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Die Haider Thesen und die katholische Partei.

In den letzten Wochen ist über die sog. „Haider Thesen'' viel debattirt worden. Einige glauben, an der Spitze der westdeutsche Handwerker­bund, daß diese Thesen für die Partei irgendwie bindend wären, und daß die Düsseldorfer Gene­ralversammlung sie durch Beschluß zu Partei­grundsätzen erheben solle.

Fürst zu Löwenstein hat unserer Ansicht nach ganz richtig diejenigen Haider Thesen, über welche die deutschen Katholiken noch nicht einig sind, eben als „Thesen" zu weiterer Diskussion der Fachmänner charakterisirt, welche „nur in so weit Bedeutung nach Außen haben, als ihr Inhalt für wahr und überzeugend befunden wird." Und nach dieser Erklärung hat das am Ort der bevorstehenden Generalversammlung er­scheinende katholische Organ, das „Düsseldorfer Volksblatt', seine Meinung in einer Weise aus­gesprochen, daß wir in allem Wesentlichen bei­stimmen können und deshalb die entscheidende Stelle hier zum Ausdruck bringen:

„Jedenfalls haben die Kritiken über das Ziel hinausgeschosien, welche den in Haid aufgestellten Thesen einen Mangel an kirchlichem katho­lischen Sinn vorwarfen. Ursprung und Art der Einladung, sowie die Persönlichkeit der Geladenen mußten sofort dafür sprechen, daß, — wenn es nicht ausgesprochen wurde, es als eine selbstverständliche Voraussetzung bei Aufstellung der Thesen galt, daß eine Förderung und Lösung der sozialen Fragen seitens der Theil- nehmer an der Berathung nur dann erwartet werde, wenn die Kirche, ihrer hemmenden Fessel ledig, ihre ganze Wirksamkeit frei und voll werde entfalten könne. Auch mag man mit der Anwendung der Bezeichnung des Programms als eines staatssozialischen etwas vor- ellig gewesen (etwas zu weit gegangen] fein. Wo Schlagwörter die Parole bilden, um schroff gegenüberstehende Lager zu bezeichnen, da wird stets die Gefahr für den Fehler vorhanden sein,

daß neue Erscheinungen durch Anwendung eines derartigen Schlagwortes in das Lager des Geg­ners verwiesen werden, ohne zu bedenken, daß in der goldenen Mitte die Wahrheit liegt, welche stets einzelne Lichtschatten der Extreme be­sitzen wird. Diese Gefahr liegt in vorliegendem Falle darum besonders nahe, weil es zweifellos ist, daß der Staat mit der Steigerung seiner Rechte und Anforderungen an die Gesellschaft noth- wendig auch Pflichten und Leistungen gegenüber den Schäden der Gesellschaft in gesteigertem Maße hat. Da geht es nun doch nicht an, alle Anschauungen als staatssozialistische zu bezeichnen, welche an dieser Verpflichtung festhalten. Berech­tigter, als Verurtheilungen dieser Art, ist die Prüfung, ob die manchmal etwas kühn aufge­stellten Thesen überhaupt hieb- und stichfest sind; das sind die über die Arbeiterfrage offenbar weni­ger, als die über die „Handwerkerfrage". Be­merkenswerth auch nach dieser Hinsicht ist die nachträgliche Erklärung des Fürsten zu Löwenstein, wonach die Thesen nur so weit Bedeutung haben, als ihr Inhalt für wahr und überzeugend gehal­ten wird." -

Wie die leitenden Elemente des letzthin zu Köln versammelten westdeutschen Handwerker­bundes über die Bedeutung der Haider Beschlüsse denken, kann man aus der nachstehenden an den Präsidenten der XXX. Generalversammlung der deutschen Katholiken gesandten Adresse ersehen.

Daß die Herren den Abgeordneten des Centrums gewiffermaßen eine Censur ertheilen, ist min­destens undankbar. Sie scheinen vergessen zu ha­ben, daß das Centrum die sozialen Reformen schon zu einer Zeit predigte, wo noch die Regierung mitsammt den Majoritätsparteien mitten im Wirr- sal der liberalen „Glücksaera" steckte. Daß aber solche Reformideen nicht in einem Tage reifen und zur vollendeten Entwickelung kommen, sollte den Herren nicht minder klar sein. Die Adresse, die übrigens viele richtige und schätz- enswerthe Gedanken enthält, lautet wie folgt:

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

VII.

