M 184.
Dienstag, den 14. August
1883
Fiildm 8W Jrihing.
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g Politische Gährungen {in Spanien.
Zündstoff gibt es in Spanien immer; das wunderbar schöne Land ist bald eine Beute der Regierungssüchtigen, bald ein Spielball der extremen Parteien. Schreiber dieses traf bei seinem längeren Aufenthalte in Spanien dort oft mit Leuten zusammen, welche nach der Stunde lechzten, wo es wieder losginge. Ein Gewürzkrämer, den ich in Barcelona hatte kennen lernen, begleitete mich den land- und seebeherrschenden Montjuich himuf. Schon am Fuße des Berges hörten wir eine eigenthümliche Flötenmusik und dazwischen ein oft abgebrochenes Trommeln. Es waren Exerzier- signale, welche mein Begleiter mit komischer Verspottung nachmachte. „Wir werden euch die Trommeln mit Sprengpulver füllen", sprach er mit gravitätischem Ernste. Auf der Höhe des «nächtigen Felskegels angekommen, hatten wir im Rücken das Schloß mit seinen Zinnen und Feuerschlünden, unter uns das blitzende Meer mit tausenden von Wimpeln und links die schöne, bergansteigende Stadt. Mich lockte die wunderbare Aussicht von dem Berge des Jupiter hinab; ich bekümmerte mich nicht um die nach ihren Signalen exerzierenden Soldaten; mein Begleiter aber stand ernst mit zusammengekniffenen Lippen bei ihnen, und als wir wieder hinabstiegen und uns durch die buntgekleidete Maffe auf der Rambla drängten, flüsterte er mir in's Ohr: „Es muß bald wieder loSgehen!" Ich hatte genug an den glühenden Blumen, an den prächtigen Häusern mit den unzähligen Ballonen zu sehen, revolutionäre Gedanken waren mir zuwider. Ich lauschte auf Guittarre und Tam- bourin, auf den Lärm der Stimmen und den Gesang der Zigeuner; an Krieg in diesem Paradiese mochte und wollte ich nicht glauben. Die Springbrunnen mit der sie uingebenden üppigen Vegetation, die Kathedralen, die Thürme und das bewegte Leben in den menschengefüllten Straßen schienen mir viel zu schön, als daß mitten in diesem Paradiese noch einmal die Erde von Blut geröthet werde; aber es war nicht das letztemal, daß ich solche Äußerungen hörte. Zuweilen kamen sie sogar von den Lippen der catalonischen Bauern,
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
(Fortsetzung.)
Bald war es ein Topf frischer Milch, die für die Gesundheit der Mutter und des Töchterchens so stärkend sei, bald waren es die ersten Erträg- mffe des Gartens oder ein Körbchen Obst, welche Frau Wester doch sonst noch nirgendwo erhalten könne. Die kleine Lore hatte so große Freude an der jungen Brut der Hühner gefunden, sobald die Thierchen nun etwas herangewachsen waren, überraschte der kleine Hausfreund, zum großen Jubel Loras, sie mit einem jungen Hahn und zwei Hühnchen. Auch vermehrte der Kaninchenstall Otto's !)ch so rasch, daß Frau Wester ihm unmöglich seine Bitte ablehnen konnte, der Mutter doch ab und zu zu gestatten, ein Kaninchen für die Küche °er Frau Wester überbringen zu dürfen. Die Dorfbewohner züchteten ja alle, und zu verkaufen sei doch nichts daran.
Ueberhaupt benutzte die gewandte Frau jede Gelegenheit und wußte die Gabe so geschickt an- subringen, daß Frau Wester oft sich selbst darüber "n Unklaren blieb, wer das größte Vergnügen babei empfand, sie oder Frau Ulrich.
