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M 139.

Donnerstag, den 21. Juni

1883.

Jfiilbarr AM Jtilung.

Die,Fukdarr Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. MerteljShrlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochsnbeilage »Sterne und Blume»' in Fulda 1 Mk. 70 Psg.» auswärts 1 M. 75 Pfg.

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Berlin, Donnerstag, 21. Juni, 12 Uhr 25 Mn. In seiner heute Morgen stattgehabten Frak­tionssitzung beschloß das Cent rum, lediglich den kirchenpolitischen Commissionsanträgen zu zu stimm en. Die Annahme der letzteren im Plenum ist demnach gesichert.

Deutsches Reich.

Fulda, 21. Juni.

* (Zur Frage der Noth-Seelsorge.) In der ,Nordd. Allgem.Ztg.' finden wir folgen­des offiziöses Entrefilet:

„Bei Besprechung der neuen kirchenpoli­rischen Vorlage sagten die liberalen Zeitungen voraus, daß, wenn dieselbe Gesetz werde, die fest angestellten Geistlichen vollständig verschwinden wür­den; die Bischöfe würden allekath. Pfarreien verwai- fen lassen und überall eine Noth-Seelsorge einführen.

Zu einem solchen Bedenken kann unseres Erach­tens nur Derjenige gelangen, welcher die kirchen­politischen Verhältnisie von einem rein theoretisch­juristischen Standpunkte aus beurtheilt. Wer das praktische Leben kennt, weiß, daß die katholische Kirche die realen Verhältnisie zu richtig beurtheilt, als daß sie eine solche Politik betreiben würde, wie man liberaler Seite unterstellt. In der That würde die Kirche mit eigener Hand ihren Einfluß auf das katholische Volk zerstören, wenn sie den Versuch machte, die Pfarrer aussterben und an ihre Stelle überall abberufbare Vikare treten zu lasten; denn nur der seßhafte Pfarrer ist der Träger dieses Einflusses.

Ein Geistlicher, der sich darauf beschränkt, die in seinem Amt liegenden Funktionen auszuüben, wird seiner Gemeinde stets fremd bleiben. Nicht in der Kirche, sondern im täglichen Leben bildet stch das Band, das den Geistlichen und das Pfarr- kind aneinander fesielt. Der Pfarrer muß sich das Vertrauen seiner Gemeindemitglieder erwerben, so daß dieselben in ihm ihren Berather in jeder schwierigen Lebenslage sehen, daß sie sich an ihn

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Torquato Tasso.

Ein Dichterlcben.

Noa Milhrl» Srrchkvdllch.

(Fortsetzung.)

Taffo ließ den Kopf hängen; er hatte einen sol­chen Vorwurf nicht erwartet, fühlte aber doch, daß « verdient war. „Da ist meine Hand," fuhr der Herzog fort, „Weit entfernt, Sie tadeln zu wollen, möchte ich Ihnen nur einen neuen Sporn oer- lechen und mehr Klugheit anempfehlen, damit Sie auch die Früchte Ihres Fleißes ernten."

Der Dichter war außerordentlich enipfindsam, das kleinste Wörtchen konnte ihn mißstimmen und häuten, und der Tadel traf ihn um so schmerz­licher, aus je höherem Munde er kam.

Mit gesenktem Haupte verließ er den Herzog und wanderte mit umdüstertem Gemüthe durch den Park, bis er an eine Terasie kam, wo die Köpfe der berühmten italienischen Dichter und Künstler ausgestellt waren. An dieser Stelle weilte er so Serne, denn erfühlte sich verwandt mit den großen Geistern, welche von der ganzen Nation geehrt wurden, und er hegte die Hoffnung, daß dereinst uuch seine Büste in der Mitte dieser großen Män- stehen werde. Heute aber wagte er es nicht, Uch der Terraffe ganz zu nähern, weil er in fei« nem Unmuthe glaubte, der Herzog habe ihm mit letuem Tadel alles Talent und jede Größe ab« wedjen wollen. Der Terrasse den Rücken kehrend,

