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Beiblatt zu Nr. 135 der,Fuldaer Zeitung?

Sonnabend, den 16. Juni 1883.

X Briefe aus der Hölle.

Von Hans Hahnenfeder.

Der 8i>, sonst und jetzt.

Gestern hatte ich einen sehr schweren Tag; ich kam mit des Teufels Großmutter in einen hefti­gen Wortwechsel, weil sie steif und fest behauptete, ein Teufel dürfe und könne kein Nationalitätsbe­wußtsein haben, die Pariser und Berliner, die Juden und die Christen fielen alle in einen Topf, wenn sie einmal in der Hölle seien. Nun bin ich von Geburt ein Deutscher, also von Natur ein Haarspalter und Widersprecher, und ich hatte wäh­rend meines Lebens allerdings stets das Fremde bevorzugt und von meinem Vaterlande nicht sehr hoch gedacht, aber aus dem Munde der Höllen­fürstin wollte ich den Vorwurf nicht entgegennehmen und wehrte mich, bis mir ihr Enkel ein glühendes Schloß an den Mund hing. Ich bin deßhalb noch heute sehr empfindsam gestimmt und ganz darnach aufgelegt, der Welt einmal eine wirkliche Wahr­heit zu sagen. Ich setze dabei allerdings voraus, daß man dem Teufel nicht glaubt und das Wesen nach wie vor, oder vielmehr noch ärger treibt. Ich will über die falschen Eide sprechen, weil sich bei uns die Zahl der einmarschirenden Meineidigen von Tag zu Tag vermehrt.

In früheren Jahrhunderten wurde der Eid unter Formen geschworen, welche selbst dem Hart­gebackenen Sünder eine Gänsehaut über den Rücken jagten. Bei wichtigen Gelegenheiten holte man den Sarg eines Heiligen aus der Dunkelheit seines Grabes hervor. Ein Geistlicher unterrichtete den Schwörenden über die ewigen und zeitlichen Strafen, welche den Meineidigen treffen. Erst, wenn er vollständig unterrichtet und sein Gewissen sich der Folgen seines Thuns bewußt war, durfte er den Schwur thun, indem er seine Rechte auf die Ge­beine des Heiligen legte und unter den heiligsten Betheuerungen den Eid leistete.

Je mehr die falsche Aufklärung wuchs, und je weniger man bei all seinem Thun von der festen Grundlage der Religion ausging, desto einfacher wurden die den Eid umgebenden Formen. Bald begnügte man sich mit dem aufgeschlagenen Evan- geliumbuche, auf welches der Schwörende die Hand legen mußte, und dem vor dem heiligen Buche stehenden Cruzifixe. Mit der wachsenden religions­losen Bildung fielen diese beiden Attribute fort; auch nur die Ansprache des Richters, welche in allge­meinen Ausdrücken die zeitlichen und ewigen Strafen erwähnte, blieb bestehen, und der Eidesleistende schwur: „So wahr mir Gott helfe und sein heili­ges Evangelium." Die Juden hielten noch lange Zeit den religiösen Charakter des Schwures bei; sie wurden von ihren Rabbinern unter rituellen Formen vereidigt und schwuren bei Adonai.

Den liberal sein wollenden Richtern, Advokaten und Abgeordneten war die Abschwächung noch nicht groß genug; sie wollten eine Eidesformel, welche auf jede Confession paßte, und es kamen in den verschiedenen Ländern abgeblaßte Formen zu Stande, die weder mit dem Himmel und der Hölle, noch mit der irdischen Gerechtigkeit viel zu thun hatten. Neuerdings will man auch dem Evangelium keine Berechtigung mehr einräumen und selbst das Wort „Gott" aus der Schwurformel entfernen; es soll genügen, daß Jeder bei seiner Ehre schwört.

Nun möchte ich, daß die Verfechter dieser libe­ralsten aller Formen einmal eine Spritztour nach der Hölle machten und sich das Gelichter ansähen, welches wegen Meineides hier unter unsere Finger gerathen; da sind Juden, Bauern, feine Herren, Rechtsgelehrte, Wucherer, Kaufleute, Spitzbuben und Mörder, die alle das Gegentheil von der Wahrheit geschworen. Mit Hülfe der schärfsten Lupe kann man kein Atom von Ehre an ihnen entdecken. Sie schwören also auf etwas, was sie gar nicht besitzen. Folgerichtig müßten sie also auf Erden straffrei sein; wir aber lasten uns keine blauen Dünste vormachen, sondern sperren sie in die Schwefelbäder, deren Anfangsgrade 120 sind und eine Steigerung bis zum Glühen ihrer Ge- wiflen erfahren. Es wäre interessant, Ihnen bio­graphische Mttheilungen über die einzelnen Mein­

eidigen zu machen, aber dann müßte Ihre Zeitung ein Riesenformat annehmen, und ich würde hier unten den Preis der Dinte und Sie da oben den des Papieres steigern. Es gibt hier Hunderte von Meineidigen, die für einen Schnaps einen falschen Eid geschworen haben; aber selbst Diejenigen, welche eine Million davontrugen, haben hierher keinen Nickel mitgebracht.

