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Donnerstag, den 23. August
1883
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Deutsches Reich.
Fulda, 23. August.
(In der österreichisch en Weihbischofs, frage) scheint die ,Nordd. Allg. Ztg.'ein gründliches Fiasko erleben zu sollen. Wenn die der Regierung sonst so gefällige »Post' bezüglich der Rechtsfrage nur den Grund für das preußische Verlangen finden kann, daß eine für den nichtpreußischen Theil der Diözese getroffene Einrichtung „die Gesammteinrichtung des Bisthums betreffe, mithin auch den preußischen Theil in Mitleidenschaft ziehe," so muß es mit den „Gründen" doch sehr faul bestellt sein. Ganz anderer Ansicht als die,Rord- deutsche' ist der sonst auch zu offiziösen Mittheilungen benutzte .Hamburger Korrespondent'. Das Blatt schreibt:
„Die Bulle verpflichtet die preußische Regierung, den Gehalt für einen Weihbischof in der Diözese Breslau zu bezahlen. Mehr wird auch jetzt nicht verlangt. Daß in der Diözese Breslau nur ein Weihbischof existtren dürfe, vermögen wir wenigstens aus der Bulle nicht herauszulesen. Die Aufzählung der geistlichen Stellen in der Bulle hatte nur den Zweck, das Maaß der finanziellen Lasten zu bestimmen, welche der preußische Staat zu übernehmen habe."
Auch die kulturkämpferische .Vossische Zeitung' ist ehrlich genug, der offiziösen Auffassung energisch zu widersprechen, indem sie bemerkt:
„In diesem Organisationsgesetz ist allerdings nur von einem Weihbischofe für die Diözese die Rede, welchem die munera Suffraganei übertragen sind. Mein ist es zu beachten, daß der zu Oesterreich gehörige Theil derselben dem preußischen Staatskirchenrecht nicht untersteht. Hat der Papst sich bezüglich der Ernennung eines besonderen Weihbischofs für diesen Theil der Diözese mit der österreichischen Regierung verständigt, so ist nicht abzusehen, mit welchem Recht die preußische Regierung sich für verletzt, das preußische Staatsrecht für gebrochen ansehen soll. Hat der Papst dies nicht gethan, so hat wohl die österreichische Regierung ein Recht und eine Veranlassung einzuschreiten, nicht aber die preußische.
lieber den Eindruck, den der telegraphisch gemeldete Artikel der ,Rordd.' in Rom gemacht hat, berichtet ein römischer Korrespondent der .Germania' u. A:
„Der durch das Telegramm in den hohen kirchlichen Kreisen hervorgebrachte Eindruck ist, daß der darin ange- fühtte Artikel des freiwilligen gouvernementalen Organs ein untrüglicher Beweis ist von dem „aufrichtigen Verlangen" nach dem kirchlichen Frieden, der bei gewissen Persönlichkeiten vorhanden sei."
* (Ueber die französischen Hetzereien gegen Deutschland) spricht sich ein hochoffiziöses Entrefilet der ,Nordd. Allgem. Ztg.' wie folgt au«:
„Im Deutschen Reiche wird verhältnißmäßig selten und meist nur flüchtig und oberflächlich von dem rastlosen Kriege Kennt- niß genommen, welchen in Frankreich die Press« aller Parteien in den mannigfaltigsten Formen, von den verschieden- attigsten Ausgangspunkten, wetteifernd in Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen den deutschen Nachbar führt. Die nüchterne Weltanschaung des Deutschen und der bisher geringe Grad seiner nationalen Empfindlichkeit vermag die Leidenschaften nicht recht zu verstehen, die in jenem Organ von Schmähungen und Hetzereien ihren Ausdruck suchen, und von denen, so weit wir die französtsche Presse einzusehen in der Lage sind, eigentlich kein Organ, sei es welcher Farbe immer, sich auch nur eine gewisse Zeit lang frei zu erhalten vermag. Von Zeit zu Zeit möchte es aber als ein Gebot der eigenen Friedensliebe