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Sonnabend, den 4. August
1883.
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Deutsches Reich.
Berlin, 3. August.
* (Professor Wagn er über die Restitution Polens.) Durch die russischen Blätter geht eine Mittheilung des .Rußkij Surfer', wonach Professor Adolf Wagner einem russischen Gelehrten mit polnisch klingendem Namen jüngst versicherte, Polen müßte wieder hergestellt werden, das verlangen die den russischen Interessen strikt entgegengesetzten Interessen Deutschlands. Ferner müßte Deutschland die Ostseeprovinzen, welche bereits jetzt unter Bismarck's Einflüsse stehen, annek- tiren, wenn auch um den Preis der Rückgabe von Eksaß-Lothringen an Frankreich, wobei Wagner gestand. daß in den Reichslanden es mit der deutschen Sache schlecht stehe. Der russische Gelehrte remonstrirte mit der Erklärung, Rußland werde solchen Absichten gebührenderweise entgegentreten. Die .Petersburgskija Wiedomosti' nehmen den Fall sehr tragisch, weisen auf Katkow hin, indem sie sagen, es gebe Russen, welche den Deutschen in die Hände arbeiten, indem sie die Polen beständig verdächtigen und dadurch reizen. Sobald auf dem westlichen Gebiete Feuer ausbricht, werde Deutschland das Ziel, das es anstrebt, erreichen. Ob Professor Wagner sich wirklich in dieser Weise geäußert hat, wissen wir natürlich nicht.
* (Zum Prinz! ich en Tauf.Schmaus.) Die Nachricht verschiedener Blätter, das Kronprinz Rudolf zur Taufe des zweiten Sohnes des Prinzen Wilhelm nach Potsdam kommen werde bestätigt sich laut dem ,D. Tgbl.' nicht. Se. kaiserliche Hoheit ist durch das nahe bevorstehende Familienerreigniß verhindert, eine größere Reise zu unternehmen.
* (Zum Tode des Professors zu Put- litz.) Man schreibt aus Berlin der ,Badischen Landpost', wie dieselbe versichert, von bestunterrichteter Seite: „Das amerikanische Duell des verstorbenen Dr. Stefan Ganz Edlen zu Putlitz sand mit einem Juden wegen der Semitenfrage statt. Im Frühjahre erörterte der junge Docent mit einem Freunde in sehr lebhafter Weise — in
einem Restaurant — soziale Fragen. Ein jüdischer Referendar, welcher in der Nähe sah, stand auf und verlangte Satisfaktion. Putlitz stellte die Wahl der Waffen frei. Der Referendar entschuldigte sich mit Kurzsichtigkeit und pro« ponirte ein amerikanisches Duell. Putlitz verlor. Nicht im Stande, die rasenden Seelenqualen länger zu ertragen, bat er seine Angehörigen brieflich um Vergebung und vollzog das Urtheil vor Ablauf der Frist. Das angerichtete Unheil ist wahrhaft herzzerreißend, die Aufforderung zu jener Art des Duells unqualifizirbar." Die .Kreuz. Zeitung', welche diese Nachricht reproduzirt, bemerkt dazu: „Uns wird die Richtigkeit dieser Mittheilung auch von anderer Seite bestätigt und wir können nicht umhin, die Frage aufzuwerfen, ob die Staatsanwaltschaft keine Veranlassung nehmen wird, den wahren Sachverhalt durch gerichtliche Untersuchung festzustellen.''
* München, 31. Juli. (Zur Illustration b a y e r i s ch e r Z u st ä n d e) dient trefflich die folgende Notiz, welche die katholischen Blätter durchläuft: „Es dürfte wohl nicht Aufgabe einer königlichen Bibliothek sein, den Leihbibliotheken Konkurrenz zu machen. Die Bamberger königl. Bibliothek scheint, dem Berichte des .Bamberger Volksblattes' zufolge, dieses Ziel zu verfolgen. Man findet bei ihr zwar die .Historisch-politischen Blätter' nicht, dagegen «»«blefene Werke, wie Norberg's „Die Tochter Antonelli's", das bekannte X N Z, Einsam auf dem Throne, Hilmar's Pfaf- fenliebfte u. s. w. Selbst Zola hat schon Aufnahme gefunden. Unter solchen Umständen wird die Kammer gut thun, beim nächsten Budget Abhülfe zu erwirken, oder die Position für die Leihbibliothek unerbittlich zu streichen."
