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Dienstag, den 10. Juli
1883
Fuldaer Zeitung.
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UM mit derselben Einnahme bester und würdiger zu leben. Unsere Voreltern gaben sich mehr dein Naturgenuffe hin. Wenn sie aus dem Nachmittagsgottesdienste kamen, machten sie einen Rundgang durch die Felder und freuten sich am Wachs- thum ihrer Früchte. Dabei blieb ihr Kopf klar, ihr Magen gesund und ihre Seele frisch.
Ich will durchaus nicht die Behauptung aufstellen, daß schon jeder Bauer sein Huhn im Topfe hat; im Gegentheil ist noch viel zu thun, um die arbeitende Bevölkerung vor Mangel zu schützen, und es muß an diesem Werke unablässig weiter gearbeitet werden, aber, wenn das Gros der Bevölkerung in seinen Neigungen zum Genüsse nicht Halt macht, dann können ihm weder Gesetze noch Armenanstalten helfen. Wir nähern uns dann immer mehr der Zeit, wo man, wie in Rom, schreien wird: „Brod und Spiele!" Eine Nation aber, die auf diesem Punkte angekommen ist, kann sich vor dem Verfall nicht mehr sichern; sie rollt unrettbar dem Abgrunde zu. Der Uebergenuß erzeugt Stumpfsinn, Blasirtheit, Sittenlosigkeit, Unglauben, Selbstmord.
Die frühern Kleiderordnungen und gesetzlichen Verbote der Völlerei schränkten allerdings die persönliche Freiheit ein, aber für die Erhaltung der Menschenwürde und des allgemeinen Wohlstandes wirkten sie heilsam. Es fällt mir natürlich nicht bei, für di? Hebung., nbjney ÄV11 : We Meinung daß die Selbsterkenntniß wie in anderen Dingen so auch hier der beste Weg zum Guten sein wird.
Bedenke Jeder, daß er nicht für sich allein da ist, sondern ein Glied in einer großen Kette bildet. Was er thut und treibt, bleibt nicht ohne Einfluß auf die andern. Er werde sich also seiner Verantwortlichkeit an Kleinen und Großen bewußt. Folgen wir den Worten unseres göttlichen- Heilandes, so können wir auch mit Wenigem auskommen und bewahren uns die Tugenden, deren Gegentheil ein Volk verunziert und in's Verderben stürzt. t. , ,
Jeder Mensch muß das Nothwendige haben, aber der Uebergenuß ist schlimmer als Mangel.
„Mein Fürst, ich war zu hitzig."
„Lassen wir das! Ich bedarf Ihrer Dienste!
„Ich bin bereit zu Allem."
„Sie wissen, Tasso ist gefangen, getrennt von seinen Zimmern und Skripturen. Wohl nie wird eine* so günstige Gelegenheit wiederkehren, seine Zimmer zu durchsuchen. ..."
Montecatini verneigte sich und verließ das Gemach.
Hastig durchsuchte er in Tasso's Zimmern Schubladen und Schränke und brachte einen ansehnlichen Pack Papiere zusammen. Dazu legte er noch Stickereien, welche ihm die Prinzessin verehrt hatte, sowie sonstige kleine Geschenke.
Mit niedergeschlagenen Augen trat er in das Gemach des Fürsten, legte das Packet auf den Tisch und sprach: „Ich habe zusammengerafft, was ich in der Eile finden konnte, aber es mußte aus Gerathewohl geschehen, weil mir verboten war, die Papiere zu lesen."
„Es ist gut. Geben Sie Befehl , daß alle Besuche abgewiesen werden; auch meine Schwestem sollen keinen Zutritt haben." _
Als der Staatssekretär sich entfernt hatte, setzte der Herzog sich an den Tisch and begann in den Papieren zu lesen. Manche Sonnette und Can- zonen waren ihm schon bekannt; er hatte sie aus des Dichters Munde gehört oder besaß sie in Asbchrift. Auch noch unbekannte Gedichte fand er, und er las sie mit Entzücken, denn sie waren von einer unaussprechlichen Schönheit.
