Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

M 178.

Dienstag, den 7. August

1883.

Di« «Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Psg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne «nd Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Psg., auswärts 1 M. 75 Psg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., sog. Platzannoncen 10 Psg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

uy Der Prozeß von Tisza-Eszlar.

Die Frage, welche seit mehr als Jahresfrist alle civilisirten Nationen in stetig sich steigernder Span­nung hielt, hat scheinbar ihre Lösung gefunden. Wir sagen scheinbar, denn das Urtheil hat Nie­manden mehr überrascht, der dein Gang des Pro­zesses einige Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Wir lassen unter Vorbehalt einer eingehenden Kritik an dieser Stelle vorerst der .Germania' das Wort. Dieselbe spricht sich in zwei größeren moti- virten Leitartikeln dahin aus:

„Die Sache ist keineswegs schon zu Ende. Die angeklagten Juden sind zwar freigelassen, das freisprechende Urtheil aber geht gesetzlich zur Re­vision an die königliche Tafel, der Privatkläger im Namen der Mutter des verschwundenen Christen­mädchens, der Advokat Szalay, hat Berufung ein­gelegt, von den Beamten des Komitats ist die An­klage auf Verleumdung erhoben gegen den jüdischen Vertheidiger Heumann, gegen einige Zeugen in dem Prozesse ist die Anklage wegen Meineids anhängig — kurz, die seutationelle Frage, welche gewisse Kreise Ungarns und einen großen Theil der Juden und extremen Antiseniiten der ganzen Welt in fieber­hafter Aufregung hält, ist nicht einmal formell zum Abschlüsse gekommen. Wäre das aber auch der Fall, sie würde doch nicht ruhen in der öffentlichen Meinung. Diese spaltet sich vielmehr, abgesehen von allen möglichen geringeren subjektiven Nuan- ctrmtgen in der Auffassung, in drei große Richtungen.

Mag das Urtheil in seinen Motiven auch lau­ten, wie es will, und brächte es auch, was nicht der Fall, wenigstens formell die endgiltige Ent­scheidung, auch dann würde damit kein Abschluß und keine Beruhigung gegeben sein. Denn neben der materiellen Unterlage der Anklage hat gerade der Umstand diesen Prozeß so sensationell gemacht, daß er gar bald zum Gegenstände leidenschaftlicher Parteiung wurde. Da waren auf der einen Seite die Maffe der Juden durch die ganze Welt hin, die fast alle von vornherein für die Angeklagten Partei nahmen, sich mit denselben für solidarisch erklärten, die zunächst doch allein in Frage stehende

Anklage auf Mord bald gar nicht mehr zuließen, sondern bald die Sache nur auf rituellen Mord zuspitzten und diesen a priori für unmöglich, für undenkbar, und deshalb ganz gewiß auch historisch niemals vorgekommen erklärten. Und auf der anderen Seite stand der extreme Antisemitismus, welcher zwar keinen solchen Satz a priori hatte, aber gar bald die Nachrichten über die Anklage für ausreichend erklärte, einen Mord durch die Juden und meist auch einen rituellen Mord an­zunehmen. In der Mitte dieser beiden aufgeregten Parteien — aufgeregt beide übrigens nur theilweise aus wirklicher Ueberzeugung, theilweise jedoch nur aus Tendenz — stand dann die große Mehrheit der ruhigen Beobachter der Nachrichten und That- sachen, von denen die einen auf Grund dieser Mit- theilungen allmählich mehr der Annahme der Schuld der jüdischen Schächter zuzuneigen anfingen, die andern im Laufe der Zeit mehr von deren Un­schuld sich überzeugt halten zu können glaubten, die dritten ihr Urtheil bis zum Austrag der Sache suspendirten, und je nachdem sie überhaupt in der Sache sich auszusprechen für angezeigt oder gar verpflichtet hielten, in der Richtung sich bemühten, jegliche voreingenommene Parteinahme zu bekäm­pfen, der Wahrheit die Wege frei zu halten und die leidenschaftlichen Erregungen zu verurtheilen.

