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Und etz kam mir vor, als hege in dem Aus­druck ihrer Stimme eine größere Bewegung, denn sonst; als sprächen diese treuherzigen Augen von dem Geyeimniß eines Mädchenherzens, das nur dem, der es errieth, den Himmel einer — Siebe erschloß. Da jauchzte es in mir auf: ich hab'S gefunden! Ja, Siebe, — beseligende, — selbst- vergefsne, — weltverklärende Siebe, — den ge­waltigen Zauberstab der Jünglingsphantasie, — ich halle ihn gefunden! Wie war ich doch thö- richl gewesen, so lange darüber den quälenden Zweifel zu tragen, — gab es ja nur ein Zauber­wort, das alle Zweifel zerstreute und mir, dem zitternd Harrenden, die Schätze austhat, zu deren Hebung es nur des richtigen: „Sesam" bedurfte, — und dieses „Sesam" hatte ich jetzt gefunden. Ich durfte es nur aussprechen, — und der Schatz war mein!

Ich war seltsam bewegt. Dennoch ivar eine Fassung über mich gekommen, hinter der ich alles verbarg, was die Wogen meines Innern hoch und höher trieb. Mich hielt das eine Bewußtsein ge­fangen; ich liebte, - liebte mit der ganzen Gluth, die die erste, selbstlose Siebe in der Menschenbrust entfacht. 'Mochten Andere dies Träume, Schwär­merei, Gefühlsverwirrung nennen, — ich hatte nur ein Empfinden, ein Gefühl, bad zusammen- strömte in dem Namen: Seokadia. Armer Al­fons! denk ich heute. —

(Fortsetzung folgt.)

Irrest auch Du?

Aus hinterlassenen Handschriften eines Unbe­kannten mitgetheilt von

Peil frigf.

Ich hielt mich nun umsoweniger verpflichtet, ans leinen Aufenthalt in Thorgau Rücksicht zu nehmen. Herr von Thorgau selber sowie Seokadia hatten von dem Vorgefaüenen nichts erfahren. Bei den nächsten Besuchen, die meinem ersten folgten, machten sie beiderseits noch einige Versuche, Seo zum Erscheinen in unserem Zirkel zu bewegen, doch, wie vorauszusehen, vergevtich. Beo ließ sich theils durch Kopfschmerz, theils durch Ueberbürd- ung mit Arbeit für seine in Angriff genommenen philologischen Aufgaben entschuldigen, und arbeitete in der Thal, wie Thorgau wiederholt bestätigte, meist bis zur späten Stunde emsig auf seinem Zimmer. —

Ich kann nicht sagen, daß mir die Disharmonie mit Seo gleichgültig gewesen wäre.

Seine guten Charaktereigenschaften wogen hin­länglich die Seidenschaften feines Temperaments auf, die zudem auf Rechnung seiner slavischen Herkunft zu setzen war.

Darüber allerdings dacht ich oftmals nach, was ihn bewogen haben konnte, mit mit zu brechen.

Ich dachte und dachte,--und die Antwort,

die so nahe lag, daß jeder andere Unbefangene sie gefunden hätte, die faiid ich nicht! —

