J2 143
Dienstag, den 26. Juni
1883
Fuldser WW Intung.
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Die Verhandlungen über die kirchenpolitische Vorlage.
Berlin, Montag, 25. Juni.
In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses steht auf der Tagesordnung in erster Reihe die dritteLesung der kirchenpolitischen Vorlage.
In der Generaldebatte nahm Abg. Götting (nationalliberal) aus den neulichen Bemerkungen des Abg. Reichensperger bei der zweiten Lesung Veranlassung, vom protestantischen Standpunkte aus Ursachen und Wandlungen des Kulturkampfes des Näheren zu beleuchten. Redner geht auf die Polemik ein, mit welcher die ultramontane Presse, und namentlich die „Germania", die bevorstehende Lutherfeier begleite. Er schließt mit der Bitte an die preußische Regierung, die Protestanten vor der durch das Vactikanum neu gestalteten katholischen Kirche zu schützen.
Abg. Stöcker findet, daß der Vorredner den Kulturkainpf auf zu kleine Ursachen zurückgeführt habe. Die Schroffheit der konfessionellen Gegensätze müsse gemildert werden, und hier im Landtage sei die Stätte objektiver Ausgleichung. Der Fortschritt freilich wende seine ganze Begeisterung lediglich der Machtentwickelung des Judenthums zu, das in Preußen bereits alle Freiheiten genieße. Der Kulturkampf sei nichts Anderes, als eine neue Epoche des großen Kampfes zwischen Staat und Kirche, in dem auf der einen Seite der Kirchenbegriff, auf der anderen der Staatsbegriff zu sehr auf die Spitze getrieben seien.
Abg. v. Eynern betont, daß die Kräfte, welche hinter den Nationalliberalen ständen, wieder emporwachsen würden, wenn die unnatürlichen Koalitionen der Ultramontanen nach der einen Seite mit den Radikalen, nach der anderen mit den Konservativen wieder gelöst sein würden. — Die Verwaisung der Seelsorge, deren Beseitigung die Vorlage angeblich bezwecke, sei nicht so groß, wie sie geschildert werde. Die Vorlage sei ein Schritt ins Dunkele und eine Niederlage, wie Preußen sie noch nicht erlebt.
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Torquato Tasso.
Ein Dichterleben.
Sen Wilhelm tzerchenbich.
(Fortsetzung.)
Eleonore hatte immer noch nicht aufgehört, Tasso zu lieben, und das wollte in der That viel sagen, denn er trat oft genug rücksichtslos gegen sie auf. Wenn sie nur ein freundliches Wort mit einem der Höflinge sprach, so brauste er guf und erlaubte sich in der eifersüchtigen Erregung Aeußerungen, welche die Prinzessin gewiß von Niemanden, außer ihm, geduldet haben würde.
Wahrlich, sie hatte Ursache, ihm zu zürnen, denn er stellte sie blos, indem er wenig sorgte, in wessen Hände die Gedichte gelangten, die er zu ihrem Ruhme sang. Die Prinzessin zitterte bei solchen Unvorsichtigkeiten, und nicht allein für ihn, son- dem auch für sich selber. Ihre Furcht wurde noch größer, als sie erfahren mußte, daß er keinen instand nahm, mit ihrer Gunst zu prahlen.
„Das muß um jeden Preis anders werden," sprach sie zu sich selber; „es verträgt sich nicht wehr mit meiner Ehre, so behandelt zu werden."
Am Abend dieses Tages befand sich Taffo auf siinein Zimmer und schrieb eben ein Gedicht nieder, welches Eleonoren's Tugenden verherrlichte, da "ffnete sich die Thüre und ein Page der Prinzessin trat ein.