Diese Partei der Mitte wurde in der deutschen Presse durch die katholischen, conservativen und einen Theil der liberalen Organe vertreten, und hatte, wie wir nicht zweifeln, in Deutschland Die große Mehrheit der urtheilsfähigen, besonnenen und gewissenhaften Bevölkerung auf ihrer Seite. Wir zweifeln auch nicht, diese Partei der Mitte bleibt auch jetzt noch, nach dem freisprechenden Urtheil im Prozesse die stärkste, wenigstens in Deutschland. Die beiden extremen Parteien werden im Wesentlichen ihren Anhang behalten, da der­selbe theils aus unbesiegbarer Voreingenommenheit seine Stellung genommen hatte, theils aus Leiden­schaft und Tendenz nicht zur Besinnung kommt oder doch wenigstens so sagt und so sich anstellt; und die Partei der Mitte wird nicht an die Mo­tive der beiden extremen Parteien, aber doch an

die Auffassung derselben betreffs der Schuld oder Unschuld der angeklagten Juden eine Anzahl alte Anhänger verloren haben, denen der Gang des Prozesses ausreichend erschienen ist, eine entschie­dene Meinung für ober gegen sich zu bilden. Aber diese besonnene mittlere Auffassung wird nicht nur die große Mehrheit ihrer frühem Vertreter be­haupten, sondern wenigstens einige Anhänger aus den beiden extremen Lagern für ihr auch jetzt, nach dem Urtheile, noch aufrecht zu erhaltendes „Non liquet“ gewonnen haben. Der Ausdruck für diese Auffassung sand sich z. B. schon kurz vor dem Urtheilsspruche ganz korrekt in der Illg, evang.-luth. Kirchen-Ztg.', die auch hier, wie in so manchen Fragen, umsichtig, besonnen und würdig sich hält. Das Blatt schrieb:

„Der Prozeß von Tisza-Eszlar wirst ein wahr­haft grauenvolles Licht auf die sittlichen Zu­stände Ungarns. In diesem Sinne ist er von außerordentlicher Wichtigkeit. Zur Sache selbst wird er vermuthlich keine befriedigende Aufklär­ung bringen. Ob die Juden nun verurtheilt wer­den ober nicht: eine bestimmte Ueberzeug­ung über Schulb ober Unschulb wird sich nicht bilden können. Dazu reicht der Ruf der ungarischen Rechtspflege, wie wir sie nach und nach kennen gelernt haben, nicht aus."

Wir haben uns während des Prozeffes selbst strenge jedes Urtheils über den möglichen Ausgang enthalten, so schwer das auch gemacht wurde durch die unerhört tendentiöse Berichterstattung der jüdisch­liberalen Presse und sogar des Wolff'schen Tele­graphen, und durch die vorgreifenden, die öffent­liche Meinung beeinflussenden Urtheile eben jener Presse und extrem antisemitischer Organe. Auch die Einzelvorgänge beim Prozesse selbst, die voll­ständige Vertauschung der Rolle des öffentlichen Anklägers mit der eines Vertheidigers, die ein­seitige Befangenheit sowohl der Vertheidiger in der semitischen, wie des Privatklägers in der anti­semitischen Auffassung betreffs der Frage des ritu­ellen Mordes, die großen Mängel bei der Vor­untersuchung, die furchtbare Erscheinung zahlreicher Widersprüche und Widerrufe bei vielen der be-

4

Traum und Wirklichkeit.

Frei nach dem Englischen.

(Fortsetzung.)

Erst am andern Morgen erzählten wir unser Abenteuer, dem jedoch nicht viel Glauben beige­messen wurde. Endlich wurde aber doch verab­redet, den Ort zu untersuchen.

„Sollen wir uns bewaffnen?" fragte Lieutenant Milton, indem er einen Revolver zur Hand nahm.

„Auf alle Fälle," lachte Reggie, der seine gestern ausgestandene Angst ganz vergessen zu haben schien. Er war fest überzeugt, wie er mir sagte, daß uns Jemand einen Streich gespielt hatte.

