191. Donnerstag, den 30. August 1888.
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Judenfeinde ringsum.
Die Antisemiten-Bewegung, welche in unserem Deutschland von Anfang an einen mehr akademischen Charakter gezeigt hat und es im Allgemeinen beim Reden und Schimpfen gegen jüdische Anmaßung und jüdischen „Groschensinn," (wie ein Berliner Satyriker nicht übel sagt,) hat bewenden lassen, scheint anderswo mit größerer Kraft und Energie betrieben zu werden. Die tagtäglich aus Kroatien gemeldeten Exzesse gegen die jüdische Bevölkerung, ebenso wie die in Rußland schon lange sich stets wiederholenden gegen die Juden gerichteten Wuthausbrüche des Volkes lassen erkennen, daß momentan eine Gährung durch gewisse Bevölkerungskreise geht, die, wenn sie nicht auf irgend eine Weise beschwichtigt wird, zu einem schlimmen Gewaltstreich gegen das Judenthum ausarten kann. Es ist selbstredend die Pflicht einer jeden Regierung, — und dieser Pflicht kann sich auch die ungarische und selbst die russische Regierung nicht entziehen, — einen jeden Staatsbürger, gleichviel welcher Konfession, vor Ex- zesien zu schützen, ihm Gut, Leben und Sicherheit zu garantiren. In diesem Sinne werden auch Seitens der ungarischen Regierung bereits umfaffende Maßregeln getroffen, um weitere Ausschreitungen gegen die Juden zu verhüten, die ausgebrochenen Exzesse niederzuschlagen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Kein vernünftiger Mensch wird diese Art der Lynchjustiz billigen, wie sie in Kroatien vom Pöbel geübt wird, insbesondere auch, weil Schuldige und Unschuldige angegriffen werden, und weil die aufgewiegelte Menge die Gelegenheit benutzt, sich am Reichthum der Juden zu vergreifen. Die von diesen p raktisch en Antisemiten angewandten äußersten Mittel liefern übrigens einen drastischen Beweis für den hohen Grad der Entrüstung, welche
das geldgierige und christenfeindliche Gebühren der Juden heraufbeschworen hat.
Daß die judenfeindliche Bewegung nicht nur in vereinzelten Symtomen, sondern fast allgemein austritt, beweist der Umstand, daß selbst in dem „modernen Babel", in der Weltstadt Paris, in welcher Mitglieder der weltbeherrschenden Firma Rothschild als Barone glänzen und die „alliance isra&ite“ einen ihrer vornehmsten Sitze hat, die erst kaum gegründete antisemitische Vereinigung bereits 2809 Mitglieder zählt. Das Organ derselben, ,L’Antisemitique‘, athmet einen geradezu leidenschaftlichen Haß gegen das Judenthum und schürt denselben, indem es geradezu haarsträubende Dinge über die Juden berichtet und dabei Wahres mit Unwahrem vermischt. Die Agitation wird sehr systematisch betrieben, was schon daraus hervorgeht, daß der ,L’Antisemitique‘ an viele deutsche Blätter regelmäßig gratis versandt wird, wenn man nicht, wie wir es gethan, zu dem Mittel greift, die fernere Annahme dieses Blattes zu verweigern. Heber die Gestaltung der antisemitischen Vereinigung in Paris giebt der nachstehende Satz ihres Organs einige Aufklärung: „Denjenigen, die sich wundern, daß wir nicht die Namen der Mitglieder veröffentlichen, antworten wir, daß wir in derselben Weise, wie die alliance israelite universelle im Dunkeln arbeiten werden. Diejenigen, welche der antisemitischen Vereinigung angehören, haben aus derselben eine Art Freimaurerbund gemacht. Die Mitglieder versammeln sich zweimal im Monate, und wir bürgen dafür, daß die Versammlungen lebhafter und besuchter sind als diejenigen der meisten Freimaurerlogen." Man sieht, daß diese Leute es mit ihrer Sache ernst nehmen, und die jüdische Bevölkerung sollte daraus wenigstens die eine Lehre ziehen, daß sie, was an ihr liegt, in Zukunft alles vermeidet, was der Erbitterung der christlichen Bevölkerung weitere Nahrung geben kann. Jedermann weiß, daß nur ein Theil der Juden daran die Schuld trägt. Auch ist die rücksichtslose Geldsucht der jüdischen Race nicht der einzige Grund der allgemeinen Unzufriedenheit. Die maßlosen Angriffe der
jüdischen Presse gegen das Christenthum und christliche Religionsgebräuche und vor Allem die thätige Beihülfe der Juden überall da, wo es einen „Kulturkampf" gibt, hat dem Volke allmählich die Augen geöffnet. Man sage daher nicht, es handle sich in dem Kampfe gegen die Juden um die Aufhebung der Gleichberechtigung, nein, es handelt sich vielmehr darum, den Juden zu beweisen, daß sie nicht die Herren der Welt sind, sondern nur eine Minorität, der es wahrlich nicht ansteht, die christliche Majorität zu terrori« siren. Wir ziehen daraus den Schluß: weder der Antisemiten-Bewegung, noch der jüdischen Neber- Hebung läßt sich auf die Dauer mit gesetzlichen Mitteln beikommen. Will das Judenthum der Anwendung ungesetzlichen Mittel vorbeugen, so muß es Einkehr und Umkehr bei sich selbst halten.
Deutsches Reich.
