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(Qi Das Vagabondenthum.
Die Freizügigkeit, welche uns nebst so vielen anderen glänzenden Dingen gegeben wurde, hat sich schon längst als ein verderbenbringendes Danaer- Geschenk erwiesen, für welches wir den Dank getrost schuldig bleiben können. Alle festen Verhält- niffe sind dadurch in's Schwanken gerathen und die solide Festigkeit, mit welcher inan früher auf seiner Scholle saß, ist beim Durcheinanderrütteln um ihre Basis gekommen. Eine von den traurigen Früchten dieser Freiheitsblüthe ist das immer weiter um sich greifende Vagabondenthum.
Früher war dasselbe in der heutigen Ausdehnung nicht möglich, weil der feste Wohnsitz der Punkt war, um den sich Alles drehte und drehen mußte. Heute hat Jeder das Recht, hinzuziehen, wo cs ihm gefällt, und er ist dabei an keine Schranken gebunden. Am leichtesten macht sich der Besitzlose los und profitirt von der Zieh- und Wanderfreiheit. Der Arbeiter, dem es an seinem Aufenthaltsorte aus irgend einem Grunde nicht mehr gefällt, ivirst Hammer und Zange weg, wandert zum Thore hinaus und zieht mit leerem Beutel und voller Hoffnung von Ort zu Ort. Behagt es ihm irgendwo, so bleibt er und sucht neue Arbeit.
Dagegen wäre eigentlich nichts zu sagen, aber unter den Wegwandernden sind Viele, welche überhaupt nicht an's Arbeiten denken, sondern die weite Welt als einen großen Brodkorb betrachten, in den sie nach Belieben hineinlangen können. Gerade aus solchen arbeitsscheuen Kreaturen rekru- tirt sich das Vagabondenthum am meisten. Man darf sich eine erhebliche Zahl dieser Wanderer nicht als arme bemitleidenswerthe Leute, als Opfer der Arbeitslosigkeit denken. Es gibt ihrer genug, die lieber wandern und betteln, als arbeiten, und je länger sie ohne die Annehmlichkeit eines festen Wohnsitzes umherschweifen, desto größer wird die Abneigung gegen eine geregelte Thätigkeit.
Es liegt auf der Hand, daß Leute, welche für längere Zeit aus einem festen Verbände losgeschält und nicht an Herkommen, Sitte und Familie gebunden sind, nach und nach die bessere Gewohn
heiten abstreifen und immer mehr einem regellosen Vagabondenleben verfallen. Sie werden für die seßhafte Gesellschaft zu einer großen Gefahr, denn aus gewöhnlichen Bettlern werden sie häufig zu Zwangsbettlern, Dieben, Straßenräubern und Zerstörern der Unschuld.
Man muß deshalb die Asyle für Vagabonden mit Freuden begrüßen und froh sein, daß es Stätten gibt, wo solche Leute wieder an ein geregeltes Leben gewöhnt werden; aber man hüte sich auch die Mildthätigkeit zu weit zu treiben. Die Asyle dürfen von den Vagabonden nicht als Etappen zum Auffüttern betrachtet werden, sonst wird sich das Nebel eher vermehren, als vermindern und das Vagabodenthum wird zu einer Art von Zigeunerwirthschast ausarten.
Im Allgemeinen muß der Grundsatz festgehalten werden, daß jeder gesunde Mensch die natürliche Pflicht hat, sich durch Arbeit selbst zu ernähren. Wo diese Erkenntniß bei den Wanderern fehlt, da muß sie ihnen durch Zwang beigebracht werden. Betteln sei auf das allerstrengste untersagt, und wer dabei betroffen wird, der muß zur Arbeit gezwungen werden.
In jeder Gemeinde werde dazu Gelegenheit gegeben, selbst dort, wo sich die Arbeit nicht bezahlt macht. Wer nur Brod bekommt, wenn er arbeitet, der muß sich trotz aller Abneigung zur Thätigkeit bequemen, und wenn der Tisch nach der Leistung bemessen, wenn Armenschmalz gefordert wird, dann hat das Bagabodenwesen bald ein Ende.
Man erzählt von einer Strafanstalt, wo die notorischen Faullenzer auf eine allerdings grausame, aber doch sehr wirksame Weise zum Arbeiten angehalten werden. In ihrer Zelle steigt fortwährend Wasser aus dem Fußboden; wollen sie nicht ertrinken, so müssen sie beständig an der Pumpe stehen. Wenn wir ein so drakonisches Mittel für die Vagabonden auch nicht empfehlen wollen, so liegt in einer Magenscale doch nichts Hartes und Wiedersinniges. Es ist ganz dasselbe wie im bürgerlichen Leben; auch dort muß jeder, der sich nähren will, seine ganze Kraft anspannen. Gebraucht er nur die Hälfte, so wird er auch nur
halb satt. Es versteht sich von selbst, daß auf den körperlichen Zustand des Vagirenden billige Rücksicht zu nehmen ist. Wenn aber die sogenannten Reisenden in den Kolonien und Eßstationen nur aufgepäppelt werden, und also die Werke der Barmherzigkeit an unrichtiger Stelle geübt würden, dann muß sich das Wandern mit allen Uebeln, die es im Gefolge hat, vermehren.
Wer aber einmal durch die Praxis zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß es auch in der Fremde ohne Arbeit kein Brod gibt, der wird den Segen eines festen Wohnsitzes und einer geregelten Thätigkeit den Unbilden eines zwecklosen Umherstreifens vorziehen.
