Beiblatt zu Nr. 193 der ,Fuldaer Zeitung'.
Sonnabend, den 25. August 1883.
Die Revolutionen im Innern der Erde.
Einige Skizzen über Erdbeben und Vulkane.
Von Dr. K.
II.
In der Urzeit stand der Erdkörper unablässig unter der zerstörenden und umgestaltenden Einwirkung der in seinem Innern kochenden und wühlenden Feuerkraft. Einen Beweis dafür liefern zahlreiche Gebirgsformationen, deren vulkanische Entstehung ganz unzweifelhaft ist. Es würde zu weit führen, aus den verschiedenen geologischen Entwickelungsperioden dies näher zu begründen. Die vulkanische Thätigkeit der Erde dauert bis auf den heutigen Tag fort und liefert tagtäglich den Beweis, wie wir uns den Entstehungsprozeß der vulkanischen Steinmassen zu denken haben. Man theilt wohl die Vulkane in thätige und erloschene ein. Diese Bezeichnung ist nicht ganz korrekt. Im Jahre 79 nach Christus, vor dem Untergang der jetzt wieder ausgegrabenen Städte Herkula- num und Pompeji, hätte man den Vesuv einen erloschenen Vulkan nennen können, denn sein äußeres Ansehen, wovon genügsame Kunde bei älteren Schriftstellern aufbewahrt ist, stempelte ihn dazu. Der Vesuv war also damals eben so gut ein erloschener Vulkan, wie die zahlreichen vulkanischen Berge, die sich gruppenweise in der Auvergne, in Frankreich und in der Rheinprovinz, am Laachersee und in der Eifel aus dem Boden erheben. Aus ihrer ganzen Gestaltung, in den Kraterformen und Lavaströmen, welche sich aus ihnen ergossen, aus den Aschen- und Lapilli-Schichten, die sich um sie her verbreiten, erkennen wir heute ihre zweifellos vulkanische Natur, obgleich ihre wirkliche vulkanische Thätigkeit, wie man fast allgemein annimmt, (wir werden unten in zwei Fällen das Gegentheil beweisen) weit vor der geschichtlichen Zeit liegt. Von den in der heutigen Zeit noch thätigen Vulkanen ist der Aetna (auf Sicilien) derjenige, dessen Geschichte am weitesten zurückreicht. Die Kenntniß seiner Thätigkeit reicht beinahe 2500 Jahre zurück, und dieser Zeit geht noch ein unbestimmter Sagenkreis von etwa 1000 Jahren voraus. Daß außer dem Vesuv und Aetna auf der Erde noch eine ganze Reihe von in neuerer Zeit noch thätigen Vulkanen existirt, ist bekannt. So ist u. A. der Vulkan Kilauea auf der Sandwichinsel Hawaii, dessen zirkelrunder Krater über 20,000 Fuß Durchmesser hat, unausgesetzt thätig und sprüht aus 51 vulkanischen Kegeln die glühende Lava aus. Vulkane können auch zu jeder Zeit da entstehen, wo früher keine bestanden. Im Jahre 1861 hatte der Berg Gebe! Dubbel bei dem Dorfe Eld unweit der abyssinischen Küste seine erste und zwar sehr heftige Eruption.
Es ist gewiß nicht die Absicht dieser Auseinandersetzungen, die Bewohner der oben genannten auf vulkanischem Boden stehenden deutschen Gegenden in Angst zu setzen, jedoch wird es für das größere Publikum immerhin interessant sein, über die hier berührten Verhältnisse einiges Nähere zu erfahren. Spricht man von Vulkanen, so denken die meisten Menschen unwillkürlich an ferne Länder und Völker. Daß vor Allem grade ein Theil der Rheinländer auf einem nachgewiesenermaßen durch und durch vulkanischen Boden lebt, ist im Allgemeinen nur den Eingeweihten der Wissenschaft bekannt.
Wir haben speziell die im Rheinland gelegenen vulkanischen Formationen hervorgehoben, weil sie in ihrer heutigen Form zum Theil noch deutlich die einstigen feuerspeienden Berge mit Kratern und Lavaströmen erkennen lassen. Auch in anderen deutschen Gebigsgegenden sind unverkennbare Spuren einer ehemaligen vulkanischen Thätigkeit nachzuweisen. So schreibt Dr. S ch n e i d er (Fulda) in seinem gerade in geologischer Beziehung ebenso werthvollen wie hochinteressanten „Führer durch die Rhön", Seite 17:
„Bei weitem die wichtigsten und interessantesten geologischen Erscheinungen der Rhön bieten die in großer Masse vorkommenden vulkanischen Gesteine, die in der Tertiärzeit durch bedeutende Eruptionen sich erhoben haben. Sie bilden eine
Reihe von Kegeln, Kuppen und Decken, die zu den homogenen Vulkanen gerechnet werden. Geschichtete oder Strato-Vulkane mit deutlichem Krater hat man in der Rhön nicht, wenn man nicht den Pferdskopf als solchen rechnen will, dessen eine Kraterseite eingestürzt ist."
