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M ISS. Dienstag, den 21. August 1883.

vi« n?uöxi« ßtitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. BierteljShrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 3RL 70 Psg., auswärts 1 R. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Baum 15 Pfg., sog. Platzannoneen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bom Fegefeuer der Zeitungsschreiber.

Was sich das Publikum wohl von der T a g e s- pressedenkt? fragt das konservative Münchener Fremdenblatt.' Da gibt es Leser, denen an einem Blatte dies und das mißfällt. Der eine will mehr Ausland haben, der andere mehr Inland; diesen interessirt der Theaterbericht nicht und er würde ihn der Zeitung „schenken." Peter liebt die Lokalchronik, denn sie erzählt ihm doch, was in seinem eigenen Kreise geschieht, und nicht von China oder Honolulu, Paul hingegen hätte gern eine Spalte Telegramme aus Paris und London oder auch per Kabel. Strenge Moralisten wünschen in der Zeitung keine Verbrechergeschich­ten, während andere gerade das „Blutige" so sehr vermisien. Papa, der ein ernster Mann ist, überläßt die Lektüren des Feuilletons seiner Frau und seinen Töchtern; er findet, der große Raum, welchen man dieser „Leserei" einräume, würde besser für politische Nachrichten oder einen wissenschaftlichen Artikel verwendet; Frau und Töchter aber möchten den Feuilletonstrich hoch hinaufrücken, denn was scheren sie die „langwei­ligen" Leitartikel . .. Da soll es nun Einer recht machen! Go ethe hat zwar gesagt: „Wer Vieles bringt, wird Jedem etwas leisten", — bei den Zeitungen reicht diese Kunst schon nicht mehr uus, denn Jeder will Alles.

Doch das ginge noch. Aber wenn du nun einmal eine Einsendung nicht ausgenommen hast oder eine aufnahmst, welche einem Anderen nicht gefiel, oder den bösen Nachbarn, den gefährlichen Konkurrenten eines der Abonnenten lobtest, von einem Korrespondenten loben ließest, oder wenn du einen Redner, der bei einem Bankett einen langweiligenToastausbrachte, nicht nament­lich aufführtest, oder wenn du eine lange Zu­schrift kürztest oder darin ein Druckfehler stehen blieb, oder wenn du inmitten deiner vielen Ar­beiten eine dumme Anfrage nicht beantwortest, oder sonst irgend dergleichen thatest oder unter­ließest, — dann findet der Beleidigte, welcher 300 Nummern mit Wonne gelesen, bei der 301.

Nummer, dein Blatt sei schlecht. Es fehlt ihm an dem und dem, oder es fehlt ihm wenigstens an etwas, wenn man auch nicht gerade sagen kann, woran. Hat dir der Abonnent nicht bereits gedroht, daß er eventuell das Abonnement auf­geben werde, so faßt und vollstreckt er den Vor­satz unangemeldet, jetzt oder beim nächsten Quartal. Allerdings bleibt dir der erfahrungsmäßige Trost, daß, wer so geschieden, in der Regel wiederkommt.

Nun aber erst die zahllosenCirkulare, Auf­rufe, Berichte, Offerten für Korrespondenz und Feuilleton, Bettelbriefe, gereimte und un­gereimte Anzapfungen für Kollekten, Anprei­sungen von Büchern und Bildern, Lotterien, Erfindungen und Waaren, die einer Redaktion fast täglich zugehen! Man kann das Zeug oft nicht mal all' offen reißen, viel weniger flüchtig durchsehen — zum Durchlesen und Prüfen ist gar keine Möglichkeit vorhanden! Anonyme Scheerereien, roheAusfälle grüner Burschen, Wünsche aller Art, die von Interessenten aus­gehen, die zu feige sind, auch nur der Redaktion gegenüber ihren Namen zu nennen, kommen hin­zu, um die nervös aufregende und aufreibende gei­stige Tortur eines Redakteurs unerträglich zu machen. Wie oft muß man um 3 Zeilen Text nicht ein halbes Dutzend Briefe um Auskunft schreiben! Gar viele Leute schreiben ja nur dann an eine Zeitung, wenn fie ihren Nutzen suchen oder einem Andern „einen stechen" wollen! Auf solche Einsendungen 'reinzufallen, ist sehr — un­gesund, und wenn der Redakteur 'reinfällt und bestraft wird, sagt der überkluge Leser; „Aber warum ist der Mann denn auch nicht vorsichtiger!"

