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Beiblatt zu Nr. 211 der .Fuldaer Zeitung'.

Sonnabend, den 15. September 1883.

Eneykliea des heil. Balers Leo XIII.

an alle Patriarchen, Primaten, Erz­bischöfe und Bischöfe der kathol. Welt.

Den ehrwürdigen Brüdern Gruß und Aposto­lischen Segen.

Unser höchstes Apostolisches Amt und die schwie­rigen Verhältniffe der gegenwärtigen Zeiten ermah­nen und nöthigen Uns fast täglich immer mehr, um so eifriger für den Schutz und die Sicherheit der Kirche zu sorgen, je größer die Leiden sind, von denen sie heimgesucht wird. Während Wir daher, soweit es Uns möglich ist, auf jede Art und Weise die Rechte der Kirche zu schützen und die drohenden oder gegenwärtigen Gefahren abzuwen­den und denselben zuvorzukommen bestrebt sind, lassen Wir aber auch nicht nach, die Hülfe von Oben zu erflehen, mittels deren ja allein Unsere Arbeiten und Sorgen von Segen begleitet sind. Hierzu jedoch ist nach Unserm Dafürhalten nichts dienlicher und besser, als durch religiöse und fromme Uebung sich des Schutzes der mächtigen jungfräu­lichen Gottesmutter Maria würdig zu machen, welche als Mittlerin des Friedens und Ausspen­derin der himmlischen Gnaden im Himmel mit überaus hoher Macht bekleidet ist, um den Men­schen, welche unter so vielen Mühseligkeiten und Gefahren dem ewigen Vaterlande entgegenstreben, ihren Schutz zu leihen. Wegen der bevorstehenden Gedächtniß-Feierlichkeiten, bei denen die dem christ­lichen Volke durch das Rosenkranz-Gebet ver­liehenen Segnungen wieder vor Unserem Andenken aufleben, wollen Wir daher, daß gerade dieses Ge­bet zu der mächtigen Jungfrau mit besonderem Eifer in der ganzen katholischen Welt in diesem Jahre gepflegt werde, namit auf ihre Fürbitte ihr Sohn Uns in Unseren Leiden seine Gunst und seine Güte zeige. Daher haben Wir geglaubt, diesen Brief an Euch, ehrwürdige Brüder, richten zu müssen, damit nach Kenntnißnahme Unserer Ab­sicht Ihr durch Euere Autorität die christlichen Völ­ker zur frommen Uebung dieses Gebetes aufmuntert.

In schlimmen und gefährlichen Zeiten war stets der so schöne und erhabene Brauch des katholischen Volkes zu Maria zu fliehen und auf ihre mütter­liche Güte zu vertrauen. Daraus erhellt nicht nur die sicherste Hoffnung, sondern das zuversichtliche Vertrauen, welches die katholische Kirche stets zur Gottesmutter mit Recht hegte. In der That, die von jeder Schuld unversehrte Jungfrau, auserkoren zur Mutter Gottes, mithin auch zur Mithelferin am Erlösungswerke der Menschheit, genießt bei ihrem Sohne eine solche Gunst und Macht, wie sie größer weder ein Mensch noch ein Engel je besessen hat noch besitzen kann. Da es ihr vor Allem süß und angenehm ist, Diejenigen, welche sie um Hülse anflehen, zu schützen und zu trösten, dürfen wir nicht zweifeln, daß sie überaus gerne und freudig die Gebete der ganzen Kirche erhören werde.

Dieses feste und volle Vertrauen auf die erhabene Himmelskönigin trat aber dann um so glänzender hervor, wenn die Macht der auftretenden Irrleh­ren, oder große Sittenverderbniß, oder die Verfol­gung mächtiger Feinde die streitende Kirche Gottes in Gefahr brachten. Die ältere und neuere Ge­schichte, sowie die kirchlichen Angaben erzählen uns von öffentlichen und privaten Gebeten zur Gottes­mutter und von den durch sie verliehenen Wohl- thaten der Ruhe und des Friedens.

Daher jene erhabenen Titel, mit welchen die christlichen Völker sie zu begrüßen pflegten, als die Hülfe der Christen, die Ausspenderin der Gna­den, der Trösterin, Hülfe in Kriegszeiten, Sie­gerin, Friedensstifterin. Vor Allem aber verdient hierbei Erwähnung der Rosenkranz, mit welchem das Andenken an die der ganzen Christenheit ver­liehenen Wohlthaten auf ewig verknüpft ist.