Wenn ich das Wohlergehen der Menschen im Auge hätte und für Wahrheit und Rechtschaffen­heit schwärmte, würde ich den Gesetzgebern an- rathen, die falschen Eide nicht mehr durch nichts­sagende Formen zu erleichtern, sondern zu den früheren zurückzukehren. Wer sich einmal einen Meineid auf das Gewissen geladen, der nimmt den zweiten und dritten noch viel leichter und komntt nach und nach zu einer Reihe von Ver­brechen, die er nicht begangen haben würde, wenn ihm der Eid heilig geblieben wäre.

Durch diese öffentliche Warnung glaube ich inich nun an des Teufels Großmutter hinreichend ge­rächt zu haben.

Zur Bauernfrage.

Von Pfarrer Grebe in Flieden.

lieber Versicherungen.

Zu den wohlthätigen Anstalten, deren sich die Bauernvereine angelegen sein lasten sollen im In­teresse der Landwirthschast, gehören auch die ge­meinsamen Versicherungen. Es gibt Lebens-, Vieh-, Hagel-, Feuerversicherungen. Sie sind alle von hohem Werthe, bringen vielfach großen Nutzen oder schützen vor großem Verlust. Deshalb ver­dienen sie seitens der Bauern alle Beachtung. Wenn nun auch die Lebensversicherung ohne Zweifel die beste Sparkasse ist, weil im Todesfälle das versicherte Kapital stets sofort voll zur Ver­fügung steht und für den Landwirth noch den bc- sondern Vortheil hat, bei Erbschaftsregulierung den Uebergang des Gutes an „einen Erben" zu er­möglichen, indem die übrigen Kinder mit Hilfe des Versicherungskapitals abgefunden werden — so finden sich unter den Bauern nur ganz wenige, die sich den Vortheil einer Lebensversicherung zuwenden wollen. Das Vieh und die Feldfrüchte und deren Verlust durch Unglücksfälle macht auf sie oft größern Eindruck als ein Todesfalls?) Deshalb sind die Bauern für Hagel- und Viehversicherungen zugänglicher als für eine Lebensversicherung. Hin­sichtlich der Hagelversicherung wird es sich sehr empfehlen, wenn der Vorstand des Bauernvereins für den Regierungsbezirk Cassel für sämmtliche Ortsvereine Verträge mit anerkannt guten und soliden Gesellschaften abschließt, etwa mit der „Nord­deutschen Hagelversicherungs-Gesellschaft zu Berlin", die sich eines guten Rufes erfreut. Es werden den einzelnen Vereinsmitgliedern die größtmöglichste Vorthelle und der Vereinskasie selbst ein Antheil vom Gewinn zugewendet. Bei derartigen Ver­sicherungen im größeren Maß stabe werden die­selben nicht bloß billiger für die einzelnen Mit­glieder und solider, sondern die Vereinskasse er­hält auch noch einen Antheil vom Reingewinn, der sonst in die Kaste der Versicherungsgesellschaft bleibt. Bei der Viehversicherung dagegen vermag ich die größern Anstalten nicht zu em­pfehlen, weil dieselben, wie die Erfahrung gelehrt hat, keinen langen Bestand haben; der Verwaltungs­apparat ist zu theuer und die Gefahr der Unter­schleife ist zu groß. Das alleinige Mittel, die Vieh­versicherung allgemein zu machen, wäre der „Ver­sicherungszwang". Allein auch dieser hat seine große Bedenken und Schmierigkeiten, die nicht weiter erörtert werden sollen. Daß bei Rinderpest, Rotz und Lungenseuche durch das Reichsseuchengesetz ein sol­cher Zwang besteht und auch am Platze ist, wird Allen bekannt sein. Die besten Viehversicherungen sind die Ortsviehkassen, sie sind besonders dem Kleinbauer zu empfehlen. Ausgenommen die Vieh­verluste durch Seuchen, gleichen sich schon in einem größeren Viehbestände die Verluste durch Krank- heits- und Unglücksfälle innerhalb eines gewissen Zeitraumes in der Regel aus. Für den großen Oekonomen, der genügendes Kapital besitzt und