Der Verkehr der Frauen wurde im Laufe der Wt immer häufiger und vertrauter. Wie Otto n« der ersten Zeit der unzertrennliche Gespiele der meinen Lore geworden, so nahm er auch später
welche, die bunte Manta über die Sammtjacke und die Kniehose geworfen, mit ernster Grazie die Dampfwölkchen der Cigaretten zu ihren rothen Mützen hinaufbliesen.
Auf der Höhe des wildzerklüfteten Montserrat, wo doch alles zum Ernste und zum himmlischen Frieden stiminte, in der Umgegend des Domes von Zaragoza und in ganz Aragonien konnte man Reden hören, die nach dein Schwerte klangen. Am Fluffe Jalon sang sogar ein kastilischer Bauer hinter seinen weitgehörnten Ochsen ein ganz geharnischtes Revolutionslied.
Am Manzenares, in Madrid, wo halb Spanien sich Besuche gibt, wo das Augensprühen schon feuriger wird, wo sich der Basko mit dem Andalusier mischt, und wo die glühenden Söhne des Südens das Herz des Cataloniers in Feuer und Flamme setzen, gehört es zur Mode, einen revolutionären Schein zur Schau zu tragen, und sowohl Isabella als Don Carlos und Alfons gleich ungenießbar zu finden, aber auf den Alamaden, im Stiercirkus, in den Gemäldegallerien, in den Cafos und auf den Straßen sprach man doch zu laut von der Rothwendigkeit einer Umwälzung, um Ernst dahinter zu suchen.
Ich hielt es für eitel Prahlerei, doch schien man am Hofe vorsichtig zu beobachten und auf die so offen hingeworfenen Worte mehr Gewicht zu legen, denn als ich im königlichen Palaste die goldener; Kutschen der Real Cachem in meinem Taschenbuche verzeichnen wollte, wurde mir dieses strengstens untersagt; man fand meine Neugierde überhaupt überflüssig und schickte mich fort. Vielleicht witterte man einen auswärtigen Emissär in mir.
In dem alten Toledo, wo der Geist des Gothenkönigs Wamba noch um die düsteren Ruinen schleicht, wo man allenthalben auf die Fußstapfen der Mauren und Khalifen trifft, zeigte sich das neue Geschlecht ebenfalls unzufrieden mit der politischen Gestaltung der Dinge, und auf den Omnibussen mit den sechs Maulthieren saß manche zerlumpte Gestalt, welche unter den buschigen Brauen her zornige Blicke schoß.
steten Antheil an dem Unterricht, den Frau Wester ihrer Kleinen ertheilte.
„Könnte ich doch nur Ihnen durch irgend etwas meine Dankbarkeit beweisen," sprach eines Tages Frau Ulrich zu ihrer Nachbarin, als die beiden Frauen in der kleinen Laube des Gärtchens mit einer Handarbeit beschäftigt, dem Treiben ihrer Kinder zuschauten.
„Sie erzeigen meinem Knaben so viele Güte und Aufmerksamkeit, daß ich es Ihnen nie genügend vergelten kann. Glauben Sie nur, werthe Frau Wester, daß ich den vortheilhaften Einfluß nicht unterschätze, den der Verkehr in Ihrem Hause auf das jugendliche Gemüth meines Otto ausgeübt hat. Er ist seit jener Zeit ein viel fleißigerer und gehorsamerer Knabe geworden. Er würde keine Ruhe finden und nicht an's Spielen denken, bevor er die Aufgaben, die Sie ihm aufgetragen haben, fertig hätte. Die Kinder der Dorfschule machen nicht solche Fortschritte, und für den Winter ist der Besuch derselben für die unsrigen ja beinahe eine Unmöglichkeit."
„Sie beschämen mich, Frau Ulrich; meine Eleonore ist diejenige, die den meisten Vortheil durch den gemeinschaftlichen Unterricht genießt. Ihr Otto besitzt eine leichte Faffungsgabe und regen Fleiß; es ist somit ein Sporn für mein Töchterlein, es ihm gleich zu thun."
