jg £42. Montag, dm 25. Juni 1883.
Fuldaer Zeitung.
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% Zur kirchenpolitschen Vorlage.
Wie wir bereits am Sonnabend einem großen Theile unserer Leser auf Grund telegraphischer Meldung mittheilen konnten, sind bei Fortsetzung der zweiten Berathung der kirch en politisch en Vorlage die Art. 3, 5, 5a und 6 und demnach das ganze Gesetz in der Faffung der bekannten Kommissionsbeschlüffe mit großer Majorität angenommen worden. Der verzweifelte Versuch der Freikonservativen, den Art. 4 wieder herzustellen, ist gescheitert und verlor seinen ganzen Eindruck durch die dem Anträge auf dem Fuße folgende Mittheilung des Kultusministers, daß die Regierung, wenn ihr der Art. 4 auch lieb und angenehm sei, das Gesetz auch ohne diesen Artikel nach den Kommissionsbeschlüssen annehmen werde. Diese Erklärung war um so werthvoller, als man bisher über die definitive Stellung der Regierung noch keineswegs im Klaren gewesen war. Die letzten Verhandlungen werden übrigens eine weit größere Tragwerte haben, als sie in der Schaffung der kirchenpolitischen Novelle allein liegt. Die nächste Folge des nun definitiv vollzogenen Umschwunges in der kirchenpolitischen Haltung der Re- gierung war der Rücktritt des Führers der Nationalliberalen und wird sein der allmähliche Verfall der ganzen Fraktion, die unter einem von Epnern nicht viel ruhmreiche Thaten erleben wird. Nun beginnt, wie an anderer Stelle weiter ausgeführt wird, auch in der freikonservativen Partei, welche noch einige kulturkämpserische Launen zur Schau trug, ein kleiner Krach. Eine Minorität von jüngern Mitgliedern will angesichts der Stellung der Regierung nicht länger den Kulturkampfsneigungen der älteren Mitglieder folgen. So zeigt sich denn zu unserer nicht geringen Freude das seltsame Schauspiel, daß diejenigen Parteien, welche allein noch ein lebhaftes Jntereffe an der Knebelung der verhaßten kathol. Kirche zu haben schie- nen, gerade an diesen ihrem Haß gestraft werden. Wir Katholiken können mit dem, was die Vorlage uns bietet, insoweit vorläufig zufrieden sein, als das heute Gebotene zugleich von der Hoffnung auf ein baldiges Weiterschreiten auf dem Friedenswege begleitet wird. Daß der Kulturkampf sich nicht in einem Tage begraben ließ, mußte Jedermann von vornherein klar sein. Jetzt ist wieder ein erheblicher Fortschritt zu verzeichnen, dessen Bedeutung erst recht klar wird, wenn man sieht, mit welchem Ingrimm die Organe der Kulturkämpfer die neue Vorlage begeifern. Nach der .Köln. Zeitung" steht Fürst Bismarck bereits im Büßerhemd im Hose von Kanofla, und andere sinnesverwandte Blätter drücken sich in ähnlichen drastischen Wendungen aus. Hoffentlich läßt sich die Regierung durch solche Anspielungen nicht irre machen. Daß gereifte Leute ein Interesse haben, die Bedeutung dieser erst k l e i n e n B e s s e r u n g gewaltig zu übertreiben, ist klar. In der Erwartung, daß diesem ersten Schritt, den Frieden anzubahnen, und zwar ohne diskretionäre Befugnisse, bald weitere Maßnahmen zur Lösung des traurigen Konflikts folgen werden, heißen wir die Vorlage willkommen und freuen uns aufrichtig, daß die Regierung das Vertrauen, welches wir seit Februar konsequent in ihren guten Willen gesetzt haben, nicht getäuscht hat, wenngleich die Ausführung ihres Versprechens ziemlich lange hat auf sich warten lassen. —
Die, Franks urterZeitung" läßt sich unterm 23. d. aus Rom die kuriose Neuigkeit telegra- phiren, daß eine Protestnote gegendieinVer- handlung stehende kirchenpolitische Gesetzesvorlage Seitens der päpstlichen Kurie
nach Berlin gesandt worden sei. Diese sensationelle Mittheilung, welche natürlich von einer ganzen Reihe leichtgläubiger und besonders kulurkämpferi- scher Blätter nachgedruckt werden wird, beruht, wie uns von bestinsormirter Seite mitgetheilt wird, auf purer Erfindung. Daß von der Kurie eine Note an Herrn von Schlözer übergeben worden ist, hat seine Richtigkeit; es ist dies am vergangenen Freitag, den 22. d. M. geschehen, jedoch enthält dieselbe nichts weniger als einen Protest. Jyz Vatikan weiß man wohl das Hervortreten größeren Wohlwollens zu würdigen, welches der Vorlage zu Grunde gelegen und auch noch während der Verhandlungen von Seiten der Königlichen Regierung an den Tag gelegt worden ist, und diesem ist Gefühl auch in der am 22. den Herrn von Schlözer überreichten Note Ausdruck gegeben.