Kultusminister v. Goßler betont, daß er als Staatsmann nicht von seiner individuell-protestantischen Anschauung aus diese Angelegenheiten zu behandeln berechtigt sei. Alle Befürchtungen der Vorredner wegen Preisgebung der Rechte des Staat-s seien unbegründet; ganz unberechtigt namentlich auch die Angriffe des Abg. Götting gegen ihn wegen seines Vorgehens betreffs der bekannten Verfügung der Posener Regierung. Bezüglich der Schulaufsicht halte er seinen einmal eingenommenen Standpunkt, der dem des Ministers Falk gleichkomme, vollständig fest, und stehe er durchaus auf dem Boden der Verfassung. — In der Vorlage komme der Gedanke zum Ausdruck, daß die that- sächlich bestehenden Nothstände, wenn man ihren Zusammenhang mit der Gesetzgebung anerkenne, zu beseitigen seien; die Schwierigkeit liege wesentlich darin, wie das zu erreichen sei. Werde wider Erwarten die Hoffnung auf Erreichung des Friedens und Einräumung der Anzeigepflicht nicht erfüllt — dann freilich würden wir nicht stehen bleiben können und die Schleusen öffnen müssen. Bei der Stimmung des Volkes aber vertraue er, daß es dazu nicht kommen werde.
Abg. Bachem ist mit dem Abg. Stöcker der Meinung, daß man mehr das betonen solle, was die Konfessionen eint, als was sie trennt. Abg. v. Eynern habe eine Menge von Nebendingen herbeigezogen, welche geeignet seien, die Gegensätze zu verschärfen. Redner bezeichnet die Rede Eynern's als Kriegstanz eines Indianerhäuptlings, die Göt- ting's als Anachronismus. Die Katholiken forderten nur das kümmerlichste Maß von Religionsfreiheit, aber als Recht, nicht als Gnade; dasselbe sei ihnen auch unter dem absoluten Regiment besser und sicherer gewährt, als unter dem parlamentarischen. Daß die Nationalliberalen der Vorlage nicht zustimmen, würde nur den Zusammensturz dieser Partei beschleunigen.
Abg. Dr. Virchow bemerkt: Der Staat müsse gewisse Positionen festhalten; die Vertrauensseligkeit der Herren Stöcker und Bachem könne er nicht theilen. Dagegen sei er mit dem Minister der Meinung, daß gewisse Mißstände zu beseitigen seien,
Schweigend legte er ein Briefchen auf den Tisch und sprach: „Sie möchten es sogleich lesen."
Tasso's Wangen färbten sich leicht, denn er kannte die Schrift, die seine Augen so oft mit Entzücken gelesen. Das Billet enthielt nur die wenigen Worten: „Um zehn Uhr unter den Cy- pressen."
Der Dichter warf noch einen letzten Blick auf die Canzone, welche er soeben beendigt hatte, schloß dieselbe in ein Couvert und überreichte sie dem Pagen mit den Worten: „Der Prinzessin!"
Bald darauf war die Stunde des Abendessens, und die Höflinge und Hofdamen begaben sich in den großen Speisesaal. Taffo war in der letzten Zeit selten bei Tische erschienen, aber heute wandelte ihn die Lust an, wieder einmal mit zu tafeln.
Der Herzog stand in der Mitte des Saales, rings von Höflingen und Hofdamen umgeben. Als er des Taffo ansichtig wurde, flog ein Schatten über sein Gesicht, denn böse Zungen hatten ihm zugeraunt, daß sich der Dichter keck erfreche, seine Blicke zu den Augen der Prinzessinnen zu erheben. Wie leicht auch das Runzeln seiner Stirn war, es blieb von Taffo's Feinden nicht unbemerkt, und sie triumphirten schon im Herzen über seinen nahen Sturz. Alphons bemerkte es sofort, und nun dachte er nicht mehr an das böse Gerücht, nun glaubte er die Feinde des Dichters zu durchschauen.
