Kaum war das letzte Wort verklungen, so rief im Rittersaale die Musik der farbentragenden kath. Studentenverbindungen; alles drängte sich dorthin. Excellenz Windthorst wurde förmlich geschoben und getragen. Ich war im Anfänge dicht hinter ihm, mußte mich aber von ihm trennen und gebrauchte eine halbe Stunde, bis ich an der oberen Tafel ankam. Zu bleiben war nicht möglich, denn man wurde gerädert und geplättet. Ich zog es deshalb vor, den Commers der kath. Studentenver- nnigung im Vereinshause aufzusuchen. Der Weg war ganz mit Menschen gefüllt, alles drängte und stieß sich, aber kein Mißton wurde laut.
Im Vereinshause hatte der Commers bereits begonnen, aber es wurde uns bereitwilligst Platz gemacht und wir konnten gleich mit in den Kantus einstimmen. Lust und Freude überall, wohin der Blick fiel. Später kamen auch Dr. Windthorst und die Koryphäen der Versammlung. Nun ging die Fröhlichkeit erst recht los, Dr.Windthorst, Roßhirt, Prof. Jansen aus Utrecht und eine Menge anderer toastirten. Der reiche Kranz von Damen, welche die Gallerien besetzten, wurde ebenfalls bedacht und sie haben gewiß kein Recht gehabt, diesmal eine Gardinenpredigt zu halten, denn sie gehörten zu den letzten, welche weggingen.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. September.
• (In Sachen des Raphaelvereins) er» tonnte am Montag das Kammergericht auf Aufhebungen der freisprechenden Vorentscheidungen und verwies die Sache zur ander- weiten Entscheidung — auch bezüglich des Kostenpunktes — an die Strafkammer zu Düsseldorf. Es sei für den Vorderrichter keine genügende Veranlassung gewesen, den § 10 nicht zur Anwendung zu bringen. Aus den bezüglichen Erklärungen des Ministers v. d. Heydt könne nur entnommen werden, daß man nur den auf Ersuchen ertheilten Rath nicht habe strafen wollen. Wolle man sich nun auf den humanen Standpunkt stellen, so müsse man doch anerkennen, , daß das Gesetz über diesem stehe. In Wirklich- j leit enthalte das Angebot von Rath, wie es hier vorliegt, doch immer den Anreiz zu einer Handlung, die unter Umständen zum Verderben des Auswanderers ausschlagen kann. Der Staat wolle eben über dem Auswanderungswesen seine Hand halten und deshalb habe er sich unter allen Umständen die Konzession vorbehalten. Wolle der Raphaelsverein in derselben Weise, wie früher, thätig sein, so würde er der Konzession nicht ent» rathen können.
• (Zur Steglitzer Affaire.) Der Minister Maybach hat in der vorgestrigen Audienz bei dem Kaiser über die Steglitzer Affaire Vortrag gehalten und die Ermächtigung erholten, den Bahn- hofsumbau sofort auf dem Wege der Etatsüberschreitung vorzunehmen. — Der .Reichsanzeiger' schreibt: Die verwaltungsseitig anläßlich des Unglückes auf dem Steglitzer Bahnhofe eingeleitete Untersuchung ist abgeschlossen, die gerichtlichen Ermittelungen schweben noch. Das Ergebniß beider wird demnächst vollständig veröffentlicht werden; bis dahin dürfte sonach mit dem Urtheil: ob, in welcher Weise und in welchem Grade ein Verschulden bei dem traurigen Ereignisse mitgewirkt hat, zurückzuhalten sein.
* Wittenberg, 12. Sept. (Lutherfeier.) Zur Feier des 400jährigen Lutherjubiläums sind die Straßen und Häuser der Stadt mit Kränzen und Guirlanden festlich geschmückt und reich beflaggt. Der Zuzug der Festgäste wächst mit jeder Stunde; die Zahl der Angemeldeten beträgt weit über 1300. Unter der gesammten Bevölkerung herrscht eine sichtlich freudige und festliche Stimmung.
