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Die Lösung der Handwerkerfrage durch die obligatorischen Innungen.

I.

Der offenkundige Niedergang des deutschen Volks­wohlstandes nach den goldenen Jahren der Milli­arden- und Gründeraera brachte die große Mehr­heit des deutschen Volkes schon bald zu der Ueber- zeugung, daß die tiefsten Ursachen dieses jäh hereinbrechenden Nothstandes nicht in äußeren Ein­wirkungen, sondern in den die ganze Zeit beherr­schenden und charakterisirenden „liberalen" Wirth- schaftsprinzipien zu suchen seien. Deutschland hatte nach seiner ruhmvollen Neugestaltung nichts Eif­rigeres zu thun gehabt, als seine wirthschaftlichen Verhältnisse in großartigstem Stile nach dem Muster solcher Staaten umzugestalten, deren Volks- reichthum und deren Handelsbeziehungen und in­dustrielle Größe der sozialen Entwickelung eine ganz andere Unterlage gaben, als Deutschland sie trotz des Milliardensegens auf die Dauer bieten konnte. Das Handwerk und Kleingewerbe, sowie die Landwirthschaft, welche schon lange die Stief­kinder und Aschenbrödel des modernen Staates gewesen waren, sanken nun immer tiefer in ihrer Bedeutung, indem das Kapital im Dienste der Großindustrie jede kleinere und minder bedeutende Konkurrenz zu ersticken bestrebt war. Während das rapide ungesunde Umsichgreifen der Großin­dustrie, ihre Einmischung in jegliches Gewerbe einerseits einen großen Theil der kleinen Gewerbe­treibenden und Handwerker brotlos machte und sie dadurch indirekt zwang, in den mechanischen Dienst der Großindustrie zu treten, ihre Selbstständigkeit aufzu­geben , brachte andererseits die unwiderstehliche Konkurrenz das Gros der noch lebensfähigen Hand­werker und kleinen Gewerbetreibenden dahin, ihren Betrieb und ihr Gewerbe in etwa den Forder­ungen der Zeit anzupassen und das Hauptgewicht auf eine billige Massenproduktion zu legen, wobei natürlich die Qualität der Waare gar nicht in Betracht genommen werden konnte. Und so kamen auch die deutschen Handwerker mit wenigen Aus­nahmen zu der praktischen Anwendung des unserer

Großindustrie zeitweilig zur Schande nachgesagten Grundsatzes „billig und schlecht". Die na­mentlich mit der Gründer-und Bauperiode in direktem Zusammenhang stehende Zunahme der öffentlichen Submissionen und Vergantungen großer Arbeits­lieferungen hat in zahlreichen Fällen den traurig­sten Beleg für den dem Handwerk immer mehr schwindenden soliden Boden und Grund geliefert. Zu ungeheuerlichen Spottpreisen wurden Aufträge angenommen, und wenn die Qualität gelieferter Maaren und Materialien weit hinter der Verein­barung zurückblieb, so konnte das nicht einmal als ein eigentlicher Betrug gelten, weil der Auf­traggeber in den allermeisten Fällen sich sehr klar bewußt war, daß die Lieferung solider Arbeit bei solchen Preisen einfach eine Unmöglichkeit war. Das trübe Bild des deutschen „Gewerbfleißes" in den 70er Jahren ließe sich noch weit drastischer und eingehender ausmalen, wir wollen es aber bei diesen Andeutungen bewenden laffen.

Mag man über den Werth des Kapitals für den heutigen Staat und für die Entwickelung der Großindustrie denken, wie man will, den Grund­satz darf man nicht preisgeben, daß ein solider, existenzfähiger und wohlhabender Mit­telstand die Grundlage eines jeden gut regierten Staates sein und bleiben muß. So lange aber das Handwerk, das Kleingewerbe und die Land­wirthschaft, die Hauptträger eines gesunden, bür­gerlichen Mittelstandes, so fchr darniederliegen, wie leider trotz der kleinen nicht zu verkennenden Befferung in Deutschland heute noch, so lange ge­hört der Grundsatz vom soliden Mittelstand in das Reich der schönen Träume und Wünsche.

