M 204.
Freitag, den 7. September
Fuldaer
1883.
Sie Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. BierteljShrlicher AbonnementSpreii ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne an- Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Die Unruhen in Kroatien im Lichte der Wahrheit.
Die tagtäglich einlaufenden Berichte über die Volksaufstände in Kroatien, und zwar speziell in Zagorien, enthalten hinreichende Details, um die Leser über die thatfächlichen Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Wer aber die von verschiedenen großen Zeitungen gebrachten Tagesberichte verfolgt hat, dem wird es wohl nicht entgangen sein, daß die Angaben über den Uinfang und die Tragweite der einzelnen Vorfälle hin und wieder sehr stark von einander abweichen, daß in erster Linie die judenfreund- lichen Blätter alles aufbieten, um durch die künstlichen Mittel der Tinte und Druckerschwärze die Ausschreitungen der zagorischen Bauern bis in's Unglaubliche zu übertreiben. Man weiß ja, daß oft ein Wort genügt, um einer Darstellung eine andere Wendung zu geben; die judenfteundlichen Blätter verstehen aber die Kunst, kurzen Telegrammen eine in ihren Kram passende stilistische Form zu geben, von jeher meisterhaft, und da auch schon die Telegramme selbst faustdicke Lügen enthalten, so kann man sich den hervortrelenden Abstand zwischen Wahrheit und Dichtung ungefähr ausmalen. Vergleicht man z. B. die Nachrichten des ,,W. T. B.", welches doch wahrlich keine antisemitischen Tendenzen verfolgt, mit den täglichen Pesther Privattelegrammen eines bekannten süddeutschen Judenblattes, so merkt man gleich die tendenziöse Färbung, um nicht gradezu zu sagen die Verlogenheit dieser Originalfabrikate heraus. Man ist eben auf gewisser Seite bestrebt, den kroatischen Bauern sozialistische Umsturzideen als Motiv für ihre Widersetzlichkeit unterzuschicben. Dem gegenüber meldet die bestunterrichtete .Ungarische Post', daß der ganzen Bauernbewegung jedweder politische Charakter abzusprechen sei, daß auch die Mittheilungen über Emissaire, verkleidete Agenten, fremde Aufwiegler, militärische Organisation der Bauern, selbst deren auf viele Tausende angegebene Anzahl u. s. w. absolut unwahr seien. Andere ungarische Blätter bestätigen dies/ Aus ihren Darstellungen geht
hervor, daß die Bauern Zagoriens, ja ganz Kroatien's Respekt vor fremdem Eigenthum haben und nur durch unverschuldete Verfolgung oder in Verzweiflung über jahrelang erduldete Verletzung des Rechtsgefühls zu den äußersten Mitteln der Selbsthülfe greifen.
Daß übrigens unsere obigen Angaben bezüglich der bis ins Graue übertreibenden judenfreundlichen Berichterstattung nicht etwa antisemitischen oder der dabei interessirten ungarischen Regierung nachstehenden Quellen entnommen sind, erhellt aus den Pesther Original-Korrespondenzen in der .Köln. Ztg.' Eine derselben beginnt z. B. mit den Worten: „Die Uebertreibungen gewisser Blätter streifen an's Komische", und gibt sodann eine Reihe von abenteuerlichen Einzelheiten dem Fluche der Lächerlichkeit Preis.
Authentischen Nachrichten zufolge bilden die alleinige Ursache der Bewegung ohne Ausnahme die Mißbräuche der lokalen Verwaltung in der Anordnung von theils die Bauern bedrückenden, theils widersinnigen, theils grundlos gegen das Interesse der Bauern gerichteten Maßregeln. Parallel mit den Mißbräuchen laufen die Verletzungen jedes Rechtsgefühls seitens derSteuer-ExekntionS-Organe, Willkürlichkeiten seitens der Gemeindebeamten, Vorgänge; über welche man schaudert, und die man in der Stadt, wo Abhülfe gegen Ungesetzlichkeiten ermöglicht ist, für unmöglich hält. Die Politik hat also mit diesen durch wahre Schauderthaten verursachten Unruhen gar nichts zu thun. Weder die Wappen-Frage, noch die nationalen Differenzen haben dabei die Hand im Spiele; diese sind dazu künstlich ober absichtlich herangezogen, oder es ist die Sachlage durch übertriebene und willkürlich ausgelegte Darstellungen entstellt worden.
