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Jts. 197

Donnerstag, den 30. August

1883.

Fuldaer Altung.

Di« Fuldaer Rettung' erscheint tSqlich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher LbonnementSprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne Mtd Blumen^ in Fulda 1 SH. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zelle oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannonce« 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Für den Monat September eröffnen wir ein Abonnement znm Preise von 50 Pfg. ohne Bestellgeld.

O Das Erbe der Bourbonen.

Der Tod des edelmüthigen und charakterfesten Grasen Cha mb ord hat im Auslande einen nach­haltigeren Eindruck gemacht, als in Frankreich selbst. Das republikanische Frankreich, — und dieses bildet ja die große Mehrheit, — sah in „Heinrich V." nur einen durchaus ungefährlichen Gegner der Re­publik hinscheiden, einen Mann, dessen persönliche Charakter- und Herzenseigenschaften auch von ihm gewürdigt wurden, der aber als politische Persön­lichkeit kein aktuelles Interesse mehr bieten konnte. Graf Chambord war kein Mann des Staatsstreichs, kein Anhänger des Erfolges um jeden Preis; zwei­mal fchlug der Graf die ihm winkende Königs­krone aus und verschmähte es, von seinen Prinzipien auch nur einen Buchstaben dem persönlichen Ehr­geiz zum Opfer zu bringen. Dieser edle Charakter ist geeignet, einem Jeden Anerkennung und Respekt abzunöthigen, aber das genügt nicht, die aufregungs­bedürftigen Franzosenherzen zu begeistern und zu elektrisiren. Rur zu viele unter ihnen schalten von jeher den Grafell einen Schwächling, der nicht einmal den billigen Muth des Wortes fand, wie der große Schwätzer Gambetta. So hat denn m Frankreich nur die Partei der Legitimisten einen innigeren Äntheil an bem Tode „Heinrich's V.", und auch dieses Interesse bezieht sich höchstens bei der Partei der „Univers", den direkten Anhängern der Bourbonen, auf die P erson des Verstorbenen, weil mit ihm der greifbare Hintergrund ihrer Be­strebungen dahin geschwunden ist.

Die eigentliche bourbonische (ältere) Linie ist mit dem Grafen Chambord erloschen. Das ist die histo­rische Bedeutung des Todesfalles, wofür jedoch die Durchschnitts-Franzosen schon deshalb wenig Interesse haben, weil sie von der Geschichte der Bourbonen wenig misien. Die ausländischen Bour­bonen, in erster Linie der Spanier Don Carlos,

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

„Gnädige Frau," bat Hanna unter Thränen, „reden Sie nicht so viel; ihre Gesundheit erträgt das nicht."

„Lasse mich, gute Hanna, das Reden fällt mir heute nicht sonderlich schwer und vielleicht habe ich morgen die Kraft nicht mehr dazu. — Als Du hoffnungslos zurückkehrtest, habe ich einen schweren Kampf bestanden; der liebe Gott hat mir den Sieg erringen helfen. — Heute sehe ich ein, wie gut er es gemacht hat; Lore wird glücklicher werden, als wenn sie die Erbin von Westerberg geworden wäre. Sobald Otto eine Forststelle erhält, soll er seine Braut heimführen. Bis dahin bleibe sie unter Deinem und der Mutter Schutz."

Sie legte ihr bleiches Haupt auf die Schulter ihrer treuen Gefährtin und fuhr bittend fort: „Aber eines mußt Du mir versprechen, sie nicht zu verlassen, wenn sie am Altäre ihren Bund ge­schlossen haben — und beschenkt der Herr sie mit Nachkommen, so muß der Erstgeborene Felix, und ist es ein Mädchen, Johanna heißen."

„O gnädige Frau," rief Hanna tief erschüttert, und drückte die abgezehrte Hand der Kranken an ihre Lippen, „hören Sie auf, ich ertrage es nicht mehr, Ihre Güte —"

„Stille — siehe, wie schön das sein wird, wenn

Ihr traulich vereint im stillen grünen Walde wohnt, unberührt von der bösen Welt."

