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Deutsches Reich.
Fulda, 2. August.
* (Zur Kirchenpolitik.) Ueber die kirchenpolitische Situation schreibt man dem .Wests. Merk? aus Rom: „Die kirchenpolitische Situation ist — so weit sie sich auf Preußen bezieht — stockend geworden. Alles, was von angeblich unterrichteter Seite darüber verlautet, reduzirt sich nur auf müßige Diskufsionen, denen ein praktischer Werth vorläufig nicht beigemessen werden darf. Wenn man gehofft hatte, die Kurie lasse sich durch offiziöse Arabesken ein X für ein U machen, so war das eine Illusion, die man sich besser erspart hätte. Rom läßt sich durch Drohungen und Pressionen nimmermehr auf den Weg übereilter und unlegaler Conzessionen drängen. Hier ist man eben gewöhnt, mit konkreten Faktoren zu rechnen. Publizistische Windhosen verfangen im Vatikan nicht. Man sollte sich in Berlin doch vergegenwärtigen, daß es sich im vorliegenden Falle für den hl. Stuhl nicht um einen diplomatischen Rebus, nicht um ein politisches Jnteressenmanöver, sondern um ein unanfechtbares kirchenrechtliches Prinzip handelt. Wie die Sachen nun einmal liegen, kann und darf der Papst den einzigen Rückhalt, den man ihm noch gelassen hat, für so vage und lückenhafte Versprechungen auf keinen Fall aus der Hand geben. Wenn er Garantien gefordert hat, so war das sein gutes Recht — und mehr als das — seine Pflicht als Pontifex Maximus, der eine fernere Vergewaltigung der katholischen Gewissensfreiheit nicht dulden kann, Noch bestehen die Maigesetze in ihrer ursprünglichen Gestalt, denn das neue Gesetz hat ihr Grundprinzip leider in keiner Weise beanstandet. Roch ist die Regierung im Vollbesitz der diskretionären Gewalten, welche die jüngsten Milderungen je nach ihrer Handhabung völlig illusorisch zu machen im Stande sind. Noch liegt über der Zukunft, für die man neue Reformen in Aussicht stellte, ein dichter Schleier, welcher zu optimistischen Erwartungen sicherlich nicht berechtigt. Noch verharrt Preußen in seinen offiziösen Drohworten, um die Kurie künstlich
Irrest auch Du?
Aus hinterlassenen Handschriften eines Unbekannten mitgetheilt von
S«il Leise.
(Schluß.)
Noch lange hing ich versunken in ernstes Sinnen solchen Gedanken nach; vielleicht daß zu dem allem noch — —
Ein kurzes Meldezeichen an der Znnmerthur weckte mich. Ich mußte Jemandes Ankunft Überhört haben.
„Herein !“
Rur einen Augenblick fah ich, wer im Rahmen der weitgeöffneten Thüre stand, — dann trat er herzu, heftige Bewegung in den lieben so lang entbehrten Zügen —
„Alfons, heute habe ich alles, alles erfahren -
Auch ich fühlte mein Auge naß werden und weiter sagte ich nichts als: „Leo" und zog den Ersehnten an die bewegte Freundesbrust.
Ich kann die ersten Gefühlsäußerungen, mit denen Leo mir alles erklärte, was die Ursache des Haders unter uns gewesen, füglich übergehen.
