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M 182.

Sonnabend, den 11. August

1888.

Die.Fulda« Zeitung' «scheint tägliq, Sonn-- uns geiestage ausgenommen. Bterteljai,ruchlr ÄvonnementspreiS ohne Bring«lohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mtt der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne UttS Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

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A> Das Proletariat der geistigen Arbeiter.

Die ganze gebildete Welt gefällt sich darin, die Deutschen das Volk der Denker zu nennen. Franzosen, Engländer und Amerikaner überlassen uns diese ehrenvolle Benennung ohne Neid, ja nicht selten mischt sich in diese Ovation eine gewisse Schadenfreude, weil sie wissen, daß wir es bei dem Erdenken bewenden lassen und ruhig zusehen, wie die Früchte der von uns gestreuten Denksaat von ihnen und nicht von uns eingeerndtet werden. Dieselben Lippen, welche uns wegen unfern Denk­leistungen bis in den Himmel erheben, gefallen sich in der Behauptung, die Deutschen seien nicht praktisch genug, um ihre eigenen Saaten zu schnei­den. Sie mögen darin nicht unrecht haben, aber wir fügen noch einen neuen Vorwurf hinzu: „Sie haben vor ihrem eigenen Genie zu wenig Respekt und thuen nichts Neunenswerthes, um demselben im eigenen Lande Anerkennung zu verschaffen und ihm aufzuhelfen. In welchem Lande der Welt gibt es eine so große Armee von Proletariern der geistigen Arbeit, wie in Deutschland.

Wenn in Frankreich oder England ein Schrift­steller einen glücklichen Wurf thut, so hat er da­mit den Grundstein zu einem soliden Wohlstände gelegt. Jeder will sein Werk besitzen, und die Verleger, welche auf einen großen A satz mit - Sicherheit rechnen können, zahlen den Autoren Honorare, über deren Höhe man in Deutschland staunt und wofür man bei dem Volke der Denker gar keinen Maßstab hat. Ein paar solcher Werke und der Schriftsteller kann seiner Zukunft mit großer Geistesruhe entgegensehen.

Der Verleger und die Buchhändler wollen na­türlich auch verdienen, denn aus reiner Großmuth gegen den Schriftsteller bezahlen auch die fran­zösischen und englischen Verleger kein großes Ho­norar. Sie können es aber kühn wagen, weil das Publikum Bücher kauft, was in Deutschland in diesem Maaße durchaus nicht der Fall ist. Wirkliche Bibliotheken findet man bei unfern Pri­maten höchst selten; wenn man die öffentlichen

Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

„Da bist Du ja, mein lieber Otto, ich danke Dir für Deine Güte. Nun will ich aber auch von der Arznei nehmen, wovon der gute Doktor sich so treffliche Wirkung verspricht. Du wirst aber recht ermüdet sein?"

„Müde? Nicht im geringsten, Tante Wester; was macht sich ein junger Jäger aus dem kleinen Marsche. Ich habe nur bedauert, daß ich nicht früher zurückkehren konnte; der Oberförster hielt mich auf, welcher noch einen Brief an meinen Herrn schrieb, den ich noch heute überbringen muß. Ich darf dieserhalb nicht länger weilen, hoffe aber bald ein Stündchen erübrigen zu können, mich nach Deinem Befinden zu erkundigen. Drum adieu, Tante Wester."

Herzlich drückte er die abgezehrte Hand der Kranken und noch einen innigen Blick auf Lore werfend, verließ er das kleine Gemach.

Einige Augenblicke herrschte tiefes Schweigen unter den Frauen, da aller Augen dem kräftigen Jüngling bis zur Gartenthüre folgten, von wo er noch einmal feinen Gruß hinübersandte und dann hinter dem Zaune ihren Blicken entschwand.

Bereits seit 10 Jahren bewohnte Frau Wester das kleine Häuschen in dem hübschen Weiler an dem Abhänge der Vogesen. Dasselbe war Eigen-

Jnstitute abrechnet, eigentlich nur bei Gelehrten von Beruf. Selbst die Männer, welche nach Ab- solvirung der Universität vom Staate, von Cor- porationeu oder Gemeinden Aemter erhalten, be­gnügen sich in der Regel mit der Anschaffung derjenigen Literatur, die sie ihres Berufs wegen nicht entbehren können.

