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M 177.

Montag, den 6. August

1883.

Jaltaer

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Die «Fuldaer Leitung erscheint "gl'ch. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 SH. 50 Pfg., — mit der bEnfkschen Wochenbe,lage «Sterne «n» Blumen' in Fulda 1 SH. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg. v'8'

Inserate. Die vierspaltige Zelle oder d«en Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Verbrauchte Stahlfedern als Almosenspender.

Der Verbrauch der Stahlfedern wird von den Kindern schon im 6. oder 7. Lebensjahre begonnen und endet in der Regel erst mit dem Tode. Wer nur einigermaßen bei der Feder bleibt, würde am Ende seines Lebens ein hübsches Säckchen voll aufzuweisen haben. In einer Schulklasse sind in der Regel 60—80 Kinder und viele Schulen haben sechs Knaben- und sechs Mädchenklassen; in einer Stadt gibt es der Schulen oft viele. In einem Jahre werden also in den Schulen eine Menge Stahlfedern verbraucht. Man wirft sie fort; sie wandern in den Kehricht und bringen keinem Men­schen Nutzen, und doch könnte der feine, theure Stahl zum Nutzen der nothleidenden Menschheit verwerthet werden. Wenn jeder Lehrer und jede Lehrerin eine Pappschachtel hinstellte und den Schülern sagte: „Werft alle verbrauchten Federn da hinein, Menschenfreunde wollen sie sammeln und verkaufen, aus dem Erlöse aber armen Kindern Kleider anschaffen oder sie ein Handwerk lernen laffen", so würden sich die Kleinen schon frühe an Wohlthätigkeit gewöhnen und wirklich etwas Gutes thun.

Aber bei den Schulen dürfen die Federsamm­lungen nicht stehen bleiben, sie müssen allenthalben, wo geschrieben wird, geübt werden. In kaufmän­nischen Geschäften ist es ein Leichtes, die verdor­bene Feder in eine auf dem Pulte stehende Schüssel zu werfen, und es wird sich gewiß einer unter dem Personal finden, welcher die also gesammelten Federn von Zeit zu Zeit an die Hauptsammel- stelle abliefert.

Wie viel Federn werden bei der Kommunal­verwaltung, bei der Regierung, bei den Gerichten, Notarien, Rechtsanwälten, auf der Post, an den Eisenbahnen rc. verbraucht und gehen jetzt nutzlos verloren.

Der Gedanke, die Stahlfedern zu sammeln, ist zuerst in einer kurzen Zeitungsnotiz aufgetaucht, und der Schreiber dieser Zeilen begrüßte sie nicht allein mit Freuden, sondern wartete auch von Tag

zu Tag auf die Organisation eines Vereines, welcher die Sammlungen in die Hand nehmen werde. Das scheint aber bis heute nicht geschehen zu sein, und es wäre doch schade, wenn der schöne Gedanke nicht zur Ausführung käme. Er glaubt sich des­halb keiner Anmaßung schuldig zu machen, wenn er damit an die Oeffentlichkeit tritt und alle Städte Deutschlands auffordert, Komitös zu organisiren, welche diesen neuen Zweig der Wohlthätigkeit or­ganisiren.

Abgesehen von dem Werthe, der hier aus Ver­lorenem geschaffen wird und unfern ärmeren Brü­dern zu gute kommt, hat dieses Sammeln auch eine volkserziehliche, auf Ordnung und Sparsam­keit gerichtete Seite. Wer sich daran gewöhnt, eine verbrauchte Feder aufzuheben und an einen bestimmten Ort zu legen, der wird sich auf diesen einen Gegenstand nicht beschränken, sondern die gute Gewöhnung auch auf andere Dinge ausdehnen.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. August.

i£y (Der Selbstmord des Professors zu Putlitz) ist noch immer Gegenstand der leb­haftesten Erörterung aller wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kreise. Die .Germania' knüpft an die vorgestern von uns mitgetheilten Details hinsichtlich des Ursprunges des Duells mit folgen­den Worten an:

„Durch diese Details will die psychologische Erklärung des Hergangs uns nicht erleichien. sondern nur noch erschwert erscheinen. Wenn wir es nicht als durchaus unmöglich bezeichnen möch­ten, daß zwei Menschen durch eine schwere Collision ihrer Leidenschaften z. B. in Liebeshändeln, zu der Ansicht kommen könnten, die Erde habe nur für einen von Beiden Raum mehr, und in Folge dessen bei hochgradig überspanntem Nervensystem zu der Ausloosung des Lebens und des Todes schritten, so muß es doch geradezu unbegreiflich erscheinen, wie außerhalb des Irrenhauses ein politischer Wirthshausdisput zwischen zwei sich sonst fremden Menschen zu der Alternative des „Sein

oder Nichtsein" die Unterlage bieten kann. Nun erklärt aber die ,Kreuzztg.', es werde ihr die Richtigkeit der vorstehenden Mittheilungen des badischen Blattes auch von anderer Seite bestätigt. Wir finden keine Erklärung dieser Angaben, wenn wir nicht annehmen wollen, daß sich die beiden Kon­trahenten im Augenblick der That in einem geradezu unzurechnungsfähigen Zustande befunden haben und daß der vom Unglücksloose Betroffene hinterher nicht den Muth gefunden, die Fesseln des wahnsinnigen Abkommens zu durchbrechen. Dabei bleibt aber noch ein doppeltes Näthsel zu lösen. Wie konnte Herr zu Putlitz mit dieser Todeskugel auf dem Herzen noch die Stelle in Halle annehmen und sich zur Uebersiedelung rüsten? Hoffte er auf eine Begnadigung seitens seines Gegners, oder hat er geschwankt in seinem Entschlüsse, die Folgen der Abmachung zu tragen? Und andererseits — welch' ein Kannibale muß fein Gegner sein, wenn der­selbe lange Wochen und Monate hindurch das grausige Geschick des jungen Gatten und Vaters vor Augen hat und ihn ohne Erbarmen dem lang­sam heranschleichenden Tode überläßt, bloß deshalb, weil derselbe in der Werthschätzung des Juden- thums mit ihm nicht übereinstimmte! Wenn Putlitz ihm den Vater erschlagen, die Mutter beschimpft, die Schwester entehrt, die Frau verführt hätte — dann wäre solcher hartnäckige Blutdurst vielleicht unter die Menschlichkeiten einzureihen — aber um einer solchen Meinungsverschiedenheit mißen, die erst künstlich tine persönliche Spitze erhielt — das ist tfflb Mcär unglaublich '

Die.Kreuzztg.' fragt, ob die Staatsanwaltschaft keine Veranlassung nehmen werde, den wahren Sachverhalt durch gerichtliche Untersuchung festzu- 'tellen. Wir haben gleich beim ersten Auftauchen )es Gerüchtes vom Duell gesagt, daß nicht allein ne Justiz, sondern daß auch die angeblich Einge­weihten die Pflicht hätten, die behaupteten haar- träubenden Vorgänge durch Nennung des Namens fieses barbarischen Schuftes, der seinen Gegner in o entsetzlicher Weise zum Tode gebracht haben soll, der Oeffentlichkeit zu übergeben. So lange das nicht geschieht, möchten wir im Interesse unseres

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Traum und Wirklichkeit.

Frei nach dem Englischen.

(Fortsetzung.)

Die Tage verliefen mir schnell und angenehm. Fch fühlte mich so unendlich glücklich, Reggie zu sehen und jeden und jeden Tag bei ihm sein zu können. Dabei war aber seine ganze Familie außerordentlich liebenswürdig gegen mich, besonders Ärise, ihre Zärtlichkeit wuchs mit jeder Stunde. Der heilige Christabend nahte heran, und viele Freunde und Verwandte waren eingeladen, das schöne Weihnachtsfest in Cedeville Manor zuzu- drmgen. Im Laufe der Unterhaltung kam man auch auf Gespenster zu sprechen. Alle sprachen chre Ansichten hierüber aus; die einen spotteten und fmtben es ganz und gar lächerlich, eine Exi- «enj derselben nur für möglich zu halten; die Äderen behaupteten mit einem etwas affektirten schauder, halb und halb an Gespenster zu glauben. 'M mischte mich nicht in dieses Gespräch, obgleich ity bemerke, rote mich Reggie oft erwartungsvoll ansah. Zuletzt verließ er seinen Platz, setzte sich , en mich, und als die Unterhaltung gerade sehr °ut wurde, flüsterte er mir zu: „Nelly, glaubst Du an Gespenster?"

