Jt». 213. Dienstag, den 18. September 1888.
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leise die Thür. D(v
Zwangsinnungen bisher noch mit keiner Silbe über die praktische Einzelausführung des schönen Schlagwortes sich geäußert haben.
Halte man daher immerhin als erstrebenswerthes Zukunftsziel die „obligatorische Innung" im Auge und bestrebe sich zunächst, durch Ausbildung und Vervollkommnung der heutigen fakultiven Innungen Schritt für Schritt den Weg zur Zwangsinnung in einer den wohlthätigen Errungenschaften der Neuzeit angemessenen Form zu ebnen.
Welche Marschroute auf dem Wege von der freien Innung zur Zwangsinnung zunächst einzuschlagen sein wird, wollen wir in einem Schlußartikel dar- zuthun versuchen. Zunächst bleiben uns zur Frage der Zwangsinnung noch einige Gedanken zu erörtern. Diejenigen, welche mit großem Pathos ihre Stimme erheben gegen jeden Zwang in gewerblichen und Standesangelegenheiten, welche solche Zmangsinstitute der modernen Lebensaus- saffuug für unwürdig halten, seien daran erinnert, daß es bereits heute Standeszusammenfassungen gibt, bei denen der Zwang eine Rolle spielt und die mit ihren nicht unwichtigen Zwecken und Befugniffen dennoch ganz ungefährlich sind. Solche sind z. B. — die bezirksweise Zusammenfassung der Kaufleute zur Wahl von „Handelskammern" mit der Pflicht obligatorischer Beitragszahlung , oder die Zusammenfassung von Rechtsanwälten zur Wahl eines Ehrenraths mit verbindlicher Disciplinargewalt. Es kann daher gar nicht fraglich sein, daß in ähnlicher Weise auch die Handwerker unbedenklich obligatorisch geeint werden könnten zur Wahl von „Gewerbegerichten" mit staatlich geltender richterlicher Gewalt, oder zur Wahl von „Handwerkskammern" mit ähnlichen Pflichten und Rechten, wie die bestehenden Handelskammern, oder auch für ein obligatorisches Arbeiterversicherungswesen (z. B. für Kranken-, Unfallkaffen) u. bergt, mehr.
Das Wesentliche ist zunächst, daß gegenüber den Schulze-Delitz'schen und ähnlichen Genossenschaften, welche den Mitgliedern nur materielle Mittel ver- chaffen und nur den individuellen Nutzender Mitglieder zur Ausgabe haben, Vereinigungen ge-
„Horch' einmal," fuhr der Kutscher nach einiger Zeit fort, „war das nicht Hundegebell? Auch glaube ich einige Male durch das Schneegestöber hindurch da» Aufflackern eines Lichtes bemerkt zu haben."
Wirklich ■ tauchten nach kurzer Zeit in dichter Nähe die Umrisse eines jener hochgiebeligen Bauernhäuser auf.
„Wir muffen zu erfahren suchen, wo wir uns befinden," sprach Franz und schwang sich vom Bock, als der Wagen an dem großen Einfahrtsthor still stand.
Auf das Pochen des Dieners erwachten nicht allein die vierbeinigen Wächter des Hofes, sondern auch der Graf, welcher bei der Fahrt eingeschlummert war.
" „Vorwärts, vorwärts," rief derselbe, glaubend, daß man sich am schiefen Kreuz befände, wo Franz den Knaben absetzen wollte.
„Am Lütlringerhof, Herr Graf."
„Sollte man eine solche Dummheit für möglich halten? Nun fort, daß wir nach Hause kormnen."
Nach Verlauf einer Viertelstunde bog der Wagen in eine Allee hoher Buchen ein, rollte über den Vorhof und hielt wenige Minuten nachhe<afi der Rampe der hellerleuchteten Steintreppe, welche in die Vorhalle detz Schlaffes führte.
