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Beiblatt zu Nr. 184 der ,Fuldaer Zeitung.

Dienstag, den 14. August 1883.

Die Stellung der ,Fuldaer Zeitung^ zum Elementarlehrerstande.

Die leidige Elementarlehrer-Affaire, welche nach­gerade zur Seeschlange, und zwar zu einer recht giftigen, zu werden beginnt, ist, abgesehen von der dem Vernehmen nach von Giesel aus fortge- setzten Maulwurfsarbeit gegen die Centrumspartei und deren hiesiges Organ, seit der bekannten Zu­stimmungserklärung der hiesigen katholischen Ele­mentarlehrer keinen Schritt weiter gediehen. Wir verstehen es deshalb sehr wohl, wenn das verehrte Lesepublikum des von gewisser Seite provozirten und auch weiterhin lebhaft geschürten Streites all­mählich überdrüssig wird. Wir würden daher auch auf jedes fernere Wort in dieser nur allzu klaren Angelegenheit gerne verzichten, wenn es nicht unsere unerläßliche Pflicht wäre, die Cent­rumspartei und ihr von den Fuldaer Katholiken in's Leben gerufenes und fortgesetzt wacker un­terstütztes hiesiges Organ gegen offenkundige Ver­leumdungen und Verdächtigungen zu vertheidigen, '* sowie zu verhüten, daß es, um mit der letzten Nr. des ,Kreisblattes' zu reden, der „Macht der Lüge in der Presse" gelingt, durch geflissentliche Ver­dunkelung und Entstellung des wahren Thatbestan- des dem Publikum den Glauben an die Lüge zu vermitteln. Wir bedürfen zu unserem Schutz und unserer Hülfe keines anonymen X und Y, wir kämpfen mit offenem Visir und haben die Wahr­heit nicht zu scheuen. Wir werden es in Zukunft verschmähen, auf die beim .Kreisblatt' so sehr be­liebte Manier, sachlichen Auseinandersetzungen eine persönliche Spitze zu geben, in gebührend drastischer Weise zu antworten. Wenn wir uns zu dieser Art der Polemik in unserer Replik an X in Nr. 167 hinreißen ließen, so geschah es in mehr als berechtigter Abwehr gegen die gegnerischerseils ohne jede, auch die geringste Veranlassurig gegen uns geschleuderten persönlichen Insulte. Wer in seinem aus sehr begreiflichen geschäftlichen Grün­den hervorgehenden Ingrimm gegen unsere katho­lische Zeitung zudem Mittel greift, eine Annonce in sein Blatt aufzunehmen, wonach „eine Aktie der Fuldaer Aktiendruckerei unter pari zu verkaufen" stehe, wer dem zeitweiligen Vertreter des Redakteurs dieser Zeitung in einer grammatikalisch falsch sti- lisirten Briefkastennotiz („es widersteht uns, sich (recte: uns).....einzulassen") Unreife, Ge­

fallen am Skandal, Hetzerei, sowie eine Vergangen­heit vorwirft, die lediglich auf den Schulbänken beruhen „soll", obwohl der stellvertretende Herr Redakteur die fragliche Angelegenheit mit einer Mäßigung und Ruhe behandelt hat, die ge­wissen Leuten vielleicht nicht recht verständlich gewesen ist, — mit dem können wir uns in eine persönliche Auseinandersetzung nicht mehr ein» lassen.

Bei unserem warmen Interesse für den Elemen- tarlehrerstand, und namentlich für die katholischen Mitglieder desselben, können wir es mir abermals lebhaft bedauern, daß die hiesigen katholischen Ele­mentarlehrer sich dazu haben bewegen lassen, einer Bewegung ihre Hülfe zu leihen, deren eigent­liches Ziel sie gar nicht zu ahnen scheinen, einer Bewegung, deren eigentliche Faiseurs und Hin­termänner die Elementarlehrer nur als Mittel zu ihren persönlichen Zwecken verwenden wollen.

Um der offenkundigen noch immer frisch und frank kolportirten Lüge, als ob die .Fuldaer- Zeitung' unter der heutigen Red aktion (denn gegen diese richtet sich der Angriff und die Verleumdung) den Elernenlarlehrerstand unwürdig behandelt und sein Interesse geschädigt habe, noch­mals nachdrücklich entgegenzutreten, verweisen wir wiederholt auf den früher erbrachten, bisher nicht widerlegten Beweis, daß w e der in der Reproduktion der bekannten Reichensperger'schen Landtagsrede noch in dem Artikel „Ist der Verdienst schlechter geworden" eine gegen den Lehrerstand gerichtete Invektive gefunden werden kann.

