Einzelbild herunterladen
 

Montag, den 3. September

Die Fuldaer Zeitung' rrschemt täglich. Sonn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementsprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne Ml- Blumen' in Fulda 1 Rk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen mtsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

■ Fulda, 3. September.

■Sfc (Die außerordentliche Session des Reichstags) ist am Sonnabend glücklich zu Ende geführt worden. Dieses Resultat konnte nur bei strammer unausgesetzter Arbeit und durch den Verzicht aus alle zeitraubenden lediglich den Par- teizwecken dienenden Debatten erreicht werden. In letzterer Beziehung hat sogar der Abg. Richter, der in kampfesmuthigem Eifer gegen dis „Schnaps­politik" der Reichsregierung zu Felde zog, sich in letzter Stunde eine kleine Entbehrung auflegen müssen. Dem Reichskanzler ist nun trotz des Widerspruchs der Linksliberalen völlige Indemnität für die vorzeitige, verfassungswidrige Inkraftsetzung des spanischen Handelsvertrags zu Theil geworden. Das Gesetz über die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee gelangte ebenso zur definitiven Annahme, und da sich bei der prin­zipiell wichtigen Verhandlung der Inter­pellation betreffend die Nachwahl in Torgau- Liebenwerda ein längerer Zeitaufwand nicht leicht vermeiden ließ, so ist der schnelle Schluß der Ses­sion diesmal eigentlich den Sozialdemokraten zu verdanken, welche darauf verzichteten, in eine Verhandlung der dem Reichstag vorgelegten Denk­schrift über die am 22. Juni erfolgte Ver­hängung des kleinen Belagerungszu­standes über Leipzig einzutreten. Die Reichs- boten hoffen nun vor Januar oder Februar nicht wieder einberufen zu werden, auch die Grund­steinlegung des Reichstagsgebäudes wird so lange ausgesetzt werden müssen.

— (Dem schwindsüchtigen National­liberalismus), den die ,Nordd. Allg. Ztg.' noch vor wenigen Tagen für ihre Zwecke zu ködern suchte, läßt dasselbe Blatt nun aus der Pro­vinz Hannover folgendes Jammerlied singen:

„In demselben Augenblicke, wo die national­liberale Partei und ihr Führer v. Bennigsen in dem altgetreuen Wahlbezirke desselben von der Fortschrittspartei wahrhaft malträtirt werden, kann der nationalliberale .Hannoversche Courier' es

über sich gewinnen, sich gestern aus Berlin vom Reichstage von einem Freunde schreiben zu lassen : „Schwach besetzt waren nur die Bänke der Kon­servativen. Wäre es der Fortschrittspartei Ernst damit gewesen, Herrn Ackermann vom Präsidium fern zu halten, oder hätte sie hierfür die Unter­stützung sämmtlicher Liberalen gefunden, so würde sich eine andere Zusammensetzung des Vorstandes ganz gut haben ermöglichen lassen." Das ist so recht bezeichnend für die Schwäche dieser Partei, und das ist es, was ihr hauptsächlich auch hier in der Provinz so sehr schadet, daß sie, obwohl von den Fortschrittlern im eigenen Hause mit Füßen getreten, doch lieber paktirt und koque- tirt mit diesen ihren liebenswürdigen liberalen Todfeinden, als mit den vernünftig Konservativen. Dieser Mangel an dem richtigen Partei­stolze hat schon Manchen der Partei ferngestellt, und vermuthlich spielt bei dem Rücktritte v. Ben- nigsen's dies Gefühl seine große Rolle und wird in ihm in diesen Tagen, wo der Führer der Fort­schrittspartei Richter in seinem Wahlbezirke erwartet wird, ganz besonders an- und aufgeregt bis zum -- Ekel!" Es scheint, daß die Offiziösen endlich auch zu der Einsicht kommen, daß diesem Jammer­bild einer Partei selbst durch eine Wund er kur nicht mehr zu helfen wäre.