Jeder weiß, Ehrwürdige Brüder, wie viel Lei­den und Kämpfe gegen Ende des 12. Jahrhun­dert die häretischen Albigenser, welche als An­hänger der Manichäersekte das südliche Frankreich und andere Gegenden der romanischen Länder mit ihren gefährlichen Jrrthümern durchseuchten, der hl. Kirche Gottes bereitet haben; mit den Waffen in der Hand suchten sie ihre Tyrannei drrrch Sengen und

Brennen auszudehnen. Gegen diese höchst gefähr­lichen Feinde erweckte Gott in seiner Barmherzig­keit, wie Ihr wiffet, einen großen Heiligen, den Vater und Gründer des Dominikanerordens. Groß durch die Reinheit seiner Lehre, das Beispiel sei­ner Tugenden und die Erfüllung seines aposto­lischen Amtes unternahm er es in seinem hohen Geiste für die katholische Kirche zu kämpfen, nicht mit Gewalt, nicht mit Waffen, sondern vor Allem durch das Gebet, welches er unter dem Namen des Rosenkranzgebetes stiftete und selbst, sowie durch seine Ordenskinder weithin ausbreitete. Durch göttliche Eingebung und Belehrung wußte er, daß in Folge dieser Gebetsweise, dieser mächtigen Kriegswaffe, die Feinde besiegt und zerstreut und von ihrer wahnsinnigen und gottlosen Wuth ab­lassen würden. Der Erfolg hat dies bewiesen. Sobald nämlich dieses Gebet in Uebung gekom­men und nach Weisung des hl. Dominikus ver­richtet wurde, begannen Frömmigkeit, Glauben und Eintracht wieder aufzuleben und die Kunst­griffe und Anstrengungen der Häretiker aufzu­hören; sehr viele kehrten aus dem Jrrthum zur Wahrheit zurück, und die Wuth der Gottlosen wurde durch die gegen die Gewalt ergriffenen Waffen der katholischen Völker gedämpft.

Die Wirksamkeit und Kraft dieses Gebetes zeigte sich ferner in herrlichem Lichte im 16. Jahrhun­dert, als die ungeheuren Schaaren der Türken beinahe ganz Europa unter das Joch ihres Aber­glaubens und ihrer Barbarei zu bringen drohten. Damals suchte der hl. Papst Pius V., nachdem er die christlichen Fürsten zum Schutze der gemein­samen Sache aufgefordert hatte, vor Allem durch das Rosenkranzgebet die mächtige Gottesmutter zu bewegen, daß sie der Christenheit zu Hülfe eilen möge. Ein großartiges Schauspiel bot sich da­mals dem Himmel und der Erde dar und zog die Geister und die Herzen Aller auf sich. Richt weit vom Corinthischen Isthmus erwarteten die christlichen Schaaren, bereit Blut und Leben für Religion und Vaterland hinzugeben, muthig den Feind; während deffen riefen die Unbewaffneten, in einer frommen Gebetsschaar vereint, zu Maria, flehten zu ihr unausgesetzt in dem Rosenkranzge­bet, damlt sie den Streitenden den Sieg verleihe. Maria erhörte das Flehen; denn in der See­schlacht bei Lepanto siegte die christliche Flotte ohne großen Verlust der Ihrigen und zerstreute und tödtete die Feinde. Zum Andenken an diese Erhörung bestimmte derselbe heilige Papst, daß der Gedächtnißtag dieser großen Schlacht zu Ehren Mariens vom Siege gefeiert werde; Gregor XIII. setzte dieses Fest als Rosenkranzfest ein.

In gleicher Weise wurde im vorigen Jahrhun­dert bei Temesvar in Pannonien und bei der Insel Korzyra ein glorreicher Sieg über die Tür­ken erfochten und zwar beide Male an Festtagen der heiligen Gottesmutter und nach vorherigem Rosenkranzgebete. Dies veranlaßte Unseren Vor­gänger Clemens XI. zu der Anordnung, daß zum Dank dafür das Rosenkranzfest alljährlich in der ganzen Kirche gefeiert werde.

Da es also feststeht, daß diese Gebetsweise der hl. Jungfrau überaus angenehm ist und sie zum Schutze der Kirche uni) des christlichen Volkes und zur Erlangung des göttlichen Segens wie im öffent­lichen so auch im privaten Leben sehr viel beiträgt, so kann's kein Wunder nehmen, wenn manche Unserer Vorgänger den Rosenkranz mit herrlichen Lobsprüchen zu erheben und zu verbreiten gesucht haben. Beispielsweise sagte Urban IV., „daß auf das Rosenkranzgebet hin dem christiichen Volke täglich Segnungen zuströmen." Sixtus IV. hält es für sehr geeignet, „Gott und die hl. Jung­frau zu ehren und die drohenden Gefahren von der Welt zu beschwichtigen;" Leo X. sagt, „der Rosenkranz sei eingesetzt gegen die Häresiarchen und gegen die überhand nehmenden Häresien;" Julius III. nennt ihn „den Schmuck der römischen Kirche." Der hl. Pius sagt von ihm, daß „in Folge dieser Gebetsweise die Gläubigen durch die Betrachtungen angeeifert, durch die Gebete ange­feuert, anfingen, andere Menschen zu werden, das Dunkel der Häresien verschwand und das Licht

des katholischen Glaubens sich ausbreitete." Gregor XIII. erklärte, daß der Rosenkranz vom hl. Domini­kus eingeführt worden sei, „um den Zorn Gottes zu besänftigen und die Fürbitte der hl. Jungfrau zu erflehen."