erscheinen, den Eindruck zusammen zu fassen, welchen diese Angriffe in ihrer stetig zunnehmenden Lebhaftigkeit hervorzubringen geeignet sind, und der bei allen ruhigen Beobachtern, selbst bei solchen, die etwa noch in Frank- reich selbst zu finden wären, nur dahin gipfeln kann, daß Fran kreich durchdiemaßloseHeftigkeitseinerRevancheprediger und durch das Echo, welches dieselben beim eige£ nen Volke und darüber hinaus bis in die Kreise gefin- nungsverwandter Agitatoren in Elsaß-Lothringen finden, als der einzige Staat sich dar stellt, welcher den Frieden Europas dauernd bedroht. Zugleich mit dieser Erkenutnitz wird die Ueberzeugung sich auf« nöthigen, daß ein solcher Zusfand nicht andauern kann, ohne das Ziel aller ernsthaften Politiker, den Frieden schwer zu gefährden. Denn je höher die Fluth der Leidenschaften anschwillt, welche eine gewissenlose Agitation für ihre verschiedenartigen Zwecke anzufachen nicht ermüdet, um so weniger läßt sich vorhersehen, ob und wie lange dieselbe noch innerhalb der Dämme des äußerlichen Friedens zurückgehalten werden kann. Mit vollem Recht gilt hier in verstärktem Maße das Wort int Volksmunde, daß der Teufel, den man zu oft an die Wand gemalt, am Ende in Wirklichkeit erscheint."
Die,Nordd.' irrt, wenn sie allen Blättern Frankreichs dieselbe Revanche- und Hetzlust zuschreibt. Der Preis für die exquisitesten Leistungen gebührt den republikanischen Journalen, welche da
mit ihrm Dank für die frühere gnädige Protektion abstatten, die ihnen von der offiziösen und liberalen Presse bis zu jenem Moment zu Theil wurde, wo man in Deutschland leider etwas spät die Illusion gewahrte, der man sich trotz der Warnung besonnener Blätter jahrelang hingegeben hatte. Enttäuschungen sind immer schmerzlich und der Aerger der ,Nordd.' begreifen wir erst recht. Falsch ist auch die Behauptung, daß die deutsche Presse von der Agitation wenig Notiz genommen hat. Dagegen erinnern wir uns sehr wohl, daß die ,Nordd.' noch bei Besprechung des Anschlusses Italiens an das Bündniß der Centralmächte der jetzigen Republik in aller Form das Zeugniß der Friedfertigkeit ausstellte.
Berlin, 22. August.
* (Zur Einberufung des Reichstags.) Die ,Prov.-Korresp.' bezeichnet die Genehmigung des deutsch-spanischen Handels-Vertrags als Grund der Einberufung des Reichstags. Der beabsichtigten früheren Einberufung des Reichstags hätten als gewichtige Hindernisse entgegengestanden, daß sich die Mehrzahl der Reichstagsmitglieder nach kurz vorher erfolgtem Schluß einer langen Session entweder auf Erholungsreisen befand oder, soweit die Abgeordneten Landwirthsstande angehören, durch die in diesem Jahre besonders schwierigen Erntearbeiten in Anspruch genommen war. Letztere Rücksicht sei jetzt in Wegfall gekommen, erstere vermindert. Unzweifelhaft werde die Mehrzahl der Abgeordnete» dem Rufe des Kaisers zu folgen gerne bereit sein, handle sich's doch um die rechtliche Vollendung einer internationalen Vereinbarung, welche heilsame Folgen in Aussicht stelle für zwei Völker, deren wachsendes Einvernehmen ein weiteres Pfand des allgemeinen Friedens mit der allgemeinen Wohlfahrt bilde. Der erweiterte Verkehr werde sicherlich dazu beitragen, dieses gute Verhälzniß zu befestigen. — Im Bureau des Reichstags hatte man bis gestern Abend auch noch keine Ahnung von einer Einberufung; ein Theil Beamte fft auf Urlaub. Für viele Reichstagsmitglieder wird die unerwartete Session manche Unbequemlichkeit mit sich
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
(Fortsetzung.)
IV.
Der Blick in eine Frauenseele
Ist wie der Blick in’ä Himmelreich.
