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Sonnabend, den 28. Juli

1883.

Die.Fuldaer Leitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 Ml. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne «ud Blumen' in Fulda 1 M- 70 Pfg., auswärts 1 M. <5 Pfg.

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Deutsches Reich.

Fulda, 28. Juli.

* (Kirchenpolitisches.) Angesichts der jüngsten kirchenpolitischen offiziösen Polemik be­merkt der Moniteur de Rome': „Obgleich diese Rekriminationen immer schüchterner werden, so ist es doch höchst wichtig, daß das Centrum mehr als jemals allen seinen Muth, seine ganze Dis- ziplin, seine unvergleichliche Einigkeit und die Macht seiner Organisation bewahre."

* (Katholiken-Verein.) Die .Germania schreibt: Eine Generalversammlung der deutschen Katholiken wird dieses Jahr voraussichtlich nicht stattfinden, da — wie die .Schles. Volksztg.' be­richtet — nachdenl lokaler Schwierigkeiten wegen die Abhaltung der Versaminlung in Neisse für dieses Jahr abge.lehnt worden war, keine der darauf angegangenen Städte wegen der Kürze der für die Vorbereitungen verbleibenden Zeit die Ver­sammlung glaubte übernehmen zu können. Dafür verspricht die Generalversammlung der Görres-Ge- sellschaft, welche am 22. und 23. August er. zu Koblenz stattfinden wird, einen sehr guten Verlauf zu nehmen. Zur gleichen Zeit, wenn auch ohne Zusammenhang mit derGörres-Versammlung, wird zu Koblenz die Generalversammlung des katholischen Juristen-Vereins tagen. Wir bedauern den Aus­fall der Generalversammlung, und zwar gerade in diesem Jahre besonders. Es wäre von Werth ge­wesen, vor der Lntherfeier den Protestanten noch einmal zu zeigen, wie man konfessionelle Versamm­lungen und Feste in vollster Friedlichkeit feiern kann und soll, indem man sich mit der eigenen Vervollkommnung, und nicht mit der Kritik des Nachbarn befaßt.

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Irrest auch Du?

Aus hinterlassenen Handschriften eines Unbe­kannten mitgetheilt von

P»»t Zeige.

Wir hatten wohl erst kurze Zeit uns gegenüber gesesien und die Unterhaltung mit der Zerstreut­heit fortgeführt, die ivir gegenseitig nicht zu be­merke« uns anstellten, als leises Pochen an der Zimmerthür mir halb wie Erlösung, halb wie eine verhängnißvolle Unterbrechung klang. Um­sonst das Bangen.

Veronika'S alte Wärterin trat ein.

„Was bringt Ihr, Marinka?" begann Seo» kadia, „will Veronika —"

„Hat unruhiges Geist, nioja Wrona," rad- brechte die Angeredete, eine Stockpolin mit einer respektabeln Baßstimme, indem sie devot den Arm ihrer Herrin küßte, „wär ich gut, wenn Panny sich nachsehen."

Lachend beruhigte Leokadia in gewandtem Pol­nisch die Dienerin, die sich unter unzähligen Ver­neigungen sogleich entfernte.

„Ihr erlaubt, daß ich Euch begleite, Fräulein Leokadia," brachte ich nicht ohne Verwirrung her­vor, „den nimmer darf durch meine Anwesenheit Sure Barmherzigkeit einen Aufschub erleiden."

„Ihr gebt kleinen Sachen große Namen," ant­wortete unter reizendem Lächeln Leokadia, „Veronika

Berlin, 27. Juli.

* (Zum Putlitz'schen Selbstmord.) Das Motiv des Selbstmordes des Profesiors zu Putlitz ist, wie die .Post' aus sicherer Quelle erfahren haben will, nunmehr festgestellt. Ausgedehnte Re­cherchen haben ergeben, daß er einem amerikani­schen Duell zum Opfer gefallen ist, dessen nähere Umständefolgendermaßen angegeben werden: Gegen Ausgang des letzten Winters gerieth Herr zu Putlitz in einen Konflikt, der nicht wohl gütlich beizulegen war und doch auch nicht wohl in einem gewöhn­lichen Duell ausgefochten werden konnte, da der Gegner, ein schwächlicher, sehr kurzsichtiger Mann, während Putlitz, selbst ein Hüne von Kraft und durch Uebung in jeder Waffe Meister war. Es wäre der reine Mord, äußerte er selbst, wenn ich diesen Mann zwingen wolle, sich mit mir, sei es auf Säbel oder Pistolen, zu messen. So ac- eeptirte er. da er Jenem die Wahl der Waffen überlassen, das amerikanische Duell. Das Loos entschied gegen ihn. Ein Jahr gab die Verab­redung ihm Zeit zur Erfüllung seines Wortes. Er glaubte Elastieität des Geistes genug zu be­sitzen, auch dieses Jahr noch zu genießen und den: großen Zwecke, dem er sein Leben gewidmet hatte, der Erkenntniß der Probleme des sozialen und wirthschaftlichen Lebens, nachzustreben. Im Früh- jahr machte er mit seiner jungen, ebenso schönen, wie geistig begabten Frau eine Reise durch Italien. Im Sommersemester hielt er seine Vorlesungen und verfaßte bis zuletzt kleinere wissenschaftliche Untersuchungen, die zum Theil erst nach seinem Tode zur Veröffentlichung gelangen werden. Auf das Lebhafteste betheiligte er sich bei jeder wissen­schaftlichen Disputation unter seinen Freunden, und veranstaltete erst vor wenigen Tagen, als inan an einem Abend nicht zu Ende gekommen war, sogleich eine weitere Zusammenkunft zur Fortsetzung des Gespräches, die nunmehr durch seinen Tod zerrissen worden ist. Niemand von seinen Freunden bemerkte irgend eine Veränderung in seinem Wesen. Den letzten Stoß, den furcht­baren Schritt doch schon jetzt zu thun, scheint die bevorstehende Uebersiedelung nach Halle gegeben macht mir's leicht, doch hab ich sie heute erst kurze Zeit gesehen und Ihr erfreut mich wohl, wenn Ihr mitkommt, Herr Alfons."

