M 12S. Sonnabend, den 9. Juni 1883.
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O Officiöse Stimmen über die kirchenpolitische Vorlage.
In dem gestrigen Morgenblatt der ,Nordd. Allgemeinen Zeitung' prangt an hervorragender Stelle nachstehender Artikel, den wir seiner Eigenthüm- lichkeit wegen wörtlich wiedergeben:
„Dem Ideal der Sezesstonisten und aller Oppositionsparteien um jeden Preis entspricht natürlich ein möglichst lebhafter Kulturkampf. Eine Vermehrung und verstärkte Erregung der Gegner der Regierung wird von jedem Einzelnen derselben für nützlich gehalten. Ob mit Recht, beweist oft erst der Erfolg.
„Die .National-Zeitung' würde wünschen, daß die Regierung fortwährend im heftigsten Kampfe mit der Ceutrumspartei stände und diesen so führte, daß sie gezwungen wäre, den Sezessionisten und Fortschrittlern Gegenkonzessionen zu machen. Die Fraktionspolitik gebietet ihr also, jede Annäherung an den kirchlichen Frieden nach Kräften zu bekämpfen und zu verurtheilen. Gesetzt aber auch, die Fortführung des Kulturkampfes in der Stärke, wie er zur Zeit des Ministeriums Falk bestand, wäre ein zweifelloses Bedürfniß des Staates, so wäre sie doch immer nur möglich, wenn die kämpfende Regierung dabei der vollen und patriotischen Unterstützung der liberalen Fraktionen gewiß wäre, und wenn diese Bundesgenossen in dem Kampfe irgend einer einheitlichen Führung und Disziplin, namentlich der der Regierung, wenigstens so weit folgten, als taktische Rücksichten es mit sich bringen. Die Regierung würde also nicht im Stande sein, jenem Bedürfniß, wenn es wirklich vorhanden wäre, zu genügen, nachdem die Fraktionen, mit welchen und an deren Spitze allein ein solcher Kampf geführt werden könnte, ihre dadurch bedingte Unentbehrlichkeit zu benutzen anfingen, um die Regierung nicht zu unterstützen, sondern zu beherrschen und den konfessionellen Kampf als zweckmäßige Gelegenheit zur Erweiterung ihrer Parteiherrschaft im Sinne der bekannten constitutionellen Garantien auszubeuten. Als die liberalen Parteien vor 5 bis 6 Jahren begannen, ungeduldig zu werden
21 Torquato Tas so.
Ein Dichterleben.
Wilhelm Deichend»-.
(Fortsetzung.)
Eleonore war klüger als er und schaute mit schärfern Augen in die Zukunft, darum fügte sie sich leichter in das Unvermeidliche. In der stets gewitterschwülen Hofluft hatte sie es gelernt, sich vor dem Ausbruche des Sturmes zeitig unter Dach und Fach zu bringen und äußerlich eine Ruhe zur Schau zu tragen, die sie innerlich nicht empfand. Sie litt eigentlich unendlich mehr, als er, weil sie niemals ihren Empfindungen Luft machte. Als Taffo sich entfernt hatte, begann schon ihre Furcht, et möge sich mit dem Kardinal Überwerfen und dadurch den Grund zu einer ewigen Trennung legen. Darum verfolgte sie mit einer Aufmerksamkeit ohne Gleichen seine Reise und durchlas jeden Brief des Kardinals bis zum letzten Buchstaben mit gespannter Aufmerksamkeit, immer fürchtend, auf eine Stelle zu stoßen, welche eine unangenehme Nachricht von Taffo brächte. Unaussprechlich glücklich fühlte sie sich, wen» der Kardinal in dieser Beziehung nichts meldete. Die Abwesenheit, weit entfernt, ihre Liebe zu dämpfen, fachte sie nur immer mehr an und sie stand tausendmal auf dem Punkte, Stand und Würden von sich zu werfen und dem Geliebten zu folgen, aber die Rücksicht auf ihren Bruder hielt sie von diesem
und die von ihnen bis dahin unterstützte Regierung erst kühl, dann feindlich zu behandeln, als sie unter die Herrschaft des Gedankens der großen liberalen Partei, also der fortschrittlichen Führung, gerieten, — da war eine Situation gegeben, in der die Fortsetzung des Kirchenstreites in der Gestalt der Falk'scheu Periode unmöglich wurde, und die Regierung hatte nur die Wahl, entweder den Frieden annähernd vorzubereiten, oder sich in das Schlepptau einer liberalen Opposition nehmen zu taffen, in welcher die Leitung dem energischeren und leidenschaftlicheren Theil der Fortschrittspartei nothwendig anheimfiel, — derselben Fortschrittspartei, welche nicht nur, gleich den übrigen Liberalen, die Regierung niemals würde stützen können, sondern auch durch das Band des gemeinsamen Hasses gegen die Regierung mit den fanatischen Elementen der Centrumspartei dauernd ober vorübergehend verbunden bleiben wird.