„Siehe," fuhr er fort, indem er immer wieder seine Selbstanklagen erneuerte, „ich würde, wenn ein Dritter in mir das Mißtrauen gegen Dich entfacht hätte, mit Leichtigkeit alle Bedenken niedergeschlagen haben. Den Dämon aber, der in mir entstand vermochte ich lange nicht zu bannen
einzuschüchtern. Wenn man den Regierungsblättern Glauben schenken wollte, so hätte das Goßler'sche Gesetz eine völlig neue — für die Kurie überaus günstige Situation geschaffen. Aber wie so denn? Heißt es nicht dessen Vorzüge bis ins Groteske übertreiben, wenn da behauptet wird, mit dem kirchlichen Nothstand sei es jetzt vorbei? Warte man doch erst ab, wie sich die Vorlage in der Praxis bewährt! Wenn dieselbe aber thatsächlich so vorzüglich wäre, wie die Offiziösen sie ausmalen, warum notifizirt man sie bann nicht der Kurie, der doch die definitive Ratifikation zusteht? Weshalb weigert man sich im Widerspruch mit allen diplomatischen Konvenienze», sie maßgebenden Ortes durch eine diesbezügliche Note zu motiviren? Fürchtet man etwa das diplomatische Lampenlicht? Das sind die Fragen, die sich jeder Unbefangene im Hinblick auf die letzten Vorgänge vorlegen muß. Der hl. Stuhl muß inzwischen nothgedrungen ab» warten, bis es Preußen endlich an der Zeit erachtet, seine wiederholten Noten zu beantworten." — Die gehässigen Artikel der .Kreuzztg?, welche sich der Negierung zur Heeresfolge verpflichtet, und des orthodoxen ,Neichsboten', welcher mit einem strammeren Brodkorbgesetz droht, zeigen, wie sehr gerade es der Negierung um das Zugeständniß der Anzeige vor Erfüllung der Vorbedingungen geht. Der Zorn der Gegner ist aber stets ein sicherer Beweis für die Richtigkeit des eigenen Vorgehens in einer an und für sich guten Sache gewesen. Die alte Phrase, weßhalb Rom in Preußen weniger nachsichtig feilt wolle als •« Orst-rrorch, heute ein ernsthaft fein wollendes Blatt aufwärmt, zieht selbst bei einem katholischen Schulkinde nicht mehr. Oesterreich sperrt dem Priester, gegen den Einspruch erhoben wird, bloß die Temporalien, aber er darf frei fungiren. Gerade das fordert ja der Papst, dann will er auch Preußen bewilligen, was Oesterreich zugestanden ist. Man komme uns doch auch nicht in der ,Kr. Ztg.' mit der Drohung: der Papst riskirt, wenn er jetzt nicht nachgibt, beim kath. Volke ins Unrecht versetzt zu werden. Nein, nie und nimmer! Jedes neue, friedenslose Jahr hat das Mißtrauen des
— er hieß: Eifersucht. Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich mich selbst nicht begreifen. _
Kurze Zeit bevor ich Dich aufsuchte, — Du weiht, als ich damals noch Deine Kasse in Anspruch nahm, — hatte zwischen mir und Leokadia die erste Erklärung stattgefunden. Leider mußte ich das süße Geheimniß streug in mich verfchließen, da Leokadia von mir die Ausführung einer Idee verlangte, die sich bei ihr, Gott weiß wodurch, festgesetzt hatte: nämlich die Ausarbeitung eines Feuilletons, einer Erzählung oder was sonst für eines Nomanstoffs. Ich vermuthe lediglich, daß sie mich hindern wollte, meine Werbung zu frühzeitig dem Vater vorzutragen. Erst nachdem ich ihr mitgetheilt, daß es bei mir beschlossene Sache sei, eine vakante Lehramtsstelle in M. anzunehmen , fügte sie sich rückhaltlos meinen Entschlüssen, die doch nur von einer unsagbaren Liebe zu ihr geleitet wurden. Ihren Auftrag, einen schriftstellerischen Versuch zu wagen, verwandelte sie nun in einen Wunsch. Daß ich alles daran setzen würde, denselben zu erfüllen, war ihr wenig zweifelhaft. .
Jetzt, Alfons, kommt die erste und einzige Täuschung, zu der ich mich herbeilassen mußte, um mein Glück zu beschleunigen. Im Sinne meiner Braut tbatsächlich etwas zu schreiben, war mir, rote Du denken kannst, unmöglich. Ich und ein Noman! Ich glaube, eher kämen Nordpol und toübpol zusammen. In meiner gelinden Verzweiflung wandte
Volkes gegen die Regierung erhöht, der wir allein jetzt und für immer die Resultatlosigkeit der Verhandlungen zuschreiben.