Die Verhandlungen über die kirchen- politische Vorlage.
Berlin, Sonnabend, 23. Juni.
In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde nach einigen geschäftlichen Mittheilungen die zweite Berathung der kirchenpolitischen Vorlage fortgesetzt.
Abg. v. Bitter und Genoffen beantragen, den Art. 4 der Regierungsvorlage, den die Kommission bekanntlich gestrichen hat, als Art. 2 wieder herzustellen. Für diesen Antrag spricht zunächst Abg. Francke lNationallib.), nährend Abg. v. Webe ll-Piesdor'ff die Beschlüsse ver Kommission als zweckmäßig charakterisirt.
Abg. Frhr. v. Zedlitz und Neukirch (Mühl- Hausen) erkennt dagegen in dem Herausreißen des Art. 4 das Bestreben, das Vetorecht des Staates ganz zu beseitigen. Die Gefahr klerikaler Hoch- fluth sei nicht zu verkennen, und darum sei es geboten, einen festen Damm zu errichten, der bei solchem Andrägen Widerstand zu leisten vermöge.
Abg. Graf zu Limburg-Stirum kann seinerseits nicht die Gefahr einer klerikalen Hochfluth erblicken und nicht einsehen, daß es nothwendig sei, jetzt neue positive Bestimmungen zu treffen. Was Roth thue, sei vielmehr, die große Mißstim- mung zwischen einer großen Minorität (den Katholiken) und der Majorität der Bevölkerung zu beseitigen. Und wenn die Konservativen an sich auch gegen den Art. 4 nichts hätten, so wäre er doch nicht so viel werth, um seinetwegen das ganze Gesetz zu Falle zu bringen. Das würde ein durchaus unpraktisches Vorgehen sein. Wer ernstlich die Erleichterungen des Art. 1 wolle, müsse das Gesetz auch ohne den Art. 4 annehmen.
Abg. Büchtemann erklärt, daß seine Freunde sich nicht entschließen könnten, das diskretionäre Ermessen des Ministers durch Uebertragung der Funktionen des kirchlichen Gerichtshofes — den sie übrigens durch das Ober-Verwaltungsgericht zu ersetzen wünschen — noch zu vermehren. Das ganze Gesetz sei verfehlt.
Kultusminister v.Goßler hält den Antrag v. Bitter für besser, als die Kommissionsbeschlüffe, und wohl annehmbar, indeß würde die Regierung aus der Ablehnung desselben und dem Festhalten an den Kommissionsbeschlüssen keinen Grund herleiten, den Kommissionsbeschlüssen überhaupt nicht zuzustimmen. Der Schwerpunkt der Vorlage liege übrigens in Art. 1.
Abg. Windthorst wendet sich gegen den Antrag von Bitter. Die Katholiken hätten nicht nöthig, ihre Rechte, die ihnen zudem durch Fürstenwort garantirt seien, zu erbetteln. Jeder, der es gut mit dem Vaterlande meine unb den Frieden
wolle, müsse dem Kommissionsbeschlüffe zustimmen ß (Der Antrag v. Bitter wird darauf abgelehn und die Art 3, 5, 5a und 6 der Kommis sionsbeschlüsseunverändert angenommen
Deutsches Reich.