Aus dem Kreise heraustretend ging er auf Taffo zu, reichte ihm die Hand und sprach im vertrau-
nur sei das Mittel der Vorlage völlig ungeeignet. Die relative Selbstständigkeit der niederen Geistlichkeit werde noch mehr herabgedrückt werden, als es in den letzten 15 Jahren bereits geschehen, wenn die Vorlage Gesetz werde.
Abg. Dr. Windthorst bezeichnet die heutigen Verhandlungen als einen Extrakt aller Kulturkampfreden, worauf er jetzt nicht näher eingehen will. Die Nationalliberalen hätten alles Gift zusammengebracht, um die heutigen Schlußverhandlungen zu verderben. Abg. v. Eynern hätte sich sogar nicht gescheut, den hl. Vater, sowie die geistlichen Mitglieder der Centrumsfraktion zu beschimpfen. Der Abg. Götting habe durch Uebertreibungen die Wirkung, die er beabsichtigt, selbst beeinträchtigt. Nachdem einmal eine Trennung der Kirche in Deutschland eingetreten, müffe jede Seite bestrebt sein, die Rechte und Gefühle der anderen zu achten und zu schonen. Jede Aggression müffe vermieden werden; trete sie gleichwohl ein, dürfe auch die Abwehr nicht befremden. Auf dem Boden gegenseitiger Duldung könne ein gedeihliches Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten wieder hergestellt werden. Dem Abg. Dr. Virchow gegenüber bemerkt er, daß die Verfassung auch in den noch bestehenden Artikeln von der „Kirche" als solcher spreche. Wenn bei der Majorität der Friedenssinn fortdauere und das Gesetz in diesem Sinne ausgeführt werde, dann fei die Bahn zum Frieden gebrochen und die Zeit für andere nothwendige politische Arbeit gekommen. Frellich müßte der gegenwärtigen Vorlage ein weiterer Schritt folgen, um zum dauernden Frieden zu führen.
Demnächst wurde ein Schlußantrag angenommen; es folgten persönliche Bemerkungen.
Dann wurden die einzelnen Artikel der Vorlage ohne jede Debatte genehmigt und darauf der Gesetzentwurf im Ganzen in namentlicher Abstimmung mit 224 gegen 107 angenommen (8 Mitglieder enthielten sich der Abstimmung). — Die Konservativen und das Centrum stimmten geschloffen für den Entwurf, die Nationalliberalen und Sezessionisten — die Letz-
lichsten Tone: „Mehrere Tage hat lange tue Sonne gefehlt. Wie- freue ich mich, daß sie wieder die Wolken durchblickt! Willkommen Tasso. Nehmen Sie Ihren Platz an meiner Seite und lassen Sie sich herzlich bitten, künftig unsere Gesellschaft nicht mehr zu meiden."
Eleonore war eben unter die Portiere getreten und sah den herzlichen Empfang. Ihr Unmuth war schon wieder versucht und noch lag auf ihrer schönen Stirne der Glanz des Entzückens, den sie beim Durchlesen des ihr übersendeten Gedichtes empfunden hatte.
„O, er ist ein guter, ein tüchtiger Mensch und ein gottgeweihter Genius," dachte sie. „Hoffen wir zu Gott, daß bald die Zeit kommt, wo er ruhiger und bedächtiger wird und in stiller, leidenschaftlicher Beschaulichkeit sein ganzes Talent entwickeln kann."
Der Staatssekretär Antonio Montecatini war ein Menschenkenner; er merkte sogleich daß die Prinzessin Eleonore aus dem ruhigen Geleise ihres Geistes herausgewesen war und Mühe gehabt hatte, ihren Gleichmuth wieder zu gewinnen. Er nahm sich deshalb vor, sie nicht aus den Augen zu lassen. Wie aufmerksam er auch anscheinend den Gesprächen seiner Nachbarn lauschte, so beschäftigte er sich doch am angelegentlichsten mit Eleonoren und Tasso. Letzterer war niemals fähig gewesen, seine Gedanken und Empfindungen zu verbergen; auch am offener Tafel und in großer Gesellschaft verstand