auf die richtige Pflege seines Viehes Bedacht nimmt, liegt deßhalb ein Bedürfniß, seinen Vieh­stand zu versichern, nicht vor. Anders steht es aber mit dem Kleinbauer und Hüttner, der nur einzelne Viehstücke und kein baares Geld besitzt. Schon durch einen Sterbefall unter seinen Thieren kann derselbe in die Lage versetzt sein, sich dem Wucher der Viehhändler preisgeben zu müffen. Leider ist das, wie ich ich aus Erfahrung weiß, schon oft der Fall gewesen. Nothwendig ist es deshalb für die Erhaltung des Wohlstandes, daß dem Kleinbauer Gelegenheit geboten wird, sein Vieh zu versichem. Und da empfehlen sich nur die Ortsviehkasten, indem die Viehbesitzer einer Ge­meinde oder des Orts-Bauernvereins zusammen­treten und sich zur Aufgabe machen, die zufälligen Viehverluste gleichsam unter sich zu vertheilen. Bei solchen kleineren Viehversicherungen ist die Controle leicht und geschieht ohne Kosten. Jeder Viehbesitzer controlirt den andern; Jeder weiß wie der andere sein Vieh hält. Viehschinder und Leute, die ihr Vieh nicht gehörig verpflegen, werden ausgeschlossen. Bei Schadenfällen braucht es nicht theurer Sectionen und Taxationen. Gilt es, ein abgängiges Thier rechtzeitig zu verwerthen, so handelt der Vorstand selbst und sucht den höchst­möglichen Nutzen auch für den Verein zu erzielen. Dabei wird nicht erst durch lange Hin- und Her­schreiberei eine Zeit zugebracht, während welcher erst noch unnöthige Kosten dem Besitzer des er­krankten Thieres entstehen, oder welche lang genug ist, um dasselbe vollständig zu entwerthen. Wir haben bloß eine Versicherung des Rindviehs zum Zwecke, denn die meisten Bauern und Hüttner halten bloß Rindvieh bei uns. In Orten wo die Bauern mehr Pferde halten und eine Versiche­rung auch dieser Thiere zweckmäßig ist, lassen sich ja leicht die betreffenden Bestimmungen in die Statuten einfügen.

Eine Fahrt im Blitzzuge.

Sin Herr aus Hamburg, welcher die erste Reise des „Blitzzuges" von Paris nach dem Orient mitmachte, berich­tet dem ,B. Bors. Cour/ über jene Reise Folgendes: „Den Namen „Blitzzug" führte dieses neue internationale Verkehrsmittel bei der ersten Fahrt mit doppeltem Recht.

Der erste Zug war de facto ein „Blitzzug", nicht allein der Schnelligkeit seiner Fahrt wegen, sondern weil es um den Zug und neben ihm unaufhörlich blitzte. Durch alle Länder begleiteten uns Gewitter.

Was den Luxus dieses „Blitzzuges" anlangt, so ist hier das Höchste geleistet, was bisher bei Zügen, die für öffentliche Benutzung bestimmt sind, geboten worden ist. Ueberall liegen in den Waggons 2 Zoll dicke echte Smyrna- Teppiche; die Wände der Waggons sind halb mit japan­ischen Ledertapeten bedeckt, die mit Relief-Goldpreffung verziert sind; halb mit wunderschönen Gobelins.

In dem Restaurationswagen findet man große Speise­zimmer-Stühle, ebenfalls mit Leder bedeckt, und be­queme Tische. Die Fenster bestehen aus dicken Spiegel­scheiben, und die Gaseinrichtung ist aus prächtigem cuivre poli hergestellt.

Die Beleuchtung wird aus dem eigenen Gasreservoir des Zuges gespeist. Eine schöne Renaiffance-Uhr schmückt den Speisesaal, dem prachtvolle himmelblaue Vorhänge aus Damast ein besonderes behagliches Aussehen verleihen. Elektrische Klingeln gehen durch den ganzen Zug und an vielen Stellen sind Vorrichtungen für laufendes Wasser an­gebracht. Die Betten sind breit und lang und mit ausge­zeichneter Polsterung versehen.

In dem Speisesaal wird die vortrefflichste französische Küche servirt; ein Küchenchef und ein Unterchef bereiten die Mahlzeiten. Auf dem Tische prangt krystallklares Eis; man erhält Eiswasser servirt, vortreffliche Weine und Biere, Pale Ale, jedwede Art von kohlensaurem Wasser, trefflichen Kaffee, gutes Obst — kurz Alles, was ein ver­wöhnter Gaumen wünschen kann und Alles, was den in in dieser Jahreszeit nicht eben geringen Durst der Reisen­den zu stillen geeignet ist.

Das Effen wird reichlich servirt, so daß man verpflegt ist, wie in einem der ersten Hotels. Das Dejeuner besteht aus 5 Gängen, das Diner aus 8 Platten. Der Cham­pagner kostet nicht mehr wie in einem ersten Berliner oder Hamburger Restaurant, und man trinkt treffliche franzö­sische Landweine für 1 Mk. 50 Pfg. die Flasche.

Man hat in dem Zug ein sehr weiches, gleichmäßiges Fahren, trotz der Schnelligkeit von 70 Kilometern in der Stunde. Zwischen Paris und Bukarest hatten wir im Ganzen — sechs Minuten Verspätung! In Avricourt, der französisch-reichsländischen Zollstation, zeigte sich die Behörde nicht eben sehr entgegenkommend (bereits früher mit- getheilt d. R.) Der Zug wurde etwa fünfundvierzig Minuten aufgegehalten, weil — vie Vorräthe des Speisewaggons verzollt werden mußten..... Die Verspätung mußte bis

München eingeholt werden, und auf so schnelle Fahrt ist der Zug eingerichtet, daß ihm dies thatsächlich gelang.