* Dresden, 12. Sept. (Von den sächsischen Landtagswahlen.) Von den 28 gestrigen Landtagswahlen sind bisher 19 Resultate bekannt. Gewählt sind 11 Konservative, 4 Fortschrittler, 3 Nationalliberale und 1 Sozialdemokrat.
Oesterreich - Ungarn.
* Wien, 12. Sept. Nach dem feierlichen Hochamte in der Stephanskirche nahm der Kaiser in Anwesenheit des Kronprinzen, der Erzherzöge, des Königs von Spanien und des Bürgermeisters von Rom die Schlußsteinlegung des neuen Rathhauses vor. Der Wiener Bürgermeister hielt eine entsprechende Ansprache, welche der Kaiser
mit der Versicherung erwiderte, daß ihm das Wohl der Stadt sehr am Herzen liege. Nach der Schlußsteinlegung betrat der Kaiser die Loggia und nahm die Huldigung der vor dem Rathhause aufgestellten Genossenschaften entgegen. Der Kaiser nahm schließlich die Eröffnung der historischen Ausstellung vor.
Frankreich.
* Paris, 11. Sept. (Zur Tongking- frage.) Die Nachricht aus englischer Quelle, daß Tseng in London die Antwort des französischen Auswärtigen Amtes auf seine Vorlage erwarten werde, gilt hier für nicht begründet. Auch wird die Auffassung, Tseng habe ein Ultimatum gestellt, widerlegt und hinzugefügt, daß die freundschaftlichen Verhandlungen fortgesetzt werden. Der englische Botschafter Lord Lyons wird vor Ablauf seines Urlaubs wegen der Tongkingangelegenheit in Paris erwartet. England hat seine Vermittelung zwischen Frankreich und China nicht, wohl aber seine guten Dienste in der Grenzfrage in Tongking und in Lösung der Einzelfragen angeboten, wenn der Ausgleich zum Abschluß gelangt wäre. — Ferry wird erst am Donnerstag nach Paris kommen, um in dem Ministerrath, in welchem über Tongking Beschluß gefaßt werden soll, den Vorsitz ein» zunehmen.
Aus 5tabt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 13. September.
Die Redaktion hat gestern Nachmittag gegen 5 Uhr int Auftrage vieler Parteifreunde an die 30. Generalversammlung der deutschen Katholiken zu Düsieldorf nachstehendes Begrüßungstelegramm abgesandt:
„An das Präsidium der III. öffentlichen Generalversammlung der 30. deutschen Katholikenversammlung, Düsieldorf, Tonhalle."
„Die katholischen Parteigenossen Fulda's folgen mit größtem Interesse und lebhafter Genugthuung den Verhandlungen der 30. Generalversammlung der deutschen Katholiken. Wenn auch räumlich getrennt, fühlen wir uns den zahlreichen Festgenossen doch geistig nahe und senden ihnen einen freudigen Gruß.
Im Auftrage vieler Parteifreunde Dr. Kauf en."
Darauf ist gestern Abend spät nachstehendes Antworttelegramm eingelaufen:
. „Düsseldorf, den 12., 9 Uhr 8 Min. Dr. Kausen, Fulda. Dank und Gegengruß.
Katholiken-Versammlung."
Ö Von geschätzter Seite geht uns aus Hünfeld folgende Nachricht zu: Hünfeld, 2. Sept. Die Aktien-Zuckerfabrik Hünfeld ist in der heute Vormittag stattgehabten Generalversammlung nach Einzahlung von 10 Prozent der begebenen Aktien und Wahl des Aufsichtsrathes definitiv conftituirt worden. Der Besuch der Versammlung war sehr zahlreich.