Nach einiger Zeit fuhr die Kranke fort: „Eine böse Hand hat in unsere Geschicke eingegriffen. Ich ahne nicht, wer ber Unglückliche gewesen ist, ber meine Briefe unterschlagen unb es verstanden hat, die Handschrift meines Gemahls so täuschend nach­zubilden. Ich verzeihe ihm von ganzem Herzen. Der brave Optenholt hat Dir bereitwillig seine Unterstützung zugesagt; ich weiß nicht, ob ich den Wunsch hegen soll, daß seine Beinühungen von Er­folg sein mögen. — Statte ihm nach meinem Hin­scheiden meinen Dank ab und sage ihm, daß ich ihn flehentlichst bitte, keine weiteren Schritte zu thun. — Ist es der Wille Gottes, daß die Rechte meiner Tochter zur Geltung kommen, so wird er zur geeigneten Zeit die Ereignisse eintreten lassen, die nothwendig sind.

Der letzte Adventstag war angebrochen. Der Schnee wirbelte in dichten Flocken auf den Höhen und bedeckte die blätterlosen Bäume mit seinem weißen Schmuck. Als der junge Jägerbursche, welcher Urlaub erhalten hatte, die Feiertage bei seiner Mut­ter zuzubringen, in die Krankenstube seiner mütter­lichen Freundin trat, überzeugte ihn ein einziger Blick, daß die Leidende ihrem Ende entgegengehe.

„Tante Wester!" war das einzige Wort, welches er hervorbringen konnte.

„Wie freue ich mich, daß Du gekommen bist, lieber Otto," sprach die Kranke mit matter Stimme,

können bei der Frage nach der Erbschaft Cham- bord's nicht in Frage kommen, und wir halten es gradezu für eine Mähr, wenn man Don Carlos, französischer Prätendentengelüste bezichtigen will. Der einzige Mann, welcher als Chef des königli­chen Hauses Frankreich in Frage kommen kann, ist der Graf von Paris, das bisherige Haupt der Orleanisten. Betrachten wir zunächst seine Person und Abstammung. Der Graf von Paris ist der Enkel des Königs Ludwig Philipp und der Ur­enkel jenes Herzogs Philipp von Orleans, der sich als „Philipp Egalit«" der Revolution an­schloß und im Nationalkonvent für die Hin­richtung Ludwig XVI. seine Stimme in die Waagschale warf.. Der Graf von Paris, Lud­wig Philipp, ist geboren am 24. August 1838; er genoß mit seinem jüngeren Bruder, dem Herzog von Chartres, seine Erziehung in Deutschland und nahm später in Diensten der „Vereinigten Staaten" an dem amerikanischen Bürgerkriege theil, über den er ein sehr anerkennungswerthes Werk schrieb. Erst seit 1871 ist er, wie bekannt, im politischen Frankreich einige Male in die Oeffent- lichkeit getreten. Ueberhaupt haben die Orleans bisher in der Republik eine ziemlich reservirte Stellung eingenommen. Die Republik zahlte ihnen im Jahre 1872 ihr von Napoleon UL konfis- zirtes Hausvermögen von 60 Millionen Francs heraus. Die Gefahr, ihr gesammtes.Vermögen auf Grund des Prätendentengesetzes durch Konfis­kation zu verlieren uuu ziwem noch uu» Arunk- reich ausgetrieben zu werden, hielt die Orleanisten und ihr Haupt bisher von jedem offenen Anspruch auf die Prätendentschaft zurück. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird der Graf von Paris sich auch jetzt noch nicht bestimmen lassen, offiziell vor aller Welt das Erbe der Bourbonen anzutreten, und lieber einen geeigneteren Zeitpunkt abwarten, um die Restauration der Monarchie mit einem Schlage zu versuchen. Bestimmtes läßt sich na­türlich über die Pläne der monarchischen Partei noch nicht sagen; man ist ja selbst im eigenen Lager noch nicht völlig Herr der Situation. Der Zwiespalt der Legitimisten und Orleanisten tritt,

