M 138
Mittwoch, den 20. Juni
1883
Irilmig
Jfultarr
29
Torquato taff».
Ein Dichterleben.
!«■ Wilhelm 9tr*nbi*.
(Fortsetzung.)
VII.
Taffo's Epos war noch nicht zunr Drucke reif, aber es war doch zu seiner Zufriedenheit vollendet, und er wollte vor der Hand nichts mehr daran thun; deshalb kehrte er nach Ferrara zurück. Kaum hatte er sich wieder bei Hofe eingestellt, al» die junge und schöne Gräfin Leonora Sanvitale, Gemahlin des Grafen Scandiano, ebenfalls an demselben erschien.
Taffo, von deut ich schon einmal gesagt habe, daß sein Herz allzu empfänglich für weibliche Schönheit war, hatte sie kaum gesehen, als er für sie eine Verehrung an den Tag legte, welche sich mit seiner Liebe zu Eleonoren nicht in Einklang bringen ließ. ,
Die schöne Gräfin, welcher das Verhältniß des Dichters zu Eleonore natürlich unbekannt war, ließ sich die Huldigungen Tasio's gefallen, seine schwärmerischen Loblieder auf ihre Schönheit und Anmuthigkeit schmeichelten ihrer weiblichen Eitelkeit, und bald trachtete sie nur darnach, dem Dich- ter bei jeder füglichen Gelegenheit ihren mächtigen Schutz zu leihen.
Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten, denn die Stelle eines Historiographen (Geschichtsschreibers) wurde vakant. Die Gräsin war Tasio's
Deutsches Reich.
Fulda, 20. Juni.
* (Consequenzen des neuen Regulativs für den juristischenVorbereitungsdienst.) Wie die ,Schles. Volksztg.' mittheilt, hat der Präsident des Breslauer Oberlandesgerichtes zwei Rechtskandidaten nach bestandenem Referendariatsexamen die Aufnahme in den Justizdienst verweigert, weil dieselben nicht das gemäß dem neuesten Regulativ des Justizministers erforderliche standesgemäße Auskommen auf die Dauer von fünf Jahren nachzuweisen vermochten.
* Gotha, 19. Juni. (Zum Chef des Ministeriums des Innern) ist der Landrath Frhr. von Ketelhodt in Deutschkrone ernannt morden.
Oesterreich - Ungarn.
* Wien, 19. Juni. (Beendigung des Anfstandes.) Nach in Skntari angelangten Nachrichten boten die meistenStämineanführer Hafiz Pascha ihre Unterwerfung an und kann somit der Aufstand als beendet angesehen werden.
* Ryiregyhaza, 18. Juni. (Tisza-Es- lar-Affaire.) Am Dienstag nimmt hier die Schlußverhandlung inderTisza-Eslar-Affaire ihren Anfang. Die kleine ungarische Landstadt ist aus diesem Anlaß plötzlich der Sammelpunkt einer großen Anzahl otä Zcitungs - ge
worden. Bei der Herbeischaffung des vorhandenen Beweismaterials ist sehr gewisienhaft zu Wege gegangen worden, wie denn beispielsweise auch die Thür der Tisza-Eslaer Synagoge nach dem Gerichtsort gebracht worden ist, damit dort festgestellt werde, ob ein Wahrnehmen von an gewisien Punkten hinter der Thür stattsindenden Vorgängen durch das Schlüsselloch hindurch im Bereich der Möglichkeit liege.
* Ryiregyhaza, 19. Juni. (DieHaupt- verhandlung in dem Tisza-Eszlarer Prozeß) begann heute in Anwesenheit eines sehr zahlreichen Auditoriums. Der Präsident K o r n i ß eröffnete dieselbe mit einer Ansprache. Er sagte,
Dl« Hulda« Leitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mt. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserat«: Die »ierspaltige Zell« obersten Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.: bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
sei damit beendet. Ueber die besetzten Gebiete sei der Belagerungszustand verhängt.
