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M 192. Freitag, den 24. August WFI

Fuldser 1Ä Jeitung.

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Deutsches Reich.

Fulda, 24. August.

* (Sozialpolitik und Centrum.) Unter dieser Ueberschrift bringt die ,Nordd. Allg. Ztg/ in ihrem gestrigen Abendblatt einen längeren Leit­artikel, der mit einer gewisien Ruhe und Sach­lichkeit, allerdings nicht ohne verunglückte Seiten­hiebe auf die katholischen Sozialbestrebungen, die Frage des Haider Programms erörtert. Wir Wir heeen für heute einen Satz des Artikels hervor, der besonders in dem durch den Druck hervorgehobenen Theile eine bemerkenswerthe Anerkennung der katholischen Bestrebungen auf sozialem Gebiete enthält. Es heißt nämlich dort:

„Zweierlei ist nun richtig: zunächst kann die Sozialreform, deren Grundidee in der kaiserlichen Botschaft vom 17. Nov. 1881 niedergelegt ist, nur in christlichem Geiste ihre Verwirklich­ung finden, im Gegensätze zu jenem Geiste des Materialismus, der im Manchesterthum seine Ver­körperung gefunden hat. Nicht aber ist abzusehen, weshalb einer der beiden christlichen Konfessionen für die Sozialreform besondere Aufgaben bei ihrer Lösung in solchem christlichen Geiste zugewiesen sein sollten. Ferner ist richtig, daß von katholischer Seite sehr früh auf die Nothwendigkeit sozialer Reformen hingewiesen ist — dabei wird an die von v. Ketteler u. A. gegebe­nen Anregungen gedacht —, und daß der ka­tholische Klerus maocherlei gethan hat, um in sozialreformatorischer Richtung praktisch zu wirken — hauptsächlich im Ge­biete des Gesellen- nnd Arbeiter- rc. Vereinswesens. Beides aber zeugt doch nur von besonders leb­hafter Erkenntniß der Nothwendigkeit sozialer Reformen, von anerkennens- werther Initiative für dieselbe, nicht aber von einer Berechtigung des oben erwähnten Anspruches."

Die ,Nordd. Allg. Ztg.' könnte neben dem großen Lob den Tadel ganz unterdrücken, wenn sie sich nur vergegenwärtigen wollte, daß die ka­tholischen Sozialpolitiker jeden, der sich

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

„Dafür ist wohl wenig Gefahr, und sollte es kommen, Schulte Optenholt würde Dich auf der Stelle annehmen."

„Daran zweifle ich nicht, aber mein Vater hat sein Leben im Dienste der Westerbergs zugebracht und wenn es eben geht, so thue ich es auch."

„Oho, wenn man vom Teufel spricht, so kommt er sicher, sprach Jakob, einen Blick nach dem Schlosse richtend, warf das Pferdegeschirr über die Schulter und schritt der Remise zu.

Aus dem Portale des Herrenhauses trat ein Herr und eine Dame. Ein Blick auf die hohe ge­rochene Gestalt des Ersteren ließ sofort den Ge­genstand der Unterhaltung der beiden Dienstboten "kennen.

Das bleiche gefurchte Gesicht, die tief eingesun­kenen Schläfen gaben deutlich Zeugniß von dem bedenklichen Gesundheitszustände des Grafen. Es würde schwer gehalten haben, das Alter der ihn ^gleitenden Dame festzustellen. Wenn auch die uicht mehr vollen Gesichtszüge und einzelne leichte Falten der Stirne auf schon vorgerückte Jahre schließen ließen, so war der Blick ihres braungrauen Auges so frisch und lebhaft, die Bewegung der Mauken, aber wohlgebildeten Gestalt so leicht und °wgsani, als ob sie eben erst die dreißig überschrit­

ten hätte. Man sah, daß sie nur um des Kranken willen, der auf seinen Feldstock sich stützend lang­sam einherschritt, ihre Schritte mäßigte.