"Warum fragst Du mich denn Reggie?" »Weil in der Cedeville-Familie die Sage geht, menn einem Gliede derselben ein außeror- utliches Ereigniß bevorsteht, am Weihnachtsabend

ein Geist erscheint. Der Ort seiner Erscheinung ist eine alte Galerie am Giebel des Hauses. Ich für meinen Theil," fuhr Reggie fort, „glaube nicht im Entferntesten an diese Sage, doch habe ich immer den sonderbaren Einfall, meinen Ahnen, deren Portraits in dieser Galerie angebracht sind, am Christabend einen Besuch abzustatten. Nie­mand weiß darum, man würde mich nur aus- lachen, so bin ich auch immer allein hingegangen. Heute nun möchte ich, daß Du mich begleitest. Willst Du Nelly?"

„Gewiß, sehr gerne," antwortete ich.

Eine ober zwei Stunden später befanb ich mich mit Reggie auf einer ganz altmodischen Wendel­treppe im anderen Flügel des Hauses. Bald er­reichten mir einen langen hohen, aber sehr engen Gang. Ein eigenthümlicher Geruch von Moder und Feuchtigkeit kam uns daraus entgegen.

„Hier sind wir," sagte mein Begleiter, indem er das Licht in die Höhe hielt, damit ich einen ganzen Ueberblick gewinnen könnte. „Also bis jetzt noch keine Gespenster. Erlaube mir, daß ich Dich meinen Ahnen vorstelle;" hiermit begann er mir alle Portraits dieser alten Ritter und Edelftauen in ihren sonderbaren Trachten zu erklären.

Ich betrachtete mir gerade ganz genau eine alte Dame mit thurmartigen Kopfputz und blauem Atlaskleid. Da fühlte ich plötzlich, wie Reggie meine Hand ergriff. Als ich mich umroanbte, sah ich, daß sein Gesicht leichenblaß war, während seine

Augen mit einem Ausdruck wilder Angst auf einen Gegenstand am andern Ende der Galerie gerichtet waren. In demselben Augenblick blies ein kalter Lufzug das Licht aus, und wir befanden uns in einer schrecklichen Finsterniß. Als unsere Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, gewahrten wir in ziemlich weiter Entfernung ein schwaches bläuliches Licht, das seinen magischen Schimmer auf die hohe, weiße Gestalt einer Frau ergoß. Sie stand da regungslos, gleich eine Sta­tue, die linke Hand war ausgestreckt und deutete mit dem Zeigefinger auf Reggie.

Ich glaubte vor Schrecken in den Boden sinken zu müssen, als mein Auge auf ihre Hand fiel. Ich kannte sie so wohl, lang, dünn und sehr weiß, mit einem großen rothen Flecken, es war ohne Zweifel dieselbe Hand, die ich im Traume gesehen. Ungefähr drei Minuten blieb die weiße Gestalt unbeweglich stehen und verschwand dann geräuschlos.

Nachdem sie bereits verschwunden war, blieben wir noch wie angewurzelt stehen, bis ich endlich meiner innersten Üeberzengung mit den leidenschaft­lichen Worten Luft machte:

„Reggie, das ist kein Geist, kein Gespenst! Es ist eine Frau, eine lebende Frau! Ich habe sie schon vorher gesehen, ich weiß es, ich weiß es ganz bestimmt."

In meiner Erregung wollte ich ungeachtet der gänzlichen Finsterniß vorwärts eilen, auf den Platz wo sie gestanden hatte, aber Reggie hielt mich zurück.