* (Ueber den Jahrestag der Schlacht bei Sedan) bringt der Londoner .Standard' einen sehr beachtenswerthen Artikel, in welchem er die Friedfertigkeit und Mäßigung der deutschen Politik seit dem Tage von Sedan rühmt. Die Erfahrung der letzten 13 Jahre hätte gelehrt, daß Fürst Bismarck keine Komplotte gegen den europäischen Frieden schmiede. Die verbündeten deutschen Reiche seien ein Pfand der Sicherheit gegen Störungen des Friedens, wie solche etwa durch den Rassenhaß oder dynastischen Ehrgeiz jervorgerufen werden könnten. Als die frieden- törenden Elemente in Europa bezeichnet das Blatt Frankreich und Rußland, während die friedlichen und konservativen Elemente Deutschland und Oester­reich seien, aus diesem Grunde begrüßte England den Namen Sedan mit Befriedigung und setze

mehr Vertrauen in Deutschland, als in den soge­nannten Bundesgenossen, der niemals rastete, selbst nicht, nachdem er die Unabhängigkeit der Nach­baarstaaten zertrümmert.

* (Zur Niederwaldfeier.) An den Ge- sammtvorstand des Reichstages ist eine Einladung zur Theilnahme an der Einweihung des National­denkmals auf dem Niederwald ergangen.

* München, 1. Sept. (Ein Erlaß des Königs) verändert die Bestimmungen betreffs Bildung der Schulsprengel dahin, daß künf­tig neben den räumlichen Verhältnissen in erster Linie die Konfession der Schulpflichtigen entscheidend sein solle.

Oesterreich - Ungarn.

* Wien, 1. Sept. (Der Kaiser) empfing außer dem Grafen von Paris noch den Grafen Bari, die Herzöge von Chartres, Nemours, Alen^on und Aumale und den Prinzen von Joinville.

* Laxenburg, 2. Sept. (Die Kronprin­zessin Stefanie) ist heute früh 7 Uhr 15 "7. .i. glücklich von einer Tochter entbunden worden. Die feierliche Taufe findet am 5. September, Mittags 1 Uhr, Hierselbst statt. — Der Kaiser ist von Wien hier eingetroffen, der Bahnhof und der Ort sind mit Flaggen und Blumen festlich geschmückt. In der Ortskirche wurde anläßlich der Geburt der Prinzessin ein Hochamt celebrirt.

* Frohsdorf, 1. Sept. (Das erste See­lenamt für Elras Ehaiubsrd) saad früh 9 Uhr in der Schloßkapelle statt in An­wesenheit des Erzherzog Karl Ludwig, sowie anderer Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses, des Herzogs von Braganza und zahlreicher Mitglie­der der österreichischen Aristokratie. Nuntius Vanu- telli celebrirte.

* Bad Gastein, 1. Sept. (Fürst Bis­marck) ist mit Familie Nachmittags angekommen.

* Agram, 1. Sept. (Judenexzesse.) Der Ministerialrath David ist uach Pest abgereist und dürfte nicht mehr hierher zurückkehren. Die Un­ruhen in Zagorien nehmen zu. In Krapina fand ein Zusammenstoß statt, wobei ein Bauer getödtet

21

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

„Du guter Otto, wie glücklich wir sind."

„Das sind wir, liebes Herz; oft frage ich mich, wodurch wir so vieles Glück verdient haben."

„Wem wir es zu verdanken haben, weiß ich; nur unseren guten Müttern, die dort oben für das Wohl ihrer Kinder beten. — Ach, Otto, das Ein­zige, was uns fehlt, ist nur das, daß wir sie nicht mehr um uns haben."

„Gönne ihnen doch das Glück, das sie jetzt ge­nießen."

„Von Herzen; aber es würde doch so schön sein, wenn sie noch lebten und wir Alle in unserer lieben Heimath vereint wären."

