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M 193. Sonnabend, den 25. August 1883«

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Jfiilharr

I

Der kalte Wasserstrahl.

Fast alle Pariser Blätter besprechen den Artikel der ,Nordd. Allgem. Ztg.' und drücken ihre Ver­wunderung über den Angriff gegen die französische Preffe aus, welcher durch nichts gerechtfertigt sei. .Rancs Voltaire' behauptet, daß die französische politische Preffe, von der man wohl allein habe sprechen wollen, sich in internationalen Fragen einer jeden angreifenden Polemik enthalten habe; sie habe stets den Frieden gepredigt; das Werk kolo­nialer Ausdehnung, welchem sich Frankreich gewid­met, beweise, daß es den europäischen Umtrieben fern bleiben wolle. Frankreich sehe, daß man überall Allianzen vorbereite, bleibe aber doch der Richtschnur getreu, die es sich vorgeschrieben.

Dem .Voltaire' mißfallen Artikel, wie der der .Norddeutschen' nicht, da sie beweisen, wie wach­sam Frankreich sein niüsse, ohne dabei aus seiner stiedlichen Rolle herauszutreten! ,Siöcle' vermuthet, daß dieser giftige Artikel veröffentlicht wurde, weil die Verdeutschung Elsaß-Lothringens keine Fort­schritte mache, und Bismarck und die deutschen Pa­trioten glaubten, daß dieses Festhalten an Frank­reich mit den Revanche-Ideen in Verbindung stehe; sie hätten gehofft, daß Frankreich endgültig jeder Wiedererwerbung der annektirten Provinzen ent­sagen werde, und sie seien verletzt und gereizt wegen der Bande der Zuneigung, welche Frankreich mit seinen früheren Landsleuten verknüpften und wegen der auf beiden Seiten der Vogesen ausge­tauschten Beweise des Vertrauens, sie schlöffen daraus, daß Frankreich den Frieden bedrohe; dies sei aber falsch und nicht zulässig; Frankreich wünsche den Frieden mehr denn jede andere Nation, es wolle weder in Deutschland noch in Italien einfallen..

Wie groß aber auch sein Wunsch sei, den Frie­den zu erhalten, so könne es nicht so weit gehen, daß es die Beweise der Zuneigung von Bevölkerungen zurückweise, die nur durch den Buchstaben eines Vertrags von Frankreich getrennt seien. Die Ber­liner Preffe bekümmere sich ja auch um die Deut­schen in Oesterreich! Frankreich bedrohe nicht den Frieden und widersetze sich nicht einer Versöhnung

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

„Nicht so, lieber Neven, so dürfen Sie nicht reden. Sie haben die Beruhigung, sich freispre­chen zu können von jeder Schuld an der unglück­seligen Katastrophe. Sollte diese Gewißheit dann nicht hinreichen, als Mann dem Mißgeschick die Stirne zu bieten, und das zu vergeßen, was Ihrer Liebe nicht würdig war."

„Ich kann Ihre Ansicht nur billigen und er­kenne bereitwilligst die Richtigkeit derselben an. Das Menschenherz ist aber gar oft im Widerspruch mit dem Willen und trägt in den meisten Fällen bei dem Kampfe den Sieg davon. — In dem Strudel der Vergnügungen, die mir in meinem Wanderleben jede Stunde bot, blieb mein Herz frei — bis ich es endlich — an eine Unwürdige verlor. — Selbst über diesen Verlust würde meine Manneskraft den Sieg davon getragen haben, aber daß die Elende mich meines Kindes beraubte — das bricht mein Herz."