Nachdem die volkswirthschaftliche Reaktion durch die Wiedereinführung des Schutzzoll-Systems den Schutz der nationalen Arbeit und der nationalen Produktion vor der Konkurrenz des Auslandes zu sichern begonnen hatte, traten auch sofort Stimmen auf, welche in gleicher Weise den Schutz der nationalen Arbeit vor der inländischen Großindustrie und vor dem allmächtigen Kapital des In- und Auslan­des forderten. Zwar war in den Schulze-Delitz'-

schen Genoffenschaften schon lange vorher ein ge' wisses Gegengewicht gegen den feindlichen Andrang des Großkapitals gesucht und auch hier und dort mit einem gewissen Erfolg gefunden worden. Jedoch halfen diese Vorschuß- und Kreditvereine, die Hülfs- und Unterstützungskassen nur einigen wenigen, sie förderten nur das Geschäftsinteresse, den Vertrieb ihrer einzelnen Genoffenschaften, oft sogar zum evidenten Nachtheil der der Genossenschaft nicht angehörenden Gewerbegenossen. Dem Hand­werk und Gewerbe als Ganzem haben sie nichts genützt; sie hatten nicht die Kraft, dem zurückge­kommenen, verarmten Meister wieder zu selbststän­diger Werkthätigkeit in eigener Werkstatt zu verhelfen.

Auch die bestehenden Gewerbevereine und auf Grund der Gewerbeordnung eingerichteten soge­nannten Innungen waren nicht im Stande, dem Mittelstände wieder zu seiner alten Bkdeutung zu verhelfen, die Kalamitäten einer nicht nur von politischem, sondern auch von wirthschaftlichem Größenwahn befangenen Zeit zu heben oder auch nur zu lindern. Da konnten bei der gesetzlichen Organisation des liberalen Freizügigkeits- und Gewerbefreiheitssystems, bei der sozusagen offiziell anerkannten Oberherrschaft des Kapitals nur ge­setzliche Mittel und Maßregeln, da konnte nur eine Umkehr der Gesetzgebung zu dem verlassenen Standpunkte des Schutzes der nationalen Arbeit und des Handwerks und Kleingewerbes heilend eintreten.

Diejenigen, welche es wohl mit dem Volke mein­ten, richteten sofort ihr Augenmerk auf die Zeit der deutschen Volksgeschichte, wo der Mittelstand, der deutsche Bürgerstand auf der höchsten Stufe des Ansehens und der Bedeutung und Wohlhaben­heit stand, auf die Periode des Zunft- und In« nungswesens und suchten darin ihre Vorbilder. Wenn das Studium jener schönen Zeiten, wo das Handwerk im wahren Sinne des Wortes seinen Meister ehrte und reichlich lohnte, wo es noch einen goldenen Boden hatte, manche Volksfreunde und auch Handwerker zu der Idee gebracht hat, die alten Innungen und Zünfte wieder in ihrenalleu ihren Konsequenzen, ja noch mit wesentlichen Verschärfungen, auf«

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

Während die Herrschaften sich in das bescheidene Wartezimmer begaben, trat der Portier zu den beiden Dienern, welche mit Unterbringung der Bagage beschäftigt waren. „Höre, Franz, Du kannst diesen Abend ein gutes Werk vollbringen.

Mit dem Zuge ist ein armer Junge angekom- rnen, der zu dem alten Derick will; er würde bei diesem Wetter Gefahr laufen, sich auf der Haide M verirren. Nehmt das arme Kind mit und setzt es am schiefen Kreuz ab, da kann es jck den Hof nicht mehr verfehlen."