Trotz der Menge Klagen über die politischen oder die Gemeinde-Beamten hat die Regierung nie Abhilfe geschafft, weil sie den betreffenden Bericht stets von den angeklagten Beamten verlangte, welche sich natürlich nicht selbst anklagten, sondern gerade umgekebrt die Bauern der Renitenz, Gesetzlosigkeit, des Starrsinns u. s. w. beschuldigten, inFolgedessen die Regierung ohne weitereUntersuchung
die Kläger abwies. Als Entschuldigung der Plackereien von Seiten der politischen Organe oder der grausamen Plackereien von Seiten der ©teuer« Executions-Organe — letztere meistens übel beleumundete Individuen — gegen die Bauern diente beinahe in allen Fällen der Hinweis auf das „magyarische Gesetz", manchmal nicht ein Mal diese Entschuldigung, sondern einfach das brutal ausgestoßene Machtgebot des Dorftyrannen.
Wenn man in jedem einzelnen Falle gleichzeitig mit der Darstellung des Aufstandes auch die offenbare Ursache und Veranlassung desselben erführe, so würde man nicht so sehr das gewiß nicht zu entschuldigende Auftreten der Bauern, sondern vielmehr ihre Tyrannen im öffentlichen und Privatleben als die Hauptschuldigen anklagen und ver- urtheilen. Wir begnügen uns damit, nur einige wenige beglaubigte Fälle über die Bedrückung der Bauern zu erwähnen. So erklären die Bauern von Zlatar, wo der Leiter der Vizegespanschaft sich beinahe verschanzt hält, sie wollten nicht eher ruhen, bis man ihnen den willkürlich auferlegten Ersatz der von den Steuerbeamten defraudirten 17,000 fl. abschreibe. — In Nacsa hat man einem Bauer wegen eines Steuerrückstandes von 4 Fl. die Kuh weggetrieben, trotzdem der Bauer angeboten hatte, die Kuh an den benachbarten Fleischhauer zu verkaufen, der ihm 50 Fl. für dieselbe zugesagt hatte. Nach einigen Tagen wurde derselbe Bauer wegen derselben 4 Fl. wieder gepfändet und ihm lachend gesagt, daß der Erlös der verkauften Kuh für die Exekutionskosten aufgegangen fei. — In Brabec bei Agram wurden einem Häusler in seiner Abwesenheit die Thüren und Fenster erbrochen und das Bettzeug weggeschleppt, in welchem das arme Bauernweib 45 Fl. verborgen hielt, um damit die Steuern zu zahlen. Das Bettzeug wurde verkauft und das Geld ging verloren oder wurde gestohlen. Solche Fälle von unsäglicher Grausamkeit seitens des Ge. meindenotars, der Exekutionsorgane und Haupt, sächlich der wuchertreibenden besitzenden Juden- Clique gibt es in Menge. Sie gereichen dem ad. ministrativen System, wie es in jenen Gegende„ gehandhabt wurde, sehr zur Unehre, und man tann
23
Der E r b e.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
Nachdem der Förster an dem andern Morgen seinen Reviergang angetreten hatte, wandelte Hanna, die ungeachtet ihres Protestes für heute aus der Küche verwiesen worden war, mit dem Gaste den Fußvfad entlang, der zu einem kleinen Hügel führte. Auf der Höhe desselben hatte Otto eine einfache Bank angebracht,. die von dichten Haselnußstauden beschattet war. Wenn das Thal, welches man von iher aus übersah, auch wenig landschaftliche Reize besaß, so war dieses Plätzchen doch unstreitig das lieblichste, welches die einfache Landschaft bot; es wurde deshalb auch gerne von der Familie besucht, wenn die Dienstgeschäfte den jungen Mann nicht in Anspruch nahmen.