Berlin, 1. August.
* (Die Taufe des jün gstg e bo r ene>r Sohnes) des Prinzen und der Prinzessin Wilhelm ist durch den kaiserlichen Urgroßvater nunmehr auf die zweite Hälfte des Monats August bestimmt worden, und Oberhofprediger Dr. Kögel wird die heilige Handlung vollziehen. Prinz Wilhelm hat seinen Freund, den Kronprinzen Erzherzog Rudolph von Oesterreich, eingeladen, den Tanffeierlichkelten beizuwohnen, und dieser hat fein Kommen zugesagt.
* (Zur Kritik Dr. Baur's.) Die,Germ.' hat die Insulten des.Neichsboten', die selbst nach unserer vorgestrigen Mittheilung der ,Post' zu klobig vorgekommen sind, vorzüglich parirt. Der .Reichsbote' kann sich mit einer Abführung aber nicht zufrieden neben und schreibt: „Wir haben weder Lust noch Zeit, auf alle Anfälle der .Germania' gegen uns, in denen sie jetzt mit der .Post' Hand in Hand geht, zu antworten. Ebenso wenig haben wir Raum, die Rede, welche der Hofprediger Dr. Baur im vorigen Jahre auf der Konferenz der positiv unirten Partei gehalten hat, abzudrucken; sie ist als Broschüre erschienen und ausführlich in der „Kirchlichen Monatsschrift" vom Oktober 1882 zu finden. Dort kann sie jeder nachlesen und sich überzeugen, daß das, was wir über dieselbe gesagt haben, Wahrheit ist." Darauf entgegnet die GUrwaiim- • Scdade. daß Zeit und Raum des ',Reichsboten' gerade jetzt, in der saison morte. so außerordentlich beengt sind! Wie mag er nur gestern Zeit und Raum gefunden haben für den puerilen Schimpfartikel gegen den katholischen Klerus« Vielleicht läßt er sich erweichen, wenigstens für die sieben ganzen Zeilen, welche wir gestern ans der Baur'fchen Hetzrede ihm vorgeführt haben, noch ein Plätzchen zu suchen, wenn wir ihm prompte Erstattung der Jnfertionskosten versprechen. Wenn nicht - so haben wir mit Ge- nugthiiung zu konstatiren, daß kein einziges der protestantischen Blätter, welche gegen unsere ich mich persönlich an einen Buchhändler, den ich von früher her als einen Archivar unbrauchbarer Manuskripte kannte. Der Mann verstand mich ebenf »schnell wie seinen Vortheil und war so gnädig, mir die einzige Papiersünde, die er auf Sager hatte, um 50 Gulden anzubüten. Daß das betreffende Manuskript mit dem romantischen Titel „Meinhard's Frühlingslied" nur em verworrenes Compositum unreifer Jünglingsgedanken war, fah ich, obwohl ich wenig von Romanen verstehe, auf den ersten Blick. Doch was blieb mir übrig? Vielleicht auch konnte es grade dazu beitragen, Leokadia von ihrer Schwärmerei Tür mein schriftstellerifches Talent zu befreien. 4. re 50 Gulden gabst Du mir auch noch dazu, und nun spielte ich vier Wochen lang die Komödn eines literarischen Falstaff — und schrieb jenes Manuskript ab. Es wäre mir schlechterdings nie in den Sinn gekommen, aus Deinem ^rennd- schaftverhältniß mit Leokadia irgend welche Befürchtungen für mich zu hegen, wenn nicht meine unverechenbare Zuneigung zu Leokadia mir die Möglichkeit vorgespiegelt hätte, daß vielleicht Tu ihre Aufmerksamkeit fesseln könntest, nachoeni Du bei dem ersten Besuch mit scheinbarer Bereitwilligkeit auf ihre Laune, Dich zur Schriftstellerer zu bewegen eingingest."
Ich ließ Lev nicht dazu kommen, feine Bitte um Verzeihung abermals zu wiederholen. Seine weitern Mittheilungen bestätigten lediglich, was