Um aber auch dem Blödesten zu beweisen, wie ungerecht und willkürlich die gegen uns geschleuderten Angriffe sind, lasten wir hier drei Artikel der .Fuldaer Zeitung' aus dem März und

Mai d. I. im Abdrucke folgen, von denen die beiden ersten (vom 7. und 10. März) von der Redaktion selbst geschrieben waren, während der letztere (in der Beilage vom 12. Mai) dem .Berliner Tage­blatt' entnommen war. Wir bitten jeden Unbe­fangenen, daß er sich die Mühe gebe, diese Artikel nachzulesen.

Tie Pensionirung der Elementarlehrer in Preußen.

Am 5. März hat das Abgeordnetenhaus zum vierten Male eine Resolution angenommen, welche die Regierung auffordert, baldmöglichst ein Gesetz über die Pensionirung der Lehrer vorzulegen. Ein solcher Beschluß wurde näm­lich bereits gefaßt am 15. Februar 1879 und sodann wiederholt im Januar 1880 und im März 1882. Diese Daten reden laut genug dafür, daß es nun endlich für die Regierung an der Zeit wäre, diese dringende Frage zur Erledigung zu bringen. Die Hauptschuld an der eigenthümlichen Art, eine so wichtige Frage von Jahr zu Jahr aufzuschieben und nicht nur die Lehrer selbst, son­dern auch die Volksvertretung mit bloßen Versprechungen hinzuhalten, liegt an der ganzen unstäten, systemlosen oder vielmehr im System stets wechselnden inneren Poli­tik, der wir uns seit langer Zeit zu „erfreuen" haben. Der häufige Personenwechsel in den mit dieser Frage befaßten Ministerien ist natürlich auch in Betracht zu ziehen, er ist aber nur eine nothwendige Konsequenz des politischen Experimentirens, dem sich der leitende Staats­mann mit Vorliebe hingibt.

Als im Jahre 1879 die Pensionsfrage zuerst kräftig angeregt wurde, hatte die Regierung den ganz triftigen Einwand, daß die Regelung dieser Verhältnisse einer gründ­lichen Erwägung und vorhergehender Ermittelungen be­dürfe. Drei Jahre hätten zu diesen Vorarbeiten doch immerhin genügen können, und so hätte man denn im vorigen Jahre wenigstens einen ernstlichen Anfang zur Regelung dieses Nothstandes erwarten dürfen. Aber damals gefiel es der Regierung, die ganze Pensionsfrage mit der Schuldotationsfrage und diese auf's Engste mit der Reichs- steuerresorm zu verknüpfen; in dem bekannten Verwen­dungsgesetz, welches über Summen verfügen sollte, die noch gar nicht vorhanden waren, wurde als eine der Hauptverwendungen die Entlastung der Kommunen von den Schulabgaben in's Auge gefaßt. Auch heute noch hält die Regierung an dem Grundsatz fest, daß die Pen- fionssrage nur ein Glied in der Kette der allgemeinen Schuldotetionsfrage sei, daß letztere aber nicht eher gelöst werden könnte, bis die Reichseinnahmen durch eine weitere Ausbildung des Systems der indirekten Steuern den Einzelstaaten ausreichende Verwendungssummen zuweisen könnten.