die Gefangenen bei Wasser und Brod und ohne Sager wegen disziplinärer Vergehen im Gefängniß bestraft werden, fast immer ganz von solchen Jugendlichen gefüllt sind, welche sich der Zucht und Ordnung des Hauses durchaus nicht fügen oder sich nicht entschließen wollen, die ihnen be­fohlene Arbeit mit Fleiß zu verrichten. Und nicht nur in den Strafzellen finden sich die Jugendlichen, sondern auch vielfach in den Krankenzellen, wo sie wegen geschlechtlicher Krankheiten verweilen müffen. War doch im vorigen Jahre die Zahl der einge» lieferten jungen Beute so groß, daß seitens der Arresthausverwaltung eine Eingabe gemacht werden mußte, dahin gehend, daß die reute erst in Kranken­häusern untergebracht werden möchten, bevor sie ins Gefängniß gesendet werden. Die meisten dieser Jugendlichen empfinden ihre Gefängnißstrafe gar nicht als eine Schmach und Schande, sondern sie sehen ihren Aufenthalt im Gefängniß etwa so an, als wären sie auf einige Zeit aus dem Elternhaufe in Pension gegeben. So schreibt ein Sohn an feinen Vater: „Es ist hier nicht fo schlimm, wie ich dachte; ich will denken, ich wäre beim Militär/' Und der Vater schreibt zurück: „Nimms dir nicht zu sehr zu Herzen. Du hast ja nur ein Jahr und die Zeit geht um." Wahrlich, das sind trau­rige Einblicke in die Familien, aus denen solche rohe und verwilderte Jugend hervorgeht! In den nicht industriellen Gegenden unseres Vater­landes werden derartige Schäden freilich nicht in immerhin wird man ä'uaj 'abtr ’oer «u*amp nicht verschließen können, daß das sittliche Beben unseres deutschen Volkes im Abnehmen, ja, im Verfall begriffen ist."

Wir aber fragen: Wer hat sich zum Allein­herrscher der Schule gemacht, welche Parteianhäuger rühmen sich denn des Besitzes der Schule? „Wir, schreit die gesummte liberale Führerschaft, „wir haben die Schule von der Knechtschaft der Kirche frei gemacht!"

Frei gern acht?

. Wem die Schule gehört, gehört die Zukunft — uns graut vor solcher Zukunft!

Einige Wochen waren verstrichen. ।

Schwül lastete die Atmosphäre auf der lechzen­den Erde.

Kaum hatte ich das schützende Obdach in Thorgau erreicht, als aus dem bewölkten Aelher ein erfrischen­der Regen den Fluren die ersehnte Sabung bot.

„Ihr habt wirklich mehr Glück als der Vater und Herr von Terski," äußerte Seokadia, als sie mich will­kommen geheißen hatte, „die Beiden wird der Schauer unterwegs überraschen."

Ich heuchelte die größte Theilnahme für den abwesenden Gutsherrn, während ich im Stillen den Zufall glücklich pries, dem ich es verdankte, mich allein an Beokadia'S anmuthigem Geplauder zu ergötzen. , _ u

Oder war es ein größeres Interesse, das muh bestimmte, gern bei ihr zu weilen? —

Eilfertig hatte Seokadia der Magd geschellt und bald prangten auf zierlichem Tablet duftende Orangen und goldener Rheinwein vor mir.

Nur das gewohnte Gespräch kam nicht sogleich in Fluß; nichtssagende Erkundigungen, Bedauern des dem immer stürmischer werdenden Wetter aus­gesetzten Vaters mit scherzhaften Andeutungen gingen herüber und hinüber — und doch verrieth die jugendliche Schloßwirthin heute eine Unruhe, etwas freudig Sebhafkes, wie nie bisher. Und wenn sie sich über dem silberhellen Sachen ertappte, so stockte sie plötzlich und eine liebliche Röthe ver­schönte das wundersam anziehende Angesicht.

scheiden, obwohl mir eher geneigt sind, dem ,Bad. Beob.' zu glauben, als dem mehr oder minder interessirten Mannheimer Sehrer und Redakteuer. Was aber die „Verwilderung" der Jugend im Allgemeinen betrifft, fo kommt in dieser Hinsicht gerade zur rechten Zeit ein „Bericht über die Wirksamkeit der Elberfeld-Barmer Gefängnißan- stalt", verfaßt von Prediger Heimersdorff, An­staltsprediger daselbst. Um jedoch dem Vorwurf zu entgehen, als hätten wir es hier mit einem „evangelischen Ultramontanen" zu thun, beeilen wir uns hinzuzufügen, daß wir den nachstehenden Auszug wörtlich der gut liberalen ,Preuß. Sehrer- zeitung' entnehmen, welcher ihn unter der lieber» schrift: „Unsere Jugend in den Gefängniffen," veröffentlicht. Das Blatt schreibt: „Der Bericht bestätigt die traurige Thatsache der kontinuirlichen Zunahme der Verbrechen wie der Verbrecher aufs neue vollinhaltlich.

