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M 194.

Montag, den 27. August

1883.

Fuldser

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Heinrich Graf von Chambord. f

Im 63. Lebensjahre, im 53. seiner Verbannung ist Heinrich Djeudonnö von Artois, Herzog von Bordeaux, genannt Graf von Chambord, auf seinem Lieblingsschloffe Frohsdorf in Riederösterreich nach langen und schweren Leiden heute verschieden. Mit ihm erlosch die ältere Linie des stolzen Hauses der Bourbonen, welche einen Heiligen und einen vom eigenen Volke ermordeten König unter ihre Ahnen zählt.

Der Wunsch und die Hoffnung seiner Getreuen, ihn, den „letzten seines Stammes", unter dem Lilien-Banner wieder auf dem Throne zu sehen, ist, so sagt die ,Köln. Volksztg.', nicht in Erfüllung gegangen.

Der Verstorbene war geboren am 29. September 1820 zu Paris, nachdem sein Vater, Herzog von Berry, wenige Monate früher unter den Mefferstichen eines fanatischen Sattlergesellen sein Leben verloren hatte. Da der ältere Sohn König Karl's X., der Herzog von Angoulöme, in kinderloser Ehe mit der Tochter der unglücklichen Marie Antoinette lebte, war er der einzige Stammhalter der re­gierenden Linie. Aber weder den Thron hat er bestiegen, noch seinem Stamme neue frische Zweige verliehen. Die Revolution von 1830 trieb ihn mit seinem Großvater, Karl X., in die Verbannung, und seine am 16. November 1846 mit der Prinzessin Maria Theresia, Erzherzogin von Oesterreich-Este, geschloffene Ehe ist kinderlos geblieben. Nur ein Mal, nach Thiers' Sturz im Jahre 1873, winkte ihm die französische Krone aus nächster Nähe. Die Er­werbung aber war an eine Bedingung geknüpft, welch« er nicht erfüllen konnte oder wollte; seit jener Zeit rückte die Wiederaufrichtung des Bourbonen-Thrones weiter und weiter in das Dunkel der Zukunft, und Graf Chambord mag selbst noch kaum Hoffnung gehegt haben, als König in Paris einzuziehen.

Beim Hinscheiden einer fürstlichen Person ist der Biograph nicht selten in der Lage, der politischen Bega­sung dos Verstorbenen, seinen Eigenschaften als Staats­mann oder Feldherrn unbedingtes Lob zu spenden, während er über das Privatleben, über die eigentlich menschlichen Tugenden rasch hinwegzugehen genöthigt ist. Anders beim Grafen Chambord. An seinem offenen Grabe werden auch die bittersten politischen Gegner das Geständniß ablegen müssen: hier ruht ein edler, nut reichen Tugenden ge­schmückter Mensch und Fürst. Graf Chambord war vor allem ein Charakter in der vollsten Bedeutung des Wortes. Je seltener gerade diese Eigenschaft bei der großen Mehrzahl unserer modernen Polittker und Staats­männer zu finden ist, um so mehr muß sie hervorgehoben werden. Sie allein gibt uns auch den Schlüffel zum Ver- ständniß die Haltung des Grafen im kritischen Jahre 1873.

Das Verhalten Heinrich's in der vielbesprochenen Fahnenfrage hat die verschiedenattigste Beurtheilung erfahren; meistens aber wurde es als unverantwortliche

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

V.

Du heischest und hoffst, und ich entsage, Du gehst in den Tag, ich aus dem Tage, All' Deine Gedanken sind in der Zeit, Die meinen all' in der Ewigkeit.

F. W. Weber.

Nur noch wenige Monde hielten die sinkenden Kräfte des Leidenden stand. Ein unerwartet ein­getretener Blutsturz vernichtete die letzte Hoffnung der Wiedergenesung. Gefaßt sah er der letzten Stunde entgegen; versöhnt mit Gott, war sein letztes Wort ein Gebet für die, die ihn so schwer beleidigt hatte.

, Auch in dem kleinen Weiler der Vogesen sah ein duldendes Herz seiner Auflösung entgegen.

Zu der Zeit, als Hanna sich dem Ziele ihrer Reise näherte ruhte der Graf bereits sechs Mo- uate in der Gruft seiner Ahnen.

Der milde Maitag neigte fich zu Ende, als das hohe Giebeldach des Gutes, umgeben von dlühenden Obstbäumen sich den Blickeu der treuen Dienerin zeigte.