„Das geht nicht," erwiderte Franz; „wir sind »u zwei auf dem Bock, wo sollen wir den Jungen Merbringen; auch müßte ich die Erlaubniß des Grafen einholen, was ich nicht gerne thue, da es scheint, daß er wieder eine seiner bösen Stunden von der Reise mitgebracht hat. Er hat noch kein Wort ?lt mir geredet. Was will der Knabe noch am Späten Abend auf dem Hofe?"

. „Ich habe kaum ein paar Worte mit ihm ge­brochen; er sagte, daß er ein Anverwandter der Familie sei."

.. „Ein Anverwandter des Hofbauern, und sieht ärmlich aus; wer sollte das sein?"

m "Franz," rief der Kutscher, der außerhalb der Karriere bei dem Wagen stand, „melde, daß Alles ?ur Abfahrt bereit ist."

Franz begab sich schleunigst zum Wartezimmer.

„Dem Herrn Grafen gehorsamst zu melden, daß der Wagen zur Abfahrt bereit steht."

„Gut," erwiderte dieser sich erhebend. „Laß uns aufbrechen, Hedwig."

„Würden der Herr Graf erlauben," fuhr der Alte schüchtern fort, „daß wir einen Knaben, der noch diesen Abend zu Schulte Optenholt muß, zu uns auf den Bock nehmen? Er könnte bei dem Schneegestöber Gefahr laufen, sich auf der Haide zu verirren."

„Was soll das!" erwiderte der Graf kurz. „Wenn der Bauer bei diesem Wetter Burschen ausschickt, so lasse er auch Sorge tragen, daß sie bei Tage heimkehren können."

„Aber, bester Onkel," wandte bittend das Fräu­lein ein, „wenn der Knabe sich nun verirrte und in der Haide elend zu Grunde ginge?"

„Trüge ich die Schuld? Nun meinetwegen und vorwärts, daß wir nach Hause kommen."

Der Hufschlag der im scharfen Trabe dahineilen­den Pferde und das Rollen des Wagens war auf der schneebedeckten Haide kaum vernehmbar. Der Kutscher hüllte sich dicht in den weiten Mantel, um sich gegen das immer stärker werdende Schnee­gestöber zu schützen und überließ mehr dem Instinkt der Thiere als seiner Führung die Leitung des Wagens. Franz hatte den Knaben zu seinen Füßen gesetzt und mitleidig seinen Mantel um denselben geschlagen, ihn gegen den pfeifenden Sturm zu

schützen. Der immer zunehmende Schneesturm ge­stattete keine Unterhaltung. Nur ab und zu warf der Kutscher einen Blick auf die von dem wirbeln­den Schnee und den ihren Nüstern entströmenden Dampfwolkest eingehüllten Pferde.

„Ein wahres Hundewetter," brummte der Kut­scher unter seinem Pelzkragen, nachdem die Pferde wohl eine halbe Stunde im scharfen Trabe vor­wärts geeilt waren; „man kann keine Hand vor den Augen sehen; wir müßten doch bereits am Wolfs- Haag sein."

„Es ist mir auch schon aufgefallen, daß wir noch nichts davon gesehen haben," erwiderte Franz; „wenn wir nur nicht die Straße nach links einge­schlagen haben."

„Narr," entgegnete Friedrich verdrießlich, „wie kannst Du Dir so etwas träumen; die Pferde ken­nen den Weg besser als Du und ich."

„Ich gebe das gerne zu; wir sind aber länger als eine halbe Stunde unterwegs und noch sind wir nicht am schiefen Kreuz. Trotz Dunkelheit und Schneegestöber würden wir dieses gesehen haben."

„Ja, wenn man die Augen offen halten könnte; Du wirst die Deinen wohl anstrengen, um den Bettelbuben dort abzusetzen."

„Schäme Dich, Friedrich! Es ist gut, daß der Knabe eingeschlafen ist und Deine rohe Aeußerung nicht hört."

„Ah bah! was geht uns der Junge an; der konnte nachher mit dem Bernd gehen, wo er ohne-