Wahrhaftig erschreckend sind die Einzelheiten, bieder Bericht über die jugendlichen Gefange­nen erzählt. Das Gefängnißgebäude besteht ganz aus Jsolirzellen, und wenn man von einer Zelle zur andern geht, so findet man fast lauter junge Beute, ja Knaben, bis herab zu 12 Jahren, darin. Und fragt man die Beamten, die mit diesen Burschen zu thun haben, wie dieselben sich »er- hatten, so hört man einstimmig das Unheil: „Je jünger, desto schlimmer." Knaben von 12 bis 13 Jahren zeigen bei ihrer Auf- rohere Gemüther nicht ohne schmerzlichen Emdruck zu bleiben pflegt, nicht die geringste Betrübmß. Suchend und frech geben sie ihre Antworten bei bet Prüfung, die der Berichterstatter mit ihnen vornimmt, so daß derselbe schon oft tief beklagte, daß solche Buben, die bei ähnlicher Frechheit in jeder Schule exemplarisch gezüchtigt worden waren, hier im Gefängmß, wo sie die Strenge des Ge­setzes kennen lernen sollen, nicht die einzige Strafe empfangen dürfen, die in solchem Alter allein einen nachhaltigen und heilsamen Einfluß zu machen im Stande sind. Daher kommt es denn auch, daß die finsteren Strafzellen im Erdgeschoß, wo

öj Die Verwilderung der Schuljugend.

Die ,Densche Reichszeitung' bringt zu dem Kapitel von der besorgnißerregenden Ueberhand- nahme der Verwahrlosung in den Reihen der heuttgen Schuljugend einen streng sachlich gehalte­nen Bericht aus Baden, in welchem sie u. a. jagt: „Nichts pflegt die liberalen Schulblätter mehr auf­zuregen, als ein Hinweis auf die zunehmende Zucht­losigkeit der Jugend. So hatte nämlich der ,Bad. Beob.' erwähnt, daß in Mannheim die Schutzmannschaft angewiesen sei, ein besonderes Auge auf die Schuljugend zu haben, da von Schülern in letzter Zeit auffallend viel Frechheiten und Rohheiten verübt sein faßten, namentlich durch Völlerei, Sachbeschädigung und Insulte ge­gen ältere Personen. Das hat nun die in Mannheim erscheinende biedere .Neue Bad. Schul - zeitung' mit ihrem so äußerst bescheidenen „Redak­teur Meuser" in Harnisch gebracht. „Ich kann bestätigen, schreibt er, daß dies sehr übertrieben ist; ich war auch in anderen Städten und Staa­ten amtlich thätig und muß sagen, daß die Mann­heimer Jugend in Großen und Ganzen eine ge­sittete und anständige genannt werden muß. Daß man besonders von klerikal-konservativer Seite vielfach muthwillige Bubenstreiche, welche die alten , Sittenrichter in ihrer Jugend wohl auch verübt habe», mit „Verrohung, Entsittlichung" u. a. Schlagwörtern bezeichnet. wundert mich nickt. Wenn mir entgegnet werden Mie, me etarotit weife nach, daß so und so viel Knaben oder Mäd- chen jährlich mehr amtsgerichtlich bestraft worden seien, als früher, so bemerke ich, daß man heut­zutage muthwillige Bubenstreiche mit Amtsgefäng- niß bestraft, die man früher viel wirksamer durch Anwendung körperlicher Züchtigungen sühnte. Die Statistik ist daher in bett. Beziehung nicht maß­gebend, üuz: »ufere Jugend ist trotz allem ge« ^heiligen Gezeter besser geworden und minde- stms so gut, als jene Ivar zu der Zeit, da die Schule noch unter dem sanften Joche der Kirche stand." Wer hinsichtlich der Mannheimer Zeitung hat, können wir nicht ohne Weiteres ent­

1883

Freitag, den 27. Juli

Fuldiicr

Ztilung.