Fremd kehrt er heim in’S Vaterhaus. — F. v. Schiller.

Dichter Schnee überdeckte wie ein riesiges Leichen­tuch die weite baumlose Haide. Der scharfe Nordost trieb die fallenden Flocken in phantastischen Gebil­den über die öde Fläche. Kleine mit Ginster be­deckte Hügel, auf welchen vereinzelte Baumstümpfe ihre blätterlosen Aeste gespensterhaft ausstreckten, begrenzten den Horizont. Dem kurzen Dezembertage folgte rasch die Nacht; kein lebendes Wesen war auf der schneebedeckten Fläche sichtbar. Nur eine Schaar Krähen zog krächzend am dunklen Himmel, ihr Nachtlager auszusuchen.

Das dumpfe Getöse eines herannahenden Zuges unterbrach die tiefe Stille. Die feuerrothen Augen der Lokomotive bildeten glänzende Kreise in dem Gewimmel des stürmenden Schnees, der schrille Ton der Signalpfeife erscholl und wie ein müder Renner nach vollbrachtem Laufe stand das Ungethüm an einem niedrigen, in der Haide gelegenen Holz- dau still. Wenige Oellarnpen, die den Perron noth- dürstig erhellten, ließen kaum den stolzen Namen »Station Haidekamp", womit die Holzbaracke ge­ziert war, erkennen.

Es war eben eines jener provisorisch errichteten

Stationsgebäude, wie es die erste Zeit der Eisen­bahnanlagen mit sich brachte.

„So, mein Junge," wandte sich der Schaffner, dem die Kontrole der dritten Wagenklaffe oblag, an einen der Jnsaffen desselben; „hier bist Du am Ziel; wende Dich nur an den Portier, der wird Dir den Weg schon zeigen."

Aus einer Ecke des schwachbesetzten Koupo's er­hob sich schnell der Angeredete, nahm ein kleines, neben ihm liegendes Bündel unter den Arm und trat auf den Perron. Das fahle Licht der Lam­pen fiel auf die bleichen Züge eines hochaufgeschos­senen Knaben, welcher zitternd vor Frost und Kälte, in eine ziemlich abgetragene Joppe gekleidet und den Hals mit einem alten Swahl umwickelt, auf den Portier zuschritt. Schüchtern wandte er sich an denselben mit der Bitte, ihm den Weg zum Hofe des Schulte Optenholt zu zeigen.

„Du willst zu Derick Optenholt, Junge, noch heute, bei dem Hundewetter?" erwiderte der Portier.

„Das ist eine eigene Sache; Du würdest viel mehr Aussicht haben, bei diesem Wetter in der Haide zu erfrieren, als zum Hose zu kommen." Mitleidig fuhr er fort, als er sah, wie sich bei d-eser Nachricht eine Thräne in das Auge des Kna­ben drängte: „Wenn es Dir nicht darauf ankommt, ein paar Stunden zu warten, bis der letzte Zug die Station passirt hat, so könntest Du eine gute Strecke Weges mit mir gehen. Von meinem Häus- ! chen aus würde ich Dich schon zurechtweisen, ohne

Durchlauchte, hochgeborene, hochgeehrte Herren!

