M 205. Sonnabend, den 8. September E883o
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Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Linn.
„Ich bestreite durchaus nicht das Richtige Ihrer Ansicht; aber dennoch muß ich es als ein Unrecht erklären, wenn wir, die wir Kenntniß von den Verhältniffen besitzen, nicht eintreten für die, die nur durch uns zu ihren Rechten gelangen können.
Es gereicht der Verstorbenen gewiß zur Ehre, daß sie die Leiden und das Elend, von welchen ne heimgesucht wurde,, willig ertrug, als Sühne für ihre große Schuld.
Wer aber gab ihr das Recht zu bestimmen, daß chre Tochter in Unwissenheit erhalten werden sollte? Die junge Frau soll also mitbüßen für die Schuld der Mutter, soll entbehren, weil die Mutter durch M eigenes Verschulden den Besitz verlor? Rein! Recht muß Recht bleiben!"
„Alles ist wahr, was Sie mir da sagen, und doch kann ich Ihnen nicht zustimmen. — Seit »anger als 25 Jahren ist mein Geschick mit der unglücklichen Gräfin und ihrer Tochter verbunden. R »Leben liegt wie die Blätter eines Buches offen vor mir. Ich habe ihre grenzenlose Verzweiflung, ihr Ringen und Kämpfen, ihre Um« Mr zu Gott, ihr stilles Dulden und Leiden und ihre Ergebung in den Willen des Herrn gesehen. — -'hemote werde ich ihre letzten Augenblicke ver-
geffen. — Das war nicht mehr der leidend» Mensch, der seiner Auflösung entgegen sieht; es war viel mehr eine Seele, die losgelöset von allem Irdischen, eine Sprache redet, die aus den Gefilden der Seligen zu kommen schien. Darum ist ihr Wille mir so heilig. — Ich vertraue nach ihrem Wort darauf, daß, wenn es Gottes Wille ist, daß ihr Kind zu dem ihm gebührenden Namen und Erbe gelangen soll, er auch Ereigniffe eintreten laffen wird, die ohne unser Zuthun dahin führen werden. Darum möchte ich Sie bitten, laßt uns den stillen Frieden der Glücklichen nicht stören."
„Brave Frau", entgegnete der Schulte gerührt, „ich kann nicht unwahr sein, darf darum auch auch nicht sagen, daß Sie mich überzeugt haben; aber ich kann Ihren Beweggründen auch meine Anerkennung nicht versagen. — Wir wollen die Angelegenheit also vorläufig ruhen lassen; dagegen müssen Sie mir aber Eins versprechen."
„Recht gerne Alles, Herr Optenholt, theilen Sie mir nur mit, was Sie wünschen."
„Alle Beweisstücke, die Sie besitzen, müffen Sie mit Ihrer eigenhändigen schriftlichen Beglaubigung zusammenlegen und bestimmen, daß dieses Schriftstück im Falle Ihres Ablebens an mich oder meine Elben befördert werde. — Wir pflegen in Westfalen zu sagen: „Um Lebens und Sterbens halber." Ich werde ein Gleiches thun und unter Ihrer Adreffe hinterlegen.
K Das Schwinden der deutschen Bevölkerung.
Die letzte deutsche Berufszählung hat das überraschende Resultat ergeben, daß wir in 1 */2 Jahren um 12,000 Einwohner ärmer geworden sind, während die natürliche Zunnahme pro Jahr rnin- destens 500,000 sein müßte. Es liegen gar keine Gründe vor, an eine so enorme Abnahme zu glauben; es müssen also beim Zählen Fehler begangen worden sein, die sich unserer Beachtung noch entziehen. Wahrscheinlich liegt der Grund in der komplizirten Art der Zählforniulare. Wem wir nun auch an ein so starkes Schwinden der Bevölkerung nicht glauben, so gibt uns doch die stets fortschreitende Auswanderung Veranlaffung genug, die damit verbundenen Gefahren näher in's Auge zu faffen. Unsere Auswanderung ist ein noth- Mndiges Uebel; ohne dieselbe würde Deutschland so bevölkert sein, daß der eine den andern behinderte und die Armuth würde in demselben Maaße wachsen, wie sich die Population vermehrt. Es entsteht nun die Frage, ob in unferm schönen Vaterlande kein Raum mehr zu gewinnen ist, um den jährlichen Überschuß zu ernähren, und da sind wir der Ansicht, daß es noch viele tausende von Morgen Haide und Moor gibt, die sich bei praktischer Melioration zum Ackerbau verwenden ließen; aber bei dem fortwährenden Ueberschusse an Geburten wirde diese Erweiterung der Kultnr- fiächeu dem Bedürfnisie nicht lange genügen, und die Auswanderung bald wieder auf unferm Re- pertoir stehen.
Wenn keine Aenderung eintritt, wird der Hauptabfluß unserer Bevölkerung immer nach Amerika gehen, d. h. unsere Auswanderer werden sich in die Arme eines Staates werfen, der mit dem unfrigen in keiner natürlichen Verbindung steht. Unser Kapital, unsere Arbeitskraft, unsere Intelligenz werden nur dazu dienen, jenem Staate Vortheil zu bringen, ohne jemals einen nennens« werthm Einfluß auf die amerikanische Staatsmaschine auszuüben, geschweige dem Heimathlande Nutzen zu bringen. Das können nur eigene Kolonien.
Wir sehen nun nicht ein, warum sich das Reich ganz und gar nicht um Erwerbung von Kolonien kümmert. Während Frankreich seine Fühler nach allen Richtungen ausstreckt, während England jede Gelegenheit wahrnimmt, seinen auswärtigen Besitz zu vergrößern, laffen wir unsere Auswanderer gehen, wohin es ihnen beliebt; wir geben ihnen I einfach einen Auswanderungskonsens und sind dann aller Sorge ledig.