„Könnt Ihr wohl sagen, ob ich den Schulte »u Hause antreffen werde?" wandte sich Hanna M einen eben mit seiner Fuhre daherkommenden lungen Burschen.

Halsstarrigkeit und Prinzipienretterei bezeichnet, daß der Prätendent um „einen bunten Lappen" einen Thron ausgeschlagen und Frankreich dem Spiel einiger Ehr­geizigen überantwortet habe. Unserer Ansicht nach ist dieses Urtheil zu hart und oberflächlich; es läßt sich bei dem jetzt vorliegenden Material ein endgültiges Urtheil überhaupt noch nicht fällen. Daß bei den damaligen Verhandlungen allerlei Dinge hinter den Coulissen sich abspielten, deren Natur wir noch nicht kennen, läßt ein Brief vermuthen, den Chambord kurz nach dem Tode Louis Veuillot's an deffen Bruder schrieb. „Eben so wenig vergesse ich", heißt es in diesem Schreiben, „sein (Veuillot's) warmes Eintreten für mich bei all' den An­fällen, wo ich meine Stimme vor dem Lande erheben zu sollen glaubte. Besonders im Jahre 1873 — wo wir dem Ziele so nahe waren, die Ränke einer Politik aber welche weniger darum sich kümmette, den wahren Bedürf­nissen Frankreichs zu entsprechen, als das Gelingen von Parteibestrebungen zu sichern, mich nöthigten, die Zweideutigkeiten zu verscheuchen durch Zerreißung der Bande, welche dazu bestimmt waren, mich zur Ohnmacht eines wehrlosen Souverains zu verurtheilen —ver­stand Niemand es beffer als er (Veuillot) in meine Ge­danken einzudringen und meinen Protest nach seinem wahren Sinne auszulegen."

Diese Wotte lassen vermuthen, daß es bei den viel­besprochenen Unterhandlungen mit den Orleans doch auch um ganz andere Dinge, als lediglich um die weiße Fahne sich handelte. Die ränkevolle Politik der Orleans scheint auch hier ihre Sonder-Interessen auf Kosten der Würde Chambords und des Landes verfolgt zu haben. Dieses Spiel mag von Heinrich durchschaut worden sein und die berühmte Erklärung vom Oktober 1873 hervorgerufen haben, welche einer Verzichtleistung auf den Thron gleich kam. Männer vom Schlage unserer meisten modernen Politiker würden freilich Ränke mit Ränken erwidett haben. Sie hätten sich schwerlich ein Gewissen daraus gemacht, vor der Thronbesteigung alle möglichen Versprechungen zu machen, um sie nachher zu — vergessen.

Ein solches Verhalten ober widerstrebte dem offenen geraden Charakter des Grafen Chambord. Wer dem Satz« huldigt, daß auf dem Gebiete der Politik andere Mo- ralgrundsätze gelten wie im Privatleben, wird ihm das als unverzeihlichen Fehler anrechnen, jeder Andere muh ihn darob hochschätzen und achten.

Auf der andern Seite aber wollen wir auch mit unserer Meinung nicht zurückhalten, daß es dem Grafen Chambord an jener Willensst ärke und Thatkraft gemangelt hat, welche für einen Herrscher, der in einer so kritischen Zett, wie der unserigen, das Staatsruder zu lenken hat, uube- dingt nöthig sind. Es ist uns zweifelhaft, ob Heinrich V. das auf wild erregter See umhergeworfene französische Staatsschiff in den sichern Hafen gelenkt haben würde.

Ob der Tod des Grafen Chambord günstige Folgen für eine mögliche Restauratton des Königthums hat, hängt

„Das werdet Ihr wohl," erwiderte derselbe; „seht dort kommt mein Vater eben vom Acker."

„Ihr seid wohl der Sohn des Herrn Opten- holt?"

„Jawohl; aber Ihr seid wohl fremd in dieser Gegend?"

„Das bin ich; ich will den Herm Optenholt hier erwarten."

Als die Fuhre sich entfernt hatte, schritt Hanna auf den Schulte zu, der eben am Feldrain stehend, seine kurze Holzpfeife stopfte, Stahl und Stein aus der Tasche zog, und sie in Brand setzte. Er hatte das Zusammentreffen der Fremden mit sei­nem Sohne beobachtet und schaute aufmerksam auf die Nahende.

„Wie mir der junge Mann eben sagte, sind Sie Herr Optenholt," sprach Hanna schüchtern.

„Der bin ich," erwiderte er bedächtig, indem er die Fremde forschend betrachtete. „Was führt Sie zu mir?"

