M 210. Freitag, den 14. September 1883.
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△ Die XXX Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu Düsseldorf.
(Original-Bericht.)
VIII.
Düsseldorf, 12. Sept.
Die Sitzungen der Ausschüsse wurden gestern Nachmittag fortgesetzt. Im Ausschusie für Soziales handelte es sich um die Förderung der Sonntagsruhe. Herr Abgeordneter Kaplan Hitze theilt mit, daß das Abgeordnetenhaus die Petition des Herrn Dr. Lingens derjRegierung zur Berücksichtiguug überwiesen, die Regierung könne keine Unkenntnis« mehr vorschützen. Dr. Schmitz (Düsseldorf) macht sich von den Maßregeln der Regierung keine großen Versprechungen, verweist die Versammlung auf die großen Gefahren, welche der ländlichen Bevölkerung durch die Zunahrne der Zuckerfabriken drohen; er wünscht deshalb zu dem Anträge des Dr. Lingens folgenden Zusatz: die Generalversammlung beklagt vor allem auch die um sich greifende Vernachlässigung der Sonntagsfeier unter der ländlichen Bevölkerung in Folge der unter denselben etablir- ten Fabriken. Der Antrag Lingens mit dem Zusatze Schmitz wird angenommen.
Fürst Löwenstein: 1) die Generalversammlung der deutschen Katholiken spricht die lieber» Mgung aus, daß die soziale Frage nicht bloß eine wirthschaftliche, sondern auch und zwar an erster Stelle, eine religiös-sittliche, und somit deren Lösung ohne das einträchtige Zusammenwirken von Kirche und Staat unmöglich ist. Sie sieht es daher als die unerläßliche Forderung zur Heilung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Schäden an, daß der Kirche und ihren Institutionen die volle Freiheit für ihre soziale Wirksamkeit zurückerstat- tet werde.
2) Zugleich erachtet sie es zur Lösung der soz. -frage für nothwendig, daß auf dem Wege der Gesetzgebung eine den heutigen Verhältnissen an- gepaßte korporative Organisation der produktiven Arbeiten mit Ausschluß aller bureaukratischen Bevormundung in’ö Leben gerufen werde.
3) In der Ueberzeugung, daß die erste Vorbe- dmgung zu einer wirksamen Aktion die Einheit ist, begrüßt die kath. Generalversammlung mit Freuden jedes Bestreben, durch mündliche oder Ichriftliche Diskussion die noch herrschenden Mei- ungsverschiedenheiten möglichst zu beseitigen, und Ne spricht den Wunsch aus, die kath. Sozialpoli- llker möchten sich in noch höherem Maaße, als dlsher an diesen Diskussionen betheiligen.
Fürst Löwenstein führt zur Erklärung seines Antrages die Gründe an, warum das Comitü 'athol. Sozialpolitiker beschlossen habe, der Ge- ^alversammlung in diesem Jahre die Hayder- .-Lhesen noch nicht vorzulegen. Sie hätten die Be- lprechung nicht zu scheuen, aber sie müßten sich «ne Prüfung vorbehalten, und man könne der Mneralversammlung nicht zumuthen, über Dinge, henen noch die Klarheit mangele, Beschlüsse zu Wen. Herr P l eß (Mülheima.Rh.): „Die Generalversammlung bringt den Bestrebungen des Handwerkerstandes, eine Einigung desselben in gewerbliche Körperschaften zu erzielen, und feine Wiedergeburt auf christlicher Grundlage und durch Mstliche Grundsätze zu erreichen, ihre volle Sym- palhw entgegen." Es wird beschlossen, diesen wich- gen Antrag, weil er sich noch nicht in den Hünen der Mitglieder befinde, bis morgen um 8 Uhr ^.?bstagen. — Hierauf bildete die Beschäftigung ^llastener Gefangenen den Gegenstand der Debatte.