Fulda, 31. August. ,
*(Jn einerAntwort auf die französischen Preßauslassungen) sagt die ,Nordd. Allgem. Ztg.': Die Aufnahme und Beurtheilung, welche ihr neuerlicher Artikel über das Verhalten der französischen Presse bei den Pariser Zeitungen gefunden habe, entspreche in jeder Richtung den Voraussetzungen, welche sie vernünftiger Weise an denselben zu knüpfen berechtigt war. Bei aller nationalen Empfindlichkeit gebe es in Paris doch auch Zeitungen, welche in ben Bemerkungen der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' Anknüpfung zu Reflexionen fänden, die wenigstens mittelbar zu einer gewissen Beruhigung beitragen könnten. Die Steigerung der Affekte durch die Leidenschaftlichkeit der Revancheprediger könne aber naturgemäß uicht auf einen engeren Kreis beschränkt bleiben, wenn eine große Anzahl von Zeitungen denselben zum bereitwilligen Sprachrohr diene und es an ehrsüchtigen Stellenjägern nicht fehle, welche die aufgeregten Instinkte der Massen für ihre Zwecke ver- werthen zu können hoffen. Die überall wiederkeh«
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Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
VI.
Was braucht es viel im Leben, Um froh vergnügt zu sein? Genieß', was Gott gegeben, Und dankbar denke sein.
Gustav vom Bach.
Der herrliche Rheingau und die lachenden Thäler seiner Nebenflüsse üben stets auf den wanderlustigen Menschen eine große Anziehungskraft aus. Nur in seltenen Fällen wagen es vereinzelte Touristen, diese lieblichen Punkte zu verlassen und die seitwärts liegenden Landstriche zum Ziel ihrer Wanderung zu machen. Das bewaldete Gebirge und die zum Theil unfruchtbare Hochebene gewährt wenig Reiz. Statt üppiger Roggen- und Weizenfelder ist der Acker mit etwas Hafer und Gerste bestellt und an den mit knorrigem Holze bewachsenen Abhängen suchen kleine, rothbraune Kühe ihr spärliches Futter.
Die niedlichen Städte und Doffer werden seltener und die kleinen Weiler, deren Häuser zum Theil noch mit Stroh gedeckt sind, bieten für den hungrigen und durstigen Wanderer wenig Einladendes.
Der junge Mann, der mit kräftigem Schritte der bewaldeten Höhe zustrebte, schien kein Tourist zu fein. Eine leichte Jagdjoppe mit Hirschhorn- knöpfen umschloß den schlanken und doch kräftigen
Körper, zu dessen Stütze er in der Hand einen gewichtigen Eichenstock mit Hirschkrücke führte. Unter dem üppigen braunen Haar blickte ein Augenpaar von gleicher Farbe frisch und fröhlich in die Welt hinein. Lustig summte er trotz des mühsamen Marsches ein Liedchen vor sich hin.
Sobald er die Schatten des Waldes erreicht hatte, lüftete er seinen mit Rehbarl verzierten Hut, trocknete die heiße Stirne und zündete eine kurze Maserholzpfeife an. — Er schien mit den Waldwegen ganz vertraut zu sein, denn nicht ein einziges Mal stockte sein Fuß bei den sich kreuzenden, verschlungenen Pfaden. Als er den Wald durchschritten hatte, lag in einer kleinen Thalmulde ein Unscheinbares Dörfchen vor ihm. Es schien seine Heimath zu sein, denn hier und da nickte er den grüßenden Bewohnern freundlich zu.
Ein frohes Lächeln umspielte seine Züge, als er am Ende des Dorfes seinen Blick auf eine kleine Höhe richtete. — Es war aber auch ein liebliches Bild, welches vor seinem Auge auftauchte.
Einige hundert Schritte von dem Dörchen entfernt lag ein kleines Haus, welches durch die blendend weiß angestrichenen Fensterrahmen mit grünen Läden auf dem aus rothen Backsteinen in zierlich weißen Fugen erbauten Mauerwerk einen auffallenden Kontrast gegen die armen Hütten des Dorfes bildete. Eine fast hundertjährige Linde breitete ihr Laubdach über den Vorplatz und einen Theil des Hauses aus; ein kunstloser Tisch und einige aus knor
rigen Buchen gefertigte Bänke umgaben den Stamm des riesigen Baumes. Auf einer der letzteren saß eine junge Frau, welche einem kleinem vor ihr auf dem Tische sitzenden Mädchen einen Blumenkranz auf die blonden Locken gedrückt hatte und mit innigem Wohlgefallen zusah, wie die ungeschickten Händchen der Kleinen sich bestrebten, die Blumen dem krausen Haar zu entwinden.
Eine ältere Frau hatte einen um ein paar Jahre älteren Buben auf den Rücken eines Jagdhundes gehoben. Das kluge Thier schien an solche Reitübungen gewohnt zu fein, denn ohne Knurren ließ es sich die Anstrengungen M kleinen Reiters gefallen, der mit Hand und Fuß sich bestrebte, das Thier in Trab zu bringen. Eine geraume Weile ertrug der Vierfüßler mit stoischem Gleichmuth die kleinen Quälereien des Reiters, als er plötzlich seine Nase schnüffelnd vorstreckte, ein kurzes Gebell ausstieß und mit mächtigen Sprüngen forteilte.
Der Reiter lag schreiend und zappelnd im Sande; kaum hatte er sich aber aufgerichtet, als er so rasch, als seine Beinchen es gestatteten, dem Hunde nacheilte.
Die Frauen, welche sich mit dem Mädchen beschäftigten , dem es endlich gelungen war den Kranz von feinen Locken zu entfernen, und welches nun ein Blümchen nach dem anderen zerzauste, blickten, durch das Gebell des Hundes aufmerksam gemacht, verwundert auf. (Forts, f.)