Bei dem Gros der Bürger und Bauern sieht es noch schlimmer aus. Außer den Erbauungs­büchern und dem Kalender gibt es bei ihnen höch­stens noch ein illustrirtes Journal, dessen Inhalt oft durchaus nicht erbaulicher Natur ist und besser nicht gekauft worden wäre.

Wer dennoch das Bedürfniß hat, mitunter ein Buch zu lesen, der behilft sich mit der Leihbiblio­thek ober mit einem Lesezirkel. Hebet den Nutzen einer Leihbibliothek wollen wir hier nicht rechten, doch können wir nicht unerwähnt lassen, daß man im Jahre für das Lesegeld ein paar gute Bücher kaufen kann, die in der Familie bleiben und fort­während eine geistige Speise sind. Ein gutes Buch langsam und mehrmals lesen, ist weit besser, als ein Dutzend Romane der Leihbibliothek ver­schlingen. Jeder kann sich im Jahre ein und zwei gute Bücher anschaffen, ohne seinen Geldbeutel zu sehr in Anspruch zu nehmen; er braucht sich nur hin und wieder einen körperlichen Genuß zu versagen.

Wenn nun wenig Bücher gekauft werden, dann hat hauptsächlich der Schriftsteller darunter zu leiden, wie dieses in Deutschland thatsächlich der Fall ist. Der Ertrag seiner Feder müßte wenig­stens so groß sein, daß er sich bei mäßiger Arbeit jedes Jahr eine kleine Ausspannung gönnen könnte, um frisch zu bleiben und neue Eindrücke zu sam­meln, aber solcher Glücklichen gibt es nur sehr wenige. Ich kenne Schriftsteller, welche bei 10- stündiger, rastloser Arbeit kaum im Stande sind, ihre Familie bescheiden zu ernähren, obschon sie sich fast niemals ein Vergnügen gönnen und in äußerster Nüchternheit und Enthaltsamkeit leben. Sie gehören außerdem noch zu den vom Glücke Begünstigten, denen es niemals an Bestellungen fehlt und deren Werke vom Publikum mit Heiß­hunger verschlungen werden. Sie sitzen ost bis

thum des Baron von Epinois, und wurde früher von den Eltern Otto's, deffeu Vater Förster im Dienste des Barons gewesen war, bewohnt. Als derselbe in dem durch seine Theuerung so unheil­dollen Jahre 1817 starb, zog die Wittwe mit ihrem kleinen Knaben in ihr kleines, von den El­tern ererbtes Anwesen, welches an ihre frühere Wohnung grenzte.

Großes Aufsehen erregte es in dem Dörfchen, als eines Tages eine Fuhr mit bescheidenem Haus­rath in die Dorfstraße einlenkte und vor dem un­bewohnten Hause anhielt. Die guten Leutchen zerbrachen sich vergebens den Kopf, wer wohl der neue Bewohner sein würde. Selbst der neugierige Wirth des Ortes wußte trotz allen Kreuz- und Querfragen nichts in Erfahrung zu bringen. Eben­so wurde feine Erwartung getäuscht, als der Ver­walter des Herrenhauses, welcher täglich seinen Schoppen bei ihm trank, vorsprach. Der Baron besuchte höchst selten seine Besitzung und hatte dem Verwalter einfach die Anzeige gemacht, daß die Wittwe Wester in die Försterwohnung einziehen würde.