Schmitz empfiehlt Associationen für diesen nden Punkt. An der Diskussion beteiligten
sich Windthorst, I. Knab, Hoensbroich (Graf). Letzterer stellt den Antrag: Die Generalversammlung erklärt, daß eine entsprechende Fürsorge für die entlassenen Gefangenen und Va- gabonden nur durch die religiöse Art der Kirche getroffen werden kann. Bis zu dem Augenblicke, wo die religiöse Orden in Deutschland wieder in Thätigkeit treten, empfiehlt die Generalversammlung die Bildung von Männer- und Frauenvereinen zur Fürsorge für die entlassenen weiblichen und männlichen Gefangenen und setzt eine Enquotcommission ein, welche die Bildung dieser Vereine anregt und darüber der nächsten Generalversammlung Bericht erstattet. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
III. geschlossene Generalversammlung. Die Versammlung konnte wegen der langen Dauer der Sitzung des Sozial-Ausschusses erst heute Vormittag um 11 Uhr eröffnet werden.
Den Vorsitz führte der erste Vizepräsident Graf v. Galen. Namens des Ausschusses für Missionen refcrirt Propst Nacke (Paderborn) über die zur Annahme vorgeschlagene Resolution, welche im Interesse der katholischen Einwohner Berlins an die Mildthätigkeit der Katholiken einen Appell richtet im Interesse der dortigen St. Sebastians- Kirche.
Herr Bartz (Berlin) befürwortet den Antrag und meint: Wenn die zehn Millionen erwachsener Katholiken nur einmal nicht frühstücken ober zum Frühstück nichts trinken, dann hätten wir mindestens eine Million, und die brauchen wir nicht einmal. (Heiterkeit.)
Der Antrag wird einstimmig angenommen, desgleichen ein ähnlicher auf den Bau einer Marienkirche in Hamburg.
lieber die Verhandlungen der Sektion für christliche Kunst reserirt der Frhr. v. Ow. Me Sektion hat zwei Anträge vereinbart. Der erste Antrag, welcher die für Kirchenrestaurationsarbei- ten hauptsächlich in Betracht kommenden Gesichtspunkte zusammenfaßt, wird in fämmtlichen fünf Punkten ohne Diskussion einstimmig angenommen, ebenso die zweite, auf die Gründung eines deutschen Organs für christliche Kunst als auf ein dringendes Erforderniß hinweisende Resolution.
lieber die Beratungen des sozialen Ausschusses berichtet Herr Pfarrer Wassermann. Wir kommen hierauf noch näher zurück.
Der Antrag, betreffend die Sonntagsfeier, wird einstimmig gutgeheißen. Der Antrag des Kaplans Büscher, betr. die Lage der entlassenen Strafgefangenen und die Anstellung einer Enquete über diesen Theil der sozialpolitischen Aufgaben wird einstimmig angenommen.
Um 12-/2 Uhr wird die Sitzung abgebrochen.
IX.
Düsseldorf, 13. Sept.