„Sie dürfen die arme Kleine aber auch nicht so seht anstrengen; sie ist noch ein zartes Kind
Nicht die versöhnenden Gestalten der Madonnen, welche von ihren Steinpfeilern mitleidig auf das vorüberfluthende Volk schauteu, nicht die prachtvollen Kathedralen und umgebauten Moscheen, nicht die herrlichen Pflanzen in der blühenden Vega konnten die düstern Blicke der Wasserträger und Maulthiertreiber erheitern. In Cordova und Sevilla, in den Räumen der unvergeßlichen Alhambra, am Strande von Gibraltar, zu Alicante, Malaga und im Palmenwalde von Elche, überall gab es Unzufriedene, welche sich nach einer Umwälzung sehnten.
In den Patios, wo sich über den Springbrunnen die breitblätterigen Bananen, die früchtebe- ladenen Dattelbäume erhoben, wo die bezaubernden Schönheiten Andalusiens zur Mandoline sangen, hörte ich oft Reden, die mich in meinem Vaterlande tief erschüttert hätten. Es ging ein dumpfes Murren durch viele Schichten der Gesellschaft.
Wie kann man in einem Lande, über welches Gott das Füllhorn seiner Wundergaben so reichlich ausgegoflen hat, unzufrieden sein? dachte ich oft. „Znnschen diesen Citronen, Granaten, Feigen und Pomeranzen sollte doch der ewige Friede schlummern!"
Ja, so sollte es sein, aber eben weil der Segen so unendlich reich ist, rauft man sich darum. Es ist kaum ein Land auf der Erde, deffen Fluren so häufig mit Blut getränkt sind, als gerade die zauberhaften Gefilde Spaniens. Kaum geht ein Jahrzehnt vorüber.^.welches nicht zu den alten Ruinen neue schafft.
Der Aufstand, deffen Keime schon damals in den Boden gesäet waren, ist nicht so schnell in die Stengel geschoffen, wie es den Anschein hatte. Man kann sogar glauben, daß es dem jungen Könige gelingen wird, die Unzufriedenen niederzuhalten; aber seine Abstammung macht es ihn! schwer, im Volke den festen Halt zu gewinnen, ohne den ein Herrscher in einem so parteizerklüfteten Lande nichts Großes leisten kann.
Jetzt ist der Aufstand bereits da, und es hat leider den Anschein, daß er weite Kreise ergreifen wird, denn die Soldaten stellen sich an die Spitze des-
und bedarf sehr der Pflege. Ein Anderes ist es mit meinem Buben, der ein paar Jahre älter und Gott Dank, frisch und kräftig ist. Sie gestatten mir daher auch wohl, daß Otto ihr an jedem Morgen ein Töpfchen frisch gemolkener Milch überbringt. Nichts ist nahrhafter und heilsamer für ein zartes Kind."
„Ich darf Ihr freundliches Anerbieten nur unter der Bedingung annehmen, daß Sie mir gestatten, die Milch zu bezahlen."
„Sie betrüben mich, liebe Nachbarin; wollen Sie mir denn die Möglichkeit nehmen, mich etwas dankbar zu erzeigen? Bitte, thun Sie das nicht; ich liebe die Kleine, als ob sie mein eigenes Kind wäre, und Sie wollen mir nicht einmal erlauben, mitzuwirken, daß sie recht kräftig und gesund werde?"
„So muß ich wohl nachgeben, doch weiß ich icht, wie ich Ihre Güte jemals vergelten soll."
„Vergelten? o, rebtn Sie doch nicht so. Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, und da Sie mir gestatten, diesen, so viel ich kann, zu beweisen, so machen Sie mich glücklich. — Sehen Sie nur, wie froh unsere Kinder sich im Garten umhertreiben; die frische Gebirgsluft hat die Rosen auf den Wangen ihres Töchterchens wieder hervorgerufen."
Beglückt verließ die gute Nachbarin die kleine Laube.
„Nun geht Ihr mit mir," rief sie den Kindern zu.
„Darf ich, Mama?"