Besser aber wäre es gewesen, man hätte die alten bewährten Verhältnisse bestehen lassen. Die Freizügigkeit war ein mißverstandenes Wohlwollen, welches geeignet ist, alles Bestehende in wirbelnde Atome zu zerreiben. Man hat durch dieselbe eine Menge von Uebeln geschaffen, die durch einen großen Apparat von künstlichen Mitteln wieder unschädlich gemacht werden müssen.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. August.
* (Sammlung fürJschia.) Der.Staatsanzeiger' veröffentlicht folgendes Schreiben des Kronprinzen:
Das Unglück, durch, welches. Ischia heimaesucht und ganz Italien in tiefe Trauer versetzt worden ist, hat in Deutschland den schmerzlichsten Eindruck gemacht. Es ist Meiner Gemahlin und Mir daher ein Bedürfniß, diesem Gefühle Ausdruck zu verleihen, und hegen wir den innigen Wunsch, daß dies in einer Unserer Betrübniß würdigen Weise geschehe. Deshalb möchten Wir, von Tausenden umringt, im Geiste an die Trauerstätte treten, aber nicht nur um die Tobten zu beklagen, sondern um zu helfen, das überlebende Leid zu lindern. Wir sind gewiß, daß das deutsche Volk dem befreundeten Nachbar im Unglück wird zur Seite stehen wollen, und daß es bereits nach Wegen dahin
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Linn.
(Fortsetzung.)
Der Frühling hatte eben seine ersten sonnigen Tage gespendet, das Lied der Lerche erscholl in den Lüften und die Finken ließen ihren kräftigen Schlag in den in's erste Grün sich kleidenden Bäumen erschallen. Im Garten sproßten die Veilchen und die Primeln streckten ihre Blüthenkronen empor. Das Kind sprang im Garten umher, von einem Blümchen zum andern, laut jubelnd, daß der lange Winter endlich vorüber und es von der engen Stube erlöset sei.
Da erscholl eine frohe Knabenstimme aus dem Nachbargarten an sein Ohr. O, Mutter, Mutter komm doch und sieh, wie schön die Blümchen sind, eine ganze Menge, die gestern noch Knospen waren; sind aufgeblüht."
„Nachher, Otto," ließ sich eine fernere Stimme vernehmen, „ich muß vorher die Kuh versorgen, dann komme ich zu Dir in den Garten."
Der Ton der Stimme zog die Kleine so mächtig an, daß sie in lvenigen Sprüngen die Hecke erreichte und vorsichtig zwischen den Stämmen, die noch nicht belaubt waren, hindurchschaute. Die hastige Annäherung mußte von dem Knaben bemerkt worden sein, denn sein Blick richtete sich plötzlich der Lauscherin zu.
„Ei, siehe da," sprach er langsam näher tre
tend; „siehst Du auch nach meinen schönen Blumen? Komme nur zu mir, in unfern Garten, dann pflückeich Dir ein Sträußchen für Deine Mama."
„O, wir haben auch schon Blümchen im Garten."
„Aber gewiß nicht so schöne wie ich. Die Schneeglöckchen sind beinahe schon verblüht und Veilchen und Aurikeln habe ich die Menge."
„Ich möchte wohl einmal gerne Deine Blumen sehen, aber Mama hat mir verboten, den Garten zu verlassen."
„Verboten, meine Blumen zu besehen? Das kann ich kaum glauben."
„Nicht so mußt Du das verstehen; Mama will nicht, daß ich zu anderen Kindern gehen soll."
„Da wir aber nebeneinander wohnen, dürste sie Dir doch wohl erlauben, in unfern Garten zu kommen. Wir haben auch schönes Obst; Kirschen und Stachelbeeren und Aepfel und Pflaumen; wenn diese einmal reif sind, will ich Dir ein Körbchen voll pflücken."
„Wir haben auch Obst, aber nicht so viel wie Ihr. Euer Garten ist größer und bietet viel mehr Raum zum Spielen als der unserige. Ich möchte so gern mit Kindern spielen, in unfern Hause ist es so still."
„So komme zu mir, ich kenne eine Stelle des Zaunes, wo Du leicht durchschlüpfen kannst. Da hinten, wo der große Hollunderstrauch steht; ich will es Dir sagen, ich bin schon öfter an dieser Stelle durchgeschlüpft."
„Und Du watst in unserem Garten?"
„O ia;- Du mußt aber nicht glauben, daß ich es darum gethan hätte, um in Eurem Garten zu naschen, wir haben Obst genug, und dazu wäre das Unrecht und Sünde."
„Warum aber hast Du unfern Garten betreten?"
„Ich wollte sehen, was Du machtest; und da ich Deine Mutter, immer traurig sehe, so meine ich, es wäre schön, wenn wir zusammen spielten, dann hättest Du doch etwas Freude."
„Ich will Mama bitten, daß sie mir gestattet, zu Dir zu kommen."
„Oder ich zu Dir; das ist ja gleich. Ich weiß auch schon manches Vogelnest im Walde; gestern habe ich noch ein neues gefunden und Veilchen sind dort so viele, daß man einen ganzen Garten damit bepflanzen kann."
Frau Ulrich, die Mutter Ottos, hatte vor ihrer Verheirathung manches Jahr in Diensten vornehmer Familien zugebracht und sich Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt, die sie sehr von den gewöhnlichen Dorfbewohnern unterschieden. Es konnte ihr nur erwünscht sein, ihren einzigen Knaben mit einem Kinde verkehren zu sehen, welches einer Familie der besseren Stände angehörte. Die kluge Frau hatte bald erkannt, daß Frau Wester einst bessere Tage erlebt haben mußte. Ihr Anstand und ihre feine Bildung übertrafen selbst das, was sie bei ihren früheren Dienstherrschaften gefunden hatte. Ihre Zuneigung zu derselben wurde noch