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Montag, ben 11. Juni
1883.
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Deutsches Reich.
Fulda, 11. Juni.
* (Offiziöse Stimme.) In ihrer gestrigen Sonntagsnummer leitet die ,Nordd. Allg.-Ztg.' eine Anpreisung der neuesten Schrift von Dr. L. v. Bar „Staat und katholische Kirche in Preußen" mit folgenden Bemerkungen ein:
„Man sagt: „Der Name thut nichts zur Sache" — aber das Sprüchwort trifft nicht allemal zu. Eine falsche Bezeichnung der Sache führt zu Mißverständnissen, die mit der Verrückung des Gesichtspunkts auch die Beurtheilung alteriren.
„So ist es mit der Bezeichnung „Kulturkampf" gegangen, welche man der Auseinandersetzung zwischen dem Staat und der katholischen Kirche gegeben hat, und die gegenwärtige kirchenpolitische Vorlage würde mit gleicher Genug- thuung auf allen Seiten begrüßt worden sein, wenn nicht noch der Name „Kulturkainpf" in manchen Köpfen spukte. Ein Kampf, so meinen sie, müsse zu einem Siege auf der einen und zu einer Niederlage auf der andern Seite führen, und da die preußische Note vom 5. Mai nicht zum Ziele geführt habe, könne auch der Staat von der Erleichterung der katholischen Seelsorge absehen, selbst wenn er mit dem gesetzgeberischen Vorgehen nur einen aus den eigenen Staatsaufgaben abgeleiteten Impulse zu entsprechen hätte.
„Glücklicherweise hat sich die Kampfeslust mehr und mehr gelegt, nicht blos in Folge der einer jeden Anstrengung naturgemäß folgenden Abspannung, sondern weil die Beurtheilung unserer kirchenpolitischen Gesetzgebung an den Erfahrungen sich so weit abgekühlt hat, daß auch die besonnene Würdigung der realen Verhältniffe, das Produkt geschichtlicher Entwickelung, sich Gehör verschaffen kann."
* (ZurGeschichte der kirchenpolitischen Vorlage.) Die .Köln. Volksztg.' theilt Folgendes mit: „Bezüglich der Entstehung der kirchenpolitischen Novelle verlautete heute in Abgeordnetenkreisen, daß Fürst Bismarck eigenhändig einen besonders bedenklichen Artikel der im CÜltusministerium ausgearbeiteten Vorlage gestrichen habe". Diese Nachricht stimmt zu der uns von bestunterrichteter Seite zugegangenen ersten telegraphischen Nachricht, daß der Gesetzentwurf siebenParagraphen enthalten werde.
* (Die nationalliberale Fraktion) hat am Freitag Abend über die kirchenpolitische Vorlage berathen und zwar hat sich, wie die ,Nat.-Ztg.' meldet, der Vorlage gegenüber eine entschieden oppositionelle Stimmung der weit überwiegenden Mehrheit der Fraction herausgestellt.
Die ,Köln. Ztg/ schreibt darüber in ihrem Sonntagsblatt: „Die Verhandlungen der Fraktionen über die kirchenpolitische Vorlage haben zu der Ueberzeugung geführt, daß eine Commissions- berathung derselben nicht zu umgehen sei. In der national-liberalen Fraktion ist die Verstimmung über die Vorlage noch fast allgemein: allein wenn auch die ganze Fraktionsich wider die Vorlage erklärt, so kann das Ergebniß der Abstimmung dennoch nicht mehr zweifelhaft sein; wenn die Regierung selbst den Culturkampf aufgibt, so können die liberalen Fraktionen ihn nicht auf eigne Hand mit Erfolg fortsetzen".
lieber die Stellung der anderen Fraktionen verlautet noch nichts Bestimmtes, als bloß die allseitige Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer Commissionsberathung.