Der folgende Morgen brachte diese; zwei Frauen mit einem kleinen Mädchen verließen die einfache Kutsche. In welchem Verhältniß die Frauen zu einander standen, blieb den Dörflern noch lange unklar, da sie keinen Verkehr mit denselben an- knüpften, in ihrer Kleidung sich wenig von einan­der unterschieden, und nur zu einem Spaziergange auf der waldigen Höhe bisweilen das Hans ver-

in die Nacht am Schreibpulte und verthuu ihr^ besten Geisteskräfte, um für den folgenden Tag der Familie einen gedeckten Tisch verschaffen zu können. Die wenigsten Menschen haben einen Begriff von ihrer angestrengten Thätigkeit, sie denken sich den Schriftsteller als einen müßigen, schwelgenden Krösus, während in Wirklichkeit die Lohnschreiberei Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr weiter geht, ohne daß jemals eine eine Besserung eintritt. Wie die Näherin an die Nadel, wie der Schuster an den Knieriem, ist er an das Pult gebannt, hat aber in der Regel erst später Feierabend, und sieht mit Schrecken der Zeit entgegen, wo die Thätigkeit seines Gehirnes den Dienst versagt. Tausende lesen seine Bücher und Tausende rufen aus: „Wie schön, wie herr­lich!" aber keiner denkt daran, daß Bücher mit Blut und Gehirn geschrieben werden, daß beides langsam aber sicher aufgebraucht wird und sich in Brod verwandelt, bis es auch dazu nicht mehr ausreicht.

Wenn die Leser wüßten, daß abwärts von diesen verhältnißmäßig Glücklichen eine ungeheure Zahl von schriftstellerischen Existenzen kommt, welche sich nur ab und zu an einen gedeckten Tisch setzen können, und daß sich diese Bedauernswerthen all­mählich herabstufen bis zu denjenigen, welche bei ihren Berufsgenoffen um eine Mahlzeit betteln muffen, so würden sie vielleicht einsehen, daß das geistige Proletariat schlimmer daran ist, als das andere.

Wie viel könnte gebessert werden, wenn die Zeitungen um ein Weniges besser bezahlt würden, damit sie in der Lage wären, auch ihren Helfern etwas abzugeben. Wie mancher deutsche Schrift­steller könnte sich erträglich durch die Welt schrei­ben, wenn die Feuilletons anständig honorirt würden! Aber die Verleger und Redakteure sind meistens auf billigen Lesestoff angewiesen, und die Novellen­fabriken liefern ihnen einen Gentner englischer oder französischer Uebersetzungen für ein paar Mark. Wenn sie wenigstens keine ausländische Waare kaufen, sondern daheim bleiben wollten! Jetzt gehen den bemitleidenswerthen Schriftstellern auch

ließen. Beide mochten etwa dreißig Jahre zählen; augenscheinlich war die eine eben erst von einer Krankheit genesen. Die Aufmerksamkeit und Sorge, welche die andere ihr erzeigte, ließ wohl auf ein Dienstverhältniß schließen, obgleich anderseits die gegenseitige Anhänglichkeit ein inniges Freund« schaftsverhältniß vermuthen ließ. Wohl ein Jahr lang hatten die Fremden das Häuschen bewohnt, und doch wußten die Dorfbewohner nur soviel, daß die Leidende Frau Wester hieß und die an­dere von derselben Hanna genannt wurde. -

Langsam kehrte die Farbe der Gesundheit auf die Wangen der Leidenden zurück und die Dorf­bewohner blickten mit Freuden in das seelenvolle Auge, wenn sie derselben begegneten und sie ihren Gruß mit einer so freundlichen Herablassung er­widerte, als ob sie die Gutsherrin sei. Selbst die schlichten Landleute erkannten, daß die Dame einst bessere Tage erlebt haben mußte, und be- dauerten die Frau, die man niemals fröhlich sah.

Von Zeit zu Zeit sah man Hanna früh mor­gens mit einer gefüllten Reisetasche das Haus verlassen und den Weg zur nächsten Stadt ein» schlagen, von welcher sie eben so bepackt am Abende zurückkehrte. Es war bald im Dörfchen allgemein bekannt, daß die Fremden feine Hand­arbeit für die Geschäfte der Stadt anfertigten, beim regelmäßig nach ber Rückkehr Hannas erhielt ber Bote Auftrag, irgenb welche Haushaltbedürf­nisse für Frau Wester mitzubringen.