„Willkommen in Westerberg, liebe Hddwig.L rief ein Jüngling von ungefähr 16 Jahren, indem er galant der Ankommenden die Hand zum Aussteigen reichte; „nun wird es nicht mehr so einsam in den alten Räumen sein," fügte er leffe hinzu und wandte sich dann ehrerbietig zu dem Grafen: „Theip' rer Vater, ich freue mich sehr, Sie wohl zurückkehren zu sehen." '
„Ich zweifle Iüran nicht,"- erwiderte dieser, ihm die Hand reiMnd, „doch bin'ich überzeugt, daß die Ankunft Hedwigs Dir größere Müde bereitet. Wie befindet^sch die Gräfin?" *
„Sie war etwas leidend, doch befindet sie sich jetzt wieder recht wchl. Da Sie uns von Ihrer Ankunft unterrichtet hatten, so hat sie sich noch nicht aus ihre Zimmer begeben und erwartet Sie im Salon."
schaffen werden, welche — im Geiste der alten Innungen in ihrer Blüthezeit — den Gemeingeist des Handwerkerstandes, das gemeinsame Eintreten und Sorgen für Wohl und Ehre des Handwerks als solchen und des einzelnen Handwerksgenossen unterhalten und befördern.
Bevor wir dazu übergehen, die allernächsten erreichbaren Ziele der Jnnungsbestrebungen näher zu beleuchten, sei noch auf zwei sehr wichtige Momente hingewiesen, Über welche schon viel diskutirt worden ist, und bie‘ für die ganze Frage von grundlegender Bedeutung sind. Die Handwerker fordern zur Erhaltung und Entwickelung des Handwerks eine erneuerte Abgrenzung gegen die Großindustrie. Es fragt sich aber zunächst, in welcher Weise man Handwerk und Großindustrie unterscheiden will, und welchen Zweck man bei dieser Unterscheidung verfolgt. Will man sich einen allmählichen Uebergang zur obligatorischen Innung zum Ziele fetzen, so ist die erste Frage, welche Personen man zur Theilnahme an der Innung verpflichten will. Heute gibt es keine äußerlich erkennbare Unterscheidung zwischen Handwerkern und Fabrikanten, weil eben das Handwerk vielfach mit Hülfe von Maschinen oder gradezu fabrikmäßig betrieben wird. Um eine Klassifizirung der Handwerker und Fabrikanten zu ermöglichen, hat man die verschiedensten Vorschläge gemacht. Wollte man das Handwerk bloß unterscheiden als das „Kleingewerbe" vom „Großgewerbe", etwa nach der Zahl der von dem Gewerbe-Inhaber beschäftigten Gesellen, so wäre das eine sehr oberflächliche zweckwidrige Unterscheidung. Aeußerst bedenklich ist auch die Forderung , dem Handwerke bestimmte Gattungen der Gewerbserzeugnisse zuzuweisen. Bekanntlich wird das Gewerbe des Schneiders und Schuhmachers heute ebensowohl wie das des Webers und Gerbers sowohl fabrikmäßig wie handwerksmäßig betrieben, und von diesen Gewerben werden die fabrikmäßig betriebenen kaum in die Innung und ihre Zwecke hineinpaffen. Dies Bedenken führt uns zu dem von vielen extremen Jnnungsfreunden geäußerten Verlangen, bei ge-
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
®m leichter Schlag mit der Peitsche trieb die Aoffe zu größerer Eile. — Wiederum verging eine Plertelstunde. Aus einem am Wege liegenden Gin- llsrhügel ragten einige verkrüppelte Birken hervor, 8,e. Hre vom Winde gepeischten dünnen Reiser hin und her warfen.
."Ziehst Du, Friedrich," rief Franz erschrocken ote Birken zeigend, „daß ich leider Recht habe. m8 Jum Wolsshaag haben wir keinen Baum am was ist nun zu thun?"
