180. Donnerstag, den 9. August 1883.
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. August.
*(Ueber die gestrige Kaiserzusammenkunft in Ischl) geht folgendes Telegramm ein: Der österreichische Kaiser fuhr dem deutschen Kaiser bis Ebensee entgegen, wo die herzlichste Begrüßung der Monarchen stattfand. Hierauf erfolgte die geineinschaftliche Weiterreise nach Ischl. Präzise 12 Uhr Mittags in dem reichbeflaggten Bahnhofe ankommend, woselbst die Kaiserin Elisabeth anivesend war, fuhr der Kaiser Wilhelm mit der Kaiserin und der österreichische Kaiser mit dem Prinzen Reuß bis in das Hotel Elisabeth. Längs des Weges vom Bahnhofe bis zum Hotel bildeten riesige Menschenmassen Spaliers und brachten stürmische Hochrufe dar.
• (Ueber das Selbstmordmotiv des Professors zu Putlitz) taucht nach der .Danziger Zeitg." jetzt die Version auf, der früher viel genannte erblindete Dr. Duehring habe für ihn früher eine wissenschaftliche Schrift ausgearbeitet, welche seinen (Puttlitzens) Ruf begründet hat. Duehring habe das Manuskript derselben kürzlich an die Universität Halle gesandt, weil er das verabredete Honorar, angeblich 15,000 Mk., nur theilweise erhalten hätte. Das klingt allerdings weniger amerikanisch.
* (Die Hoffnungen auf Polens Restitution.) Zur der Erklärung des Professors Ad. Wagner über seine Ansichten in Betreff der osteuropäischen Politik bemerkt der „Dziennik Pozn.":
„Für uns hat in dieser Erklärung die hauptsächlichste und einzige Bedeutung nur die Bestätigung, daß Profeffor Wagner, trotzdem er das Vertrauen des Reichskanzlers besitzt, seine Sympathie für die Wiederherstellung eines kleinen (auf Anlehnung an Oesterreich und Deutschland angewiesenen) Polen auf Kosten Rußlands vom Standpunkte des deutschen Jntereffes ausspricht. Uns genügt es für den Augenblick, daß ein deutsch denkender Mann im Prinzip die Wiederherstellung Polens für eine Rothwendigkeit erachtet. Weiteres und reifliches Nachdenken wird
ihn überzeugen, daß ein kleines, nur auf Kosten Rußlands wiederhergestelltes Polen nur eine krankhafte Schöpfung ohne Garantieen der Dauer und der Lebensfähigkeit, und eher eine neue Sorge als ein Vortheil für Europa sein würde. Indem wir uns mit dem deutschen Gelehrten in dem von ihm ausgesprochenen Prinzips, durch welches wir augenblicklich zufriedengestellt sind, einverstanden erklären, erlauben wir uns, den Wunsch desselben, daß jenes Polen ein kleines, von Oesterreich und Deutschland abhängiges sei, als Gegenstand einer offenen und weiteren Diskussion hinzustellen. Wir haben die Hoffnung, daß Profeffor Wagner bei gutem Willen und reiflichem Nachdenken, gewiß nicht gegen das Jntereffe Deutschlands, zu anderen und für uns erwünschteren Resultaten in dieser Beziehung kommen wird."
Oesterreich - Ungarn.
* Wien, 8. Aug. (Eine Rohheit,) verübt von fanatisirten Polizisten, erhält ganz Pest in furchtbarer Aufregung. Gestern Nacht fanden sich in Pest vor dem Hotel, wo die Familie Scharf abgestiegen ist, das sie aber mittlerweile mit einem anderen Quartier vertauscht hat, viele Neugierige ein, welche Moritz Scharf sehen wollten. Die Straßenjugend gefiel sich in Eljen-Nufen. Das Ganze war harmloser Natur; da sprengten 50 PoMsten Herbei, die in. die Menge ljinv,?i’.tten, wobei es zu argen Exzessen uui, denen erst ein Wolkenbruch ein Ende machte. Drei Polizisten wurden durch Steinwürfe beschädigt, mehrere Verwundungen sind vorgekommen. Wir enthalten uns heute jedes Urtheils, um zunächst zu erfahren, aus welcher Tonart die Judenblätter über diese amtliche Brutalität sprechen werden.