Wir wünschen den Hünfeldern, insbesondere den Leitern des Unternehmens zu dem nunmehr defi- ! nitiven Resultat ihrer rastlosen aufopfernden Bemühungen um das Zustandekommen des Fabrikprojektes von Herzen Glück. Hoffen wir, daß die : Zuckerfabrik Hünfeld sowohl dem Aufblühen der Stadt, als auch der gedeihlichen Entwickelung und 1 dem Aufschwung der Landwirthschaft in Hünfeld und den mitbetheiligten Nachbarkreisen förderlich j sein wird. Und damit: Glück auf!
I ö Gestern Nachmittag ist auf der Strecke Fulda-Hanau zwischen Meerholz und Langenselbold abermals ein Eisenbahnunsall vorgekommen. Ein Bahnarbeiter von Hanau, der auf dem Kohlenzuge beschäftigt war, welcher die einzelnen Bahnbuden mit Kohlenvorrath versehen sollte, fiel zwischen die Waggons des sich in Bewegung setzenden Zuges und wurde so unglücklich überfahren, daß der Tod alsbald eintrat. Der Mann hinterläßt eine Fran und 2 Kinder.
* Die bei Fulda gelegene Domaine Unter- und Oberziehers mit dem Vorwerk Obergötzenhof ist dem .Kreisbl.' zufolge vorbehaltlich der nachträglichen Genehmigung des Landtages in dem am Montag bei der Kgl. Negierung in Kassel abgehaltenen Termine an Herrn Oekonomen Sond- heim von Kassel auf 18 Jahre (vom 1. Oktober | 1883 bis zu Johannis 1901) verpachtet worden. I Die jährliche Pachtsumme beträgt 9025 M.
* (Personalchronik.) Der dem Ausschußmitgliede Isidor Bott in Margretenhaun ertheilte Auftrag zur Wahrnehmung der Geschäfte des Standesbeamten für den dasigen Standesamtsbezirk ist vom 15. d. Mts. ab zurückgezogen und an dessen Stelle von demselben Tage an der Bürgermeister Halsch daselbst zum Standesbeamten ernannt worden. — Dem Oberroßarzt Sund im Rheinischen Dragoner-Regiment Nr. 5 zu Hofgeismar sind mit Genehmigung des Königlichen Kriegsministeriums die Funktionen des Kreisthierarztes in Hofgeismar als Nebenamt widerruflich übertragen worden.
* Mit dem 1. Januar 1884 tritt das Gesetz vom 20. Juli 1881, welches eine Bezeichnung des Raumgehalts derSchankgefäße für das deutsche Reich vorschreibt, in Kraft; den Betheiligten war somit eine 2 /zjäh- rige Frist vergönnt, bei Neuanschaffungen nach Erlaß des Gesetzes schon im eigenen Interesse Bedacht darauf zu nehmen, nur solche Schankgefäße zu kaufen, welche mit der vorgeschriebenen Bezeichnung versehen sind. Diese Frist scheint nun nicht allgemein ausgenutzt zu sein und geben wir darum nach der ,M. Ztg/ die Bestimmungen des Gesetzes in Kürze wieder. Dasselbe schreibt vor: „Schankgefäße (Gläser, Krüge, Flaschen re.), welche zur Verabreichung von Wein, Obstwein, Most oder Bier in Gast- und Schankwirthschaften dienen, müssen mit einem bei der Aufstellung des Gefäßes auf einer horizontalen Ebene den Sollinhalt begrenzenden Strich (Füllstrich) und in der Nähe des Strichs mit der Bezeichnung des Sollinhalts nach Litermaß versehen sein." Bei dieser Vorschrift ist wohl zu beachten, daß sie ohne Einschränkung Anwendung findet auf „Gast- und Schankwirthschaften", also auf alle diejenigen Personen, die eine Konzession zur Gast- und Schankwirthschaft besitzen, bezw. für einen derartigen Betrieb Gewerbesteuer zahlen. Ferner ist zu beachten, daß nicht etwa eine Eichung, eine amtliche Feststellung des Rauminhalts vorgeschrieben ist, sondern lediglich die Anbringung eines „Füllstriches" mit der Bezeichnung des Rauminhaltes. Die Motive zu dem Gesetzentwürfe erkennen es selbst an, daß eine solche amtliche Feststellung aus Zweckmäßigkeits-Rücksichten nicht räthlich erscheine; einmal bei der Zerbrechlichkeit des zur Herstellung der Regel nach verwendeten Materials, dann weg n der mit der Mannichfaltigkeit der Gewohnheit, des Geschmacks, zum Theil auch des Bedürfnisses Hand in Hand gehenden Viel- gestaltiakeit der Form und endlich auch mit Rücksicht auf die durch ein amtliches Prüfungsverfahren bedingte nicht une hebliche Vertheuerung der Schankgefäße. Dem Wirth ist nur vorgeschrieben, „gehörig gestempelte Flüssigkeits- maaße von einem zur Prüfung ihrer Schankgefäße geeigneten Einzel- und Gesammtinhalt bereit zu halten." Der Abstand des anzubringenden Füllstriches von dem oberen Rande der Schankgefäße muß bei Gefäßen mit verengten« Halse, auf dem letzteren angebracht, zwischen 2 und 6 cm, bei anderen Gefäßen zwischen 1 und 3 cm betragen. Von der erwähnten Bezeichnung des Sollinhalts ist nach dem Gesetze abzusehen, wenn derselbe ein Liter oder ein halbes Liter beträgt; hierbei genügt also ein einfacher Strich. Zugelassen sind ferner Schankgefäße, deren Sollinhalt einer Maßgröße entspricht, welche, vom Liter aufwärts, durch Stufen von >/r Liter, vom Liter abwärts durch Stufen von Zehnteln des Liters gebildet wird. Außerdem find Gefäße zugelassen, deren Sollinhalt,,4 Liter beträgt; doch müssen, wie gesagt, derartige Gefäße mit dem Strich und der Bezeichnung, durch Schnitt, Schliff, Brand oder Aetzung äußerlich und in leicht erkennbarer Weise angebracht, versehen sein. Schließlich wollen wir noch erwähnen, daß die Bestimmungen des Gesetzes auf festverschlossene (versiegelte, verkapselte, festoerkorkt? u. s.w.) Flaschen und Krüge, sowie auf Schankgefäße von Veo Liter oder weniger nicht Anwendung finden.
* Kassel, 11. Sept. Während der Fahrt sprang gestern ans Zug 158 der Halle-Kasseler Bahn zwischen Heiligenstadt und Arenshausen ein rnitfahrender Garde-Dragoner. Derselbe soll, wie man hört, sofort tobt geblieben sein.
• Frankfurt, 11. Sept. Morgen wird die Kaiserin von Deutschland aus Homburg hier eintreffen und die Bienenausstellung besuchen.
*Frankfurt, 12. Sept. Eine für Frankfurt neue Art der Reklame hat die rührige Cirkus- Direktion eingeführt. In den Hauptstraßen sieht man einen Herold in blauem Wamms, Hut mit wallender Feder und langer weißer Perrücke langsam daher reiten. In der Rechten trägt er eine Fahne, worauf zu lesen: Cirkus Viktoria-Theater.
* Trier, 11. Sept. Herr Bischof Dr. Komm hatte laut der ,Tr. Ztg.' gestern das Unglück, im Bibliothekszimmer von der Leiter herunterzufallen, wobei er sich im Gesichte so arg beschädigte, daß die Wunde zugenäht werden mußte. (Nach einer Bemerkung der,Tr. Landesztg.' soll der Unfall nicht so schlimm sein, wie man nach obiger Darstellung glauben sollte.)
Vermischtes.
Rom, 10. Sept. (Neue Erdstöße.) Gestern Abend wurden in Casamicciola kleine Erdstöße gespürt; heute Nacht wiederholten sich dieselben heftiger und waren auch am Meeresufer fühlbar. Die Revolver der Sicherheitswachen wurden von der Wand einer Baracke herab geschleudert.
Brüssel, 11.Sept. (Henrik Conscieuee), der bekannte Schriftsteller, ist gestern Abend hier gestorben.