Die Beiden überschritten den mit feinem Kiese überstreuten und mit hohen Lorbeer- nnd Granat­bäumen besetzten Vorplatz, welchen ein zierliches Gitter von den die Westseite des Schlosses um­gebenden Anlagen trennte. Eine breite Terafse umzog diese Seite des alten Herrensitzes, die mit einem leichten Zeltdachs überspannt, die Sonnen­strahlen von diesem lieblichen Platze fern hielt. Ueber zierliche Blumenbeete, vom schönsten Rasen umgeben, schweifte der Blick auf den Park und den sich an denselben anschließenden Hochwald hin­aus. Es war der Lieblingsaufenthalt des Kran­ken, seitdem seine Schwäche ihm größere Spazier­gänge nicht mehr gestatteten.

„Die herrliche Luft des schönen Sommertages wird Ihnen wohlthun, mein lieber Neven," hob die Dame an, die nach einem kurzen Gang zwischen den Blumenbeeten den Kranken zu einem der um­herstehenden Gartenstühle führte und einen Schemel für seine Füße hinschob. Nichts ist für einen Re­konvaleszenten wohlthuender, als die würzige Luft des Waldes, die der laue West uns hier herüber trägt und mit dem Duft der Blumen vermischt."

„Ihre Ansicht würde sehr zutreffend sein, liebe Tante, wenn ich mich zu den Reconvaleszenten zählen dürfte," erwiderte der Graf, sich müde in den Sessel niederlassend. „Mein Befinden über«

ihrer „besonders lebhaften Erkenntniß der Nothwendigkeit sozialer Reformen und der aner- kennenswerthen Initiative für dieselben" an­schließt, mit offenen Armen begrüßen. Da aber einmal der katholische Klerus, aus dem innersten Geiste der katholischen Kirche heraus, zuerst die Sozialreform in die Praxis übersetzt hat und auch heute noch die k a t h o l i s ch e n Sozialpolitiker die Hauptträger der Sozial­reformideen sind, so kann ihnen doch Niemand verübeln, wenn sie diesen von ihnen in's Werk gesetzten und aus Prinzipien ihrer Kirche hervorgegangenen Bestrebungen auch mit dem allein richtigen Namen bezeichnen.

* (Ueber den Kardinal Howard) bringt die Wiener ,Pol. Corr.' aus Rom folgende zu­verlässige Mittheilungen:

Der h. Stuhl faßte den Gedanken, einen Gesandten nach Berlin zu entsenden, durchaus nicht ins Auge und vermag auch die Nothwendigkeit eines solchen Schrittes in keiner Hinsicht zu erblicken. Die preußische Regierung kennt die Intentionen des h. Stuhles und hat volle Klarheit über das Programm desselben. Der h Stuhl hat sich zu Konzessionen gegenüber Preußen verstanden, und ist bereit­willig darin bis zu jener Grenze gegangen, welche er nicht überschreiten könnte, ohne seiner Mission untreu zu werden und seine vitalsten und heiligsten Interessen zu verleugnen. Freiheit des pastoralen Dienstes und Freiheit der Erzieh­ung und des Unterrichts des Klerus — das ist es, was der h. Stuhl sich vor dem Zugeständnisse der Anzeigepslicht sichern will. Nachdem die preußische Regierung, wie be­tont, hierüber volle Klarheil hak, läßt sich für die Ent­sendung eines Gesandten der Kurie nach Berlin kein zureichender Grund finden. — Es war vorauszusehen, daß die Presse sich der Thatsache des Aufenthaltes des Kardinals Howard in Kissingen bemächtigen werde, um sich in Kombinationen zu ergehen, welche durch den gleichzeitigen Aufenthalt des Fürsten Bismarck in dem baierischen Kurorte nahe gelegt werden. Kardinal Horward, der den größten Theil des Sommers, wie alljährlich, in London zubrachte, begab sich lediglich aus Gesundheitsrücksichten nach Kissingen. Es kann auf Grundlage absolut zuverlässiger Informationen versichert werden, daß der h. Stuhl den englischen Kirchenfürsten mit keinerlei Mission, weder mit einer offiziellen, noch einer offiziösen, betraut hat. Ebenso wenig wurden ihm irgendwelche Instruktionen ertheilt. Das Letztere wäre auch durchaus überflüssig. Kardinal Howard kennt den gegenwärtigen Stand der zwischen Preußen und der Kurie schwebenden Unterhandlungen ganz genau, und wenn er in dem Kurorte mit dem deutschen Reichskanzler in Ver­