* (Herr v. Schlözer) tritt nach dem 15. Juli aus klimatischen Rücksichten den bei dem dip
lomatischen Corps der ewigen Stadt^üblichen dreimonatlichen Urlaub an, um mit Eintritt der kühleren Jahreszeit wieder dorthin zurückzukehren. Die Abberufungsgerüchte gewifler liberaler Blätter sind schon längst verstummt.
Berlin, 10. Juni.
• (Zuständigkeitsgesetz.) Von einflußreichen Mitgliedern des Herrenhauses wird versichert, daß sich in demselben jetzt ohne Schwierigkeit eine Majorität für den streitigen § 13 des Zuständigkeitsgesetzes finden werde.
* (Kaiserzusammenkunft.) Eine Zusammenkunft zwischen unserem Kaiser und dem Kaiser Franz Joseph wird nach der ,Nat.-Ztg.' auch in diesem Jahre während des Kuraufenthaltes des Kaisers in Gastein erfolgen. Dieselbe dürfte voraussichtlich in den ersten^Tagen des August stattfinden.
* (Die Reise des Königs Alphons von Spanien nach Deutschland) behufs jTheil- nahme an den preußischen Herbstmanövern im Pnncip soll beschloffene Sache sein.
* Münster, 9.Juni. (Die heutige Generalversammlung des westfälischen Bauernvereins) unter dem Vorsitze von Schor- lemers beschloß, eine Kommission von vier Mitgliedern einzusetzen, welche die Jntereffen, der an dem Kanal von Dortmund nach Emshäfen ansässigen Grundbesitzer vertreten soll.
Königreich der Niederlande.
* Haag,8. Juni. (Fischerei inderNord- see.) Die internationale Convention, betreffend die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee, ist heute auch von der ersten Kammer genehmigt worden.
Frankreich.
* Paris, 9. Juni. (Aus Tongking.) Im Ministerrathe, der heute Vormittag abgehalten wurde, theilte der Marineminister ein Telegramm aus Saigun vom 8. Juni mit Nachrichten aus Tongking vom 1. Juni mit, wornach die Verstärkungen sowie eine Batterie in Hanoi eingetroffen sind, deffen Garnison gegenwärtig aus 1500 Mann besteht ungerechnet die Landungscompagnie. Der Commandant von Hanoi meldet, Prinz Swang, Schwager Tuduc's commandire die anamitischen Truppen, und es seien keinerlei regulären chinesischen Truppen im Delta des Rothen Fluffes. Ein Telegramm des Consuls in Canton constatirt, daß keinerlei kriegerischen Vorbereitungen in der Provinz Canton getroffen werden.
* (Die Tongking-Expedition.) Die Kammern haben zwar leichten Herzens einstimmig die Tongking-Kredite bewilligt, aber nachträglich machen sich doch gewisse Beklemmungen bemerkbar, allerdings nicht in der .Republique Fran-aise', die heute wieder einen begeisterten Artikel für Ausdehnung der Kolonialmacht Frankreichs bringt! Es gibt hier viele Politiker, die als vornehmstes Ziel Frankreichs die Sammlung seiner Kräfte für den bekannten „großen Tag" betrachten und jedes Abweichen von diesem Wege aufs Tiefste bedauern. Hinzu kommt, daß das Volk ober die große Menge für Kolonial-Erwerb ganz gleichgültig ist, da sie, welche prächtigen Landstriche Frankreich auch erobern möge, doch nicht dahin auswandern wird. Der Franzose ist im Gegensatz zum Deutschen ein seßhaftes Wesen, und ebensowenig wie man den Strom der Auswanderung in Deutschland zurückstauen kann, ebensowenig wird man in Frankreich eine einigermaßen nennenswerthe Auswanderung erzeugen. Für diese große Menge hat also die Kolo- nial-Politik keine direkte praktische Bedeutung, und deshalb vermag der „Wähler" nicht recht einzu