Die meiste Arbeit und Zeit kostet einer Re­daktion das, was nicht in die Zeitung kommt. Auf ein Feuilleton, welches gedruckt wird, kommen mindestens zehn andere, die man durcharbeitet und schließlich als unbrauchbar zurückschickt. Wer merkt von solcher Arbeit etwas? Dieselben Leute, welche den Journalisten wie einen Parasiten (Schmarotzer) der Gesellschaft ansehen, ihm ungern die Thür aufthun und über das ganze Zeitungs­wesen mit vornehmer Miene absprechen, als

könnten sie selbst die beste Zeitung schreiben, wenn sie nur wollten, — dieselben Gyps- köpfe sehen die Presse keineswegs für zu ge­ring an, um ihren Wünschen und Verlangen Oeffentlichkeit zu geben; wo es in ihrem In­teresse ist, da schicken sie den Zeitungen lange An­preisungen oder Ergüsse, meist mit dem Bemer­ken, daß die Aufnahme „unverkürzt" erfolgen solle. Und gerne würde man „unverkürzt" ab­drucken, was für Jedermann kurzweilig oder auch nur für einzelne Kreise des Publikums in­teressant wäre. Aber 100 Zeilen dem opfern, was sich mit 10 Zeilen ebenso gut oder selbst besser sagen läßt — ist das nicht eine Zu- muthung? Geschäftsmäßige oder in herkömmlichen Phrasen sich bewegende Veröffentlichungen ver­flachen und verwässern ein Blatt, und seine Spal­ten mit demjenigen füllen, was alle andern auch haben, nimmt ihm die Originalität.

Andererseits wird viel Werth volles, das man in der Presse zur Kenutniß bringen kann, ihr vorenthalten. Man darf sagen: die An­forderungen an die Presse seien sehr große ge­worden, aber dabei komme weniger das Interesse der Zeitungen und der Allgemeinheit in Betracht, als dasjenige der Einzelnen, welche die großen An­forderungen machen. Zu dem Guten, das man zu geben hätte, sind die Zeitungen zu schlecht, — das zu nehmen, was für schlechtes Futter gilt, sind die Zeitungen gut genug.

Mißverstehe man unsere Klagen nicht! Nicht eine weniger lebhafte, sondern noch eine lebhaf­tere Berührung zwischen den Zeitungen und dem Publikum wünschten wir. Der Fort­schritt des Preßwesens liegt in dieser Richtung. Dann werden die Zeitungen erst gut sein, wenn nicht der Redakteur allein Alles wissen und können muß, sondern in den tausend Dingen, von denen eine Zeitung zu reden hat, ihm die Unter­stützung aller Sachkundigen zu Theil wird. Mögen aber heute schon Diejenigen, welche die Zeitungen für ihre Zwecke benutzen, den Redaktio­nen ihre Arbeit mehr zu erleichtern als zu er­schweren suchen.

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

Die Marquise de la Valette, welche nach der Verheirathung ihrer Tochter ziemlich zurückgezogen in D . . . gelebt hatte, führte, sobald Napoleon das Königreich Westfalen gegründet und Jerome feine Residenz in Kassel aufgeschlagen halte, in der Hauptstadt ein großes Haus. Die schöne junge Gräfin, welche zum Besuche ihrer Mutter eingetroffen war, erregte allgemeine Aufmerksamkeit.

Sie sah sich bald von einer großen Schaar Verehrer umringt und von allen Seiten wurden der gefeierten Schönheit Huldigungen entgegenge­bracht. Sie fühlte sich wieder ganz in die frühere Sphäre zurückversetzt. Die Einschränkungen, die indessen der Graf ihr auferlegte, zwangen sie nach den glänzend verlebten Wochen zurückzukehren.