* Pest, 7. Aug. (Tisza-Eszlarer-Pro- zeß.) Die Tisza-Eszlarer Affaire ist einem Bericht der ,B. B.-Ztg." zufolge in ein neues Stadium getreten. Der Hauptbelastungszeuge, der vierzehnjährige Moritz Scharf, zieht alle seine Aussagen zurück und theilt Folgendes über die Entstehung derselben mit: „Man sagte mir, man werde mich
in die Theiß werfen; weiter sagte man mir, der Untersuchungsrichter sei ein Geistlicher und der werde mir die Beichte abnehmen, dem solle ich Alles gestehen, die Uebrigen hätten schon gestanden; ich fürchtete mich sehr, denn man zeigte mir eine Grube, in die man mich werfen wollte und da sagte ich alles, was man wollte; wenn ich ein Wort nicht wußte, half man mir, und wenn ich nichts mehr zu sagen wußte, sagte man mir, man werde mich in ewiger Gefangenschaft halten. Von meinen Aussagen ist nichts wahr, als daß die Juden Abends im Tempel waren, die Esther habe ich gar nicht gekannt, die Aussage wurde mir eingeübt." Die Mittheilungen Moritz Scharfs erregen großes Aufsehen. Der Knabe ist hier der Held des Tages, wo er erscheint, bilden sich Gruppen Neugieriger; er wird morgen einer Erziehungsanstalt übergeben werden.
Belgien.
* Brüssel, 6. August. (Zum Skandalprozeß Bernard.) In dem Maße, wie die Verhandlung in dem Prozeß Bernard fortschreitet, vereinfacht sich der Prozeß selber. Dieser „famose, großartige Skandal" schrumpft zu den Verhält- niffen einer ordinären Betrügerei zusammen. Es ist das die alte Geschichte des Kassirers, dem der Anblick des Goldes und der Banknoten den Kopf verdreht, hat. Gewiß ist es beklagenswerth, daß ein Priester dieser Versuchung unterlag. Aber das alte Wort behält seinen guten Klang: unter den Aposteln war auch ein Judas, und die Ehre der Apostel wurde dadurch nicht betroffen. Wenn in einer Korporation von vielen Tausenden hin und wieder ein Verlorener wie der Ehrendomherr Bernard austaucht, so ist das kaum zu verwundern. Für einen Pflichtvergessenen unter der Soutane, wie viele bürgerliche Betrüger und selbst de« korirte Würdenträger ließen sich da nicht aufzählen, welche sich Veruntreuungen zu Schulden kommen ließen? Und waren diese nicht fast ohne Ausnahme Feinde der katholischen Kirche, Feinde jedes positiven Bekenntnisses ?! Wie viele Notare, Bankiers, hohe Bankbeamten rc. sitzen nicht hinter
i
Der Erbe.*)
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
I.
Schmerz und Freude liegt in einer Schale, Ihre Mischung ist der Menschen Loos, Von dem Strohdach bis zum Mai morsaale. Bis zum Grabe von der Amme Schooß.
Seume.
Der tiefblaue Himmel des schönen Sommerabends überwölbte das Gebirge; mit goldenem Schimmer überfluthete die sinkende Sonne die Spitzen der Tannen und Föhren und färbte den Saum der leichten Wolkengebilde mit Purpur.
