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Jg 149, Mittwoch, dm 4. Juli 1883.

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* Die preußische Eisenbahn - Verstaat­lichung und das Eisenbahntarifwesen.

(Schluß.)

Der Nachweis, daß die inländische Produktion durch die Differenzialtarife, welche sich als eine förmliche Einfuhrprämie charakterisiren, schwer ge­schädigt werben kann, ist leicht zu erbringen. Einige Beispiele werden genügen, um die Nachtheile recht kraß zu zeigen. Das Getreide Rußlands, Amerikas, Rumäniens ist an Ort und Stelle wegen der gün­stigen Produktionsbedingungen viel billiger, als das bei uns im Lande erzeugte. Wenn dasselbe nun noch unter relativ oder gar unter absolut geringerem Frachtzuschlag auf dem deutschen Markt erscheint, so ist es nicht zu verwundern, daß es durch seine Billigkeit die inländischen Preise drückt. Die Billigkeit ist aber nur durch eine grobe Un­gerechtigkeit gegen die heimische Produktion, durch eine Hintansetzung derselben gegenüber der aus­ländischen erzielt. Ist ein solches System nicht geradezu wirthschaftlicher Selbstmord? Die Eisen­bahnen sind in der Lage, durch die Differenzial­tarife jeden mäßigen Schutzzoll wirkungslos zu machen. Ein Zoll von z. B. 50 Pfg. auf Ge­treide kann natürlicherweise keinen Schutz gewähren, wenn das importirte Getreide billigere Frachtsätze genießt, als das Getreide auf inländischen Ent­fernungen.

Der Holzhandel gibt auch intereffante Aufschlüffe über die Folgen der Diffe«nzialtar-.fc. Bein- Holz macht bekanntlich die Fracht einen großen Theil des Werthes aus. Wenn nun der Differenzial­tarif diesen Faktor soweit aufhebt, daß Holz aus Norwegen etwa in Mannheim, nahe bei dem dicht­bewaldeten Schwarzwalde, konkurrenzfähig wird, daß galizisches und slavonisches Holz in ganz Deutschland das heimische vom Markte zu ver­drängen beginnt, so muß nothwendig der Handel mit inländischem Holz bald unrentabel werden.

Am 15. Dezember 1878 erklärte der Reichs­kanzler im Reichstage: „Es kann auf die Dauer den einzelnen Staats- und Privateisenbahnver­waltungen nicht die Berechtigung verbleiben,

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Torquato Tasso.

Ein Dichterleben.

gen Wilhelm Verche»h»ch.

(Fortsetzung.)

Taffo kam mit umdüstertem Gesichte und war wenig zum Vertragen gestimmt, aber die Damen bemächtigten sich seiner sofort und zogen ihn in ihren Kreis.

Eleonore hatte sich nicht ausschließen können, doch nahm sie ihren Platz in einiger Entfernung, und um sich nicht mit dem Dichter befaffeu zu muffen, sprach sie mit einigen Herren, unter denen sich auch Montecatini befand. Dieser überhäufte sie mit Schmeicheleien und nahm einen solchen Standpunkt, daß Taffo ihn sehen mußte. Er er­reichte auch seinen Zweck, denn die Wolken auf des Dichters Stirne wurden noch finsterer. Hatte er es doch niemals vertragen können, daß Eleonore sich mit Andern unterhielt.

Endlich ließ er sich bewegen, seine Verse vor­zutragen. Der Inhalt war überaus melancholisch, aber in vortrefflicher Sprache waren die Gefühle eines Mannes geschildert, der an Körper und Geist so vollständig Schiffbruch gelitten, daß er sich nicht wieder aufraffen konnte. Eleonore verstand ihn, und sie fühlte, daß die Bewegung Meister Über sie werden könnte. Leise erhob sie sich und trat in eine Fenstervertiefung, wo sie von den schweren Damastvorhängen halb verdeckt wurde. Ihren

der wirthschaftlichen Gesetzgebung des Reiches nach eigenem Ermessen Konkur­renz zu machen, die Handelpolitik der verbün­deten Regierungen und des Reichstages nach Willkür zu neutralifiren und das wirthschaftliche Leben der Nation den Schwankungen auszusetzen, welche im Gefolge hoher und wechselnder «Anfuhr- prämien für einzelne Gegenstände nothwendig eintreten." Diesem dem damaligen Zollprogramm Bismarcks entnommenen Satze pflichten wir aus den oben erörterten Gründen vollständig bei.