Mit liebevoller Aufmerksamkeit suchte der Graf seine Gemahlin von der Nothwendigkeit zu über­zeugen, ihn in seinen Bestrebungen zu unterstützen. Es schien sich auch so langsam ein leidlicheres Ver- hältniß unter den Gatten auszubilden, welches noch vermehrt würde, als im nächsten Frühjahr ihnen ein Töchterchen geboren wurde. Die kleine Eleonore, welche sich in der ersten Zeit sich kräf­tig zu entwickeln schien, begann zu kränkeln. Nur auf das wiederholte Drängen der Marquise gab ber Graf die Zustimmung zu einer zeitweisen lieber»

siedelung feiner Gemahlin und des Kindes zu der Mutter, von der freundlichen Umgebung der Resi­denz und der sofort zu Gebote stehenden ärztlichen Hilfe das Beste erwartend. Unter der sorgsamen Pflege einer jungen Bäuerin, die nach kurzer Ehe ihren Mann und ihr Kind verloren hatte und auf dem Schlosse als Amme angenommen worden war, stärkte die Gesundheit des Kindes sich in erfreu­licher Weise.

Mit.dem neuen Aufenthalte in der Residenz waren die schwachen Vorsätze der in voller Schön­heit strahlenden jungen Gräfin bald vergessen.

Es war im Frühherbste des Jahres 1813. Eine rauschende Vergnügung verdrängte die andere an dem üppigen Hofe des Königs Jerome, und bald war wieder die gefeierte Gräfin der Mittel­punkt derselben. Als die blutige Entscheidung der Völkerschlacht bei Leipzig Napoleons Herrschaft ein so jähes Ende bereitete, verschwand auch das neu­gebackene Königreich Westfalen von der Bildfläche, und mit ihm sein einziger König sammt Hofstaat und Besatzung.

Der Morgen, der nach der Flucht des Königs von den Bewohnern Kassels jubelnd begrüßt wurde, fand auch das Hotel der Marquise de la Valette zum großen Aerger ihrer Gläubiger verlassen.

Die Nachforschungen des betrogenen Grafen blie­ben ohne Erfolg. In den eingeweihten Kreisen Kassels ging das Gerücht, daß die junge Gräfin in Begleitung des Kapitains de Riviore, welcher

Adjutant des Generals war, abgereift fei. All­gemein bekannt war es wenigstens, daß er als einer der begünstigsten Verehrer der schönen Frau galt.

Nach der Schlacht bei Waterloo führte die Ver­lustliste der französischen Armee unter den Tobten auch den Adjudanten und Kapitän de Nivsre mit auf.

Verzweiflend kehrte der Graf von Kassel zurück. Mehrere Tage lang war er für Niemand sichtbar; unausgesetzt war er in seinem Arbeitszimmer be- schäftigt. Nachdem er feinen Verwalter feine Ob- liegenheiten übergeben und fein Testament deponirt hatte, trat er in die Armee ein. Er hatte nid t das Glück den Entscheidungskampf bei Waterloo mitzumachen. In der für Blücher so unglücklichen Schlacht bei Ligny warf ihn eine feindliche Kugel schmerverwundet vom Pferde. — Der rauhe Herbst­wind fuhr bereits über die dürren Stoppeln und trieb die fahlen Blätter über die Felder, als der Graf, ein gebrochener, alternder Mann, die Hallen seiner Väter wieder betrat.

Niemand vermochte in dem bleichen Manne, dessen Haare bereits stark von Silberfäden durchzogen waren, den früheren lebensfrohen blühenden Schloßherrn wieder zu erkennen. Den Verkehr mit feinen Guts­nachbaren vermied er gänzlich und ging still und verschlossen einher. Er war nicht unfreuno lich gegen feine Untergebenen, feine Befehle aber waren immer kurz und bestimmt, und selten verkehrte er nrt