wenden, um Trost zu suchen in der Stunde des Unglücks und die Freude mit ihm zu theilen in der Stunde des Glücks. Diese Vorbedingung wird aber der revokable Geistliche niemals zu erfüllen im Stande sein. Er mag noch so tüchtig sein und sich noch so eifrig bemühen, für die Gemeinde bleibt er doch der Vogel auf dem Dach, der viel­leicht schon morgen in die Ferne zieht, und darum kann ste sich nicht entschließen, ihre Sorgen und ihre Freuden mit ihm zu theilen. Es geht den Geistlichen so wie dem Beamten. Der Assessor, der einen Kreis verwaltet, wird — und wäre er der bestgeschulte Beamte — doch niemals den Ein­fluß gewinnen, den ein weniger tüchtiger Landrath ausübt. Es fehlen die sehr wichtigen, rein mensch­lichen Beziehungen, die sich erst bei einem lang­jährigen Miteinanderleben herausbildcn können.

Die Befürchtungen der Liberalen sind aber auch noch um eines zweiten Grundes willen unbegründet. Die katholischen Geistlichen sind nicht besonders organisirte Wesen, sie haben dieselben Wünsche, dieselben Bedürfnisse wie Andere und legen Werth darauf, eine gesicherte Zukunft zu haben. Ein Leben wie der Vogel auf dem Dach kann sie un­möglich auf die Dauer befriedigen, und die katho­lische Kirche würde daher sehr bald keine Geistlichen mehr finden, wenn fie nur abberufbare Anstellungen verleihen wollte."

Wenn auch die Art und Weise, wie die ,Nordd. Allg. Ztg.' den an und für sich von uns durchaus gebilligten Haupt- unn Grundsatz der ganzen Aus­führung beweist, nicht grade mit unserer Auffaffung der Sache übereinstimmt, so ist doch wieder mit Freuden zu constatiren, daß das offiziöse Blatt endlich den kulturkämpferischen Ton ganz verläßt und ruhig und vorurtheilsfrei die Verhältnisse darzustellen sucht.

* (Zur kirch enpolitischen Frage) schreibt das .Deutsche Adelsblatt': Der sicherste, wenn nicht der einzige Maßstab für die Christlichkeit des Staates ist seine Stellung zur christlichen Kirche, und es hat nicht viel zu bedeuten, vom „praktischen Christenthum" zu sprechen, so lange man sichnicht entschließen kann, eine prinzipiell unrichtige und

warf er sich träumend und grübelnd in das Gras und schaute mit wehmüthigen Gefühlen in die Wipfel der Bäume.

Aus einem Seitenwege kamen jetzt die beiden Leonoren welche, die Bildsäulen bekränzen woll­ten. „Da liegt Tasso," flüsterte Eleonore von Este, „leise, leise, daß er uns nicht merkt."

„Meine Freunds," entgegnete die Gräfin San­vitale, „wir sind im Begriffe, die Bildsäulen mit unseren Kränzen zu schmücken; wir folgen dabei dem allgemeinen Gebrauche, die Todten in dem kalten Marmor zu ehren. Wäre es nicht ver« dienstlicher, den Lebenden zu schmücken? Setzen wir unsere Kronen Taffo auf die Locken."

„Ein schöner Gedanke, meine Freundin, und Taffo hat es wohl verdient, doch soll er Deinen Kranz von Rosen oder meine Lorbeerkrone tragen?"

„Mir deucht, des Ruhmes hat er schon genug, doch fehlten ihm des Lebens Freuden."

„So mag er selbst entscheiden, doch weiß ich schon im Voraus, daß er Deine Rosen wählt."

Die beiden Frauen näherten sich dem Dichter, der sich bei ihrem Anblick erhob und verneigte.

„Tasso," sprach die Gräfin, taffen Sie sich für einen Augenblick die Täuschung gefallen, wir beide seien die Gönnerinnen der Poesie."

„Und gekommen," entgegnete Tasso, um dem Dichter zu bedeuten, daß er zu klein und unbe­deutend ist, um länger in ihrenZaubergärten zu weilen."

