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Politische Betrachtungen.
Herrscher statten sich in der Regel erst Besuche ab, wenn zwischen ihren Regierungen alles klipp und klar ist. Von diesem Gesichtspunkte aus ist ist die heutige Zusammenkunft des Kaisers Wilhelm mit dem Kaiser von Oesterreich eine Garantie für die ungeschwächte Fortdauer der guten Beziehungen beider Länder. Aber noch mehr! Der Allianzvertrag zwischen beiden Reichen läuft im nächsten Jahre ab. Was liegt da näher, als die Verlängerung des Bündnisses? Die Absendung des Grafen Kalnocky nach Gastein zum Kaiser Wilhelm und die Dekorirung des leitenden österr. Staatsmannes mit dem höchsten preußischen Orden, liefert den Beweis, daß der diesjährigen Zusammenkunft der Monarchen eine erhöhte Bedeutung innewohnt. Ein Blick auf die Lage Eu- ropa's zeigt den Herrschern ja auch, daß alle Gründe, die vor 4 Jahren für den Abschluß der Mianz sprachen, jetzt in verstärktem Maaße der Fortdauer des Bündnisses das Wort reden. Sowohl Oesterreichs wie Deutschlands Lage weisen auf die Rothwendigkeit des weiteren Bündnisses hin. Die orientalische Frage, bei der Oesterreich sehr interessirt, ist noch nicht gelöst. Rußland dürste unter Giers zu einem gewaltthätigen Eingreifen sich nicht entschließen. Aber wie lange wird Giers sich noch gegenüber dem Drängen der panslavistischen Agitatoren halten? Verschiedene Anzeichen deuten zudem darauf hin, daß die unterirdische Minirarbeit der Ruffen in der Türkei und in den kleinen Balkanstaaten durchaus nicht nachgelassen hat. Als Arbeitsfeld für diese Maulwurfsarbeit scheint Rußland sich zunächst Armenien ausersehen zu haben und in den kleinen europäischen Nachbarstaaten arbeiten Fürsten oder Parteien für den Träger der panslavistischen Idee. In Bulgarien kommandiren russische Generale als Minister den Landesfürsten und der Beherrscher der schwarzen Berge ist dem weißen Czar seit Jahren mit Leib und Seele verschrieben. Nur Serbien neigt nach der Seite Oesterreichs, doch die dortige Opposition unter Ristik richtet ihre Augen auch
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Linn.
(Fortsetzung.)
„Stille mein guter Otto; ich weiß, was Du mir sagen willst. Ich kenne Dein gutes aufopferndes Herz; ich kenne auch Deine innige Liebe zu mir; auch weißt Du, daß ich nächst meiner Mutter Niemand so lieb habe als Dich. Glaubst Du, Deine Hingebung hätte keinen Widerhall in meinem Herzen gefunden? Warst Du doch der treueste Gefährte meiner Kindheit; der verwöhnten Schwester der aufmerksämste Bruder; kein Gipfel war Dir zu steil, wenn die kleine Lore Blümchen wünschte, kein Baum zu hoch, ein Nestchen für die Schwester auszuheben. — Ich bin nicht undankbar und gestehe es offen, daß eine Trennung von Dir meinem Herzen unsäglichen Schmerz bereiten würde."
„Und doch willst Du mir nicht gestatten, es auszusprechen, wie sehr ich Dich liebe; wie mein ganzes Streben nur darauf gerichtet ist, mir eine Stellung zu erwerben, die mir gestattet, Dich als mein trautes Weib heimzuführen? O Lore, Lore, spielst Du so mit meinem treuen Herzen?"