Veranlaßt durch die Erinnerung an alles dies und durch das Beispiel Unserer Vorgänger halten Wir es für durchaus angemeffen, in der gegen­wärtigen Zeit öffentliche Gebete zu demselben Zwecke anzuordnen, damit die erhabene Jungfrau auf das Rosenkranzgebet hin, von unseren Be- dräugniffen dieselbige Hülfe von ihrem Sohne Jesus Christus uns erflehe. Die unaufhörlichen und schweren Leiden und Kämpfe der hl. Kirche sind Euch, ehrwürdige Brüder, bekannt. Das christliche Leben, die Ehrbarkeit der Sitten und selbst der Glaube, jenes höchste Gut und die Grundlage aller übrigen Tugenden, ist, wie wir ja sehen, Tag für Tag immer größeren Gefahren ausgesetzt. Ebenso sind Unsere schwierige Lage und Unsere mannichfaltigen Leiden nicht blos Euch bekannt, sondern Eure Liebe, die Euch mit Uns vereint, läßt sie Euch gleichzeitig fühlen und ertragen.

Traurig und beklagenswerth ist es, daß soviele mit dem Blute Christie erlöste Seelen vom verderb­lichen Zeitgeiste ergriffen in's ewige Verderben ge­trieben werden. Die Rothwendigkeit der Hilfe ist daher heute nicht geringer, als zur Zeit, wo der hl. Dominikus zur Heilung der Wunden seiner Zeit den Gebrauch des Rosenkranzgebetes einführte. Mit hehrem Blicke erkannte der Heilige, daß es zur Bekämpfung der Zeitübel kein trefflicheres Mittel gäbe, als wenn die Menschen zu Christus, der ja der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, durch häufige Erwähnung seines Erlösungswerkes Rückkehr hielten und zu jener Jungfrau ihre Zu­flucht nähmen, der die Macht gegeben ist, alle Jrrthümer zu vernichten. Daher stellte er die Form des hl. Rosenkranzes so zusammen, daß so­wohl die Geheimniffe Unserer Erlösung erwähnt würden, als auch dem Gebete der aus dem Gruße des Engels gewundene mystische Kranz zugleich mit dem Vaterunser eingeflochten werde. Da Wir nun für ähnliche Zeitübel ähnliche Heilmittel suchen, so tragen wir kein Bedenken, zur Beseiti­gung der Schäden unserer Zeit auf das vom hl. Dominikus zum größten Nutzen der Welt einge­führte Gebet den höchsten Werth zu legen.

Wir ermahnen daher nicht nur eindringlich alle Christen, daß sie, sowohl öffentlich als in ihren Häusern und Familien, mit Eifer dem frommen Rosenkranzgebete obliegen, sondern Wir wollen auch, daß der ganze Monat Oktober des laufenden Jahres der himmlischen Königin des Rosenkranzes heilig und gewidmet sei. Wir verordnen daher und befehlen, daß in diesem Jahre in der ganzen katholischen Welt das Rosenkranzfest mit besonderer Feierlichkeit und Glanz begangen werde, so zwar, daß vom 1. Oktober bis 2. November in allen Pfarrkirchen, und wo es den Diözesanbischöfen nützlich und heilsam erscheint, auch in anderen Kirchen, täglich wenigstens fünf Rosenkranzgesetze (Dekaden) mit Hinzufügung der lauretanischen Litanei gebetet werden. Wir wünschen, daß wäh­rend dieser öffentlichen Rosenkranzandacht entweder das hl. Meßopfer dargebracht oder das Aller­heiligste zur Anbetung ausgesetzt und der heilige Segen ertheilt werde.

Sehr wünschenswerth wäre es, wenn die Stofen« kranz-Sodalität nach Gewohnheit und Gebrauch der Vorfahren öffentliche feierliche Prozessionen hielten. Wo dies indessen in Folge der Ungunst der Zeit nicht gestattet ist, möge man durch einen um so häufigeren Besuch der Kirchen das ersetzen, was der öffentlichen Religionsübung entzogen ist, das Feuer der Frömmigkeit durch eine um so emsigere Uebung der christlichen Tugenden hervor­leuchten lassen.

Zum Heile Aller, welche nach dieser Unserer Vorschrift handeln, wollen Wir die Gnadenschüße der Kirche öffnen, da diese sowohl zur Frömmig­keit anfeuern, als auch ein Lohn für dieselben sind. Allen, welche innerhalb der angegebenen Zeit der öffentlichen Rosenkranzandacht beiwohnen und in der von Uns bezeichneten Intention beten,