Diese Ueberzeugung konnte ich jedoch nicht theilen, und durchaus nicht beruhigt, folgte ich der übrigen Gesellschaft. Als wir auf der Galerie angekom­men waren, zeigte ich die Stelle, wo die Gestalt erschienen war.

Lieutenant Milton untersuchte Alles gründlich, er nahm einige der Bilder von der Wand, aber man konnte nichts entdecken, als eine alte, feucht aussehende Mauer. Er ließ sich nicht irre machen unb untersuchte weiter, plötzlich stieß er einen lauten schrei aus. Er hatte roieber eines bet alten Portraits in bie Höhe gehoben, barunter hatte er «nen winzigen schwarzen Flecken bemerkt, als er zufällig barauf drückte, sprang eine kleine Thüre ßuf, die uns einen Verschlag entdeckte. Dieser forrefponbirte mit einem langen Gang. Am Enbe

besselben führte eine enge, steile Treppe zu einer ttnbern geheimen Thüre, durch die man wieder in die Vorhalle gelangte. Alle schlüpften wir durch die kleine Oeffnung und den Gang, der kaum breit genug war, daß eines hinter dem andern gehen konnte. Als wir nun alle in der Vorhalle angekommen waren und in stummer Verwunder­ung uns gegenseitig ansahen, ergreift Sir Henri das Wort und belehrte uns, daß verschiedene alte Häuser mit diesen geheimen Gängen erbaut wor­den seien; er habe gehört, daß Cedeville Manor zu Zeiten politischer Verfolgungen ein gutes Ver­steck gewesen sei, doch habe er von diesem Geheim- niß nichts gewußt. Aber alles dieses erklärte mir nicht die gespensterhafte Erscheinung und konnte mein Herz nicht erleichtern. Jedermann glaubte nun, daß uns ein Streich gespielt worden war, wenn auch Niemand den Thäter entdecken konnte. Die ganze Geschichte wurde noch mehrere Tage besprochen und fiel bann ber Vergessenheit anheim. Ich allein vergaß sie nicht; alles Vergnügen war mir verborben. Ich Jroagte es nicht, Jemanden mitzutheilen, welche schreckliche Furcht an meinem Herzen nagte. Die Nächte wälzte ich mich schlaf­los auf meinem Lager hin und her, und schauer­liche Bilder zogen an meinem Geiste vorüber. Die geheime Ahnung eines bevorstehenden Unglücks zehrte an meiner Gesundheit.

Man fing bereits an, mein bleiches Aussehen und aufgeregtes Wesen zu bemerken, Reggie war

ganz untröstlich darüber und sagte mir dies auch eines Tages, als wir zusammen spazieren gingen. Es war unser Lieblingslingsspaziergang um die Klippen des See's herum. Derselbe lag majestätisch vor uns. Die Wellen brachen sich am Strande mit dumpfem Gemurmel und der Wind heulte unter den Bäumen.

„Sage mir Alles, Nelly", fing Reggie plötzlich an, „sage mir Alles. Du bist krank, ich weiß es. Du fühlst Dich unglücklich, elend; Dich fo zu sehen, macht mir großen Kummer. Wem willst Du Dich anvertrauen, wenn nicht mir?"

Da war auf einmal mein Entschluß gefaßt; ich war entschlossen, ihm Alles zu sagen.

„Setzen wir uns hierher, Reggie", antwortete ich. „Wir sind warm eingehüllt, der Wind wird uns nicht schaden".

So saßen wir denn beisammen und lehnten uns an einen alten Felsen, ber Himmel über uns war mit grauem Gewölk überzogen. Der See stöhnte unb ächzte zu unfern Füßen. Ich erzählte ihm alles von meinem Traum, meiner fonberbaren Reisegefährtin unb ber unzweifelhaften Identität der Hände. Er hörte mir geduldig zu, und als ich aufhörte zu sprechen, nahm er zärtlich meine Hand und sagte: „Nelly, mein Liebling, laß Dich nicht durch Träume, Ahnungen oder irgend sonst etwas beängstigen. So Gott will, soll uns nichts tren­nen, nichts, nichts, als der Tod".

(Fortsetzung folgt.)