„Sehen Sie, Herr Vetter, so muß ich jetzt ja sagen," nahm Hanna das Wort, nachdem sie auf dem Sitze Platz genommen hatten, „dieses lauschige Plätzchen hat uns schon manche frohe Stunde bereitet. Hierher wandeln wir an dm Sonntag- Nachmittagen bei schöner Jahreszeit, oder wenn mir wissen, daß Otto aus diesem Striche zurück- kehrt. Während die Kinder in dem Gebüsche umherstreifen, um Waldblumen zu pflücken oder ihre Körbchen mit Erdbeeren ober Haffelnüssen zu füllen, plaubern wir hier von den guten Frauen, die weit von hier unter dem grünen Rasen ruhen, und
bauen Luftschlösser für die Zukunft, die zwar bescheiden, aber lieblicher sind, als wenn die jungen Leute einen stolzen Namen führten und Besitzer ihres Erbes wären."
„Ich darf Ihnen versichern, gute Frau Wisüng, die Tage, die ich hier verlebt habe, werden mir unvergeßlich fein, und doch gestehe ich, daß ich jetzt beinahe bedauere, hierher gekommen zu fein."
„Es ist allerdings nicht viel, was Otto bieten kann," entgegnete Hanna etwas überrascht durch die Aeußerung ihres Begleiters, „das Wenige kommt aber von Herzen."
„Sie verstehen mich nicht; ich sagte, daß ich immer mit Vergnügen an die verlebte Woche zurückdenken werde. Wenn ich mich schon im ersten Augenblicke durch das offene freundliche Wesen des jungen Mannes angezogen fühlte, als er mich in Dierdorf abholte, so wurde ich vollständig überrascht, als ich mich der jungen Frau gegenüber befand, aus deren lieblichen Zügen unverkennbar mir das Bild ihres verstorbenen Vaters entgegen« trat. — Ich war nur hierher gekommen, um die glückliche Familie kennen zu lernen; aber jetzt muß ich mir die Frage wiegen, thun Sie und ich darin Recht, nicht für dieselbe einzutreten?
Wenn die Bestätigung des Testamentes auch erfolgt ist, so ist sie doch nur deshalb vollzogen worden, weil feine natürlichen Erben bekannt waren.
Wer will gegen Ihr Zeugniß nuftreten ?
Sagt nicht jeder Zug des Gesichtes, daß sie ein
Westerberg ist? — Ist es nicht ein Paar, welches eine Zierde des stolzen Stammsitzes fein würde?"
„Ich kann Ihnen nur vollkommen Recht geben, Herr Optenholt."
„Warum aber haben Sie mich denn gehindert die nothwendigen Schritte zu thun und Jahr auf Jahr nutzlos vorübergehen zu lassen? Glauben Sie, fuhr er erregter fort, „der Schulte hätte vor den Schwierigkeiten zurückgeschreckt und hätte nicht Willen und Vermögen genug, dm Prozeß zu betreiben?"
„Auch daran zweiflle ich nicht," - erwiderte sie ruhig.
„Welches Hinderniß steht uns dann im Wege, das Versäumte auch jetzt noch nachzuholen?"
„Es gibt wohl Niemand aus der Welt, dem das Wohl seiner Herrschaft mehr am Herzen liegt, als mir, und gerne würde ich mein Leben dafür hingeben, wenn ich sie im Besitze ihres Erbes sähe.
Der liebe Gott hat es aber anders gefügt.
Ich habe mir auch oft die Frage vorgelegt, ob unsere Handlungsweise die richtige sei, und habe dieselbe nach reiflicher llebertegung immer bejahen müssen."
„Das sind fo Weidendem," entgegnete er unwirsch.
„Ich werde Ihnen ewig dankbar fein, Herr Optenholt, für Ihre Bereitwilligkeit und Theil- nahme; aber gedenken Sie des Wunsches der Sterbenden.