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M 141

Mittwoch, den 27. Juni

1883

Fuldaer 831 Ieilung.

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^A«s der Kulturkampfsdebatte vom vorgestrigen Tage.

Bei der 3. Lesung der kirchenpolitischen Vorlage raffte der hinsterbende Nationalliberalismus noch einmal alle seine Kraft zusammen, um die Welt nicht vergessen zu lassen, daß er in den Jahren des schlimmsten Kulturkampfes noch immer nichts gelernt hat, daß vielmehr sein Haß gegen die ka­tholische Kirche und den Papst vielleicht nur noch von seiner lächerlichen Anmaßung übertroffen wird, in welcher er alles Ernstes zu glauben vorgibt, „das Volk" stehe dem Geiste nach noch immer hinter ihm. Durch diesen in letzter Stunde noch einmal so recht zum Vorschein gekommenen In­grimm der Nationalliberalen über den kleinen Frie­densschritt der Regierung gewinnt die Vorlage ohne Zweifel an innerer Bedeutung, und der Umstand, daß trotz dieses erneuten Schlachtrufes gegen Rom die Vorlage mit 224 gegen 107 Stimmen ange­nommen wurde, kann nur dazu beitragen, daß Eynern und Genoffen sich die Regierung und die Konservativen noch immer mehr entfremden. Und das kann uns nur lieb sein. Der Abg. Stöcker trat dem nationalliberalen Abg. Götting, welcher mit Leidenschaft den Protestantismus gegen den Katholizismus auffpielte und die konfessionelle Zwie­tracht in die Debatte warf, mit großem Geschicke und anerkennenswerther Friedensliebe entgegen. Dafür zog er sich natürlich den besonderen Groll der „liberalen" Religionsgenoffen zu. Stöcker traf einen sehr empfindlichen wunden Punkt der Liberalen, indem er ihr großes Jntcrefle für die Israeliten anzog. Die Stelle lautete:

„Die Herren vom Fortschritt, man mag reden, was man will, sie sehen immer Israel vor Augen. (Große, anhaltende Heiterkeit rechts.) Die jüdische Consession hat bekanntlich vollkommene Freiheit, ein Zustand, den auch für unsere Kirche herbeizuführen eine für die Herren von links sehr dankbare Aufgabe wäre, obschon sie wenig Lust haben, für die christliche Kirche etwas zu thun, weil sie die ganze Begeisterung, deren sie fähig sind, für die jüdische Rächt entwickeln.

In seiner großen Kulturkampfspauke knüpfte Herr von Eynern, der neue Führer der National­liberalen, auch an dieses Stöcker'sche Wort an.

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Torquato Tasso.

Ein Dichterleben.

ffe» Wilhelm grr-eabach.

(Fortsetzung.)

Nach dem Mahle, als Eleonore aufstand und an einer andern Stelle Platz nahm, glaubte Montecatini in ihren Augen einen flüchtigen, dem Taffo ge­gebenen Wink zu beobachten. Dieser erhob sich bald nachher ebenfalls und verließ den Speisesaal, während die Prinzessin noch an ihrer Stelle sitzen blieb. Sie benutzte indeffen einen Augenblick, wo ihre Schwester mit einigen Herren in eifrigem Ge­spräche war und schlüpfte ebenfalls hinaus.

Der Herzog klopfte dem Staatssekretär leise auf die Schulter und flüsterte: „Ich habe Briefe von Rom erhalten, die einer Besprechung bedürfen. Folgen Sie mir in den Garten."

Während sie durch die dunkeln Laubgänge wan- berten und politische Kombinationen schufen, waren Taffo und die Prinzessin unter den Cypreffen zu- lammen.

Die letztere nahm zuerst das Wort und sprach: »Mein Freund, ich war nahe daran, für immer wit Dir zu brechen und den Hof von Ferrara zu Erlassen. Wenn ich mich wieder anders besonnen ?abe, so ist es nur Deinetwegen geschehen, denn sch, möchte nicht den kleinsten Dorn in Dein Herz stoßen. Aber es ist nun unumgänglich nothwendig

Wir glauben, zur Charakterisirung des national­liberalen Standpunktes und der Bedeutung, die diese Partei der Vorlage beilegt, einen Theil der Eynern'schen Rede mittheilen zu sollen. Der Vor­kämpfer gegen Rom sprach u. A.:

Als Herr Stöcker seinen Witz wegen Israel machte und Sie (rechts) vor Freude gar nicht wohin wußten, weil ein­mal ein Witz aus Ihren Reihen gemacht worden war (Hei­terkeit), da habe ich nicht gelacht, sondern bin auf's In­nerste erschüttert und bewegt worden. (Heiterkeit. Ruf: Nanu!) Stöcker erinnerte mich nämlich an die Zeit nach dem Westfälischen Frieden, wo Kalvinisten und Lutheraner sich gegenseitig nichts gönnten und es lieber der kathol. Kirche zukommen ließen, wodurch diese die Macht zur Ge­genreformation erhielt. Unter der Firma liberale Richtung innerhalb der Kirche und orthodoxe Kirche frischt Herr Stöcker den alten Streit zwischen Kalvinisten und Luthe­ranern wieder auf, und der Witz des Herrn Stöcker über Israel bewies nur seinen mangelnden Ernst in dieser ern­sten Frage (Oho! rechts), obgleich Ihre persönliche Stel­lung, Herr Stöcker, Ihnen solche Witze verbieten sollte. (Oho! rechts.) Sie sollten suchen, was uns eint, und nicht, was uns trennt! (Bravo links.) Ich höre auch nicht gern von Kanoffa sprechen, denn mein Blut wallt und meine Empfindung wird aufgeregt, so oft ich an den deutschen Kaiser denke, der im Büßerhemde vor dem römischen Bi­schof gestanden hat. Aber etwas erfüllt mich dabei auch mit Genugthuung. Heinrich IV. nahm seine Revanche; er verjagte den stolzen Gregor VII. aus Rom und dieser starb elend in der Verbannung. Und wenn wir heute am Fuße des Kanossaberges stehen, so kommt vielleicht bald die Zeit, wo dieser römische Bischof, der uns dahin getrieben hat, in seinem Vatikan auch nicht mehr so sicher ist. (Unruhe im Centrum.) Ich glaube, das Bündniß zwischen Deutsch­land, Oesterreich und Italien ist auch dahin zu verstehen, daß diese Staaten es nicht dulden wollen, daß ein herrsch­süchtiger Priester den Frieden ihrer Länoer fortgesetzt stört (Pfui! Pfui! im Centrum. Große Unruhe), und .VT..H Sie vielleicht an ^lmütz erinnern wollen, so folgte auf dieses Königgrätz, und der Abg. Windthorst möge nicht zu übermüthig über seinen jetzigen Erfolg sein. Er hat ein junges, mächtiges und empfind­sames Staatsleben vor fich und der Spieß kann auch wie­der umgedreht werden, so lange Preußen noch auf dem Boden der geistigen Entwickelung steht, die ihm durch die Reformation zugetragen ist. Wenn die jetzige Vorlage ohne einen Entrüstungssturm im Lande ausgenommen wor­den ist, so haben wir dies nicht den konservativen Red­nern, und auch nicht den glatten und diplomatischen Reden des Kultusministers zu danken, sondern dem Fürsten Bismarck, dessen Name mit der Vorlage in Ver­bindung gebracht wird, und von dem der größte Theil des preußischen Volkes nicht glaubt, daß dieser große Staatsmann, dem wir die Gründung des national­

geworden, daß ich mit ganzer Entschiedenheit Klug­heit und Zurückhaltung von Dir fordere. Nicht noch einmal will ich Dir alle Deine Fehler vor­halten, es ist oft genug geschehen, aber ich muß verlangen, daß Du mehr Rücksicht auf mich nimmst und meinen Ruf schonst. Unkluge, unüberlegte und — verzeihe mir das Wort — auch undelikate Aeußerungen von Dir haben den Schleier, welcher so lange über unser Verhältniß gebreitet war, sehr gelüftet und ich bin neugierigen Blicken ausgesetzt. Noch scheut man sich, laut und öffentlich über mich zu reden, aber im Stillen zischelt man schon mit­einander und ich sehe die Zeit kommen, wo die unheimlichen Gerüchte auch zu den Ohren meines Brudersdringen werden, darum ist von heute an zwi­schen uns beiden eine Scheidewand nothwendig. Ich werde Dich nicht mehr im Geheimen sehen und Dich auch öffentlich so viel als möglich ver­meiden."

„Stern, meines Lebens," entgegnete Taffo, „wenn Du mir nicht mehr scheinst, dann mögen auch die anderen verlöschen, denn für mich wird die ewige Nacht eintreten und ich werde wie ein Blinder durch die Welt irren. Es ist wahr, Eleonore, ich bin unbedachtsam, ich bewahre meine Zunge nicht und gebehrde mich oft wie ein Knabe, der noch nicht weiß, was gut und was bös ist, aber es kommt nicht auf Rechnung meines Willens, sondern auf das Conto meines heißen Blutes und meiner Liebe."

liberalen . . . . (Stürmische Heiterkeit. Rufe: national­liberalen?) Die Herren scheinen zu glauben, daß das, was ich eben durch ein Versprechen ausdrückte, nicht wahr sei. Gewiß, der Kanzler hat den nationalen Staat errich­tet und dieser ist liberal regiert worden. Aber ich wieder­hole: es hat sich an die Vorlage nur deshalb kein Ent­rüstungssturm geknüpft, weil das Volk die Vorlage mit dem Fürsten Bismarck in Verbindung bringt" u. s. w.