I. Rodenberg.
„Nun Jan, Du schaust ja so verdrießlich drein, wie eine Katze, wenn es donnert. Es behagt Dir auch wohl nicht, so ungewohnte Beschäftigung wieder vornehmen zu müssen."
Der Angeredete, ein derber Vierziger, welcher eben beschäftigt war mit einem großen Schwamme einen Wagen von dem überflüssigen Schmutze zu befreien, erhob sich schweigend und starrte wirklich recht verdrießlich in das lächelnde Gesicht des lungen Burschen, unbekümmert um das von dem Schwamme über seine Holzschuhe sich ergießenden Wasser.
„Euch junge Völker," erwiderte er nach einer Pause, indem er das Reinigungswerkzeug in den ^mer warf und seine Hände an der groben Schürze abtrocknete, „Euch mag das ungewohnte Treiben lR dem Schlosse gefallen; wer aber, wie ich, seit Danzig Jahren hier gelebt hat, dem kann die Veränderung nicht behagen."
. „Mit der Gnädigen läßt sich doch gut aus- owinen; sie knausert nicht, und mancher Groschen 'aut für die Dienerschaft ab. Sie hat sich auch
so eingerichtet, als ob sie recht lange hier bleiben werde."
„Lange hier bleiben?" erwiderte Jan, den Andern verwundert anschauend, „ich sage Dir, sie wird gar nicht mehr abreisen."
„Oho! was Du sagst."
„Du willst doch sonst ein so schlauer Bursche sein," fuhr Jan lächelnd fort, „und siehst das nicht einmal ein. Jeder vernünftige Mensch erkennt doch, wie es mit unferm Herrn steht. — Hat das Bad ihm etwa Nutzen gebracht? — Gott, leider nicht; er sieht noch leidender aus als vorher. Als die Overhams kurze Zeit darauf ankamen, wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Ich sage Dir, Jakob, mit diesen sind die Leichenvögel in das Schloß eingezogen."
„Hu! Du machst Einem ordentlich bange; hast Du ein Gesicht gehabt?"
„Hm, hm," erwiderte Jan nach einer Pause, indem er sein Gesicht in ernste Falten zog, „wenn es der Fall wäre, würde ich doch nicht nöthig finden, es an die große Glocke zu hängen. Man braucht übrigens kein Gesicht gehabt zu haben, um einzusehen, daß unser Graf nicht lange mehr mitgehen wird. Du hast ihn nur kurze Zeit erst gekannt; hättest Du aber das Ehepaar seinen Einzug hier halten sehen, dann würdest Du ebenso reden, wie ich."
„Die alte Lisbeth erzählte neulich von der schönen jungen Gräfin; sie sagte, daß man sich
kein stattlicheres Paar hätte denken können, als die Beide» waren. Es müssen doch sonderbare Geschichten vorgefallen sein, daß die junge Frau ihren Mann verlassen hat."
„Man spricht nicht gerne davon. Soviel ist indessen sicher, daß der Verlust von Weib und Kind die Gesundheit des Grafen mehr zerrüttet hat, als die schwere Verwundung, die er im Kriege erhieltt. Er ist ein gebrochener Mann und die lachenden Erben sind vor seinem Tode eingezogen."
„Du meinst also, Jan, daß die Gräfin Overham Erbe würde; lebt seine Frau und sein Kind nicht mehr?" '
„Ob sie noch leben, weiß kein Mensch; am Ende der Gras selbst nicht. Aber wenn auch, ich sage Dir, die Overhams werden Westerberg erhalten."
„Jan, ich; glaube, daß Du mehr weißt, als Du sagen magst."
„Es bedarf dazu keines großen Wissens. Früher bestand eben keine große Freundschaft zwischen beiden Familien. Die Overhams besitzen kein großes Vermögen und lebten lange Zeit auf etwas gespanntem Fuße mit dem Majoratsherrn. Daß nun die Sippe ihren Einzug hier gehalten und die Gräfin sich nicht wie ein Gast, sondern wie die Herrin aufspielt, hat was zu bedeuten."
„Man muß aber auch gestehen, daß sie es auch versteht, mit unferm Grafen umzugehen. Es hat den Anschein, als ob alle ihre Anordnungen nur auf die Pflege und Bequemlichkeit des Kranken ge-