Es haben sich Vereine gebildet, welche die Erwerbung von Kolonien auf ihre Fahne geschrieben haben, das ganze Volk seufzt nach solchen, aber die Regierung des deutschen Reiches kümmert sich wenig darum. Sie nimmt Kenntniß von den Bestrebungen, lobt sie und läßt es beim Alten. Unsere gelehrten Reisenden erforschen die ganze Welt, ziehen immer neue Völker aus dem Verborgenen an das Tageslicht und überlaffen sie denen, welche sich um sie bekümmern mögen. Auf die Dauer wird das unerträglich, und man fragt sich: „Wozu haben wir die große Armee, wozu die Flotte, wenn wir sie nicht ausnützen wollen? Kein Volk der Erde wird zu uns kommen und sich uns anbieten. Wir müssen nehmen, was noch frei ist, und es mit unserer ganzen Macht beschützen.
Kann es vielleicht die Furcht vor einem Kriege sein, die uns zurückhält? Wir glauben das nicht. Nachdem wir 1870 und 71 so große Werke ge- than, haben wir die Franzosen trotz ihrer Großmäuligkeit so mehr bald nicht zu fürchten, und wenn wir einen kleinen Theil unserer Macht ab- splittern, so hat das eigentlich gar nichts auf sich. Die Franzosen kennen solche Rücksichten nicht; sie haben trotz ihrer Niederlage an drei verschiedenen Stellen, in Tunis, Madagaskar und Tongking angebunden, und tragen sich ganz sicher mit dem Gedanken, daß ihnen diese Völker mit der Zeit Hülfstruppen gegen Deutschland liefern sollen, wie es 1870 Algier that.
Schon dieser eine Gedanke sollte für Deutschland maßge bend sein, ebenfalls Kolonien zu gründen. Jedes Jahr wandern hunderttausende von Menschen aus. Wenn sie alle nach einem Orte birigirt
। würden und mit dem Mutterlands in Verbindung blieben, dann würden sie nach und nach eine sehr respektable Zahl Streiter liefern, welche ihrem Heimathlande in Zeiten der Roth zur Hülfe eilen könnten.
Aber auch die merkantilische Seite darf nicht außer Betracht bleiben. Wir führen Jahr für Jahr eine ungeheure Menge von Produkten ein und geben für dieselben viel Geld aus. Wir könnten ihrer eine erhebliche Zahl von unseren eigenen Kolonisten beziehen und sie mit unseren Erzeugnissen bezahlen. So würde das Geld gleichsam im Lande bleiben und die Wechselwirkung sich immer nützlicher machen. Man laffe deshalb alle Bedenken fallen, trete aus der Reserve heraus und greife frisch zu. Was wir jetzt noch mit leichter Mühe haben können, müffen wir später mit Strömen von Blut erkämpfen.
Von allem klebrigen abgesehen, ist es eines großen, mächtigen Staates nicht würdig, seine Einwohner zu verzetteln und sie auf sich selbst anzuweisen. Dem Deutschen fehlt es nicht an Patriotismus, und wenn man ihn in die Lage bringt, denselben zu beweisen, so wird er unter allen Umständen da sein. Er hängt mit tausend Fäden fest am Vaterlande, aber hinausgestoßen in die Fremde, einem fremden Staate unterlhan, auf dessen Hülfe und dessen Gesetze angewiesen, kann er nicht anders, er muß nach und nach in diesem Maate aufgehen und fenie Eigenthüm- lichkeiten verlieren. Geschieht dieses auch erst in der zweiten und dritten Generation allmählich wird er von den fremden Zuständen umstrickt und vergißt feine Heimath.
Darum kommen wir noch einmal darauf zurück: Das deutsche Reich soll sich feiner Kinder annehmen und Kolonien erwerben.
Deutsches Reich.
Fulda, 8. September.
* (Eine neue Kulturkampfsidee) hat die fortschrittliche Berliner .Volkszeitung' erfunden, welche dem Kulturkampf ä la Falk niemals viel
Mir bleibt dann noch eine besondere Aufgabe, und daß ich diese lösen werde, dafür bürge ich."
„Darf ich wissen, worin diese bestehen wird?" „Darin, daß ich nicht ruhen werde, bis ich Gewißheit erlangt habe, wer der Schurke gewesen ist, der die Briefe der Gräfin unterschlagen und die gefälschten Antwortschreiben angefertigt hat. — Gnade Gott dem, mit ihm wird der Schulte Optenholt Abrechnung halten."
In demselben Augenblicke brach Hektor laut bellend durch die Büsche, welchem Otto alsbald folgte.
„Bravo!" rief er lachend, als er der Beiden auf der Bank ansichtig wurde, „also hat Frau Lore doch Wort gehalten und Tante Hanna aus ihrem Heiligthum hinausspedirt. Da werden Sie eine schöne Szene mit erlebt haben, Herr Optenholt?"
„Erinnern Sie sich, was ich Ihnen gestern sagte," erwiderte lachend der Schulte.
„Aber nun lasset uns hinabsteigen, und zusehen, ob wir Gelegenheit finden, Lores Kochkunst zu bewundern."
Der letzte Nachmittag des Besuches entschwand Allen nur zu rasch. Als der Gast am nächsten Morgen Abschied von der ihm so ttjeuer gewordenen Familie nahm, ahnte er nicht die traurigen Ereigniffe, welche ein Wiedersehen veranlassen würden.
(Fortsetzung folgt.)