sehen, weshalb er seine Millionen und seine Söhnr in dem fernen Tongking opfern soll. In der ersten Aufwallung war freilich alle Welt damit einverstanden, daß man „ben Tob bes Kapitäns Riviöre rächen müffe", aber man sieht nicht ein, baß man zu diesem Behufe gerade eine Landerwerbung machen müffe. Von praktischer Bedeutung werden diese nachträglichen und halbschüchternen Proteste allerdings nicht sein, denn die Regierung wird thun. was sie will, aber sie sind doch nicht uninteressant, als Zeichen der Rückkehr zu einer kühleren Beurtheilung. Wenn übrigens CH all em el mit solchem Nachdruck betont, daß überall, wo französisches Blut vergossen wurde, das auch gerächt werden müffe und daß eine Regierung durch Außer- achtlaffung dieser Regel sich an ben heiligsten Pflichten versündigen würde, so möchte ich sie doch fragen, warum man z. B. die Tuaregs, die den Obersten Flatters nebst seinen Begleitern ermordeten, denn so ganz in Ruhe läßt? Blut, sollte man meinen, bleibt immer Blut, und es sollte keinen Unterschied machen, ob es auf einem Boden mit oder ohne Bergwerk vergaffen wurde. Flatt er s und seine Begleiter sind aber heute ebenso ungerächt — wie vergeffen.
* (Zur Madagaskarfrage.) Wenn man die französischen Blätter lieft, sollte man glauben, daß die Franzosen in Madagaskar schon mitten in der Wolle säßen. Nach den englischen Blättern dagegen, welche nach der entgegengesetzten Seite übertreiben, scheint die Sage nicht so rosig zu fein. Nach ben Angaben ber gegenwärtig in London weilenben mabagasischen Gesaubtev ist Mabschonga, welches unlängst von den Franzosen beschossen wurde, die drittgrößte Stadt von Madagaskar und betreibt einen großen Ausfuhr- und Einfuhrhandel mit Großbritannien, Amerika und Indien. Der Grund, warum der französische Commandant es für den Beginn der Feindseligkeiten auserkor, ist, wie die Gesandtschaft meint, der, daß es tatsächlich die Hauptstadt jenes Landstriches ist, über welchen die Franzosen eine Schutzhoheit beanspruchen; indessen seien die Eingeborenen alle der Königin der Hovas treu geblieben; Anoroatsanga und Ambadimatia, welche ebenfalls beschaffen worden, sind zwei Handelsstädte, von denen öftere in lebhaftem Handelsverkehr mit ben benachbarten Stämmen steht. _ Die mabagassischen Abgesanbten glauben, ber französische Abmiral werbe Tamatave nicht eher beschießen, bis etwaige Friebensunterhanblungen mit ber Königin sich als erfolglos erwiesen haben. Die Königin werbe ihre Souveränetätsrechte über bie ganze Insel vertheibigen. Die Hova-Truppen sind mit Suider- und Remingtongewehren bewaffnet. Da allem Anschein nach keine Macht den Berus in sich fühlt, für die Madagassen ins Feuer zu gehen, so kann freilich das Endergebniß in dem Waffengange zwischen Madagaskar und Frankreichs Weltmacht nicht zweifelhaft sein.
* Paris, 10. Juni. (Dynamitexplo- sion.) In der letzten Nacht hat bei einem Bergwerksingenieur in Monceau-les-Mines eine Dynamit-Explosion ftattgefunben. Es ist Niemand verletzt, das Haus ist stark beschädigt.
England.
* London, 9. Juni. (Heber die Hinrichtung Suleiman Samis) wird aus Alexandria Folgendes berichtet: Das Schaffst war auf der Stelle des öffentlichen Platzes errichtet worden, von welcher Suleiman rauchend die Metzeleien geleitet hatte. Die Gendarmerie unter Führu- g eines englischen Offiziers besetzte den Platz. Suleiman war saft bewußtlos und fiel in Ohnmacht. Mehrere Zuschauer behaupten, er habe einige Worte geäußert, welche besagten, daß er ein Opfer Arabi's sei,