kehr treten und— was in diesem Falle sehr wahrscheinlich ist — in seinen Unterhandlungen mit demselben politisch­religiöse Fragen berühren sollte, so wird er sicherlich den Ideen des h. Stuhles klaren und genauen Ausdruck ver­leihen. Die Annahme, daß die etwaigen Unterredungen zwischen dem leitenden deutschen Staatsmanne und dem illustren Kirchenfürsten auf die zwischen Berlin und Rom schwebenden Unterhandlungen einen indierkten Einfluß üben und den Gang desselben erleichtern könnten, ist ge­stattet, ohne daß jedoch derselben der Charakter einer Be­hauptung verliehen werden dürste. Jedenfalls wird die nächste Zeit in Betreff dieser Dinge Klarheit bringen. In­zwischen läßt sich versichern, daß die Rückkehr des Gesan­dten, Herrn von Schlözer, sür den Monat September er­wartet wird.

* (Dem Reichstag) soll gleich bei seinem Zusammentritt eine Erklärung der Regierung be­hufs Erlangung der Indemnität für die provisorische Vereinbarung mit Spa­nien zugehen. Was von Vorlagen berichtet wird, die außer dem spanischen Handelsvertrag den Reichstag beschäftigen sollen, beruht vorläufig auf Kombinationen.

Oesterreich - Ungarn.

* Frohsdorf, 23. Aug. (Der Papst) übersandte heute dem Grafen Chambord den apostolischen ©egen.

Frankreich.

• Paris, 23. Aug. (Der kalte Wasser­strahl der ,Nord. Allg. Ztg.') Die Morgen­blättersprechen alles« mmt gegen die Beschuldigungen, die der ftanzösischen Presse durch die ,Nordd. Allg. Ztg.' gemacht worden sind. Der Artikel der .Nord­deutschen sei lediglich eine Provokation. Die fran­zösische Presse habe Deutschland gegenüber niemals eine aggressive Rolle gespielt. Die gegenseitigen Behauptungen seien Verleumdung und ein Theil des großen Einschüchterungs-Systems, das man Frankreich gegenüber anwende. .Journal des Döbats' und .Mpublique Fran?aise' wollen, bevor sie über den Artikel der ,Nördd. Allg. Zig.' sich aussprechen, erst Motive für die so unerklärlichen Beschuldigungen kennen lernen. ,Siöcle' sagt: Das große französische Publikum werde den Ar­tikel mit Bedauern, aber auch mit Gleichmuth lesen, denn es wisse, daß Frankreich von 1883

zeugt mich aber von Tag zu Tag immer mehr, daß ich keinen Anspruch machen darf, diesen an­zugehören."

„Diese irrige Meinung, mein lieber Felix, ist es eben, welche Ihrer Genesung die größten Hinder­nisse entgegenstebt. In den meisten Fällen fühlen Kranke Ihrer Art sich nach dem Gebrauche der Kur etwas abgespannt; die Wirkung derselben tritt dann bei der Nachkur um so erfreulicher hervor."

„Es ist ein Glück, daß die Welt nicht Kranke meiner Art viele zählt," erwiderte der Graf düster; „denn für diese fruchten weder Bad noch sonst etwas. Die Pflanze, bereit innerstes Mark vom Wurme zerfressen ist, stirbt ab; aus ihrem Moder sprossen neue, fremde hervor, und Niemand denkt mehr an die verdorrte, wenn neue Blüthen sich erschließen."

„Es ist nicht wohlgethan, Felix, diesem trüben Sinnen nachzuhängen; Sie sind es sich selbst schul­dig, alle Gedanken auszuschließen und jede Erin­nerung zu verbannen, die Ihre Herstellung ver­zögern kann."

„Jawohl," erwiderte der Graf bitter, „wer das könnte. Ich müßte kein Mann^und kein Wefter- berg sein, wenn ich je den Schimpf vergessen könnte, den die, bereit Namen ich seit jener Zeit nicht mehr ausgesprochen habe, mir, unserem tadel­losen Geschlecht zugefügt hat. — Das ist der nim­mer ruhende Wurm, der hier nagt," fuhr er in