* (Zur Tongkingfrage.) Die französische Regierung wird sich über die Art der Lösung der T o n g k i n g f r a g e bald entscheiden müffen. Der chinesische Gesandte Tseng ist am Montag nach Paris zurückgekehrt und hat seine Functionen wieder übernommen. In einer Unterredung mit dem Berichterstatter des' ,Rew Dork Herald' erzählt Tseng, daß die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und China schon seit mehr als einem Jahre gespannte seien, weil die französische Regierung alle Briefe, die Tseng wegen der Tongking- frage an sie richtete, unbeantwortet gelassen habe. Tseng setzte hinzu: „Der Bruch wird endgiltig werden, wenn die französische Regierung auch meine letzten Briefe ohne Antwort läßt." Heute wird nun aus Paris telegraphirt, in politischen Kreisen würden die Nachrichten von einem bevorstehenden Abbruch der Beziehungen zwischen Frankreich und China nicht für ernsthaft gehalten. Dann ivird aber Frankreich sein bisheriges Verhalten China gegenüber ändern, und vielleicht auch den Gesandten Tricon aus dem himmlischen Reiche abberufen müssen, da dieser, einer Privatdepesche aus Shan- gai zufolge, beauftragt sein soll, dem chinesischen Vicekönig Li-Hung-Tschang ein Ultimatum zu überreichen, welches Chinas Oberhoheit über Anam verwirft und mit der Aussicht auf Krieg eine sofortige L000MaH,^Lähren^nam^aK?'oM 9WW Kalender von 1883 bis.zu 150,000 Mann in sechs Armeecorps von je fünf Regimentern zählt; China aber hat fünf zu unmittelbaren Operationen nm organisirte Armem von 300,000 Mann, die im Kriege auf eine Million gebracht werden tonnen. Organisator der mobilen Arnieen nach europäischem Muster ist Li-Hu-Tschang, der zu diesem Zwecke mit unbeschränkten Volln,achten versehen ist. Und im Punkte des Geldmittel kann China es sicher mit Frankreich aushalten. Daher sollte Ferry den Urlaub Challemels benutzen, um die Tongkingftage wieder in's richtige Geleise zu bringen. Hat doch Frankreich außer in Madagaskar auch noch in Tu- lich hatten diese ebenfalls Abschrift gewährt und so war das Epos von/einem Verleger und Drucker veröffentlicht. .
Damals konnte man eine solche Spitzbüberei noch nicht verfolgen, sondern mußte sich's gefallen laffen, daß andere erndeteten, wo man gesät hatte. Taffo, der eine lange Reihe von Jahren an seinem Werke gearbeitet, hatte von dem Erscheinen desselben nicht allein Ruhm, sondern auch Gewinn erwartet, und der letztere war ihm sehr nothwendig, denn der Jude Levi, der ihm lange zu hohen Zinsen geliehen, war schon längst ungeduldig und drängte auf Zahlung.
Jetzt war nicht nur diese Einnahme-Quelle verstopft, sondern, was ihn fast noch mehr verdroß, das Epos war ihm auch lioch nicht fertig genug; es bedurfte noch der Feile.
Herzog AlfonS, dem er das Epos gewidmet hatte, nahm den innigsten Antheil an seinem Mißgeschick, aber er konnte nichts daran ändern. Eines Tages sagte er sogar zu ihm: „Mein lieber Taffo, zum Theil haben Sie sich diese Unannehmlichkeit selbst zuzuschreiben. Wie oft habe ich Sie treiben müffen, daß Sie sich nach langen Unterbrechungen wieder an die Arbeit begaben! Und — nehmen Sie die Freiheit der Rede nicht übel — in Ihrem Drange, alles gleich vollkommen zu haben, änderten Sie zu viel und zu häufig, und dadurch ging nicht allein viel Zeit, sondern auch Manches von der Frische und Ursprünglichkeit verloren." (F. f.)