Wie bei der Verstaatlichung vom Jahre 1880, so scheint Fürst Bismarck auch bei der heute ge­planten Fortsetzung denselben gleichzeitig mit an­deren Zwecken auch die praktische Lösung der vor­liegenden Frage dabei im Auge zu haben. Auch sein weiterer Plan, die Staatsbahnen in Reichs­bahnen umzuwandeln und dadurch die ganze Leitung des Verkehrs und der mit ihm zusammen­hängenden Verhältnisse unter die Kompetenz des Reiches zu bringen, verfolgt neben dem Motiv der Stärkung des centralistischen Gedankens und der Erlangung militärischer Vortheile nicht zum ge­ringsten Theile das Ziel einer Durchkreuzung der Reichspolitik durch eine private Sonderpolitik des Eisenbahnverkehrs unmöglich zu machen.

Wir schwärmen durchaus nicht gerade für Staats­bahnen, noch weniger sind wir Freunde der Reichs­eisenbahnen. Wie Fürst Bismarck selbst am 15. Dezember 1878 gesagt hat, ist die Erwerb- tor (ftfanfculjwn bur’U? «tw OtUUl l U U S einzige Mittel, um der Schädlichkeit der Dif- fetenzialtarife einen Damm entgegenzusetzen.

Die Gesetzgebung hat es in der Hand, den ein­zelnen Staats- und Privateisenbahnverwaltungen die Berechtigung zu entziehen, die Handelspolitik des Reiches nach Willkür zu neutralifiren. Nur in dem Sinne wollen wir unsere vorhergehende Besprechung der Differenzialtarife aufgefaßt wissen, nicht aber als eine Vertheidigungsrede für das Staatsbahnensystem. Um übrigens keinen Jrrthum bezüglich der heute bestehenden Differenzialtarife aufkommen zu lassen, bemerken wir ausdrücklich, daß seit der Erwerbung der großen Verkehrslinien schönen Augen entschlüpten Thränen und ihr Herz bebte vor Mitleid.

Die Hörer hatten den Athem angehalten, und erst als der Vortrag beendigt war, athmeten sie wieder auf.

„Wie Sie jede menschliche Empfindung zu schu- dem wissen," sprach eine der Damen und reichte ihm die Hand. Auch die Andern wünschten ihm Glück zu der herrlichen Dichtung, nur Montecatini, der näher herangetreten war, sprach sich anders aus.

„Taffo wird es nicht übel nehmen, wenn ich offen und ehrlich meine Meinung ausspreche," sagte er. „Unser Dichter wird ohnehin mit so vielen Lobsprüchen überhäuft, daß ihm ein Tadel eher zum Nutzen, als zum Nachtheil gereicht."

„Sie wollen ihn tadeln?" fragte Lucrezia.

„Nicht ihn, meine gnädigste Herzogin, sondern seine Verse. Ich erlaube mir zu fragen, was solche, von künstlichem Schmerz angekränkelten Ge­dichte für einen Nutzen schaffen. Ich finde keinen andern, als das empfindsame Gefühl noch empfind­samer zu machen. Es ist ein Glück, daß der größte Theil der Menschen keinen Geschmack für solche Poesien hat, sonst würden wir es noch erleben, daß sich die Welt mit den tollsten Phantasten füllte. Die wahre Aufgabe des Dichters ist eine ganz andere; er soll seine Nation nicht krank machen, sondern sie kräftigen und zu patriotischen Thaten begeistern."