* Darmstadt, 2. August. (Kirchenpoli- tisches.) Die angekündigte Revision der Kirchengesetze wird, wie wir erfahren, kaum mehr als die Bestellung der Hilfsgeistlichen ohne Anzeigepflicht zum Gegenstand haben.
Oesterreich - Ungarn.
* Wien, 3. August. (Kaiserliche Chari
tas) Der Kaiser und die Kaiserin spendeten 20,000 Lire für Ischia.
— (Gesandten-Ernennung.) Foucher de Car eil wurde zum französischen Botschafter in Wien ernannt.
* Nyiregy haza, 3. Aug. (Tisza-Esz- larer-Prozeß.) Siinmlliche Angeklagten märten steigesMchen. Alle Wege zum Gerichtshause waren mit Wachen besetzt; aus der ganzen Umgebung waren Leute herbeigeeilt. Heute Nacht wurden Eötvös die Fenster eingeworfen. Gestern Abend als Vertheidiger und Staatsanwalt in einem Restaurant soupirten, flogen Steine gegen die Fenster. Niemand wurde verletzt. — Unter ungeheurem Andrang verkündete der Präsident um 11 Uhr das Urtheil. Die Motivirung besagt: Des Haupt- und einzigen Thatzeugen Moritz Scharf Aussagen seien durch vielfache wesentliche Widersprüche dermaßen bedenklich geworden, daß aus denselben ein Schuldbeweis absolut nicht resultirte. Da überdies alle Nebenumstände auf den Mangel an Thatbestand hinwiesen, das Objekt des Martes vollständig fehlt, mußte unbedingt ein freisprechendes Urtheil erfolgen; desgleichen in Sachen des Leichenschmuggels, weil nichts dagegen spricht, daß die Dadaer Leiche jene der Ester Soly- mossy gewesen fei. Die Freigesprochenen wie das Auditorium vernahmen in lautloser Stille das Urtheil. Der Privatankläger erklärte, appel- liren zu wollen. Nachmittags um 4 Uhr verlassen die Freigesprochenen die Hast für immer. Freunde und Glaubensgenoffen, mit Mitteln zur allerersten Hülseleistung ausgerüstet, empfangen sie.
Jeder Freigesprochene erhielt von einem Vertreter der Landeskanzlei 150 fl. (!) Die Freigesprochenen erklärten, nachdem sie sich hierüber berathen, auf die Fragen der Vertheidiger, daß sie nach Tisza-Eszlar nicht mehr zurückkehren wolen; Alle gehen zu ihren Angehörigen. Die Freigesprochenen verließen um vier Uhr durch eine der Hinterpforten das Komitatshaus. Moritz Scharf wurde zum Vizegespan gerufen und fand dort feinen Vater und Eötvös. Beide redeten ihm zu, in's Elternhaus zurückzukehren, Eötvös zeigte dem Knaben
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Traum und Wirklichkeit.
Frei nach dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Frank, der zweite Sohn, war Marineoffizier und gerade abwesend; und mein Reggie, der jüngste, mit lockigem braunem Haar, vernünftig in den meisten Dingen, nur in einem Punkte bethört, braucht nicht näher beschrieben zu werden.
Ich verbrachte einen sehr vergnügten Abend und erfreute mich während der Nacht eines erquickenden , traumlosen Schlafes. Am nächsten Morgen erschien Luise beim Frühstück mit kummervoller Miene und rothen, hochgeschwollenen Händen. „Ich weiß gar nicht, was das ist", sagte sie, indem sie uns ihre Hände zeigte, „daß sie immer röther und dicker werden. Ich habe schon Glycerin und Frostbeulensalbe gebraucht, aber immer ohne Erfolg. Kann mir denn Niemand ein anderes Mittel sagen?" Wir hatten alle Mitleid mit ihr und machten ihr mehrere Vorschläge, die Luise zu befolgen versprach.
