seien. Er erwirkte sich schleunigst Ur­laub und eilte der Heimath zu. Leider kam er zu spät. Der Schurke war wenige Tage vor seiner Ankunft entflohen, nachdem er alles Werthvolle in Sicherheit gebracht hatte.

Priester in Kraft treten. Man verinuthet deshalb, daß es sich zunächst um die Lösung der Frage handelt, wie die Dispensangelegenheit und die An­stellung von neuen Kräften in denjenigen Diözesen geregelt werden soll, deren Oberhirten vom Staate nicht mehr anerkannt werden. —

* (DieRededesKronprinzenzu Witt en­de r g) gibt den liberalen Protestanten noch immer Stoff zu lauten Jubelartikeln. Sie erblicken in der Rede des Kronprinzen „das offene Bekenntniß zu der freisinnigen Richtung in der protestantischen Kirche" und „eine vernichtende Kritik der Theorie des Herrn v. Goßler, wonach der freisinnige Geist­liche denken darf, was er will, aber predigen muß, was das Konsistorium denkt." Man legt der Rede aber um so größere Bedeutung bei, weil der Thronfolger zum ersten Male seit zwanzig Jahren ans der Zurückhaltung, welche er sich be­treffs der öffentlichen Angelegenheiten auferlegt, bei einem offiziellen Anlaß hervorgetreten ist. Man will sogar verbürgt roiffen, der plötzliche Ent­schluß der liberalen Prediger, an dem Wittenberger Fest theilzunehmen, stehe im Zusammenhänge mit dem Auftreten de- Kronprinzen. Ist die kron- prinzliche Rede aber wirklich ein kirchenpolitisches Programm, dann hat sie auch eine weiter- gehende Bedeutung und namentlich würde der Passus, in welchem der Thronerbe die „Ge­wissensfreiheit und Duldung" proklamirte, sich auch auf die katholische Bevölkerung des preu­ßischen Staates und des deutschen Iteiches be­ziehen. Der Kronprinz soll demnächst ja der Landesvater aller seiner Untertanen werden, und darum gilt feine Parole, „Gewissensfreiheit und Duldung" auch dem katholischen Theile der Be­völkerung.

* (Eine liberale Entdeckung.) Ein libe­rales Blatt hat die köstliche Entdeckung gemacht, daß der „großartige" (?) Verlauf des Lutherfestes auf das Entgegenkommen des hl. Stuhles bestim­mend eingewirkt habx. (Wer lacht da?) Wir haben Grund zu det Annahme, daß man von dem bisherigen Verlauf des Lut Herjahres im pro­testantischen Lager sehr wenig erbaut ist. Uns

Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf diese Nachricht den Betrogenen. Ties betrübt kniete er noch einmal auf dem Hügel, der das Theuerste barg, was er noch in der Heimath besaß. Einige Blümchen, womit der pietätvolle Sinn der alten Nachbarn noch immer die Grabstätte schmückte, jetzt das einzige Erbtheil seiner Heimgegangenen Mut­ter, barg er in seiner Brieftasche und trat nieder­geschlagen seine Heimreise an.

Der Verlust des kleinen, für ihn aber so bedeu­tenden Kapitals vermochte indessen nicht lange den frischen Muth des jungen Mannes nieberjubeugen. Der Gedanke an sein theures Weib und seine lieben Kinder, durch deren Besitz er so glücklich war, ver­scheuchte bald die traurigen Empfindungen, die fein Herz beim Antritt der Heimreise bedrückten. Er hatte Mainz erreicht und blickte beglückt aus den von der untergehenden Sonne beleuchteten Strom, der ihn am andern Tage den Seinen zuführen würde. Liebliche Bilder umgaukelten seine Sinne, als er fein Auge zur Ruhe schloß.

Als der Knecht des bescheidenen Wirthshauses, in welchem er Einkehr gehalten, am frühen Mor­gen in das Zimmer des Gastes trat, ihn nach er­haltenem Auftrage zu wecken, fand er denselben in den surchtbarsten Krämpfen liegen. Der schleunigst herbeigerufene Arzt erkannte sofort, daß der Un­glückliche von jener furchtbaren Krankheit befallen war, die in dem damaligen Dezennium zuerst in Deutschland anftrat. Bevor der Abend seine Schat-