„Otto, sieh in mein Auge, straft dasselbe meine Worte Lüge? Wie oft soll ich Dir wiederholen, daß ich keinen Mann so lieben kann, wie Dich? Waruin mußtest Du es mir gestehen, wie innig Tu mich liebtest, waruin willst Du Tein Geschick an das arme heimathlosc Mädchen knüpfen, welches
auf Petersburg. Dieses Liebäugeln der Duodezfürsten mit Rußland ist auf den ersten Blick auffallend, aber doch erklärlich. Auffallend, denn der russische Koloß würde sie verschlingen; erklärlich, denn sie hoffen mit Rußlands Beihilfe auf Vergrößerung ihrer Staaten und meinen, daß der Czar die Annexion so vieler kleinen Fürstenthümer nicht verdauen könnte. Die Vergrößerung swürde ihnen wohl werden, aber gleichzeitig würden sie in russische Satrapen verwandelt. Diesen Bestrebungen gegenüber ist es für Oesterreich von hohem Jntereffe, seine Stellung im Osten zu wahren und zu befestigen. Nahe liegt auch der Gedanke, daß es entschlossen ist, an Stelle der bisherigen Okkupation Bosniens und der Herzegowina die dauernde Annexion treten zu lassen. Andererseits bedarf auch Deutschland eines treuen Verbündeten in hohem Grade. Frankreich hält mit uns Frieden lediglich, so lange es muß. Der Augenblick, wo ihm begründete Aussicht auf Revanche winkt, würde auch der Moment der Kriegserklärung sein. Man weise doch nicht auf die Friedfertigkeit des franz. Volkes hin! Die Bewilligung der Gelder für 2 Expeditionen von unabsehbaren Folgen in diesem Jahre zeigt, wie leicht sich das französische Parlament zu auswärtigen Unternehmungen fortreißen läßt, sobald man an seinen Patriotismus appellirt. Daß in Rußland gegen Deutschland keine gute Stimmung herrscht, beweisen die Aeußerungen der russichen Presse und die Vexationen der deutschen Ostseeprovinzen , wo verdiente deutsche Beamte durch Stockruffen verdrängt werden. Preußen ist gegen die jetzige russische Politik vielleicht noch nicht mißtrauisch, aber die Verlegung mehrerer neuer Regimenter an der Ostgrenze beweist, daß die Regi- rung Vorkehrungen für alle Fälle trifft, um von den Ereignissen nicht überrascht zu werden. Unter diesen Umständen lag der Gedanke an die Verlängerung des Bündniffes zwischen den beiden Mittelstaaten Europas sehr nahe. Der erste Schritt dazu soll von Oesterreich ausgegangen sein. Ein Blatt vermuthet, daß es sich dieses Mal um „ernstere Verhandlungen handele, die mehr bedeuten als eine einfache Verlängerung." Jedenfalls
von Kummer und Sorge niedergebeugt, an dem Krankenlager der Mutter dahinsiecht?"
„Gutes , liebes Mädchen," erwiderte der junge Mann gerührt, „laß uns jetzt nicht weiter darüber reden; ich vertraue auf Gott und Dich. Siehe die treue Hanna steht an der Gartenthür, nach uns auszuschauen."
Die Wanderer hatten während ihres Gespräches das Wäldchen durchschritten. An der südlichen Thalsenkung erblickte man einen kleinen Weiler, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet. Malerisch lagen die kleinen Gehöfte zwischen Obstbäumen und Gärten zerstreut umher; ein größeres Gebäude, eine Art Herrenhaus, schloß das Panorama ab.
Die jungen Leute schritten auf ein sauberes, einstöckiges Wohnhaus zu, dessen Dach hinter den Obstbäumen des Gärtchens hervorlugte.