Fulda, 25. Juni.
* (lieber das Befinden des Fürsten Bismarck) schreibt unter dem 23. die,Nordd.': Die von hiesigen Zeitungen verbreiteten Nachrichten über das Befinden des Reichskanzlers sind insofern unrichtig, als dieselben von einem leichten Unwohlsein sprechen. Fürst Bismarck ist vor acht Tagen an einem heftigen Magenkatarrh, verbunden mit Gelbsucht, erkrankt und hat sich in Folge dessen von allen Geschäften zurückziehen müssen. Seit gestern ist eine Wendung zum Bessern eingetreten. Der Fürst ist aber noch immer an das Krankenzimmer gefesselt.
* (In der Sonnabend-Sitzung desAb- geordnetenhauses) wurde nach Annahme der kirchenpolitischen Vorlage der Gesetzentwurf, betreffend die Ausübung des dem Staate zustehenden Stimmrechts bei dem Anträge auf Ausdehnung des Unternehmens der Westholsteinischen Eisenbahngesellschaft aus den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von Wesselburen nach Büsum, in erster und zweiter Berathung erledigt.
Bei Fortsetzung der zweiten Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die B e h a n d l u n g der Schulversäumnisse, wurden darauf die M 4 bis 8 inkl. debattelos genehmigt. Bei § 9, welcher bestimmt, daß die Geldstrafen denjenigen Verbänden zufließen, welchen die Unterhaltung der Schule obliegt, hat das Herrenhaus beschlossen, daß von diesen Verbänden die nicht einziehbaren Kosten des Zwangsverfahrens zu bestreiten sein sollen. Die Kommission dieses Hauses hat diesen Zusatz gestrichen. Abg. Drawe beantragt die Wiederherstellung der Herrenhausbeschlüfte; das Haus lehnt indeß diesen Antrag ab. Der Rest des Entwurfs veranlaßt keine Debatte; die Beschlüsse der Kommission werden genehmigt.
Schluß der Sitzung */2 2 Uhr. Nächste Sitzung Montag Vormittag 9 Uhr. (3. Lesung des kirchen- politischen Gesetzes, sowie des Gesetzentwurfs, bet. die Schulverfäumnifte, Petitionen.)
* (Die Stellung der Freikonservativen zur kirchenpolitischen Vorlage.) Zu diesem Text bringt die ,Nordd. Allg. Ztg.' neuestens folgende interessante Melodie: Wie in der nationalliberalen Partei, so hat sich auch, wie wir hören, in der freikonservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses eine sehr ernste Meinungsverschiedenheit über die Stellung zur kirchenpolitischen Vorlage herausgestellt. Schon in der Sitzung der Fraktion am 21. sollte die Schlußabstimmung bei der dritten Lesung des Gesetzes zur „Fraktionssache"" gemacht werden; der Antrag mußte jedoch aus formellen Gründen auf eine neue Sitzung vertagt werden. Im Laufe des gestrigen Tages herrschte unter den Fraktionsmitgliedern eine lebhafte Aufregung. Wie wir erfahren, stellten die älteren Mitglieder, welche durch ihre hervorragende Thätigkeit bei der Maigesetzgebung und nn Kulturkampf bekannt sind, die Forderung, daß die Fraktion in zweiter Lesung geschloffen für jeden Artikel des Gesetzes, dann aber in dritter Lesung gegen das ganze Gesetz stimmen solle, falls das Haus den von Frhr. v. Zedlitz wiederemge- brachten Art. IV. der Regierungsvorlage ablehnen sollte. Diesem letzteren Verlangen widersetzte sich aber ein Theil der gemäßigteren, namentlich der neu eingetretenen Fraktionsgenossen, welche dem Kulturkampf fern stehen und ihren katholischen