Die weite Ebene, die man vom Rande des Gebirges überschaute, war mit zahllosen Dörfchen übersäet, die vom Lichte der untergehenden Sonne beleuchtet, wie Perlen auf grünem Sammet erschienen. Die Wellen der munteren Bäche, die dem Gebirge enteilten, die Spitzen der Thürme erglühten im rosigen Lichte und wetteiferten mit den glitzernden Funken, die das sinkende Gestirn von den Schriben der kleinen Wohnhäuser über die gesegnete Ebene warf.
^Aus dein Dunkel des Waldes trat hastigen Schrittes eine schlanke Mädchengestalt und schritt bis an den Rand der Lichtung vor. Wie geblendet von dem reizenden Bild der in herrlichster Be-
*) Nachdruck verboten.
leuchtung vor ihr liegenden Ebene, blieb sie plötzlich stehen und starrte unverwandten Auges in die Ferne. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust; sie drückte beide Hände gegen ihr pochendes Herz und ließ sich wie erschöpft auf eine am Wege befindliche Rasenbank nieder. — Ein herber Schmerz sprach aus den wohlgebildeten Zügen. Das reizende Bild der schönen Landschaft vermochte kein freudiges Aufleuchten des dunkelbraunen Auges hervorzurufen. Eine Thränen-Perle nach der andern rann über die bleichen Wangen. „O, mein Gott," seufzte sie, erbarme Dich meiner und sende Trost in mein armes Herz."
Eine geraume Weile verharrte sie in ihrem Schmerz, dann erhob sie wieder ihr Auge und richtete den umflorten Blick auf den verschlungenen Pfad, der in's Thal hinab führte.
„Wo nur Otto bleiben mag? er könnte längst zurück sein. — Doch, Gott sei Tank, da kommt er."
Sie erhob sich hastig und eilte dem Ankommenden entgegen. Ein junger Mann in der kleidsamen Tracht eines Jägerburschen schritt kräftig den steilen Fußpfad hinan. Sein erglühtes Gesicht zeigte, daß er nicht läßig auf dem Marsche gewesen war. Er hatte seine Joppe aufgeknüpft und trug den mit einem Reiherstutzen geschmückten Hut in der Hand. Dicke Schweißtropfen rannen von seiner Stirne, und das lockige, kastanienbraune Haar flatterte in lustigen Ringeln um das von der Sonne gebräunte Gesicht.
So bald er die ihm entgegenkommende Jungfrau erblickte, stieß er einen frohen Jauchzer aus und eilte der Ankommenden entgegen.
„Gott Dank, da bin ich, liebe Lore; wie geht es der Mutter? Ich habe lange warten müssen und glaubte endlich den Heimweg antreten zu können, als der Bursche des Oberförsters, der mich gesehen hatte, mich noch zu seinem Herrn beschied. Ich würde auch wohl nicht so schnell entlaffen worden sein, wenn ich ihm nicht mitgetheilt hätte, daß ich Medizin für die gute Frau Wester gehabt hätte. Er vernahm mit Bedauern, daß Deine Mutter sich so leidend befinde; er ist eilt guter Herr, und ich bin gut bei ihm angeschrieben.
Doch, da stehe ich und schwatze und gebe Dir nicht einmal Zeit, mir zu sagen, wie es Deiner guten Mutter geht."
Der frohe Blick des jungen Mädchens, deffen holdes Gesicht sich bei dem Anblicke des Erwarteten für einen Augenblick mit dem Roth der Freude überzogen hatte, schwand wieder.
„Ich täusche mich nicht länger mehr, guter Otto; trotz aller Pflege und der Beruhigung des Arztes sehe ich die Kräfte der Mutter von Tag zu Tag mehr schwinden. Die gute Hanne bestrebt sich immer mir Hoffnung zu machen, doch sehe ich sehr gut ein, daß sie dieselbe selbst nicht theilt. O, Otto, es ist ein entsetzlicher Gedanke, die Stunde bald heran nahen zu sehen, wo ich meine Mutter verlieren werde. Ich sehe es jedem Blicke an,