Sobald die an der Gartenpforte stehende Fran die beiden Ankommenden erkannt hatte, verließ sie ihren Standpunkt und schritt dem Hause zu. An dem Fenster desselben saß eine bleiche Frau, die trotz der heißen Jahreszeit einen Shawl um ihre Schultern geschlungen hatte. Das abgezehrte, erschöpfte Gesicht, um deffen eingefallene Schläfen das Haupthaar wie angeklebt lag, trug trotz seiner Abmagerung die Spuren früherer Schönheit. Das große dunkelbraune Auge lag tief in den Höhlen. Nicht blos die Leiden der Krankheit waren den Zügen aufgedrückt; schwere Leiden anderer Art
mußten die Verhandlungen dann schon vorher von den beiden leitenden Staatsmännern gepflogen sein, so daß sie durch die Besprechung zwischen den beiden Monarchen nur sanctionirt würden. Ob die weitere Vermuthung, in einer Zusammenkunft zwischen Bismarck, Kalnoky und Tisza in der zweiten Hälfte des August zu Gastein sei die schriftliche Formulirung des neuen Vertrags in Aussicht genommen, richtig ist, das muß die Zukunft lehren. Jedenfalls wäre die Verlängerung der Allianz eine Friedensbürgschaft, die von den Völkern beider Staaten freudig ausgenommen werben kann.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. August.
* (lieber die Zweikaiser-Entrevue in Ischl) erhält die ,Post' einen längeren telegraphischen Bericht, dem wir Folgendes entnehmen: „Während der gestrigen Festvorstellung im hiesigen Stadttheater und des hierauf folgenden Soupers in der Kaiserlichen Villa waren die Monarchen in ungemein guter Stimmung, insbesondere Kaiser Wilhelm, der viel und lebhaft konversirte. Während des Soupers, an welchem außer den Fürstlichen Personen auch zahlreiche hier weilende Mitglieder der österreichisch-ungarischen Aristokratie Theil nahmen, sprachen sich Kaiser Wilhelm, und der Kronprinz von Portugal sehr lobend über die Kräfte aus, dir an der Festvorstellung mitgewirkt hatten. Heute früh vor 8 Uhr erledigte Kaiser Wilhelm verschiedene Staatsgeschäfte, nahm dann die eingetroffenen Briefe und Depeschen entgegen und beantwortete mehrere derselben sofort. Um 8 Uhr stattete Kaiser Franz Joseph seinem Gaste im Hotel Kaiserin Elisabeth einen Besuch ab. Kaiser Franz Joseph, welcher ohne Begleitung war, blieb über eine halbe Stunde beim deutschen Kaiser und verfügte sich hierauf in's zweite Stockwerk, um auch den Kronprinzen von Portugal mit einem Besuch zu beehren. Kaiser Wilhelm verläßt heute um 12 Uhr seine Wohnung im Hotel Kaiserin Elisabeth und begibt sich mußten ihre zerstörende Hand an diese hohe Gestalt gelegt haben.' Die abgemagerten Hände ruhten auf dem Schooße.
Als die Kranke die nahenden Schritte hörte, richtete sie müde ihr Haupt empor und wandte das bleiche Gesicht der Nahenden entgegen.
„Gnädige Frau," sprach die Dienerin ehrerbietig und freudig, „sie kommen; doch dürfte es nicht an der Zeit sein, daß ich das Fenster schließe? Die Abendluft möchte Ihnen schaden."
„Wie oft habe ich Dich gebeten, gute Hanna," erwiderte die Kranke mit matter Stimme, „diesen Titel nicht mehr zu gebrauchen; er kommt mir nicht mehr zu. Kannst Du, ungeachtet Deiner großen Liebe zu mir, in diesem Punkte noch immer ungehorsam zu sein? Gönne mir für die wenigen Tage meines Daseins doch den Trost, nicht durch meine treue Hanna an die traurigste Zeit meines Lebens erinnert zu werden. Frau Wester, diesen Namen habe ich liebgewonnen, diesen darf und will ich tragen, bis der Herr mich ruft. Es ist das einzige Vermächtniß, welches ich meiner guten Eleonore hinterlassen kann; an ihm klebt kein Fluch. O, gute Hanna, die Sünden der Eltern rächen sich furchtbar an den Kindern, die ohne Schuld sind. — Wie schwer wird mir die letzte Stunde werden, wenn ich von meinem guten, braven Kinde scheiden muß, welches durch die Schuld der Mutter Alles, Alles verloren hat. O, Hanna, Du treue Seele, die mich nicht verlassen in Noch und Elend, bleibe