Taffo hatte nur mit Mühe seine Gelassenheit bewahrt; jetzt aber kochte es in seinem Herzen und

durch den preußischen Staat eine Anzahl der wich­tigeren Tarife, namentlich der deutsch-russische Ver­bandstarif bereits umgearbeitet und dadurch die bisherige Ungleichheit zwischen dem innern Verkehr und dem mit anderen Ländern zum Theil beseitigt worden ist.

Wenn aber auch der Staat von seinem Eigen- thumsrecht an den Eisenbahnen in der Weise Ge­brauch macht, daß er die Tarife seiner Bahnlinien den Forderungen der Zoll« und Handelspolitik an­paßt, so darf man andererseits die Mög­lichkeit nicht übersehen, daß der Staat als Eigenthümer der Eisenbahnen auch einmal gege­benen Falles entgegen dem bestehenden Zoll- und Handelssystem die Tarife ändern und umwandeln kann, um etwa dadurch indirekt einen System­wechsel in der Zollpolitik zu erzwingen, welcher auf dem gewöhnlichen legislatorischen Wege nicht ohne weiteres durchgesetzt werden könnte. Darum halten wir an der Forderung fest, welche Fürst Bismarck am 15. Dezember 1878 selbst als einen Punkt seines Programmes bezeichnet hat: Nicht nur die Privat-, sondern auch die Staats­eisenbahnverwaltungen dürfen nicht die Berechtig­ung behalten, nach Willkür der wirthschaftlichen Gesetzgebung des Reiches Konkurrenz zu machen.

Deutsches Reich.

. Fulda, 4. Juli.

- gqiern im Auszug mitgetheilten Ar­tikel des Moniteur de Rome' bemerkt die ,Ger- mania': „Als die ersten Nachrichten über eine neue Note des Herrn Kardinal-Staatssekretärs auftauchten, waren einige liberale Blätter so thöricht, von einem Gegensatz gegen die Anschauungen des Centrums oder gar von einer Desavouirung des Verhaltens des Centrums zu fabeln. Diese In­haltsangabe liefert auch den äußerlichen Be­weis, daß das Gentrum sich in feiner Auffassung und seinen Bestrebungen in vollständigem «Änverständniß mit dem hl. Stuhle befindet. Gleich dem Centrum erkennt der hl. Stuhl dankbar an, daß durch das Gesetz die Verwendung der vor-

er warf dem Tadler einen glühenden Buct ,u „Sie meinen also, Signor Montecatini, daß der Dichter nicht das Recht hat, auch trübe Seelenzu stände zu schildern?"

„O, mitunter mag auch das hingehen, doch kommt es selten vor, und wenn es geschieht, so sei es nicht ein weibisch kläglich Jammern, sondern eine kräftige Schilderung, wie es dem Manne geziemt. In euern Versen aber find' ich weder Kraft, noch Männlichkeit."

„Ihr findet stets an mir zu tadeln," preßte Taffo hervor.

„Run, es ist des Dichters Loos, daß Andere ihn bekritteln."

„Aber man hält Maß."

„Ich halte es, Signore, und ich bin sogar be­reit, Sie zu entschuldigen. Die Schwächlichkeiten, Schwulstigkeiten, das inhaltlose Gereime, die auf­gebauschten Redensarten entfließen naturgemäß Ihrem Wesen. Der Spatz muß piepen, die Katze miauen; Sie können nicht anders, weil es in Ihrer Natur liegt."

Alle schauten hoch auf, denn eine so herbe Kri­tik hatte Niemand erwartet. Eleonore, die trotz ihrer scheinbaren Theilnahmlosigkeit jedes Wort ver­nommen hatte, griff mit der Hand nach der Brust; sie fühlte einen scharfen Stich im Herzen und war im Begriffe hervorzustürzen und die Streitenden zu ver­söhnen, aber ihrr Füße waren wie an den Boden genagelt. (Forts, folgt.)