Die Redner des Centrums, Bachem und Dr. Windthorst, versagten es sich, mit Rücksicht auf den konfessionellen Frieden, auf alle die national­liberalen Anbohrungen die richtige Antwort zu geben. Aber dennoch ertheilte der Abg. Bachem den Eynern und Cons. eine Lektion, welche für sie nicht gerade lieblich zu hören war. Nament­lich dürfte man sich die Bemerkung über die Vor­bildung der Geistlichen im Verhältniß zu der Vorbildung gewisser Leute hinter die Ohren geschrieben haben. Leider können wir wegen Mangels an Raum nur den Anfang der trefflichen Bachem'schen Rede wiedergeben. Sie begann:

„Meine Herren! Ich habe heute die Empfindung, als ob wir in den Reden der Herren Götting und v. Eynern den Schwan engcsang des Kulturkampfs in seiner bisherigen Gestalt gehört hatten — ich betone: in seiner bisherigen Gestalt, denn daß wirüber die Schwierig­keiten nicht entfernt hinaus sind, das ist mir so recht zum Bewußtsein gekommen durch die Art und Weise, wie der Herr Kultusminister in einigen Punkten es für nöthig erachtet hat, seine Stellung gegenüber den Reden der Herren Götting und v. Eynern zu vertheidigen. Herr v. Eynern hat uns hier, wie ein Indianerhäuptling, mit allen Federn geschmückt, den Kriegstanz aufs Neue aufgeführt (Sehr gut! Heiterkeit), und der Abg. Götting hat — hier muß ich mich ernster aus­drücken — zweifellos in der friedlichsten Absicht — er sagt es ja selbst — vom ersten Jahre des Kulturkampfes anfangend Alles mit Fleiß zusammengetragen, was irgendwie geeignet sein kann, die konfes­sionellen Leidenschaften zu erregen und aufzu­stacheln. (Sehr wahr! im Centrum); er hat, wie das ja die Taktik dieser Herren im Kulturkämpfe immer gewesen ist, eine Menge Beiwerk und Nebendinge herange­zogen, die mit der Frage, die uns heute beschäftigt, gar nichts zu thun haben (Sehr richtig! im Centrum.): Kanoffa, Jesuitenmoral, ultramontane Presse, Auflehnung gegen die Gesetze, Unfehlbarkeit, Vatikanum und was weiß ich Alles noch. Ich fteue mich über die besonnene Art und Weise, wie der Herr Abg. Stöcker dem bedenklichsten Punkte in dieser friedlichen Rede des Herrn Götting, dem Appell an das protestantische Bewußtsein, wie er es versteht, entgegengetreten ist. Ich mag nicht glauben, daß

„Die wirkliche Liebe," sprach Eleonore, „ist stark genug, allen Leidenschaften Zügel anzulegen, und vor allen Dingen umgibt sie den geliebten Gegen­stand mit Schutzmauern, daß kein Feind ihm nahen kann. Frage Dich selbst, ob Du das gethan hast."

„Verzeihe Eleonore, verzeihe. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich gerne für Dich in Kerker und Banden und selbst in den Tod ginge. Leider ver­stehe ich die klugen Wege nicht, und wie ich so häufig meine eigenen Vortheile verscherze, so habe ich auch Deine Lage nicht genug in Betracht ge­zogen, aber wenn ich sehe, daß ich überall von Feinden umgeben bin, die mir weder meinen Dichter­ruhm, noch mein Glück gönnen, dann verliere ich die Geduld und vergeffe, daß ich an einem Hofe lebe, an dem man schweigen und dulden muß."

„Ich will heute nicht mit Dir rechten, Taffo, und in den bittern Kelch des Abschieds noch über­flüssigen Wermuth gießen, aber von dieser Stunde an müssen wir uns fremd werden, das bin ich Deiner und meiner Ehre schuldig. Liebte ich Dich weniger, liebte ich Dich nur wie die Frauen, welche sich amüsiren wollen, so fände ich ja leicht Wege Dir den Rücken zu kehren, aber weil ich überzeugt bin, daß ich Dich bis in den Tod im Herzen tragen werde, darum wähle ich diese Form des Abschiedes, die uns Beiden die Möglichkeit läßt, im Stillen verbunden zu bleiben."

Taffo war zerknirscht, Thränen entströmten seinen Augen und er lispelte: „Ich werde Mühe