es sei die Ausgabe der Verhandlung, klarzusteilen, ob ein Verbrechen begangen sei, ob die Angeklagten Verbrecher seien, oder ob das Ganze nichts Anderes als eine böswillige Insinuation sei, um den religiösen Frieden zu stören und aus Privatrache die Fehler einzelner Mitglieder einer Konfession die ganze Konfession entgelten zu laffen und die Gerichte irrezuführen. Nach der Rede des Präsidenten entwickelte Oberstaatsanwalt Seif- fert, von den Resultaten der gerichtlichen Untersuchung ausgehend, die Anklage. Dieselbe lautet gegen Salomon Schwarz, Abraham Buxbaum, Leopold Braun und Hermann Wollner auf vorsätzliche Ermordung der Esther Solymossy, gegen Joseph Scharf, Adolf Junger, Abraham Braun, Samuel Lustig und Lazarus Weisenstein auf Theilnahme am Morde und gegen Amsel Vogel, Jankel Smilovics, David Hersko, Martin Groß und Ignaz Klein auf Vorschublei stung durch Leichenschmuggel.
Der öffentliche Ankläger stellte den Sachverhalt entsprechend der Feststellung durch die Untersuchung dar und hob am Schluffe seiner Rede hervor, daß endlich der Tag gekommen sei zur Lösung dieser unseligen Angelegenheit. Er erklärte, er trete unbefangen und unvoreingenommen vor das Gericht. Er verlange mit Feuerbach wirkliche Wahrheit, welche von jedem Glauben, jeder Konfession unabhängig ist. Erste Zeugin war die Mutter der iSfttjer ÜUl9lUU]rv. yw» V“
Angeklagten. Dieselben leugneten fämmtlich. Dann folgte eine dreiviertelstündige Vernehmung des 14jährigen Moritz Scharf. Die Konfrontirung desselben mit den Angeklagten verursachte eine sehr erregte Scene.
Frankreich.
* Paris, 19. Juni. (Aus Madagaskar.) Admiral Piere meldet in einem Telegramm aus Tamatave, vom 13. Juni, er habe, nachdem seine Aufforderung zur Uebergabe zurückgewiesen worden sei, Tamatave, Mohambo und Tanorivo ohne Verluste besetzt. Seine Stellung fei eine feste, die Hovas seien geflohen. Die Hauptaktion
Fürsprecherin beim Herzoge, und dieser, der ohnehin große Stücke auf den Dichter hielt, gab ihm das Amt.
Das seltene Glück bei den Damen, die Gunst, die er beim Herzoge fand, machten Taffo keine Freunde; im Gegeniheile vermehrten sich noch seine Feinde und Neider, und diese dachten mit Ernst daran, ihn zu Falle zu bringen.
Eleonore, die er trotz seiner Betheuerungen und Schwüre vernachlässigte, und die wohl Ursache hatte, sich bitter über ihn zu beklagen, war die Einzige, welche ihn aufrichtig und innig liebte. Es that ihr im Herzen weh, daß er leichtsinnig von einer Blume zur andern flatterte , aber sie fand immer eine Entschuldigung für ihn. Dennoch verschwieg sie nicht, was sie von ihm dachte, und hörte nicht auf, ihm brieflich und mündlich gute Rathschläge zu geben und sagte ihm voraus, wohin es später führen würde, wenn er es nicht lerne, sich in höfische Sitte zu fügen."
Früher war er folgsam gewesen und hatte häupg ihren Rath befolgt, aber je mehr Gunst man ihm erwies, desto weniger that er, um dieselbe zu erhalten; ja, er wurde oft gegen Leute, die ihm gewiß nicht übel wollten, grob und brutal.
Eines Tages erhielt er die Nachricht, daß sein Epos bereits gedruckt werde. Er wußte nichts davon, hatte auch Niemanden Auftrag gegeben, ober er hatte mehrere Abschriften gefertigt unb dieselben seinen Freunden übersendet. Wahrjchein-