<Q> Ist der Verdienst schlechter geworden?
Schon seit Jahren wird auf allen Geigen das Jammerlied gespielt: Wir können nicht auskommen; der Lohn, die Gehälter sind zu geringe. Es lohnt sich wohl der Mühe, einmal zu untersuchen, ob diese Klagen immer und überall berechtigt sind. Vor dreißig Jahren erhielt in meiner Vaterstadt ein Unterlehrer an einer Volksschule freie Station im Hause des Lehrers und im Jahre 30 Thaler Gehalt. Zur freien Station gehörten nicht: Licht, Brand, Waschen und Plätten. Licht und Brand konnte der junge Mann im gemeinsamen Wohnzimmer haben; aber nicht in seinem Zimmer. In der Regel konnte der junge Mann von dem Familienzimmer keinen Gebrauch machen, weil er sich in seinen Freistunden fortbilden mußte, auch wohl herausstthlte, daß er nicht gern gesehen wurde. Er war also erheblich schlechter gestellt, als ein Dienstbote. Heute bezieht in derselben Stadt ein Unterlehrer bei viel weniger Arbeit ein Anfangsgehalt von 600 Thalern ohne freie Station. Zieht man die höhere Lebensmittel und Wohnungspreise in Betracht, so ist dennoch seine heutige Lage ungleich besser.
Ich will bei diesem einen Beispiele stehen bleiben und nur im Allgemeinen sagen, daß ähnliche Verhältnisse auch in anderen Lebensstellungen vorhanden sind. Die Einnahmen sind durchweg Haftet .
„Auch die Ausgaben!" wird man mir entgegnen. Das ist richtig, nur muß man zwischen nothwen- digen und' überflüssigen Ausgaben wohl unterscheiden, und da nehme ich nicht den geringsten Anstand, zu behaupten, daß die letzteren die erftern bei weitem übersteigen. Der Kleiderluxus ist bis in die untersten Schichten der Gesellschaften ein- gedrungen. Mägde, Nähmädchen und Fabrikarbeiterinnen unterscheiden sich kaum noch von reichen Damen. Können sie es auch in der Güte des Stoffes den vornehmen Herrschaften nicht gleichthun, so lassen sie es doch am Schnitt und buntem Flitterwerk, an seinen Schühchen, Hüten,
Bändern, Handschuhen und Sonnenschirmen nicht fehlen; erst wenn sie den Mund aufthun, erkennt man an der platten Ausdrucksweise und den Sprachfehlern, daß man es nicht mit einer Dame, sondern mit einer Küchen- ober Kindsmagd zu thun hat.
Junge nnb alte Männer sind ebenfalls vom Kleiberluxus nicht frei zu sprechen, aber noch weit mehr verfehlen sie sich in überflüssigen Genüssen. Es gehört jetzt zum guten Ton, sich einanber im Biertrinken unb im Rauchen zu überbieten. Sieben, acht GlasBier zu trinken, wirb noch nicht zu ben Helben- lesstungen gerechnet. Ein junger Mann moberner Rüstung verjubelt im Bier täglich den Betrag ber Mahlzeiten für die ganze Familie. Jüngelchen fangen schon mit der ersten Hose an, dem Nicotin zu huldigen.
An Son n- und Feiertagen strömen die Familien, welche am lautesten klagen, mit Mann, Frau und Kindern zu den Vergnügungs-Lokalen und thun sich an Bier, Schinken- und Käsebutterbroten gütlich. Alle Tanz-, Konzert- und Trinkhäuser sind an Sonn- und Feiertagen überfüllt, und die Weiber und Kinder, die zu Hause besser aufgehoben wären, bilden einen großen Theil dieser Vergnügungssüchtigen.
