jg 147, Montag, den- 2. Juli ,1883.
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Deutsches Reich.
Fulda, 2. Juli.
% Wie man dem „Unterthanenver- stande" die Politik mundgerecht zu machen weiß, beweist wieder einmal ein kurzer Bericht eines bekannten benachbarten Blattes über die Verhandlung der Schulversäum- nißvorlage. Wir haben in der letzten Nummer ziemlich eingehend den Gang der Verhandlungen dargelegt, kommen aber angesichts dieser beliebten Art und Weise, dem Publikum blauen Dunst vorzumachen, nochmals auf die Sache zurück. Nicht bloß dadurch, daß man eine Sache falsch darstellt, sondern auch durch Verschweigen wichtiger Umstände kann man „blauen Dunst machen." Und um letzteres handelt es sich diesmal. Nach- ^MMiit einem gewissen Wohlbehagen der prin- ■Blle Widerstreit zwischen den Centrumsrednern W dem Minister sowie den Vertretern der übrigen Parteien kurz dargelegt worden, schließt der spärliche Bericht mit den inhaltsreichen Worten: „es zeigte sich, daß das ganze Haus gegen das Centrum stand. Die Spezialdiskussion nahm einen sehr langsamen Gang." Und damit Punktum! Daß das Gesetz in der Donnerstagssitzung angenommen worden ist, und daß, worauf es hier ankommt, der § 1 mit dem Zu- sadantraa Bergenroth, wonach Kinder nicht gegen den Wollen der Eltern re. zwangsweise in die Schule gef ührt werden können, angenommen worden ist durch eine Majorität bestehend aus Fortschritt, Centrum, sowie einen Theil der Konservativen und der Nationalliberalen, (eine seltene Ein- müthigkeit!) davon wußte das in Frage stehende Blatt am Sonnabend seinen Lesern noch nichts zu erzählen. —
Sehr treffend bemerkt die .Germania' zu dieser Debatte, bei der „das ganze Haus gegen das Centrum stand": „Die treffl. sachlichen AusführungenWindt- horst's und Reichensperger's fanden im Anfänge nicht die gebührende Beachtung, weil die fixe Idee der allgemeinen „(Koalition" gegen das Centrum die Herrschaft an sich riß. Wie im Volke das Urtheil lauten wird, ist kaum zweifelhaft. Komischer Weise ist ja heute schon im Abgeordnetenhaus« alsbald die angeblich auf einem felsenfesten Prinzip basirte „Coa- lition" in die Brüche gegangen, als sie auf die Probe der ersten praktischen Anwendung des Prinzips gestellt wurde. Das Cent rum bekam von den vernünftigen Elementen der Rechten und der Linken soviel Zuzug, daß es die geplante gewaltsame Zuführung der Kinder durch einen polizeilichen Boten unschädlich machen konnte. Derartige große rhetorische „(Koalitionen", bei denen wir in der Abstimmung die Mehrheit behalten, kann man sich allenfalls noch gefallen lassen. Der Kultusminister, welcher an der Spitze einer erdrückenden Mehrheit gegen das Centrum zu marschiren glaubte, wird gewiß nicht angenehm überrascht worden sein, als er sich plötzlich in der Minderheit befand und ein Antrag, den er als durchaus unannehmbar bezeichnet hatte, die Mehrheit erlangte. Wir knüpfen an diesen Vorgang die Hoffnung, daß es auch künftig in Preußen immer Leute geben wird, welche die übermäßige Ausbeutung eines „Prinzips" zu verhindern und die Dinge in den praktischen Geleisen zu halten gedenken. Und so lange wird die allgemeine Koalition des Herrn Tiedemann (Labischin) ein wesenloses Gespenst bleiben.
Nicht wahr, lieber Leser, so sieht die Sache ganz anders aus, als wie „man" sie hat mundgerecht wachen wollen!