trotzdem der eigentliche Grund des Haders, der Prätendent der Legitimisten, weggefallen ist, auch jetzt wieder recht deutlich zu Tage. Kennzeichnend ist in dieser Beziehung ein Ausspruch des legiti- mistischen „ U n i v e r s:" „Der König ist nicht mehr ; Niemand kann und Niemand will ihn ersetzen. Von diesem Standpunkte aus, und er ist der wichtigste von allen, kann man nicht sagen, daß der Thron erle­digt sei, sondern man muß anerkennen, daß um den Thron nicht einmal zu streiten ist. Für Frankreich ist die Aera der christlichen Monarchie geschlossen und die Revolution ist in absoluter Weise siegreich."

Streng genommen ist dieser Satz gleichbedeutend mit der Verläugnung der Prätendentenrechte des Grafen von Paris. Jedoch fügt das Blatt ein» lenkend hinzu: „Ohne die Stellung des Grafen von Paris zu bestreiten, warten wir, bis er ge­sprochen hat, ehe wir in ihm einen Retter be­grüßen."

Wer die Stellung der beiden monarchischen Parteien kennt, weiß, daß diese reservirte Haltung des legitimistischen Organes lediglich von der Be- soraniß wegen dec religiösen, der kirchlichen Stellung­nahme der Orleans diktirt ist.

Graf Chambord war der Vertreter der christ­lichen Monarchie im wahrsten Sinne des Wortes. Er hatte die Vertheidigung der Rechte der Kirche auf seine Fahne geschrieben, und wenn er auch tobt ist, so leben doch noch die Legitimisten, die ihr Programm um keinen Preis opfern werden.

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Ergebenheit gegenüber der katholischen Kirche und dem römischen Stuhle nie gssnau genommen. Wenn der Graf von Paris sich jetzt die Bundesgenossen­schaft der Legitimisten sichern will, so muß er wenigstens in kirchlicher Beziehung die Traditionen des Grafen Chambord anerkennen. Thäte er dies mit aufrichtigem Herzen und festem Willen, so würde er seine nicht sonderlich starken Chancen bedeutend befestigen, es würde eine ansehnliche einige monarchische Partei entstehen, welche allmäh­lich an dem wahrhaft katholischen Theile der Be­völkerung einen starken Rückhalt finden würde. Jedoch scheint dieser schöne Traum der Einigkeit

ihre kalte Hand auf den Scheitel des vor ihr knieen- den Jünglings legend. „Ich fürchtete schon, Dich nicht mehr wiederzusehen; der liebe Gott schenkt mir auch noch dieses Glück. Gehe jetzt, mein Sohu und helfe Lore den Christbaum schmücken."

Die Ausschmückung des kleinen Baumes, den Otto mitgebracht hatte, war beendigt. Lautlos verrichteten die beiden jungen Leute die Arbeit. Manche Thräne rann auf die bunten Fähnchen und Früchte hernieder, womit die zitternden Hände der Kinder den Christbaum schmückten. Der Abend war hereingebrocheu und die Lichter oes beschei­denen Bäumchens vereinten ihre Strahlen mit dem Funkeln der am klaren Firmaments glänzenden Sterne.

Alle waren nm das Sterbebett versammelt. Einige Minuten lang ruhten die verlöschenden Augm der Kranken auf dem Christbaum, der sein Licht durch die geöffnete Thür über das Lager der Dnl erin strahlte.

„Meine Theuren," sprach sie mit brechender Stimme, „lasset mich noch einmal Euch Allen meinen Dank für Euere Liebe anssprechen, Dir, thenre Hanna, und Ihnen, liebe Frau Ulrich. — Vor Allem aber Euch, liebe Kinder. — Liebe Eleonore, ich scheide getrost von. hinnen; Hanna und Frau Ulrich werden Dir Mutter sein. — Du warst mir stets eine gute, liebe Tochter; bleibe so für Dein ganzes Leben und der Segen Gottes wird Dir nie­mals fehlen. — Theurer Otto, ich habe Dich stets