„Bei Gelegenheit der Verhandlungen über das Sozialistengesetz im Jahre 1878 kennzeichnete der Herr Reichskanzler die Situation der Regierung dahin: „Wir haben von der Fortschrittspartei, vom Centrum, wir haben von den circa 150 Abgeordneten, die sich mit diesen beiden halten, unter keinen Umständen und für keine Vorlage, die wir zu machen im Stande sind, eine Unterstützung zu erwarten, auch für die gegenwärtige nicht, darüber sind wir vollständig klar. Unsere Operationsbasis beschränkt sich auf die vier Siebentel des Reichstages, welche durch die drei Fraktionen der Nationalliberalen und der beiden Konservativen gebildet werden." Daß die Secessionisten und andere freihändlerische oder herrschsüchtige Parteien und Parteiführer diesen Zustand, in welchem die Regierung mit drei Siebentel des Reichstages im geborenen Kampf liegt, permanent zu machen wünschen, ist uns ganz erklärlich. Allein außerhalb dieser Parteien wird der Wunsch nicht getheilt. Was der Reichskanzler von politischen Konflikten gesagt hat, daß sie nämlich zwar unter Umständen durch- gesochten, aber nicht zu dauernden Institutionen werden müßten, hält er auch auf kirchlichem Gebiete für giltig. Wir erinnern an feine Neuster-
Schritt zurück, und so lebte sie denn ein Leben beständiger Trauer und ewigen Kampfes.
Ebenso war es mit Taffo. Ihm, dem Dichter, der sich leicht über Vorurtheile und Hindernisse hinwegsetzte, war es unbegreiflich, daß sie nicht alle Bande zerriß und ihrem Herzen folgte. Es kamen Augenblicke, wo er an ihrer Liebe zweifelte, wo er sie für kalt und herzlos und sich selbst nur für ein Spielzeug in ihren Händen hielt.
Dann brauste er zornig auf, vergaß alle Rücksichten und schrieb ihr schroffe Briefe, unter denen sie unsäglich litt, aber ihr edles Herz verzieh ihm und ihre Liebe wurde nicht geschwächt. Dennoch kamen zuweilen Stunden, wo sie sich fragte, ob ein Mann, der feine Leidenschaften so wenig zu zähmen verstand, wirklich im Stande fei, eine Frau glücklich zu machen. Die Antwort fiel, trotz aller Bedenken stets zu feinen Gunsten aus.
Das Gefürchtete sollte dennoch eintreffen. In feinem Mißmuthe nahm Taffo auf Niemanden Rücksicht, sondern ließ Jeden, der in feine Nähe kam, feine Saune empfinden. Selbst der Kardinal, der ihm von jeher ein liebevoller Schirmer gewesen war, mußte die Entdeckung machen, daß es ihm an Dankbarkeit und Zuneigung fehlte.