Insbesondere für unsere Leser vom Lande wird nachstehende Schlußstelle einer bei dieser Gelegenheit gehaltenen Rede Windthorft's inter- effant sein, der, als über das Hüten der Küh e durch schulpflichtige Kinder des Sängern und Breitern geredet worden, u. A. sagte: „Ich habe die Ueberzeugung: wenn die Verhandlungen, die hier heute gepflogen sind, und meine Aeußerungen in den Amtsversammlungen der verschiedenen Landes- theilegelesen werden, dann wird man sagen: der Windthorst ist bei der Sache dabei gewesen, und die anderen Herren sind nicht dabei gewesen (Bravo), die haben die Verhältnisse nicht kennen gelernt. Das kommt eben daher, weil ich auf einer Landschule gewesen und weil ich auch die Kühe gehütet habe."
Daß liberale Herren über dieses Geständniß des wackeren Centrumsführers und Ministers a. D. witzeln würden, ließ sich erwarten. Im Volke wird der Umstand, daß der Abg. Windthorst in feiner Jugend die Kühe gehütet hat, nur dazu beitragen, die Hockachtung und Verehrung für seine Person zu steigern und zu befestigen.
* Crefeld, 30.Juni. (Zur hiesigenLand- tagswahl) in welcher inzwischen das Abgeordnetenhaus bereits durch nahezu einstimmige Cassirung des Seyffard'scheu Mandates das letzte Wort gesprochen hat, wird der .Niederrh. Volksztg.' aus Berlin geschxiichen.: „Jtz vollständiger der Sieg, um so viel würdevoller werden Sie ihn tragen. Die dortigen Wahlkreis-Geometer verdienen keinerlei Triumphgesang. Von Freund wie Feind verlaßen, preisgegeben, einsam „in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle" am Ehren-pfähl der öffentlichen Meinung: das ist die Art, wie man so ebele Künstler strafen soll. Die Liberalen Crefelds werden alle Ursache haben, nach Vorgängen, wie sie nun zwei Mal dort gespielt, mit Eifersucht darauf zu halten, daß nicht das dritte Mal dergleichen vor- fällt, daß nicht die Stadtverwaltung, die Stadt selber gebrandrnarkt und verrufen dastehe, wie keine zweite in der Monarchie. Sie wird ja ohnehin schon jetzt recht lang vorhalten, die Spitze: Wahl- kreiS-Geometerie L la Crefeld! Und könnte man in einflußreichen Kreisen dort die Mißlichkeit der Sage nicht empfinden, in die Herr Seyffardt nun versetzt ist? Eine loyale Niederlage ist Kinderspiel dagegen; und selbst die ungerechte erträgt sich federleicht gegen das Bleigewicht, das jene dunkeln Ehrenmänner dem Manne angehängt, dem sie die höchsten Ehren um jeden Preis zu sichern sich verschworen. Und gar der Ober-Bürgermeister! Ist es denn zu verantworten, den ersten Beamten eines großen städtischen Gemeinwesens, zugleich mit hohen staatlichen Gewalten ausgestattet, so dicht an den Verdacht heranzubringen, daß er (Komplice sei von solchen Spießgesellen bei solcherlei Manipulationen? Wir denken, der Ausgang dieser Wahlprüfung wird viele Augen öffnen und manches heilsame Nachdenken wecken. Es ist seit Sangern nicht so packend illustrirt, das gute alte Sprüchwort: „Ehrlich währt am längsten." Möge die herbe, doch verdiente Warnung ihre Früchte bringen!"
Oesterreich - Ungarn.
* Wien, 30. Juni. (Attentat eines Gymnasiasten.) Der 19jährige Oktavaner Nasko vom Grazer Staatsgymnasium schoß heute im Gange vor dem Schulzimmer mit einem Revolver gegen die Brust des Professors Saenger, nachdem der Profeffor die Frage Nasko's, ob er im Examen durchkomme, verneint hatte. Der Profeffor ist leicht verwundet.