Der ergeb enft unterfertigte Vorstand des westdeutschen Handwerkerbundes hat mit vielem Interesse die Sätze ge­lesen, welche eine aus Veranlassung der vorigjährigen Katholiken-Versammlung zusammenberufene Anzahl von katholischen Sozial-Politikern aufgestellt hat. Mit beson­derer Freude aber haben wir diejenigen Punkte des „Hai­der Programms" vernommen, welche von dem Handwerk und dessen Restauration handeln. Wir stehen nicht an zu bekennen, und seit dem Jahre 1848 haben die Besten un­seres Standes unzählige Male in Wort und Schrift es ausgesprochen, daß allein auf dem Boden christlicher Grundsätze und durch die lebendige allseitige praktische Bethätigung derselben das Handwerk wieder geheilt wer­den kann von den Wunden, die man ihm geschlagen, und von den Schäden, an denen es dahinsicht. Der Rückgang der religiösen und bürgerlichen Tugenden hat seit langen Zeiten unfern Stand entkräftet nicht ohne der Handwerker eigene Schuld, und die Herrschaft der in ihren Predigten unchristlichen und widervernünftigen, und in ihren Folge­rungen verderblichen Manchesterlehre hat uns mit der Ab- sprechung unseres eigenthümlichen Berufsrechtes den Boden vollends entzogen, auf welchem das Handwerk sich wieder neu hätte beleben und erholen können. Und so ist heute der Stand, der ein freies deutsches Bürgerthum erstehen ließ und des deutschen Volkes Größe schuf, der Verachtung, vielleicht dem Untergänge preisgegeben. Seit mehr als 30 Jahren ringen die Handwerker nach einer Reorgani­sation ihres Standes. Sie sind weit davon entfernt, die hohen Verdienste zu verkennen, welche die Kirche aus so­zialem Gebiet und insbesondere durch die Schaffung der Gesellenvereine und ähnlicher Institute auf dem Boden des Handwerkes sich erworben hat, da das Handwerk selbst durch die Ungunst der Verhältnisse sich nicht zu heben vermochte. Wir danken dafür, um so mehr, als damit die Kirche ein Werk erfüllte, das Aufgabe unserer alten Standes-Organisation ist, und wir wiffen, daß dieselbe sollten jemals unsere Hoffnungen und Bestrebungen nach Wiederausrichtung der Standes-Organisation sich verwirk­lichen mir den: Schatz ihrer sittliche:: Prinzipien und ihrer sozialen Wirksamkeit voll unversiechkicher Kraft uns zur Seite stehen wird.

Wenn wir im Namen des deutschen Handwerkerbundes und auf dem Boden der bestehenden Gesetzgebung heute vom Staate die obligatorische Innung verlangen, so for­dern wir damit zurück unser Berufsrecht, das der Staat rms genommen, den Rechtsboden, den man uns entzogen. Wir wollen keine Polizei-Anstalt, sondern die unter dem Schutze des Staates und auf dem Boden christlicher Prin­zipien frei sich selbst verwaltende und regierende, aus dem Boden des ganzen deutschen Handwerkes erwachsende und dem staatlichen Organismus selbständig sich einsügende und ihn selbst tragende und schützende Standes-Organisation. Wir fordern das uns genommene und vor andern Ständen uns vorenthaltene Recht, und das Recht ist des Staates

daß Du fehlen könntest; aber dann würdest Du Alle auf dem Hose in den Federn finden. Was ist da zu machen?"

Nach kurzem Besinnen fuhr er fort: „Wir wol­len sehen, tritt einstweilen hier in meine Bude und wärme Dir Deine erfrorenen Glieder."

In derselben Zeit hatte ein anderer Schaffner ein Koupö erster Klaffe geöffnet, in welchem ein Herr und ein junges Fräulein, in schwere Pelze eingehüllt, sich befanden.

„Station Haidekamp, Herr Graf," sprach er ehrerbietig. Behend nahm er das kleine Handgepäck, welches das junge Mädchen ihm reichte, entgegen und übergab es dem auf der Rampe harrenden Diener, n ährend er das erhaltene Trinkgeld mit der Schnelligkeit eines Eskamoteurs in seine Tasche gleiten ließ.

Leichten Fußes sprang das Mädchen auf den schnee­bedeckten Perron und eilte auf den alten Diener zu.

„Ei, sieh da, unser guter Franz," rief sie mit heller Stimme; „wie geht es Dir und was machen meine Täubchen und der kleine Polli?"

„Danke der gnädigen Nachfrage," erwiderte ehr­furchtsvoll der alte Diener, während seine Augen freudestrahlend auf dem jungen Mädchen ruhten. „Der alte Franz ist hocherfreut, gnädige Komtesse wiederzusehen; die Voliere werden Gnaden sehr vermehrt finden, der Polli läßt sich aber nicht mehr im Körbchen umhertragen, er ist etwas zu groß geworden." (Forts, folgt.)