Stellte man solche überflüssigen Ausgaben ein, so würde man viel weniger Grund zu berechtigten Klagen haben. Solche Ansichten werden in der Regel mit einem verächtlichen Kopfschütteln
Mit dem letzteren bin ich ganz einverstanden, und ich darf in Wahrheit sagen, daß ich für dieses Ziel stets mit Wort und Schrift eingetreten, aber der Uebergenuß führt nicht zu einem menschenwürdigen , sondern zu einem thierischen Dasein. Er tobtet nach und nach alle geistige Regungen unb macht ben Menschen an Leib unb Seele bankerott. Nationen, bei denen der Uebergenuß zur Regel wird, verlumpen und versumpfen und verschwinden zuletzt von der Bildfläche.
Wir Deutsche haben alle Ursache, Einkehr bei uns selbst zu halten und uns ernstlich die Frage vorzulegen, was wir von uns abzuthun haben,
Dir zu Liebe geblieben. Was rechnest Du mir also als Verbrechen an? Ich denke, Du hast nun genug gefragt, doch will ich unbefragt noch etwas hinzusetzen: Wenn Du meine Siebe als ein Verbrechen anschaust, so bin ich allein zu richten, denn Tasso sprang nicht über Deine Schranken, nein ich war es, die ihm entgegen kam."
„Und Du schämst Dich nicht, ein solches Be- kenntniß abzulegen."
„Nicht im mindesten, mein Bruder, der Himmel hat es so gewollt, daß ich ihn liebe, und dem Himmel wiederstreb' ich nie."
„Geh," antwortete der Herzog kalt, „wahre Deine Zunge. Das Andre wird sich finden."
Draußen knickte Eleonore zusammen; nur mit Muhe konnte sie in ihr Gemach gelangen.
Alfons war furchtbar ergrimmt; vielleicht wäre er eher geneigt gewesen, zu verzeihen., wenn sie gejammert unb gewinselt hätte, aber baß sie biefe verdämm ungswürbige Liebe als ihr Recht betrachtete, bas jagte ihn in Wuth.
Die Nacht bauerte ihm zu lange, unb kaum brach ber Morgen an, so ließ er ben Staatssekretär kommen.
„Ah, nun wirb es bem Tasso an ben Kragen gehen," flüsterte dieser unb beeilte sich, recht halb in ben Gemächern des Herzogs zu erscheinen. Derselbe empfing ihn mit finsterer Miene und sprach: , Montecatini, ich fürchte, Sie siub gestern nicht ganz ohne Schuld gewesen, aber ich will nicht mit Ihnen rechten."
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Torquato Tasso.
Ein Dichterleben.
ftn Wilhelm Aerche«»,».
(Fortsetzung.)
Die Prinzessin war dem Umsinken nahe und mußte nach der Stuhllehne greifen, aber bald erholte sie sich und sprach:
„Ich will Dir nichts verhehlen. Tasso s Vorzüge machten mich ihn lieben. Bin ich nicht ein Weib? Hab ich nicht ein Herz, das warm empfindet? Kann ich es in Erz unb Stein verwandeln? Nein, und wenn ich's könnte, wollt' ich nicht, denn nichts ziert mehr das Weid, als eine edle Liebe?"
„Wie weit ging diese Siebe?"
„Bis zu den Sternen, mein Bruder, bis darüber hinaus, bis vor das Antlitz Gottes. Und wie ich ihn geliebt habe, so liebe ich ihn noch heute unb werbe ihn lieben, so lange ich athmen kann. Du scheinst bas übel zu vermerken; mir aber würbe es unnatürlich vorkommen, wenn es anders wäre."
„Du bist die Schwester eines Herzogs?"
„Schade, mein Bruder: es kostet mich mehr, als Du je bezahlen kannst, — mein Sebensglück. Ich habe es Dir zum Opfer gebracht, Dir unb Deinen Vorurtheilen. Wäre ich eine Bäckerstochter, so wär' ich längst sein Weib. Was hab' ich jetzt? Einen Platz im Herzogshause, bas ist alles. Ich gebe keine unreife Citrone bafür, unb doch bin ich