„Da hört inan wieder die zufriedene Hausfrau," sagte Hanna, mit dem Finger drohend; zuerst prei­set sie ihr Glück und rückt gleich darauf mit un­erfüllbaren Wünschen hervor."

„Nein, nein, gute Hanna; ich bin zufrieden und danke dem Himmel für das Glück, das er mir be- schieden hat; aber ich darf doch wohl an mein gutes Mütterchen denken?"

„Daran denken wir täglich Alle; jetzt aber müß­ten wir wohl an die beiden Kleinen dort denken, es dürfte wohl an der Zeit sein, sie zur Ruhe zu bringen."

„Mütterchen hat Recht," erividerte die junge I

Frau, nahm das Mädchen auf den Arm und schritt den Anderen voran dem Hause zu."

Schon manches Jahr ruhte Frau Wester auf dem kleinen Friedhöfe des Pfarrdorfes.

Nach dem Wunsche der Verstorbenen siedelten die beiden Frauen in das Haus der guten Nachbarin über. Otto hatte noch ein Jahr lang eine Forst­schule besucht und kehrte nach dieser Frist mit den besten Zeugnissen heim.

Durch Vermittlung des Oberförsters, der den fleißigen, talentvollen jungen Mann schätzte, wurde ihm, zwar ferne von der Heimath, eine Forstwart­stelle angeboten. Er sah sich nun am Ziel seiner Wünsche. Mit unermüdlichem Fleiße arbeiteten die Frauen vereint, die Ausstattung des jungen Paares fertig zu stellen; nichts schien den guten Leutchen zu ihrem Glücke mehr zu fehlen. Der Tag der Vermählung war bereits festgesetzt, als eine plötz­lich heftig auftretende Krankheit Frau Ulrich in wenigen Tagen wegraffte. — Der Hochzeitstag sah mehr Thränen fließen, als freudestrahlende Gesich­ter. Otto verkaufte sein kleines Anwesen und zog mit seinem jungen Weibe und der treuen Hanna der neuen Heimath zu, begleitet von den Segens­wünschen der Dorfbewohner, die Alle den braven Leuten von Herzen zugethan waren, wo wir chn als glücklichen Gatten und Vater wiederfanden.

* * *

Hanna hatte dem Herrn Optenhold von dem Ab­leben ihrer Herrin und ihren letzten Wünschen Nach­

richt gegeben. Der redliche Mann bedauerte das Ende der unglücklichen Frau aufrichtig; noch mehr aber ging ihm das Schicksal der Tochter zu Herzen. Nur konnte er nicht begreifen, daß erstere nicht vor ihrem Tode dieselbe von ihrer Herkunft unter­richtet hatte. Brummend warf er das Schreiben auf den Tisch und schritt erregt in seiner Stube auf und nieder. Es empörte seinen Rechtlichkeits­sinn, daß unberechtigte Erben auf dem Besitze seines früheren Grundherrn schalteten, während der wahre Erbberechtigte, ohne von seinen Ansprüchen Kennt- niß zu haben, in ärmlichen Verhältnissen lebte.

Ein anderer, für ihn noch gewichtigerer Grund zur Unzufriedenheit war die Erkenntniß, daß durch irgend eine Schurkerei die Annäherung der Gatten verhindert worden war. Die verstorbene Gräfin und ihre treue Dienerin hatten ihn um seinen Bei­stand gebeten und er hatte diesen zugesagt.

Jetzt fühlte er die Verpflichtung, zu handeln, ob mit oder ohne Zustimmung der Betheiligten. Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses kannte er kaum; es hieß zwar, daß sie eine achtungswerthe Dame sei, die vor ihren Untergebenen geschätzt und von den Armen verehrt werde, aber es verletzte doch den Stolz des reichen Bauern in etwa, daß sie den bäuerlichen Grundbesitzern der Umgegend nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenkte. Einer Dame so hohen Standes wurde das schon nachge­sehen; ein Anderes war es mit ihrem Neffen, dem Grafen Rinteln, der die Verwaltung ihrer Güter