„Im Gegentheile," rief die Gräfin, um dem

als solche erkannte Stellung zur Kirche definitiv aufzugeben. Das Flickwerk und das stückweise Ab­schneiden ist hier eben so wenig am Platze wie auf anderen Gebieten. Hält man es für unstatt­haft, sich in die inneren Angelegenheiten der Kirche einzumischen, dann mache man auch Ernst mit dieser Erkenntnis;; will man die Verwaltung der Sakramente und das Mefselesen frei geben, dann thue man dies ohne Schrauben und Clauseln und beseitige die Strafbestimmungen, die, so viel wir wissen, nur noch im Cultusministerium und von einigen bedenklichen Professoren als gerechtfertigt angesehen werden. Man muß die Kirche nehmen wie sie ist, nicht wie man sich dieselbe wünscht, und man darf dabei niemals vergessen, daß selbige auch nur so wie sie ist einen Einfluß auf ihre Glieder zu üben vermag. Will man daher dem Culturkampfe ein Ende machen, fo kann man dabei nicht mit einer Jdealkirche, sondern nur mit den bestehenden Kirchen rechnen, und wenn die katholische Kirche den Evangelischen mit vielen ihrer Ansprüche nicht gefällt, so beruht dies auf Gegenseitigkeit und es kann unmöglich die Aufgabe und das Recht des Staates sein, diese kirchlichen und reli­giösen Streitfragen durch ein weltliches Gesetz ent­scheiden zu wollen.

Oesterreich - Ungarn.

* Prag, 20. Juni. (Die Verhaftung Kraszewski's) erfolgte nach einem Wiener Te­legramm der ,Narodni Listy' anläßlich der De­nunziation des Redakteurs des Wiener Wochen­blattes .Oesterreichifche Politik', Armin Adler. Das in den Händen Adler'S befindliche Schreiben Kraszewski's, welches angeblich kompromittirenden Inhalt hat, bot Adler den Wiener Polen, auch den polnischen Ministern an, welche es ablehnten. Er verlangte Geld oder eine Anstellung. Kraszewski wies den Erpresser ab und warnte die Wiener Polen vor demselben. Adler wandte sich sodann an den deutschen Botschafter Prinzen Reuß.

* Nyiregyhaza, 20. Juni. (Tisza-Esz- larer Prozeß.) Der Angeklagte Joseph Scharf, Vater des 14jährigen Belastungszeugen Moritz

Dichter den wohlverdienten Kranz um die Schläfe zu winden. Nur eines fragt sich, ob er mehr den Lorbeer oder die Rosen liebt."

„Fragt den Herzog, ob ich je des Lorbeers mich erfreuen darf. Mir deucht, er paßt nur für die Tobten, die nicht entpfinben, deren Herz erstarrt ist. Rasen passen Jedem, der nach Freude dürstet, am meisten dem, der sie vergebens sucht und stets den Wermuth findet, wenn er Rosen pflücken will."

Die Gräfin lächelte vergnügt und setzte ihm den Kranz auf die Locken. Prinzessin Eleonore fühlte sich unangenehm berührt, daß er die Rosen dem Lorbeer, die Gräfin der Prinzessin vorzog, aber nur einen Moment dauerte der Unmuth, dann lächelte ste wieder, hing dann ihren Lorbeerkranz über die MarmorschläfeVirgü's und sprach: „Taffo, es hängt nur von Ihnen ab, den Kranz zu neh­men, denn es wird eine Zeit kommen, wo man häufiger den Taffo nennt, als den Virgil."

Der Dichter schaute zu ihr hinüber, und sein Blick verklärte sich, als er an ihrem großen, see­lenvollen Auge hing. Es wurde ihm wieder ein­mal klar, daß von allen Wesen auf Erden keine« ihm so treu anhing, als Eleonore von Este.

„Prinzessin," sprach er, „wenn es jemals dahin kommen sollte, daß die Welt sich eines Mannes erinnert, der so wenig in sie paßt, so werde ich es Ihnen zu danken haben, Ihnen, die Sie meinem toll übersprudelnden Geiste so oft Zügel angelegt