III. öffentliche Versammlung. Gestern Abend um 6-/z Uhr eröffnete der Präsident die 3. öffentliche Sitzung. Erster Redner ist Herr Dr. Car da uns aus Köln, Chefredakteur der .Köln. Volksztg? Derselbe behandelt zur Feier des Tages das Thema: die Befreiung Wiens von den Türken am 12. September 1683. Herr Dr. Cardauns; Vor den Mauern Wiens wurde am. 12. Sept. 1683 nicht nur das Schicksal der Haupt-Residenz- tadt, sondern auch das der ganzen Monarchie, ja )as Schicksal des gesämmten christl. Abendlandes entschieden. Glänzende Feste begeht heute ganz Oesterreich. Auch wir katholische Christen freuen uns mit den katholischen Brüdern, auch wir sind Deutsche. In Menge sind meine Kölner Brüder herübergekommen, um mit uns zu feiern. Ich be
grüße sie hier, wie ich denn auch vom Volksverein zu Köln den Auftrag habe, Sie, verehrte Versammlung zu begrüßen. Das Jahr 1683 hatte seine Schattenseiten, aber um so größer sind seine Wirkungen für die katholische Kirche und mit Flammenschrift steht geschrieben: „das war Gotteshand." Was der Türke hat, das läßt er nicht mehr los. Jnnocenz XI. war es gelungen, ein tapferes kais. Heer unter der Führung des tüchtigsten Feldherrn jener Zeit, des Herzogs Karl von Lothringen auszurüsten und Hülse von den Kurfürsten Joh. Georg von Sachsen und Ludw. von Baiern zu erhalten und den tapferen Polenkönig Johann III. Sobieski als Bundesgenoffen zu gewinnen, liefern Papste war es auch gelungen, der Kriegskaffe große Summen zuzuwenden. Im Frühjahre 1683 kamen die Türken nach der österreichischen Grenze. Vor ihnen her zog der Schrecken und hinter ihnen gingen Schlösser und Dörfer in Flammen auf und zu Tausenden wurde das österreichische Volk niedergehauen. In Wien arbeiteten Junge und Kreise, Männer und Frauen an der Aufwerfung von Schanzen. Nun beginnt die zwei Monate lange Belagerung. Sie haben sich tapfer gezeigt, 6 Wochen hindurch bieStabt und Festung verteidigt, jeder Bürger, kann man sagen, ist ein Trinidato gewesen. Erst am 27. Sept, kam die Nachricht, daß Hülfe gekommen sei. Sie konnten die Mauern fast nicht mehr halten, und der Führer der Türken, Sultan Ma- homedlV., hat gewußt, baß das Entsetzheer hereinkam, und er hat Nichts dagegen gethan. Es war dies in der Noth der Bevölkerung Wiens ein äußerst günstiges Glück. Es war als ob eine höhere Macht die Türken verblendete. Am 9. Sept, begann der Vordrang des Entsatzheeres. Man hörte den Donner der Kanonen von Wien her. Das ganze Heer kam ungehindert vorwärts und Kara Mustapha der Heerführer that noch immer nichts. Das deutsche Heer bringt mit leichter Mühe vorwärts, gegen Mittag am 12. Sept, ist ein Theil gewonnen. Einige Stunben später und der Sieg war ihnen. Gegen 8000 Türken bedeckten das Schlachtfeld und nur 500 Christen. Noch in derselben Nacht begann die Flucht der Türken und Wien war gerettet. Heute über dieselbe Stunde vor 200 Jahren war der große Sieg vollbracht, der für das ganze Deutschland von hoher Wichtigkeit ist. Wer waren die Tapferen, welche Wien so fest gehalten, der heldenmüthige Starhemberg, welcher dem Kaiser Leopold eidlich versprochen, die Stadt nicht zu übergeben, so lange er lebe, und das Volk, das so muthig ausgehalten. Auch wir stimmen ein in den Lobgesang, den die Helden damals am 14. Sept, gesungen: Herr Gott, wir loben dich. Die Kirche war von der Gefahr befreit. Nun sind die Wunden des Krieges von damals geheilt. Es drängt sich uns jedoch die Frage auf, ob nicht nochmals Deutschland so bedroht würde. Gott fegne, schütze und erhalte Deutschland. Dieser Wunsch kommt uns auch von jenseits der Berge entgegen, vom Centrum, vom ewigen Rom. Damals, als der Papst unsere
Waffen segnete, damals hatte er andere Macht. Sein Nachfolger wird als Airtichrist beschimpft zum Danke für fein damaliges Werk. Damals erdröhnten die Kanonen von der Engelsburg, heute schickt er seine bescheidenen Grüße. Möge von Deutschland das Wort bald in Erfüllung gehen, daß bald komme die Zeit, wo es sein wird ein Hirt und eine Herde (Stürmischer Beifall.)
Geh. päpstlicher Kämmerer und fürftbischöfl. geiftl. Rath, Herr Joh. Franz Knab aus Wien: Hochverehrliche Versammlung! Die überströmenden Gefühle treiben mich, Ihnen m. H. den herzlichsten Dank auszusprechen für die Kundgebungen, die Sie für