„Aber vorn schiefen Kreuz aus manche. Wir t r8en darüber hinausgefahren sein, ohne es zu achten; hätten wir nur nicht den verwünschten jungen bei uns.
machen wir nun?"
wir machen? Suchen auf den rechten # J Zu kommen; die Pferde werden unruhig. Halte cm; 8| ro*r si"d auf Neuerungen gefahren." te*tMarbe wahrhaftig, daß Du Unglücksvogel .t/ brummte Friedrich und bog nach rechts schärfsten Trabe antreibend, firnX H"umel möge uns gnädig fein," fuhr er jx1' "Menn der Graf den Jrrthum entdeckt. Glück- SSl schämen sie drinnen zu schlafen, sonst f) ' •einise Sch^ Donnerwetter über uns
„Halten zu Gnaden, Herr Graf," erwiderte Friedrich kleinlaut; „wir sind durch den schrecklichen Schneesturm vom Wege abgekommen, und Franz erkundigt sich, wo wir uns befinden."
„Da soll doch das Wetter drein fahren," polterte der Gras. „Hast Du Schlingel geschlafen oder wieder zu viel der Flasche zugesprochen?"
„Bitte zu verzeihen, Herr Graf, das Schneeae- stöber ist so stark, daß man keine Hand vor irei Augen sehen kann."
„Wo sind wir denn?" wandte sich der Graf an den eben zurückkehrenden Franz.
O Die Lösung der Handwerkerfrage durch die obligatorischen Innungen.
II.
Es gibt heutzutage eine große Zahl von Handwerkern, die sich hinter dem Biertisch für obligatorische Innungen begeistern und selbst in öffentlichen Versammlungen für die Einführung solcher Innungen ihre Stimme in die Wagschale werfen — ohne daß sie sich klar darüber sind, wie eine solche Innung beschaffen sein und wie sie sich unter den modernen Lebensverhältniffen halten soll. Wie wir bereits im ersten Artikel erklärten, stehen wir im Prinzip einer den heutigen Verhältnissen angepaßten Zwangsinnung sympathisch gegenüber; es fragt sich aber, ob sich dieses Prinzip sofort in die Praxis übersetzen läßt. Und darauf lautet die Antwort unbedingt: Nein! Zunächst müssen solche Organisationen, von denen man die Wiedergeburt und das Aufblühen des gefammten Kleingewerbes erhofft, aus der Praxis und Uebung des Volkes herauswachsen, sich langsam weiter entwickeln. Es geht nicht an, mit einigen Gesetzesparagraphen und mit Hülfe des Polizeistockes den ganzen deutschen Handwerkerstand in eine korporative Vereinigung zu zwingen, deren Grundsätze und gesammte Verfassung den Meisten neu und fremd, Niemanden aber durch Gewohnheit und Uebung so in Fleisch und Blut übergegangen sind, wie man es von einem Institut erwarten muß, welches fördernd und regenerirend auf alle Lebensverhältniffe fast des gefammten Mittelstandes einwirken soll. Wir behaupten geradezu, daß heute noch Niemand sagen kann, wie sich die auch von uns angestrebte allmähliche Umwandlung, der Uebergang der fakul- iativen zur obligatorischen, zur Zwangs-Innung im Einzelnen gestalten wird, wie die Erfahrung und die Praxis sich mit den Formen und Einrichtungen abfinden wird, welche von einigen verständigen Handwerkerfreunden bereits aus bester Absicht in Vorschlag gebracht worden sind. — Dabei sei bei» läufig bemerkt, daß eine große Zahl nicht nur von Handwerkern, sondern auch von Agitatoren und Führern in ihren begeisterten Reden für die
Die junge Dame durcheilte rasch den Korridor, warf im Vorzimmer Mz und Hut ab und öffnete leise die Thür. Das mit alterthümlicheu Möbeln ausgestattete Zimmer wurde mehr durch das Holz- feuer des Kamins, als durch bas Licht ber über