Wenn man die verhältnißmäßig geringe Summe von 325,000 Mark in Betracht zieht, welche Kultusminister Goßlec int vorigen Jahre als zunächst ausreichend zur Deckung des Bedürfnisses bezeichnete, und damit die Mil­lionen vergleicht, welche der Kriegsverwaltung saft alljähr­lich im Handumdrehen bewilligt werden, sowie die unge- messenen Summen für Neubauten in allen Refsorts, so kann man sich wirklich eines Gefühles des Bedauerns nicht entschlagen, daß die armen, imDienste ergrau­ten und invalid gewordenen Elementarlehrer sich in so geringem Maße der t h ä t i g e n Fürsorge der Gesetz­gebung zu erfreuen haben. Es heißtzwar, ein Lehrer-Penfions- gesetz läge fertig im Kultusministerium vor, auch hat Herr v. Goßler selbst erklärt, daß er mit seinem Anträge, das Pensionsgesetz alsbald in Angriff zu nehmen, in der Ge- sammtregierung nicht durchgedrungen sei. Darnach scheint an dem Kultusminister die Schuld der Verzögerung nicht zu liegen. Der Finanzminister ist diesmal das Hemmniß. Herr Scholz hat gewiß Recht, wenn er in der Montags- Debatte ausführte, daß ein Kafsenverwalter, möge er nun einer großen oder kleinen Verwaltung vorstehen, nicht allen Wünschen gerecht werden könnte. Jedoch ist der von der Volksvertretung seit 4 Jahren in 4 Resolutionen an den Tag gelegte Wunsch nach Aufbesserung der Lehrerpensionen keinesfalls unter die Rubrik der übertriebenen An­sprüche zu setzen. Wir haben in Preußen noch immer 60»/o Lehrer, die weit weniger als 600 Mark Pension erhalten, während doch Herr v. Puttkamer seiner Zeit 600 Mk. als die Minimalsumme der Pension bezeichnete. Bei den Zuschüssen wird vorerst erforscht, ob der pensionirle Leh­rer Vermögen oder wohlhabende Verwandte hat. Ein solcher Zustand, wie er bei keinem andern Beamten ob­waltet, muß möglichst bald beseitigt werden. Während die Lehrer nach 30-, 40jähriger Dienstzeit meist noch nicht 600 Äk. bekommen, erhalten die niedrigsten Beamten, Bu­reaudiener 9—1200 Mk. Pension. Das ist doch wohl ein Beweis dafür, daß ein Bedürfniß vorliegt.

Wenn der Finanzminister dagegen einwendet, daß noch Hunderte von Beamten mit erheblich weniger als 6(0 Mk. Pension auskommen müßten, so stellen wir denn doch die Elementarlehrer in ihrer Qualität höher, als diejenigen Beamtengruppen, die Herr Scholz dabei im Auge gehabt zu haben scheint.

Die nothwendige Folge des heutigen Zustandes ist die, daß alte, abständige Lehrer ihre letzte Kraft zusammen­raffen und weiter unterrichten, natürlich zum Nachtheile der Schule und indirekt des Staates. Solche Unzulräg- lichkeiten würden aushören, sobald der Lehrer weiß, daß der Staat ihm bei seinem Abschied genügende Pension zu­weist, oder zu der ihm Seitens der Kommune zukommen­den geringen Pension einen für einen bescheidenen Lebens­unterhalt ausreichenden Zuschuß gewährt. ’

Hoffentlich wird die mit großer Majorität angenommene

Resolution von der Regierung nicht einfach zu den übrigen drei bei Seite gelegt, sondern recht ernstlich in Erwägung ge­zogen werden. Es m u ß aus die Lehrer einen unangenehmen Eindruck machen, wenn die Reichsregierung mit einer hohen Forderung für Aufbesserung der Offizierpensionen vor den Reichstag tritt, und fast gleichzeitig im preußischen Landtag erklärt wird, für die Elementarlehrer-Pensionen habe man kein Geld. Die große Majorität, welche den Wunsch nach einer baldigen Besserung dieses Zustandes in der Resolu­tion niedergelegt hat, nahm in der Hoffnung auf Erfüll­ung desselben der Regierung zu Liebe von der anfänglich beabsichtigten Erhöhung des betreffenden Dispositions­fonds um ca. 100,000 Mark Abstand und bewilligte diese letztere Summe nach dem Vorschläge der Regierung zu Remunerationen für die Kreisschulinspektoren. Möchten die Abgeordneten und in allererster Linie auch die Lehrer selbst sich in ihren Hoffnungen auf baldige Verbesserung der Pensionsverhältnisse nicht getäuscht sehen!

7. März 1883.

„Tas Lehrerpensionsgesetz."