„Mein theurer Neffe," erwiederte die Gräfin, ihre Hand auf seine abgemagerte Rechte legend, „die Prüfungen, die der liebe Gott uns auferlegt, in Demuth zu ertragen, ist das größte Verdienst, das wir uns erwerben können. Wer, und sei er noch so hoch gestellt, bleibe hiervon unbetroffen? — Soll ich Sie daran erinnern, wie ich in kurzer

mit Deutschland, sondern dies thue der Frankfur­ter Vertrag, welcher über 1,600,000 Franzosen, ohne sie zu befragen, verfügt habe, und der aus denselben Deutsche durch die Gewalt der Bajonette habe machen wollen! Das Organ des Kammer­präsidenten Briffon fügt dann noch hinzu, Europa wiffe, daß Frankreich mit allen seinen Nachbarn in Frieden leben wolle, aber es habe heute genug Soldaten und Kanonen, um alle Drohungen zu verachten, zumal wenn sie mit so wenig Gerechtigkeit und Mäßigung gemacht würden!

Das XIX Siecle behauptet, daß, wenn der französischen Preffe ein Vorwurf zu machen sei, so sei es nicht der, daß sie Deutschland angreife, sondern der, daß sie sich zu resignirt zeige! Die deutsche Preffe dagegen greife Frankreich an; zu­gleich erziehe Deutschland seine Kinder im Haffe gegen Frankreich und feiere alle Unglückstage des­selben, wie den Sedantag u. s. w., worauf Frank­reich nicht antworte; höchstens geben Doroulode und Siebecker zuweilen einige etwas zu patriotische Verse zum Besten, und alsdann rufe man ihnen zu: „Knebelt eure Poesie!"

In Courbevoie, wo neulich so viele schmerzliche Erinnerungen wachgerufen worden, sei kein Droh­ruf ausgestoßen worden. Frankreich hülle sich also in Schweigen! Dieses sei im Grunde genommen aber gleichgültig, denn einerlei, ob Frankreich spreche oder schweige, die feindlichen Gesinnungen gegen Deutschland' beständen! Aber Frankreich treffe nicht die Verantwortlichkeit, sondern den Frank­furter Vertrag, den man ihm mit dem Messer an derKehle abgezwungen habe.

.Evenement' fragt, ob die Bedienten der Feder im Solde Bismarcks einen neuen Feldzug gegen Frankreich zu beginnen den Befehl hätten? Wäh­rend Deutschland seine Rüstungen fortsetze, Frank­reich und Rußland bedrohende Bündnisse abschließe, sei ersteres vollständig isolirt und habe seit zehn Jahren seine friedlichen Gesinnungen nicht verleug­net ; niemand werde die Befürchtung, welche Deutsch­land kundgebe, für Ernst nehmen, während der deutsche Ehrgeiz ganz Europa beunruhige; die

Zeil meinen Gatten, meine beiden hoffnungsvollen Kinder verlor? — Wer hätte mich aufrecht gehal­ten in dieser Trübsal, wenn nicht das Vertrauen auf Gottes unersorschliche Rathschlüsse, wenn nicht der Hinblick auf das Jenseits, wo wir wieder ver­einigt sein werden, wo uns keine Trübsal mehr trennen wird."

„Sterben! was heißt sterben? — Aufjubeln möchte ich, wenn meine Eleonore in meinen Armen gestorben wäre. Ich würde beseligt an das Lä­cheln meines Kindes, an seine Liebkosungen zurück- denken können. — Aber sie mir geraubt zu denken, im Elende zu Grunde gegangen, das ist mehr als Menschenkraft zu tragen vermag."

„Sie haben Alles aufgeboten, sie wiederzufinden. Volle Gewißheit über den Tod ihrer unglücklichen Gemahlin und Ihres Kindes haben sie indessen nicht."

„Die Nachforschungen Kuno's lasten keinen Zwei­fel mehr zu. Sicher ist, daß der Verräther bei Waterloo fiel und die Marquise in Metz starb. — Ebenso wenig läßt sich daran zweifeln, daß die im Hospital zu Rheims verstorbene Fremde sie war. Gestalt, Kleidung, die ganze Hinterlasten­schaft sprachen zu deutlich dafür. — Mein Kind, mein armes Kind ist elend zu Grunde gegangen im fremden Lande."

„Und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf," erwiderte die Gräfin tiefirschüttert; „und auch Sie sollten nicht jede Hoffnung ausschließen."