» Pest, 30. Juni. (Judenprozeß.) Heute begann vor dem hiesigen Schwurgericht die Verhandlung gegen denAbgeordnetenJstoczy wegen
seiner in antisemitischen Blättern veröffentlichten Artikel. Jstoczy erklärt, die inkriminirten Artikel nicht verfaßt zu haben, übernimmt jed och die V e r a n t w o r t u n g. Der Staatsanwalt Fekete führte aus, es seien schon zahlreiche, aufwiegelnde Schmähartikel gegen die Juden geschrieben, viele Projekte seien vorgebracht worden,' doch niemals Aehnliches wie durch Jstoczy, welcher geradezu den Krieg predige. Rach den Plaidoyers des Vertheidigers und des Angeklagten Jstoczy gaben die Geschworenen das Verdikt auf Nicht- schuldig mit 10 gegen 2 Stimmen ab, worauf der Gerichtshof den Angeklagten freisprach.
Belgien.
* Brüssel, 29.Juni. (Taback-undKaffee«- steuer.) Die Centralsection der^Repräsentan- tenkammer lehnte auch die Steuern auf Taback und Kaffee ab.
Frankreich."
* Paris, 30. Juni. (Senat. — Depu- tirtenfammer.) Börang er (vorn linken Centrum) interpellirte heute die Regierung über die Abschaffung der Hospitalgeistlichen und bezeichnete diese Maßregel als eine verhäng- nißvolle Konzession an den Municipalrath von Paris, weil dieselbe den Kranken die letzten Tröstungen entziehe. Erfühlte in dieser Beziehung verschiedene in den Hospitälern vorgekommene be- klagenswerthe Vorgänge an und machre es bem Minister zum Vorwurfe, daß er dergleichen- jakobinische Aktezulaffe. Minister Waldeck-Rousseau erwiderte, die Verwaltung verfahre gesetzmäßig, indem sie den von dem Pariser Municipalrath aufgehobenen Subsistenz-Kredit nicht wiederherstelle; es feien übrigens Maßregeln getroffen, die genügten, um den Kranken den geistlichen Beistand zu gewähren. Wenn Verbefferungen nöthig würden, werde die Regierung dafür sorgen. Bsranger findet die Antwort des Ministers ungenügend und bringt eine Tagesordnung ein, in welcher erklärt wird, daß die Abschaffung der Hospital- geistlichen ei ne Verletzung der Gewissensfreiheit sei. Waldeck-Roffeau verlangte einfache Tagesordnung, die vom Senat mit 136 gegen 120 Stimmen angenommen wird. — Der Senat nahm weiterhin die Konvention mit Deutschland zum SchM des geistigen Eigenthums an Werken der Kunst an. — Die Kammer der De- putirt’en verwarf mit 386 gegen 53 Stimmen den Gegenentwurf Sam ess an's, (von der äußersten Sinken) zu dem Municipalgesetze, durch welchen jeder Kommune die völlige Unabhängigkeit von der Centralbehörde gewährt werden sollte. Mehrere Deputirte von der Sinken und von der Rechten wollen wegen der Tongkingangelegenheit iuterpel- liren. Der Tag der Diskussion wird Montag bestimmt werden.
Italien.
* Rom, 3O.Juni. (Senat—Kammer). Der Senat genehmigte mit großer Majorität den Handels- und Schifffahrtsvertrag mit Deutschland. Die Kammer der ^Deputaten nahm den Gesetzentwurf an, welcher Meliorationen zur Herbeiführung befferer Gesundheitsbedingungen in der römischen Kampagna zum Gegenstände hat, und vertagte sich sodann.
• Neapel, 30. Juni. (Cholera). Das Gerücht von einem hier vorgekommenen Cholera- Todesfall ist völlig unbegründet; nicht einmal ein choleraverdächtiger Erkrankungsfall hat statt- gefunden.
Lgypten.
* Alexandrien, 30. Juni. (Cholera). Es sind hierselbst Sanitätskommissionen eingc-