„Da fällt mir ein, Luise", sagte Lieutenant Milton, „was ist denn aus Deiner Gouvernante geworden, die ich voriges Jahr noch hier traf? Sie hatte die weißesten Hände, die ich je gesehen, fast zu weiß, in der That, wo ist sie denn jetzt?"
Ich bemerkte, daß bei dieser Frage plötzlich Alles schwieg und Luise ganz bleich wurde. Endlich nahm Frau von Cedeville das Wort und
sagte: „Sie verließ uns diesen Sommer, Luise war auch gerade damals der Schule entwachsen".
Hierauf drehte sich die Unterhaltung wieder um andere Dinge. Luise aber sprach kein Wort mehr und schien ihren Appetit gänzlich verloren zu haben. Nach dem Frühstück erbot sie sich, mir die Räumlichkeiten des Hauses zu zeigen. Das letzte Zimmer, das wir betraten, war groß und hatte ein sehr freundliches gemüthliches Aussehen. Bücherpulte standen längs der Wand und ein lustiges Feuer brannte im Kamin. Luise schloß die Thüre und sagte: „Dies ist mein altes, ehemaliges Schulzimmer. Jetzt heißt es die Bibliothek, aber ich nenne es mit Vorliebe mein Schulzimmer, es gefällt mir besser, als jeder andere Platz im ganzen Hause." Sie stellte mir einen Sessel nahe an's Kamin und setzte sich auf einen Schemel zu meinen Füßen. Ich erzählte ihr einige Geschichten aus meiner Schulzeit und fragte, was sie in diesen schönen und für ein Kind so wichtigen Jahren Alles erlebt habe. Zu meiner Ueberraschnng war ihre einzige Antwort ein Strom von Thränen, endlich fragte sie mich mit halberstickter Stimme:
„Hast Du bemerkt, Nelly, wie wir diesen Morgen Alle so erschrocken waren, als Arthur nach meiner Gouvernante fragte?"
„Gewiß, liebe Luise, aber erzähle mir lieber nichts, wenn es Dich zu sehr betrübt."
„Nein, Nelly, ich sage es Dir gern, Du bist ja jetzt meine Schwester. So höre denn, Miß Knig
war lange Jahre meine Gouvernante, doch sie war mir mehr als das, sie war meine liebste Freundin. Ich kann Dir nicht sagen, wie gern ich sie hatte. Sie verstand mich so ganz und hatte so wiel Geduld mit meinen Fehlern. In ihrem Leben hatte sie schon viel Trübes und Bitteres erfahren, und dieß drückte sie manchmal so sehr, daß sie zeitweise ganz wunderlich in ihrem Benehmen war. Anfangs ahnten wir nichts Schlimmes, aber in späteren Jahren nahm es so zu, daß Mama den Arzt tonfultirte. Und ach, Nelly, jetzt kam die Wahrheit an den Tag, sie stand auf dem Punkte, den Verstand zu verlieren. Wir thaten Alles, ivas wir konnten. Man brachte sie an einen ruhigen Badeort, bei schönem Wetter mußte sie so viel wie möglich in frischer Lust fein, ihre Umgebung war nur darauf bedacht, sie zu erheitern und zu zerstreuen, und so kam sie auch wirklich anscheinend ganz geheilt zurück. Doch denke, als sie erfuhr, daß Reggie mit Dir verlobt fei, wurde sie schlimmer als je, und," fuhr Luise fort, indem sie plötzlich auf stand und meine Hand ergriff, „sie wurde von der fixen Idee erfaßt, Reggie dürfe nicht heirathen. Sie selbst liebte ihn leidenschaftlich."
Es wurde mir bei diesen Worten recht weh um's Herz, doch bat ich Luise, mir Alles zu sagen.
„Gut beim," fuhr sie fort, „es war der Tag, an dem uns Reggie schrieb, daß er sich mit Dir verlobt habe. Beim Frühstück las uns Mama den Bries vor. Wir waren natürlich in großer