Alle diese Bildungen gehören, ebenso wie zweifellos auch die vulkanischen Formationen in der Eifel und im Lacher-See-Gebiet einer weit entlegenen Zeitepoche an. Dennoch steht fest, daß in den Rheinlanden auch noch in historischer Zeit vulkanische Ausbrüche stattgefunden haben, eine Thatsache, die gewiß Manchem neu und unbekannt sein mag.*) Heber ihre Zahl und Ausdehnung läßt sich nichts Bestimmtes sagen, zwei derselben lassen sich übrigens ganz klar nachweisen.
An einer Stelle in den Annalen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus (XIII. Kap. 57) heißt es in wörtlicher Hebersetzung: „Aber ein unvorhergesehenes Schicksal traf den Staat der Ubier, unserer Bundesgenossen. Es brach Feuer aus der Erde hervor und zerstörte Höfe, Aecker und Dörfer, es breitete sich aus bis zu den Mauern der neugegründeten Kolonie." Und diese Colonia Ubiorum war bekanntlich das jetzige Köln. Wir haben es hier offenbar mit einem Vulkanausbruch zu thun. Wo derselbe seinen Ursprung genommen, ob in den nächstgelegenen Eifelbergen, oder in dem beinahe bis Köln sich erstreckenden Vorgebirge, oder gar in der Richtung von Aachen her, muß dahingestellt bleiben. Das vorhin besprochene Ereigniß geschah unter Nero, 59 Jahre nach Christus. — Eine weitere vulkanische Eruption läßt sich in der Nähe von Koblenz in der Gegend von Bendorf und Engers nachweisen. Dort fand man nämlich im Jahre 1821 in den Steinbrüchen bei Engers und Bendorf in einem geförderten Tuffstein eingeschlossen eine römische Münze von Vespasian. — Die Entstehung der Tufflage wurde früher großen vulkanischen Schlammströmen zugeschrieben, nach neueren Untersuchungen ist dieselbe für einen Niederschlag vulkanischer Auswürfe zu halten. Vulkanischer Natur und Abstammung ist das Bimstein-Kon- glomerat, der Tuffstein, also jedenfalls, und die Münze kann, weil sie fest in dem großen Stein eingebacken war, nur durch einen solchen vulkanischen Niederschlag an ihren ungewöhnlichen Ort gekommen sein. Die Annahme liegt nahe, daß da, wo Münzen sich finden, auch Menschen ihre Wohnung, ihren Aufenthalt gehabt haben, und daß demnach der damalige Vulkanausbruch Verwüstung, Tod und Verderben verbreitet hat. Interessant ist, daß der Ausbruch, der doch entweder unter oder gleich nach Vespasian stattgefunden haben muß, mit dem Ve- fuvausbruch, welcher Herkulanum und Pompeji verschüttete, in gleiche Zeit fällt. Vespasian regierte nämlich von 70 bis 79 n. Chr., und der Untergang jener beiden großen Städte fällt in das Jahr 79. Die erwähnte Münze befindet sich in der Münzsammlung zu Trier, sie ist eine Kupfermünze mit gut erhaltener Prägung. Da die Römer, besonders unter Vespasian viele Truppenzüge den Rhein abwärts unternommen haben, um den von Claudius Civilis unter den Batavern im Rheindelta (zwischen der Mündung von Maas und Rhein) erregten Aufstand zu unterdrücken, kann die Münze sowohl von einem einfachen Durchmarsch, als auch von einer Ansiedelung herrühren.
Ein weiterer vulkanischer Ausbruch in der Rheingegend, der zwar nicht der geschichtlichen Zeit angehört, von dem aber der Mensch Zeuge gewesen sein muß, wurde auf dem jüngsten Trierer Anthropologen-Kongreß von Prof. Schaafhausen aus Bonn nachgewiesen. Bei Andernach a. Rhein ist nämlich vor einiger Zeit eine vorgeschichtliche Ansiedelung aufgedeckt worden, von der u. A. auch menschliche Heberreste in vulkanischem Gestein eingeschlossen waren.
*) Gelegentlich einer Polemik gegen einen Artikel eines rheinischen Archäologen wurde diese Thatsache bereits Anfangs dieses Jahres von dem Verfasser in der ,Fuldaer Zeitung' und durch die Rheinisch-Hessische Korrespondenz' auch in einer Reihe anderer Blätter beleuchtet.
III.