Prahlereien der Norddeutschen bewiesen jedoch die feindlichen Gesinnungen bei berliner Regierung. Die öffentliche Meinung müsse diesen Herausfor­derungen gegenüber ruhig bleiben, dürfe aber nicht mehr dulden, daß Frankreich sein Geld, seine Sol­daten für außereuropäische Expeditionen verwende.

Der orleanistische „Soleil" meint, der Artikel der Norddeutschen gehöre zu einem vollständigen Einschüchterungssystem, das man gegen Frankreich anwende; der Artikel falle mit der Vereinigung des Parterres von Königen zusammen, das sich Kaiser Wilhelm veranstaltet habe, und mit der Erneuerung des Dreibundes. Man müste Nutzen aus den gegebenen Warnungen ziehen. „Seien wir mißtrauisch und schlagfertig!" Der .Jntran- stgeant' wittert, jener Artikel 'fei wahrscheinlich in Aussicht auf den nahen Abschluß einer englisch- deutschen Allianz vom Stapel gelassen worden. Rappel droht: „Frankreich denkt nicht an den Krieg, aber man muß wissen, daß der Feind in Zukunft gleich beim Beginn die ganze Nation vor sich finden wird, während sie sich 1870 erst nach der Vernichtung der französischen Armeen erhob." Die übrigen Blätter drücken sich in ähnlicher Weise aus. Die .Dobats' und die .Justice' schweigen.

Die meisten englischen Blätter fasten den Artikel als eine Warnung auf, deren alleiniger Zweck es fei, einen neuen Zwist mit Frankreich zu vermeiden. Die .Times' meint, die Ermahnung des offiziösen Journals sollte die Franzosen über­zeugen, daß ihre kleinen überseeischen Speditionen ihren Einfluß in Europa nicht erhöhten. .Stan­dard' und ,Pall Mall Gazette' bezeichnen die of­fiziösen Auslastungen als tiefe Demüthigung für Frankreich, welche um so bitterer empfunden wer­den dürste, weil die Republik gänzlich isolirt fei. Die ,Saint James - Gazette' glaubt, Bismarck's Warnung werde Frankreich bewegen, England Kon­zessionen in der Affaire von Tainatave zu machen. Die Selbstsucht Englands verleugnet sich auch bei dieser Gelegenheit nicht. In der Sache selbst dürfte das letztgenannte Blatt jedoch Recht haben.

In Berliner Kreisen macht sich übrigens bje nicht ganz von Der Hand zu weisende Ansicht ge[,

„Sie hoffen noch?" fuhr der Graf nach einer Pause fort, erstaunt fein auf die Brust gesunkenes Haupt emporrichtend.

„Jawohl, mein theurer Felix," erwiderte sie freundlich.

„Danke, theure Tante," sprach der Graf, ge­rührt die Hand feiner Begleiterin ergreifend. „Ich bin ein böser Mensch, können Sie mir verzeihen?"

„Von ganzem Herzen. Aber ich knüpfe eine Bedingung daran."

„Nennen Sie sie mir."

„Sehen Sie, mein guter Felix," hob die Grä­fin an, dicht an der Seite des Kranken sich nie» verlassend, „lange Zeit waren leider unsere Fa­milien, wenn auch nicht entzweit, doch fremd. Das Unglück führte uns wieder zusammen. — Sie theilten mir den Inhalt Ihres Testamentes mit, der mich im Falle Ihres Ablebens zur Erbin aller Güter bestimmt. — Glauben Sie, daß diese Aussicht mich zu Ihnen geführt hätte? Was soll mir der Reichthum? ich habe keine Kinder mehr. — Ihre trostlose Lage zog mich hierher, Sie zu pflegen, Ihr Leben zu erheitern. Ihr Herz zurück­zuführen auf den richtigen Weg, das waren die einzigen Beweggründe. Wenn mir dieses gelingt, habe ich Alles erreicht, und mein guter Neffe wird wohl nicht länger mehr zweifeln, daß ich um sei­netwillen die Hoffnung noch nicht aufgebe."

Hastig fuhr der Graf von seinem Sitze auf und schritt der Treppe zu. Nach wenigen Schrit-