Seine Reizbarkeit steigerte sich mit jedem Tage, und wo er eine Gelegenheit fand, feinem Unmuthe Luft zu machen, unterließ er es nicht. Die Hugo- nottischen Angelegenheiten in Paris rührten ihn wenig, aber da sie eine Opposition gegen das Be-
ungHdaß es kämpfende und friedliebende Geistliche gebe, und daß man mit den kampflustigen kämpfen muffe, bis die Möglichkeit eines Friedens mit den friedliebenden eintrete, daß also auch auf kirchlichem Gebiet der Kampf an sich nicht das Dauernde und der Zweck sein könne, sondern nur geführt werde, um zu einem Frieden refp. zu einem friedlichen modus vivendi zu gelangen. Wenn die liberalen Parteien die Fortdauer des Kampfes in ihrem Interesse nützlich fanden, so hätten sie eben auch ihrerseits fortfahren müffen, zu fechten und nicht den tertius gaudens in dem Streit zwischen Staat und Kirche spielen sollen."
Krasser und deutlicher hätte das offiziöse Blatt den in gewissen Kreisen maßgebenden rein materiellen, wir möchten fast sagen „handelspolitischen" Standpunkt nicht charakterisiren können. Von der Nothlage der Katholiken und dem Bedürfniß einer einigermaßen geordneten Seelsorge, wovon sonst so viel die Rede ist, verlautet in dem Artikel der,Nordd. Allgem. Ztg.' nichts. Im Gegentheil sollte man fast annehmen, derselbe fordere die Kulturkämpfer auf, der Regierung wieder Heerfolge zu leisten, um sie in den Stand zu setzen, auch dem Kulturkampfs-Bedürfniß wieder einigermaßen zu entsprechen. Wie gewöhnlich, so darf man aber auch diesmal die Herzens-Ergüsse der .Norddeutschen' nicht zu ernst nehmen. Man muß zwischen den Zeilen zu lesen suchen, und da scheint es uns denn, daß trotz der besonderen Hervorhebung der Secessionisten und aller Oppositions-Parteien, worunter natürlich in erster Linie auch hie Fortschrittspartei einbegriffen wäre, dennoch eigentlich die nichtbenannten Nationalliberalen die Adresse sind, an welche der Schreiber ober geistige Urheber dieses Artikels sich wendet. Denn daß die Fortschrittspartei, welche doch heute der Inbegriff der Opposition ist, nicht „einen möglichst lebhaften Kulturkampf" wünscht, ist zu bekannt, als daß es der ,Nordd.' und ihren Inspiratoren sollte verborgen geblieben sein. Wenn man den Artikel in gutes kräftiges Deutsch übersetzt, so läßt er sich in die an die „gemäßigten Li.
stehende waren, so nahm er Partei für sie und ließ hin und wieder Aeußerungen fallen, die seinen tiefen Groll bekundeten. Geschäftige Zungen, welche dem Dichter nicht wohl wollten, überbrachten feine Worte dem Kardinal. Dieser legte kein Gewicht darauf, denn er glaubte, den frommen Sinn feines Schützlings besser zu kennen. Als sich aber die Anklagen häuften, nahm er Veranlassung, mit Taffo zu sprechen.
Ein sanftes Wort hätte genügt, die Stirne des Kardinals wieder zu glätten, aber Taffo wollte dieses Wort nicht aussprechen. Er gab kecke Antworten, klagte über Mangel an Schutz und bezeigte sich überhaupt unzufrieden.
Da ließ der Kirchenfürst die Bemerkung fallen, daß von beiden Seiten guter Wille vorhanden sein müsse, wenn man gut mit einander auskommen wolle. Taffo aber fei in einem ungewöhnlichen Grade reizbar und fasse die wohlwollendsten Absichten als Feindseligkeiten auf.
Der Dichter flammte auf und nahm in der Hitze seine Entlassung. Sofort setzte er sich hin, und schrieb an Eleonore, daß ihm eine ungerechte Behandlung zu Theil geworden fei, und daß er in der Unabhängigkeit lieber trockenes Brod essen, als unter solcher Botmäßigkeit stehen wolle.
Die Prinzessin las den Brief mit Thränen, aber auch jetzt zürnte sie nicht, sondern hatte nur den einzigen Wunsch, daß es ihm wohl ergehen möge.
(Fortsetzung folgt.)