Wir behandelten vor einigen Tagen in einem Leitartikel „die Pensionirung der Elementarlehrer in Preußen". Ein in einem bekannten „regierungsfreund­lichen" Blatte (Kreisblatt) abgedruckter Leiter über die­selbe Materie zwingt uns, das Thema nochmals kurz zu berühren. Der betreffende Artikel beweist eine so hoch­gradige Unkenntniß bezüglich des Hergangs der betref­fenden Debatte im Abgeordnetenhause, daß es im In­teresse der Wahrheit und Ehrlichkeit geboten ist, wenig­stens die gröblichsten Unrichtigkeiten klar zu stellen. Der Artikel sucht geradezu die Meinung zu erwecken, als ob nur die Fortschrittspartei für die Elementarlehrer eingetreten sei und „die Regierung und die anderen Parteien als für die materiellen Interessen des Lehrer­standes minder besorgt dargestellt habe." Ueberhaupt wird die Sache so gedeutet, als ob die Fortschrittspartei isolirt dagestanden und die große Majoritär die Ansicht der Re­gierung getheilt habe. Diese Darstellung ist geradezu aus der Luft gegriffen und erfunden. Wir sind be­reit, aus dem stenographischen Bericht den Nachweis zu führen:

1) Daß nicht bloß die Fortschrittspartei, sondern auch vom Centrum Dr. Windthorst und von den Liberalen Bennigsen und Rickert sich sehr darüber beklagt haben, daß die Regierung trotz der dreimaligen Resolution des Abgeordnetenhauses ein Lehrerpensionsgesetz noch nicht vorgelegt habe,

2) daß die sämmtlichen genannten Redner die momen­tanen Emeritengehälter für entschieden zu gering und geradezu für zum Lebensunterhalt unzureichend erklärt haben, daß überhaupt die Verzögerung der Vorlage eines Pensionsgesetzes von allen Parteien, mit Ausnahme der Konservativen, scharf getadelt worden ist,

3) daß das Haus zwar „mit großer Majorität für den Vorschlag der Regierung eingetreten ist," daß es jedoch gleichzeitig dieResolutionBennigsen angenommen hat, welche zum vierten Male die Regierung auf­fordert, baldmöglichst ein Gesetz über die Pen­sionirung der Lehrer vorzulegen.

Was nun die angeblichen Schwierigkeiten betrifft, die der Vorlage eines Pensionsgesetzes im Wege stehen sollen, so haben wir dieselben bereits genügsam erörtert. Wir waren aber loyal und delikat genug, einen hier sehr in's Gewicht fallenden Punkt nur andeutungsweise hervorzuheben. Da man aber von gewisser Seite bemüht zu sein scheint, die öffentliche Meinung geradezu irre zu leiten,'so erlaube man uns über den Einwand, daß die Mittel zur Durchführung des Pensionsge­setzes zur Zeit noch nicht vorhanden seien, ein offenes Wort zu reden. Vor kaum zwei Wochen trat die Reichsregierung mit dem Antrag um Erhöhung der Militärpensionen vor den Reichstag und forderte da­für zwei und eine halbe Million Mark. Im vori­gen Jahre erklärte Kultusminister von Goßler bei Be­sprechung derselben Materie, daß vorderhand 325,000 Mark zur Deckung des Bedürfnisses ausreichen würden. Diese 325,000 Mark sind für die emeritirten Elemen­tarlehrer nicht zu beschaffen, weil dieEinnahme- quellen int Reiche noch nicht genugsam in Fluß ge­raden sind; für die pensionirten Militärs soll aber gerade das Reich das beinahe achtfache des obigen Be­trages flüssig machen. Eine solche Logik geht uns, offen gestanden, über den Horizont. Wir bemerken nochmals, daß wir nur gezwungen auf die Sache wiederholt, und zwar vielleicht etwas deutlicher, zurückgekommen sind. Wir verabscheuen jeden Schein von Hetzerei. Wer aber dem Volke Sand in die Augen streuen will, der wundere sich nicht, wenn wir dem Volke dre Augen gründ­lich öffnen. 10. März 1883.

lieber das Bedürfnitz eines Lehrerpensions Gesctzcs

bringt das ,Berl. Tagebl/ folgenden Artikel, welcher un­fern ganzen Beifall findet:

„Unter dem gesammten preußischen Beamtenthum qibt es keinen einzigen Stand, der in Bezug auf fein Pensions­wesen so übel daran wäre, als unser Elementar-Lehrer- stand. Allen Staatsdienern ist für die Zeit ihrer Inva­lidität, resp. für ihre alten Tage im Wege des Gesetzes em entsprechendes Pensions-Gehalt gewährleistet; die Volks- schubehrer allein, sobald sie in den Ruhestand treten, sehen sich Verhältnissen gegenüber, die in der Thal unglaublich erscheinen und eine Nothlage darstellen, welche geradezu als unerhört bezeichnet werden muß. Es ist wirklich kaum zu verstehen, wie solche Zustände im preußischen Staate fortdauernd aufrecht erhalten werden können un£ doch will