„Ich habe einen Auftrag von einer Dame, die dem Tode nahe ist, an Sie auszurichten, und welche das Vertrauen in sie setzt, daß Sie ihr in einer höchst wichtigen Angelegenheit Ihre Hülfe nicht versagen werden."

„Wer sind Sie und wer ist die Dame von der Sie reden?" fragte der Schulte mißtrauisch.

Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, werden Sie mich vielleicht wiederkennen. Ich bin Hanna Wisting, des Köters Berens Tochter."

nicht in letzter Linie von den monarchischen Parteien des Landes selbst ab. In legitimisttschen Kreisen sprach man mit Vorliebe von einer alten „Prophezeiung", wo- anch Frankreich im Jahre im 1883 durch einen „Hinkenden" Heil werden solle. Man bezog das auf die Proklamirung des wirklich hinkenden Königs Heinrich. Wörtlich genom­men ist diese Prophezeiung wie alle von ähnlichem Schlage zu Schanden geworden. Aber Heil könnte dem zum Spiel­ball der Parteien gewordenen unglücklichen Lande doch werden, wenn der Tod des „Hinkenden" Veranlassung würde, daß die monarchischen Parteien ihren unseligen Hader vergäßen und ihr Augenmerk lediglich darauf rich­teten, die Regierung den Händen einer eben so ehrgeizigen wie gewissenlosen Clique zu entreißen.

Deutsches Reich.

Fulda, 27. August.

* (Der in dieser Woche zusammen­tretende Reichstag) wird sich bekanntlich in erster Linie mit dem deutsch-spanischen Handels­vertrag zu beschäftigen haben, so schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg.' Sollte man an dieses „ i n erster Linie" nicht die Vermuthung anknüpftn dürfen, daß der Reichstag „in zweiter Linie" noch andere Dinge zu berathen haben wird?

* (Fürst Bismarck) kündigte seine Ankunft in Gastein für den 1. September an.

• (Der vielbesprochene Drohartikel der ,Nordd. Allg. Ztg.') gegen Frankreich ist dem ,Fränk. Cour.' zufolge in Metz nicht allein in den Kasernen, sondern auch an anderen Orten als Plakat angeschlagen worden, was großes Auffehen erregte.

Oesterreich - Ungarn.

* Wien, 25. Auguft. (Für die Leichen­feierlichkeiten Chambords) sind vorderhand folgende Bestimmungen getroffen: Nachdem mor­gen die Leiche secirt und einbalsamirt ist, wird dieselbe feierlich aufgebahrt. Dem Publikum wird der Zutritt gestattet. Anr Mittwoch findet in Frohsdorf die feierliche Einsegnung statt, worauf die Leiche auf einem eigens in Wien erbauten, von 6 Schimmeln bespannten Leichenwagen nach Neustadt überführt und dort einwaggonirt wird. Ein Separatzug soll die Leiche, die Trauergäste, den Leichenwagen und die Pferde nach Görz bringen,

Einige Augenblicke ruhte der forschende Blick auf den Zügen der Fremden, dann rief er, den langen Distelstecher, den er in der Hand trug, heftig in den Boden stoßend: „Ja wahrhaftig, Ihr seid's! Wo kommt Ihr um Gotteswillen her, Frau?"

„Von ihr, der armen unglücklichen Dulderin, die ich seit jenen Tagen nicht verlassen habe."

„Weib!" rief der Schulte heftig, „redet die Wahrheit?"

„Den sichersten Beweis führe ich bei mir," ant­wortete Hanna sanft, „einen Brief der Gräfin."

Auf das Schreiben, welches sie ihrem Beutel entnahm und dem Landmanne reichte, warf dieser einen forschenden Blick, ohne es anzunehmen.

„Dem sei, wie es wolle," rief er, wie von einem plötzlichen Entschluß erfatzt; „Niemand soll sagen, daß Jemand, der beim Schulte Optenholt Hülfe suchte, ungehört abgewiesen worden sei. Folgt mir zum Hofe."

Die Bäuerin, welche bereits durch ihren heim­kehrenden Sohn von der Ankunft der Fremden unterrichtet war, schaute neugierig auf die Ein­tretende.

Das ernste Gesicht ihres Ehemannes schnitt in- deffen jede Erörterung ab. „Trude," sprach er, die Thüre seines Privatzimmers öffnend, „laffe einen Imbiß auftragen; ich werde nicht zum Abend­essen kommen."

Wenige Minuten nachher brachte ein Mädchen,