Im Anschluß an die gewiß höchst interessante Thatsache, daß selbst nach Christi Geburt in den Rhemlanden vulkanische Eruptionen stattgefunden haben, wollen wir über die wichtigsten äußerlich erkennbaren Vulkanformen der Rheinprovinz in Kürze eine Rundschau halten. Das eigentliche enge Rheinthal ist geologisch betrachtet von jugendlicher Bildung, noch viel jünger jedoch sind die erloschenen Vulkane der Eifel im engeren und weiteren Sinne, zu welchen man gewöhnlich alle vulkanischen Formationen des Rheinlandes zählt.
Merkwürdig wegen seiner offenbar auf vulkanische Einflüsse zurückzuführenden Eigenart ist der in der Nähe von Hillesheim gelegene Dreiser Weiher, eine sumpfige Wiese, welcher starke Kohlensäure-Gase entströmen; am Rande derselben findet man nicht selten sogen. Olivinkugeln, vulkanische Auswürflinge von theilweise großer Schwere (bis zu 75 Pfd).*) In der Nähe dieses Weihers liegt der Ereusberg, ein ehemaliger Krater, von dem sich ein Strom dichter Basaltlava bis zu den Dörfern Dockweiler und Dreis hinzieht. In der Nähe von Gerolstein befindet sich ebenfalls ein kleiner Krater, die Papenkaul, mit einem schmalen Lavastrom. In diesem Theil der Eifel finden sich überhaupt zahlreiche wohlerhaltene Krater und Stücke von Kraterringen mit ihren Schlackenbergen und Lavaströmen. Das Dorf Hohenfels liegt mitten in dem von steilen Schlackenwänden eingeschlossenen Kessel eines ehemaligen Kraters. Weitere Krater liegen an der Straße von Kirchweiler über Steinborn und Neunkirchen, nämlich links der Felsberg, rechts der Rimnerich. Eine Viertelstunde von Daun entfernt, steigt der Förmerich empor, ein mit vulkanischer Asche ausgefüllter Krater, umschlossen von einem weiten Lavarand. Nach Westen ergoß sich von demselben ein breiter Lavastrom, die sog. Dauner Leyen. Der schönste und ausgezeichnetste der vulkanischen Eifelberge ist der Mosen berg, welcher östlich von Manderscheid liegt. Derselbe weist vier Krater auf, deren hohe Schlackenwände in den seltsamsten Formen aufsteigen.
Merkwürdig sind auch die vielfach in der Vordereifel vorkommenden sog. Maare; es sind dies ausgebrannte Krater, welche, mit Wasser gefüllt, kleine Seen bilden. Bei Daun findet man deren drei, zu den größten gehören das Pulvermaar und das Meerfelder Maar. Ersteres hat eine Stunde im Umfange, die Hmwallung besteht aus Sand, Tuff und vulkanischem Gerölle. Das schönste, größte und von Touristen mit Vorliebe besuchte Maar ist der La ach er See; an seinem Ufer liegt das berühmte, leider jetzt verödete Jesuitenkloster Maria Laach. Als Mittelpunkt der vulkanischen Thätigkeit, welche in dieser Gegend zahlreiche und bedeutsame Spuren zurückgelassen hat, ist der See selbst zu betrachten; er ist nämlich ein ganz geschlossener Kessel, beinahe kreisrund; man kann ihn als eine Höhlung betrachten, welche ein Vulkanausbruch aus dem älteren Gebirge ausgeblasen hat, während sich um dieselbe hemm ein Wall anhäufte.
In der Umgebung des Sees, welcher über eine Stunde im Umkreis hat, zählt man beinahe vierzig Lavaströme. In den Thälern, welche sich nach dem Rheine hin erstrecken, bei Plaid, Kruft und im Brohlthal findet man verschiedene Arten von Tufstein, der, wie schon Eingangs bemerkt worden, vulkanischen Ursprungs ist. Vom Laacher See geht die Sage, daß auf einer Insel in feiner
*) Diese Kohlensäuregase ausströmenden sog. Mofet- t en (ein Lokal, ame aus der Vesuvgegend) deuten noch heut- geradezu auf eine letzte unterirdische vulkanische Thätigkeit hin. Sie kommen in der Nähe aller eigentlichen Vulkane kurz nach dem Ausbruch vor. Es gibt aber altvulkanische Gebiete, von deren Thätigkeit die weitzurückgreifende Geschichte keine Kunde gibt, in welcher das Ausströmen des schweren erstickenden Kohlensäureaases bis auf den heuttgen Tag fortbauert Dahin gehören auch die vulkanischen Gebirgsgruppen des Laacher Sees und der höheren Eifel. Selbst die vielen Sauerquellen, welche den vulkanischen Gegenden entsprudeln, sind wesentlich nichts Anderes, als Vermischungen der Mofetten mit den aus der Erde wieder aufsteigenden, ursprünglich atmosphärischen Wassern.