Mit der unnachahmlichen von keiner Polin ver­leugneten Grazie legte sie die feine Hand auf meinen dargebotenen Arm. Die kaum merkliche Berührung niachte alle Fibern meiner Pulse höher schlagen. Ich wagte nicht, den Blick auf meine Begleiterin zu richten und geräuschlos traten wir in Veronikas trauliches Kabinet.

Marinka ging der Sitte ihres Volkes getreu sofort hinaus und während Leokadia der beim Er­scheinen der Schwester fröhlich lallenden Kleinen ihre Halskette zum Spielen überließ, stand ich versunken in den Anblick der schönen Samariterin an den seidenen Vorhang des Krankenbettchens gedrückt. Lr_,

Die Freundlichkeit ihrer Rede theilte sie redlich zwischen mir und dem Kinde.

„Was wäre dieser Engel wohl ohne Eure — — Fürsorge?" bemerkte ich, indeß ich glaubte, es müsse mein Herzpochen weithin vernehmbar sein, da ich das Wort „Liebe," das ich auf den Lippen hatte, ängstlich vermied.

„Ei, Herr Alfons," gab Leokadia mit lieblichem Augenaufschlag zurück, „vermeint Ihr wohl , es wäre allein mir vergönnt, diesem Kinde mit |o viel Sorgfalt nahe zu sein?" — Sie brach plötz­lich ab, als sei sie im Begriff gewesen, etwas Unpassendes zu sagen, und tändelte halb lächelnd,

zu haben. Sich dort in die neuen Verhältnisse hineinzuleben, schien ihm nicht mehr werth, und so führte er mit einem plötzlichen Entschluß die That aus, die, wie sich die auf die Majestät des Gesetzes schwörende ,Post' ausdrückt, „das uner­bittliche Gesetz der Ehre von ihm forderte." — Entspricht diese Darstellung der Wahrheit, so müßte der Gegner des Selbstmörders, der, nach der ge­nauen Beschreibung seiner Person zu schließen, der Polizei bereits bekannt sein muß, unnachsicht­lich zur Verantwortung gezogen und der Name dieses Menschen, der kaltblütig ein Jahr lang seinen Gegner dem Tode entgegen schreiten sieht, der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden.

Oesterreich - Ungarn.

Wien, 25. Juli. (Oesterreich. Hoch­herzigkeit.) Anläßlich der glücklich erfolgten Niederkunft der Kronprinzessin Stephanie er­wartet man, wie die .Vossische Zeitung' hört, in Wien eine allgemeine politische Amnestie.

* Olmütz, 25. Juli. (Sozialistisches.) Das ,N. W. T.' msldet: Die Schönberger Gen­darmerie entdeckte den Versammlungsort der dor­tigen Sozialisten in einem Wäldchen nächst einem Bergwirthshause. Sozialistische Schriften wurden auch in der Pfarrkirche versteckt aufgefunden. Wie verlautet, dürfte die Schönberger Garnison, wenn die sozialistische Bewegung größere Dimensionen annimmt, nicht zur Olmützer Waffenübung einrücken.

* Nyiregyhaza,27.Juli. (ProzeßTisza Eszlaer.) Staaatsanwalt Szeiffert hielt sein Plaidoyer und schloß mit folgenden Worten: „In diesem ernsten Momente trachte Niemand die Last, die ihm zugewiesen ist, auf die Schultern Anderer zu wälzen. Thue Jeglicher nur was ihm die Pflicht gebeut und Jeder von uns besitze den Muth, die Verantwortung dafür zu tragen, was er ge- than, die Verantwortung vor Gott und der Welt, vor dem Richterstuhle der Nachwelt und seinem eigenen Gewissen. Ich halte dieAngeklagten für unschuldigundbeantrage ehrfurchts­voll, dieselben von der Anklage und deren Folgen freizusprech^m___________

halb verlegen mit den Silberquasten der faltigen Decke. <

„Gewiß," antwortete ich, über denn Sinn ihrer Worte kaum nachdenkend, „wird Niemand in sol­chem Maße Euch den Antheil Eurer Liebe strei­tig machen."

„Auf wen sollte ich meine Liebe so lelbstlos übertragen," fuhr Leokadia fort, während ich auch in ihrer Sprache eine niedergehaltene Bewegung zu erkennen glaubte, „wenn nicht meine Veronika allein ihrer bedürftig wäre?"

Sie hatte ihre blendendweiße Hand liebkosend an die Wange der Kleinen gelegt.

„Auf wen?" erwiderte ich, leiser werdend, während meine Gedanken sich in wilder Flucht kreuzten. „Auf Jemanden vielleicht, der auch krank, Eurer wartenden Hand bedarf, "

„Ich verstehe Euch nicht," flüsterte Leokadia, das erglühende Gesicht tief über ihren Liebling herabneigend —, nun wagte ich es mich über sie hinzuneigen, und den theuern Namen der das Ge- ständniß einer Fülle von Seligkeiten birgt, aus- zusprechen; meine Hände lösten sich da hallt eine bekannte Stimme laut durch das kleine Zim­mer: „Dein Knopf ist auf!"

Herr des Himmels!

Ich war emporgeschnellt.

Ich wußte nichts mehr.

(Fortsetzung folgt.)